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#1

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 05.07.2006 10:50
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Krähenwinkel


Ich weiß es noch wie heute, da war Kai,
der wollte mit mir Billard spielen gehn.
Wir rauchten Camel Filter und zwar drei
und konnten danach nicht mehr aufrecht stehn.

Kai hatte einen Freund, der war viel älter,
der kam an das Verbotene heran.
Der war zwar warm, zu mir jedoch viel kälter,
das andere ging mich rein gar nichts an.

Ja, Kai, der hatte Geld, ich hatte keines,
doch er spendierte vieles, gab Kredit.
Er zahlte wohl, damit er nicht allein ist
und ich ihn bei der Mutter nicht verriet.

Die sah in ihm den lieben, kleinen Jungen,
den Sohn, der niemals rauchte, niemals log.
Mir ist die Einsicht lange nicht gelungen,
warum die Frau sich selber so betrog.

Die Feten wurden stets bei ihm gefeiert
mit Bier und Engtanz, Zigarettenschmauch.
Die Mädchen hatte er stets angeleiert;
elf Jahre alt, doch waren wir das auch.

Als wir dann in die Oberschule kamen,
wuchs ich aus unserm Dörfchen schnell heraus.
Denn dieses trug berechtigt seinen Namen,
dort hielten es nur Rabenvögel aus.

Und dann kam Fasching in der sechsten Klasse,
die Mädchen waren prächtig kostümiert.
Wie sehr ich die Erinnerungen hasse:
Auch Kai war von der Mutter ausstaffiert!

Er kam zuletzt - sie musste ihn wohl zwingen –
als Mädchen! Er sah gut aus, richtig süß.
Erst mussten alle um den Atem ringen,
dann lachen, doch nicht freundlich, sondern fies.

Kai-line musste nun Spießruten laufen,
ein jeder kühlte seinen Mut an ihr.
Und durch die Schule zog der bunte Haufen,
mal zerrend, zausend, schnappend, voller Gier.

Ich habe Kai danach kaum mehr gesehen,
denn bald darauf verzog ich in die Stadt.
Und in das Dorf zurück will ich nicht gehen,
ich habe diese Enge gründlich satt.

Einmal noch war ich dort mit 15 Jahren
und traf Kais Freund und quatschte den Moment.
Kai kam mit seinem Fahrrad angefahren:
Ich stieß ihn um, ich wollte, dass er flennt.

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#2

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 09:43
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Mattes

Das zweite Erzählgedicht in weniger als einer Woche? Mann, mann, wo ist dein Sommerloch? Ich mag solche Texte, aber nur, wenn sie nicht „ödig“ werden, deines tut das nicht. Zum Inhalt muss ich nicht viel sagen, der erschliesst sich einem selber. „Schön“ finde ich den Zwispalt des lyr. Ichs. Es schwankt zwischen Sympathie und Abscheu hin und her. Möchte zwar zeigen, dass er den Kai mag, aber hat Angst davor, selber als weibisch zu gelten. Der ganze Text erinnert mich ein wenig an den Film ‚Billy Eliot’ (unbedingt ansehen! Schon der Musik wegen!).

Noch ein paar Anmerkungen zur Form.
S1/Z4: Würde das ‚danach’ xX durch ein ‚später’ ersetzen Xx.
S3: Fehlt ein Reim …. bitte Suchanzeige aufgeben
S5: Angeleiert …? Kenne ich nicht, bitte erklären
S8+9: 3x musste *gnörz*
Sp: Die Spiessruten knacken dein Metrum, ich verbiege mich aber gerne ein wenig, um den Rhythmus zu halten. Ach, was bin ich tolerant!

Das sind so die peanuts, die mir aufgefallen sind. Und da mich pringles so höflich darum bat, zu nominieren, und nicht zu spammen, werde ich seinem Rat brav folgen.

Ein Wow Mattes! zum Gruss
Margot

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#3

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 10:44
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hi Marge!

Ach ja, es überkam mich wohl, das wollte raus. Ich ging mit beiden Werken inhaltlich schon einige Zeit schwanger und da ich meine Weisheiten langsam aber sicher selber nicht mehr hören kann bzw. lesen mag (da ist das Sommerloch!) bot sich das an. Jedenfalls habe ich das nur so heruntergeschrieben und war hinterher selbst erstaunt, wie fix man mitten im Loch 88 Verse produzieren kann, wenn man weiß, was man erzählen will. Die Form ist meistens das geringste Problem, allerdings leidet sie natürlich, wie man sieht.

Zu deinen Anmerkungen:

S1Z4: „danach“ ist wohl wieder so ein Schwyzer Ding, im Mutterland der deutschen Sprache geht jedenfalls beides: danach und danach. Das „später“ gefällt mir weniger, weil es zeitlich nicht konkret bestimmt. Konnten wir nie wieder richtig stehen? Vielleicht so: und konnten hinterher nicht aufrecht stehn? Ansonsten würde ich mein danach stehen lassen.

S3: Such, Marge, such!

S5: Eine Sache anzuleiern ist vermutlich umgangssprachlich, aber doch weit verbreitet. Es bedeutet so etwas wie einfädeln, planen, organisieren. Dass man Personen anleiert, hier also Mädchen organisiert, ist ein vermutlich eher unüblicher Sprachgebrauch, den ich so noch nie gehört habe, mir aber dennoch oder vielleicht sogar gerade deswegen gestattete.

