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#1

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 19.09.2006 14:26
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Seelenwanderung


In meinem Lebensraum am Arsch der Welt
lauf ich zu vollen Touren auf,
wenn meinem Freiheitskampf die Art missfällt,
wie er verortet und verkauft.

Drum pflegt das Erbe, haltet Spur,
zieht die Aktionen ganz groß auf,
sonst seid ihr eingenordet, nur
wer euch verortet, hält euch auf.

Totaler kann Belastung gar nicht sein,
denn diese Seele nimmt in Kauf,
dass sie im Volke lebt und kocht, allein,
sie ist verortet - und verschnauft.

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#2

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 20.09.2006 13:36
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Hallo Mattes,

ich muss zugeben, ich habe etwas länger gebraucht, um mich in deinem Seelenraum zurecht zu finden. Ein Arsch, der verortet und verkauft? Was für eine Landschaft beschreibst du da? Die Gesäßgeographie kennt im Grunde ja nur zwei Seiten und eine Mitte, auch Loch genamnt. Wer in dieser Landschaft ver-ortet wird, ist wirklich verraten und verkauft.

Daher der Appell zu voll-tourigem und groß-spurigem Handeln. Ist letzeres ein Hinweis auf die braunen Spuren am Weltarsch? Aber warum gilt es diese Spur zu halten? Ist Spur halten nicht selbst eine Form der Einnordung? Oder soll die Seele durch konsequente Übertreibung sich vor dem drohenden Stillstand retten?

So ganz blicke ich nicht durch. Das könnte aber Methode haben. In diesem strophisch verdichteten Nazi-Vokabular (Lebensraum, Pflege, Einnordung, Volksseele, total etc,)ist alles irgendwie verortet. Man muss schon durch diese Sprache konsequent hindurchwandern, ohne sich niederzulassen, ohne zu verschnaufen, damit man nicht am Ende selbst in ihr verortet wird - mit anderen Worten: das Arschloch ist.

Trotzdem habe ich das Gefühl, mich in deinem Gedicht etwas verrannt zu haben. Es könnte logischer sein als mir scheint. Ich bitte um Verortung.

Gruß, Ulli

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#3

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 20.09.2006 23:08
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Mattes,

beim ersten Lesen dachte ich ja, das gehört in den Circus. Aber gut, mal sehen.

Zitat:

In meinem Lebensraum am Arsch der Welt
lauf ich zu vollen Touren auf,


So weit, so umgangssprachlich, so klar.

Zitat:

wenn meinem Freiheitskampf die Art missfällt,
wie er verortet und verkauft.


Dem Freiheitskampf missfällt die Art, wie er verortet und verkauft. Da kriege ich gerade einen kleinen Knoten ins Hirn. Freiheitskampf entspringt schon dem Wunsch nach Änderung. Wenn mir die Änderung nicht gefällt, ändere ich die Änderung. Nein, ich verstärke die Änderung (von wegen zu vollen Touren auflaufen), dann ist es vielleicht so scheiße, dass es schon wieder gut ist??
Steig ich nicht ganz durch.

Zitat:

Drum pflegt das Erbe, haltet Spur,
zieht die Aktionen ganz groß auf,
sonst seid ihr eingenordet, nur
wer euch verortet, hält euch auf.


Das hier gibt einen Hinweis, dass ich mit meiner etwas flapsigen Interpretation doch in die richtige Richtung ging. Freiheit vor Verortung durch Übertreibung oder zumindest "auf vollen Touren laufen".

Zitat:

Totaler kann Belastung gar nicht sein,
denn diese Seele nimmt in Kauf,
dass sie im Volke lebt und kocht, allein,
sie ist verortet - und verschnauft.


Das ich betrachtet es offenbar als Belastung, mit den Fischen zu schwimmen und den Freiheitskampf gegen die Verortung (Ach Gott, das ist aber wirklich ein Scheißwort. Jetzt hab ich's auch kapiert.) aufzugeben oder gar zu unterbrechen.

