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#1

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 09:55
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte


    Landungsbrücken


    Wenn an den Winterstränden Treibgut liegt
    und weisse Vögel übers Wasser jagen;
    die Strudel nach verlornen Chancen klagen,
    dann fühle ich, dass mich die Angst besiegt.

    Ich laufe los und folge alten Tritten,
    von denen viele meine eignen sind,
    die ich gegangen, noch als halbes Kind,
    und die doch tief und schwer erlitten.

    Und ganz am Ende, wo die Brücken stehen –
    im letzten Schimmer, der aufs Wasser fällt –
    da halt ich still und drehe meine Welt,
    um eine Spur zurück ins Untergehen.


    Audioversion



    © Margot S. Baumann

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#2

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 12:27
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
Ach Marg, wieder so ein "Schönes" das mich so anspricht.
Ich versuche es mal:
Also Landungsbrücken sind die Orte an der Schiffe abfahren oder ankommen. Also ein Platz der Freude und der Trauer. (Abschied)
Hier kommt Dein lyr. Ich, in einer Zeit die depressiv ist,Herbst/Winter
am Wasser oft ohne Schnee und Eis, Treibgut liegt herum (als Meth. des zerstörten Gestern)Strudel die nicht ihr zerstörerisches Werk vollbringen konnten (also versagt haben)so fühlt sich das lyr.Ich und gerät in Panik
weil es Zeit vertan hat.
In dieser Stimmung flieht es in die Vergangenheit, folgt alten eigenen Spuren, reflektiert alte Qualen.("folge alten Tritten...viele meine eigenen sind..)Realitätsflucht und Verzweifelung. Das lyr Ich strebt dem Punkt zu an dem es angekommen ist, der Verbindung von diesseits und jenseits, dem Kopf der Landungsbrücke unmittelbar am weiten Wasser das sich in der Unendlichkeit verliert und fasst einen Entschluss, es verändert seine bestehende Welt ins Leben zurück? Nein es entschliesst sich zum Untergang.
Na ich weiss nicht, ob ich über das Ziel weit hinausgeschossen bin? Na so oder ähnlich sehe ich Deinen Text. (war sich falsch )
Sehr gerne gelesen
Gruss
Knud

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#3

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 12:59
von kein Name angegeben • ( Gast )
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#4

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 14:08
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Leute

Knud
Herzlichen Dank für die Interpretation, sie deckt sich weitgehend mit meiner Idee. Seit meinem ersten Besuch in HH gefiel mir das Wort ‚Landungsbrücken’. Wie du sagst, kann man diesem Wort/Ort einen positiven, wie negativen Aspekt zuorden. Hier entschloss ich mich für Zweiteres. Manchmal ist man ja selber nicht in der Lage, die Brücke zu finden, die einem zusagt, sondern wird irgendwo an Land getrieben. Freut mich natürlich, dass dir der Text gefällt. Wir haben wohl beide eine Affinität zu Wasser.

blauer Salon
Nein, eine Diskussion über gebundene oder freie Lyrik ist müssig, man kennt mittlerweile ja die Neigungen diesbezüglich. Interessant wäre aber, mal ein klassisches in ein freies Gedicht umzuwandeln und umgekehrt. Vielleicht gönne ich mir ja mal diesen Spass, wenn ich eine/n Freiwillige/n finde.

Zu deinen Anmerkungen:
Tritte: Mir erschienen Spuren als zu schwacher Vergleich für die Erfahrungen. Sie haben so etwas Flüchtiges, vor allem, im Sand und werden von Wind und Wetter sehr schnell beseitigt. Ich wollte aber wirklich tiefe, bleibende Eindrücke vermitteln, daher die Tritte. Dass man sich daran stösst, habe ich nicht bedacht, aber womöglich hast du Recht, dass es eine lokale Nuance dafür gibt. Übrigens bin ich aus der Schweiz, was das Österreichische betrifft, müsstest du Gem fragen. *g

und: Da setzt du deinen virtuellen Finger auf eine alte Wunde. Ich benutze oft und viel dieses liebe Wörtchen und muss mich deswegen auch oft rügen lassen. Hier wollte ich jedoch ein wenig Atemlosigkeit verdeutlichen und (!) wählte es daher, als Reaktion zur Angst in der vorhergehenden Str.