S8+9: Kein Mensch muss müssen, nur Mattes musste hier offenbar. Gnörz, genau. Dass das beim Schreiben passiert, ist sicher verzeihlich, aber dass man (ich) das so veröffentlicht, nicht. Ich muss nachdenken.

Ja, das Spießrutenlaufen, nach alter Schreibweise zusammen und nur am Spieß betont, das rumpelt hier auch. Ich habe es, nachdem ich mehrfach hin- und zurück gelaufen bin, dabei belassen, zumal ich mit einem Metrumbruch ausgerechnet beim Spießrutenlaufen ganz gut leben kann. Ich bin nämlich auch tolerant, vermutlich der Tolerantesten einer!

Danke für die Nominierung, noch größeren Dank für das Wow!

DG
Mattes

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#4

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 15:54
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ja, ja - Dialekt! Phö, schauen se mal im Duden! Dort finden se danach. Aber natürlich, was ist schon der Duden, ne.

Und die Reime keines/allein ist bzw. Kredit/verriet .... Da muss ich wirklich nicht suchen. Aber ich weiss, im Deutschen geht das.

Übrigens, so schlimm ist der Ort ja gar nicht. Es hat doch immerhin ein Erdbeerparadies.

Servus
Margot

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#5

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 16:16
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ich schenk dir zum nächsten Geburtstag eine neuere Ausgabe. Die aus dem Jahr 1951 ist doch schon recht abgegriffen. Aber da du ja einen Hang zum Gewesenen hast, nimm doch gleich darnach.

Ah ja, ich kann das natürlich auch einfügen, weil du mir ja sonst nicht glaubst:

da|nach, (veraltet:) darnach <Adv.> [mhd. da(r) nāch, ahd. dar(a) nāh]: 1. a) ...
Quelle: Duden, Online, aus dem Jahr 2006

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#6

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 16:21
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Bevor hier der Eindruck entsteht, ich würde etwa nach Duden dichten, seien zwei Dinge festgehalten:

1. Ich brauche keinen Duden, um zu wissen, wie das Wort Fiesnicker betont wird.
2. Mein kleiner, süßer Duden stammt aus 1982 und NICHT aus 1951, wie böswillige Schweizer Zungen behaupten!

Und editieren kann ick ooch: Wo steht denn da etwas von Betonung bei deinem neumodischen Quatsch da?

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#7

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 16:26
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Fiesnicker ... lol ... Schau das Fette an, du Lautgestalter.

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#8

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 16:44
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Ach, komm, das hast du doch schon wieder editiert, du Onomatopoetin!

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#9

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 16:47
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Du wirfst mir Manipulation vor? Sackra, hüte dich am Morgarten!
Das ~ bezeichnet die Hebung. Dir muss man wirklich alles vorkauen, du Kuh!

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#10

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 16:48
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Ich möchte Euch nur kurz bei Euren Verbalinjurien unterbrechen: zumindest in meinem Duden von '86 ist auch noch beides zugelassen. Und ja, Margot: mir darfst Du auch einen neuen Duden zum Geburtstag schenken !


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#11

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 16:53
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Außerdem spielt das Geschehen in den späten Siebzigern und zu dem Zeitpunkt hat Margot noch nicht einmal Deutsch gesprochen!

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#12

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 17:01
von pringles | 182 Beiträge | 182 Punkte
ich verstehe nicht warum am ende steht das das lyr.ich wollte das kai flennt?
war kai transexuell? demnach wäre mir klar das das in einem dorf natürlich nicht unbedingt das ansehen des jungen hebt,wenn er in einem kleidchen auftaucht
nur hätte ich gedacht das freunde eher zusammenhalten,mir schien nämlich das der andere genau wusste was mit kai los war,aber sich von ihm abwandte,ich frage mich was kai falsch gemacht hat,außer seinem wunschtraum zu folgen und ihn zu verwirklichen
kinder können schweine sein
gerne gelesen
glg pringles

ist übrigens fehlerhaft

beides in der ersten strophe
Ich weiß es noch wie heute, da war Kai,
Wir rauchten Camel Filter und zwar drei
haben nur 10 silben und nicht wie alle anderen strophenanfänge 11



ich hab einen unreimen reim gefunden keines - allein ist

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#13

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 17:37
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Das steht da, weil das lyrI genau das wollte.

Über die Bezeichnung "Fehler" kann man lange diskutieren. Korrekt ist, dass es abweicht und das mag manchen nicht gefallen. Ich wollte das als Auftakt so, um mit den zunächst nur harten Kadenzen die relative Unwilligkeit des lyrI anzudeuten, die Geschichte zu erzählen (schließlich hasst es diese Erinnerungen). Auch inhaltlich ist diese erste Strophe ja nicht sehr emotional beteiligt, das lyrI gerät eben nolens-volens ins Erzählen erst hinein.

War es schwer, die Assonanz zu entdecken? Dann darfst du sie dafür behalten. Nein, im Ernst: Unreine Reime können einem Gedicht meiner meinung nach Stärke verleihen, auch das mögen Andere anders sehen. Bei aller Bescheidenheit (wovon rede ich?) möchte ich hinzufügen, dass ich diesen unreinen Reim einfach saustark finde!

DG
Mattes

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#14

Krähenwinkel

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 17:57
von pringles | 182 Beiträge | 182 Punkte
ja gut,von mir aus
schönes gedicht,gerne gelesen ^^

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