Soweit so flachbrüstig meine Interpretation, denn Deinen Titel kriege ich da beim besten Willen nicht unter. Jetzt könnte ich natürlich sagen, der sei falsch und es müßte eher "Seelenfrieden" oder "Seelengewaltmarsch" heißen. Aber ich bin sicher, Du hast Dir etwas dabei gedacht, was ich nicht so ganz verstehe.

Frage: Ist "Einnorden" eine Wortschöpfung aus der Nazizeit? Ich bin bei sowas ja etwas unbedarft, wie Don bestätigen kann.

Nun kann ich noch sagen, dass mir der Text von seiner Ästhetik und seinem provokanten Unterton nicht besonders gefällt. Hat einen gewissen schroffen Charme, aber da lese ich andere Texte von Dir lieber.

Viele Grüße,
GW

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#4

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 21.09.2006 00:16
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Ich danke euch für die Rückmeldung, aber ich werde zu dem Gedicht nichts mehr sagen, außer dass es in den CL ganz sicher nicht gehört und dass die beste Erkenntnis von GW stammt ("So weit, so umgangssprachlich, so klar"), so unklar ihm auch sein dürfte, wie ich das jetzt meine.

Der Titel ist übrigens ganz großes Kino und ich bin besonders zufrieden mit ihm. Erst sollte das Gedicht Meier heißen, aber zuviel Alarm wollte ich hier nun auch nicht machen.

DG
Mattes

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#5

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 21.09.2006 00:19
von Haselnuss (gelöscht)
avatar
Hallo Mattes!

Mit deinen Versen hast du dich selbst übertroffen. Zweite Strophe - grandios - Jupp!!! Dritte Strophe, letzte Zeile, schraubt sich mir ein großes Fragezeichen auf die Stirn, darunter ein etwas fieses Lächeln. (Oder soll ich sagen, ausdauernden, spröden Charme?)

Mein Gedankensprung ist jetzt vielleicht etwas zu abrupt für dich; aber ich werde einen alten Gassenhauer in meinem Gehirn nicht los, dessen Text so beginnt:
Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.
Jawohl, mein Schatz, ich bin so frei.
Doch du sollst nicht traurig sein......

Darüber könnte man Abhandlungen schreiben - noch und nöcher...

Lieben Nachtgruß!
Hahaselnuss

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#6

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2006 07:20
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Seltsam, ich dachte bei dem Gedicht eher an einen anderen Klassiker: Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse...
Es bleibt rätselhaft.

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#7

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2006 08:44
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Was geschieht hier in diesem Meisterwerk Mattescher Brachiallyrik? Wem missfällt die Art und Weise wie sein Freiheitskampf verortet, ja sogar verkauft wird? Obwohl im Arsche lebend pocht das LyrI auf Anspruch wie sein Kampf gelesen wird. Sein Kampf? Huihuihuihui. Spricht der Führer hier als LyrI? Das gibt zu denken. Aber insofern passend, weil glücklicherweise schon länger im Arsch.

Wohlan, so gibt der größte Kämpfer aller Zeiten in Strophe zwo sogleich zum Besten wie es gemacht werden muß, wenn man nicht verortet, festgelegt werden will. Janz große Aktionen fahren, janz großes Kino machen! Das ist die Lösung: Scheinwerfer von unten und die Leni filmen lassen. Denn höre: wer von der DIN-Norm erfasst wird, hat gleich verloren. Aber doch - sonst wär es ja nicht des Führers Kampf: Erbe pflegen und Spur halten! Aha.

Und Ströphchen Drei? Da spricht nun Moralapostelix als allwissendes ÜberIch zu mir, zum Führer, zu uns, zum Docc und klärt messerscharf: daß es die totale Belastung ist, einerseits immer modern, modern, modern zu sein und doch im Volkskörper mitzuschwimmen, mitzumischen. So wird - bingofnunski - das Lyri von S1 und S2 vom antifaschitischen Reichslyriksamtpräsidenten Herrn Kuh persönlich erkannt und überführt.