doch: Da muss ich dir Recht geben, ‚doch’ ist etwas schwerfällig und evtl. würde ein ‚aber’ besser passen. Wie du aber selber sagst, bezieht es sich auf die Jugend. ‚Halbes Kind’ sollte mehr eine/n junge/n Erwachsene/n darstellen und in dieser Phase sind, nach meinen Erfahrungen, schlechte Erlebnisse – zwar nicht weniger schmerzhaft – jedoch nicht immer so tief greifend, wie im Erwachsenenalter. Das ist aber sicher subjektiv und evtl. auch nur ein Versuch, mich herauszureden.

still: Hier habe ich mir – muss ich zugeben – keine grösseren Überlegungen gemacht. Einhalten/innehalten/still halten …. sind für mein Empfinden gleich dotiert und wahrscheinlich schrieb ich ‚still’, weil das lyr. Ich gelaufen ist und jetzt zur Ruhe kommt. Muss das überdenken, danke für den Hinweis.

Satzzeichen: Mein unsicherstes Pflaster! *g Da bin ich dann immer froh, wenn mir jemand sagt: Dort Koma weg und dort eins dazu! Ich setze die immer nach Gefühl und das trügt doch manchmal ganz schön. Die Gedankenstriche umschliessen den Einschub, nicht korrekt? Keine Ahnung, sorry.

Silbenzahlen: Ich bin, im Laufe meines Schreibens, etwas von der ganz strengen Form abgekommen. Es ist nicht so, dass ich den Text nicht – sagen wir mal 10/11/10/11 – quetschen könnte, das traue ich mir schon zu, jedoch leidet darunter manchmal, und ich spreche da von meinem Empfinden, die Stimmung. Es ist mir immer lieber, es liest sich flüssig und holpert nicht, als dass ich eine perfekte Form hinfläze. Klingt evtl. nach einer Ausrede, ist es aber nicht, sondern mein Ehrgeiz hat sich dahin gewandelt, dass mir die Stimmung, die ein Text rüber bringt, mehr am Herzen liegt, als ein Jubeln über die perfekte Form.

Vielen Dank für die ausführliche Kritik und entschuldige, dass ich so ins Quatschen kam. Ein altes Übel….

Grüsse an euch
Margot


P.S. Ah ja, und freut mich, dass dir die 1. Str. gefällt. Bei Gedichten ist es ja wie mit Büchern. Der erste Satz sollte einem gefangen nehmen, damit man weiter liest und hier habe ich doch – ganz brav – den klassischen Aufbau gewählt. Ich bin also doch eine Klassikerin!



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#5

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 16:49
von kein Name angegeben • ( Gast )
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#6

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 17:10
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ah ja ... komm, wir machen mal so ein Experiment. Ich setz dir eines von meinen Gedichten in den Arbeitshügel und du werkelst daran. Im Gegenzug dichte ich eins deiner um.
Keine Ahnung, ob der "Sinn" verändert wird oder leidet, dazu könn(t)en ja dann die Zuschauer ihre Meinung abgeben.

Let's go?

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#7

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 17:12
von kein Name angegeben • ( Gast )
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#8

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 17:15
von kein Name angegeben • ( Gast )
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#9

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 17:18
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Na beide gleichzeitig. Ich brauch dazu wohl auch etwas Zeit, schliesslich muss das reifen.

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#10

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 17:19
von kein Name angegeben • ( Gast )
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#11

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 22.06.2006 18:39
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ach, noch vergessen. Du hast Recht mit dem 'und' - es ist zuviel, werd's gleich ändern. Danke.