Bleibt noch die Seelenwanderung. Darf ich annehmen das hier die Seelenwanderung des Gröfaz zum Lyriker Müller, Meier, Schulze gemeint ist, der ob seiner Sprache als Blut- und Bodenlyriker veortet werden darf?
Hmmm.

Was für ein Müll, oder? Bleibt einzig die Feststellung des Herrn Geratewohl, daß Verortung ein Sch...wort ist. Denn ich als Kapitän würd meinem Funker was husten, wenn er das U-Boot verortet hätte.

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#8

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2006 09:56
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Falls meine Kritik unklar gewsen sein sollte (wie das?)?: Ich finde das Gedicht blöd. Zu verschnurpselt. Muh kann besser muhen.

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#9

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2006 10:03
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

He, Brot,

nee, war schon klar. Trotzdem lebt Lyrchen nicht im, sondern am Arsch und es ist auch nicht sein Kampf, sondern zunächst einmal sein Freiheitskampf, sprich: es ist nicht der Führer. Richtig ist, dass Lyri sich komplett missverstanden und verleumdet fühlt. Dann wandert Seele insofern, als jetzt in ordnungsgemäßer Reih und Lied nicht nur die Sprache komplett brachialisiert, sondern auch der Inhalt. Lyri vergaloppiert sich, kommt wieder aus dem Takt heraus, findet aber doch keine andere Sprache bzw. nimmt die sprachliche Nähe in Kauf. Sie ist ja auch tatsächlich verortet, wie man auch an diesem Gedicht sehen, aber vielleicht nicht immer bzw. nicht auf Anhieb erkennen kann. Und wenn wir die Sprache benutzen, verschnauft der Inhalt nur, oder ist der wirklich total im Arsch?

Besser geht’s nicht.

DG
Mattes

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#10

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2006 11:05
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Uitenzack de Wienerschnitzel. Sauerkraut! Auch wenn's nicht Adolf ist bzw. sein soll, der zu uns spricht, so ist das hier:
Zitat:

es ist ... nicht sein Kampf, sondern zunächst einmal sein Freiheitskampf, sprich: es ist nicht der Führer


dafür kein Beleg. Denn weil es ein Freiheitskampf ist, kann's nicht Adolf sein?? Das werden die Braunhemden aber anders empfunden haben.

Was denkt eingentlich das zweiendige Würstchen ob dieser Interpretationsversuche? Denn einerseits zipfelt es ein
Zitat:

selbst übertroffen

über
Zitat:

grandios

bishin zum duschdasförmigen brauseorgasmusvortäuschenden
Zitat:

Jupp!!!

hervor, um dann aber am Ende - dem zweiten?? - genauso dämlich wie ich dreinzuschauen, wenn ich nix verstanden hab. Guggst Du hier:


Zitat:

umschraubt sich mir ein großes Fragezeichen auf die Stirn, darunter ein etwas fieses Lächeln

.




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#11

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2006 13:22
von Haselnuss (gelöscht)
avatar
Jaja, Bro...ist doch schwer, Autor und Kommentator auseinander zu halten, nich?

Knackigen Gruß
Hahahahahahaselnuss

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#12

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2006 15:08
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

Zitat:

Brotnic2um schrieb am 22.09.2006 11:05 Uhr:
Denn weil es ein Freiheitskampf ist, kann's nicht Adolf sein?? Das werden die Braunhemden aber anders empfunden haben.


Ich weiß, das ist ja gerade die Methode hier, dass das lyrI der ersten Strophe Nazivokabular verwendet, ohne es zu wollen. Der "Freiheitskampf" ist hier siicher beides: Adolfs und der des lyrI. Was Adolfs angeht , ist es aber nur die Bezeichnung á la "Mein kleines braunes Teekesselchen".

Nuss? Was läuft bei dir in selbiger?

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#13

Seelenwanderung

in Düsteres und Trübsinniges 22.09.2006 16:54
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
hi Mattes,
ein treffendes Bild und ganz in braun.Schön wie gekonnt Du diese
Brauntönungen komponierst. Gelungen.
Gruss
Knud

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