Gruss
Margot

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#12

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 28.06.2006 21:05
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Margot,

da der "Ausstoß" Deiner Gedichte hier doch erheblich zurückgegangen ist, muss ich halt nehmen, was kommt ! Nicht, dass mir Dein Text nicht gefällt, allerdings fiel mir der Zugang zu Deinen Zeilen etwas schwer.

Nachdem ich gelesen habe, dass Du es inzwischen mit der Form nicht mehr so genau nimmst ( seit wann denn das?), musste ich bei Deinen Zeilen sogleich mal Fliegenbeinchen zählen, um dies zu überprüfen - aber eines nach dem anderen...

Wenn an den Winterstränden Treibgut liegt
und weisse Vögel übers Wasser jagen;
die Strudel nach verlornen Chancen klagen,
dann fühle ich, dass mich die Angst besiegt.

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
Grundsätzlich hast Du Dich also für Jamben und einen umschließenden Reim entschieden. Ich muss aber gestehen, dass mich gleich das Wenn zum Betonen einlädt, weshalb ich mich beim ersten LEsen gleich vergaloppierte... naja, wenn man dann weiß, wie das Metrum tickt ist das aber natürlich kein Problem mehr.

Es klingt für mich seltsam, von verlorenen Chancen zu sprechen, sind das nicht eher vertane oder verpasste Chancen? Auch weiß ich nicht recht, ob mir die Metapher mit den Strudeln schmeckt (Mist, jetzt muss ich auch noch an Apfelstrudel denken, das aber war eigentlich nicht mein Problem ): mit Strudel assoziiere ich eher etwas Negatives, wie aber könnten diese dann mit dem lyrIch bedauern die verpassten Chancen bedauern? Vielleicht überstrapaziere ich aber auch gerade etwas dieses Bild...

Wie Knud denke ich, dass Landungsbrücken grundsätzlich ein Kommen wie auch ein Gehen ermöglichen und Du Dich offenbar für Letzeres entschieden hast. Allerdings möchte ich noch weiter gehen als Knud und vermute, es ist gar der Lebensabend gemeint. Das Leben scheint fast vorüber (Winter) und es hat eine Menge Treibgut hinterlassen - Erinnerungen, vertane Möglichkeiten, Unvollendetes. Dies vor Augen bekommt es das lyrIch ein wenig mit der Angst zu tun.

Ich laufe los und folge alten Tritten
von denen viele meine eignen sind,
die ich gegangen, noch als halbes Kind,
und die doch tief und schwer erlitten.

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXx
Aha, hier ist also der Hund begraben ! Z4 ist die einzige Stelle, an der Du einen 4hebigen Jambus benutzt... Normalerweise würde ich überlegen, was Du damit aussagen möchtest, wo der inhaltliche Grund für das metrische Ausscheren liegt - aber es scheint Dir zufolge ja keinen zu geben. Es fällt beim Lesen aufgrund des umschließenden Reimes nicht weiter auf, dennoch würde ich lieber auch über eine perfekte Form jubeln - ohne dass natürlich die Stimmung verloren geht.

Mit den Tritten kann ich mich auch nicht so recht anfreunden. Natürlich spricht man davon, jemanden auf Schritt und Tritt zu folgen, dennoch muss ich daran denken, dass jemand getreten wird. Aber das mag in der Schweiz vollends anders sein, abgesehen davon ist es auch kein größeres Problem, da der Inhalt zielsicher ankommt! Allerdings würde ich am Ende der Z1 ein Tüpfli setzen^^.

Zum Inhalt: Das lyrIch scheint das Vergangene hier Revue passieren zu lassen. Es wandelt (im Geiste) auf den Pfaden der Vergangheit in der Hoffnung, eben jene verpassten Chancen ausfindig zu machen, womöglich zuletzt noch die eine oder andere Weiche anders stellen zu können. Vieles von dem, was nun am Auge des lyrIch vorüberzieht, ist schon sehr lange Zeit her, fast Jugendsünden, die dennoch tiefe Kerben geschlagen haben. Das lyrIch ist, was es ist, aufgrund mannigfaltiger zT schwer erlittener Erfahrungen.

Und ganz am Ende, wo die Brücken stehen -
im letzen Schimmer, der aufs Wasser fällt -
da halt ich still und drehe meine Welt,
um eine Spur zurück ins Untergehen.

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
Hier bist Du wieder vollständig beim Fünfhebigen gelandet. Meines Erachtens gehört ans Ende der Z2 (nach dem Gedankenstrich) ein Komma, denn es folgt ein Nebensatz. Dafür kannst Du meines Erachtens das Komma Ende Z3 streichen, denn Z4 ist Teil des Nebensatzes. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher und lasse mich gerne korrigieren...

Diese Strophe ist inhaltlich am Schwersten zu deuten. Offensichtlich kommt das lyrIch tatsächlich noch an einen Punkt, an dem es etwas ändern kann, an dem eine Brücke existiert, die es früher nie zu überschreiten wagte. Und dies nicht zu früh, denn es ist bereits der letzte Schimmer, der auf das Wasser fällt... doch anstatt nun hinüberzugehen, kehrt es wiederum um und fügt sich in sein Schicksal... Aber warum? Vielleicht weil es erkennt, dass die Chancen, denen man so spät noch hinterherhechtet ohnehin nur Selbstbetrug sind? Dass man verpasst Möglichkeiten nicht nachholen kann, man sich allenfalls neue Chancen ermöglichen kann, die man dann nutzen kann? Das Leben lässt sich eben nicht zurückdrehen, so dass das lyrIch seine Welt, die es sich geschaffen hat und mit der es nunmal bis zum Ende leben muss, zurückholt, auch wenn es den Untergang bedeutet.

Ob meine Gedanken nun Deiner Intention entsprechen, weiß ich natürlich nicht, auf jeden Fall sind Deine Zeilen sehr anregend, wenn man sich auf sie einlässt. Formal missfällt mir Str2/ Z4, da ich nicht glaube, dass es keine Möglichkeiten gibt, das Metrum zu halten und dennoch die Stimmung nicht zu versauen, außerdem überzeugt mich Deine Wortwahl nicht überall. Trotzdem ein sehr interessantes Gedicht, dass ich gerne gelesen habe und über das ich gern gegrübelt habe. Letztlich schlägt hier für mich der Inhalt klar das formale Gerüst.

Don

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#13

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 29.06.2006 10:26
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Don

Ja, ja … zuerst wirft man mir vor, ich würde das Forum mit meinen Ergüssen überschwemmen und wenn ich mal nicht täglich etwas reinstelle, ist’s auch nicht Recht! Welt, wie bist du ungerecht!

Das mag ich doch, wenn man den „Zugang“ nicht so schnell findet – lach – mal sehen, durch welche Tür du kommst. Bezgl. der Form, das habe ich aber schön öfters erwähnt, da sieht man mal wieder, wie aufmerksam du (meine) Texte liest. …. Es ist ja nicht so, dass ich mich entschlossen habe, meine geliebten Korsette zu verbrennen, ich habe sie lediglich etwas gelockert, damit ich leichter atmen kann. Schöne Metapher, wa? *g

Also denn. Wenn kann man durchaus betont aussprechen, das tue ich auch, obwohl das Metrum es als unbetont aufzeigt. Wo ist das Problem? Sprichst du die Texte exakt nach dem Metrum? Kreisch! Das muss ja schrecklich klingen! Im Ernst, Metrum und Vortrag müssen nicht identisch sein, sonst gibt’s ja ein Geleiere.

Verlorne Chancen sind nicht das gleiche, wie verpasste Chancen. Da sehe ich einen kleinen Unterschied. Verpasst bedeutet, sie waren da und man hat sie lediglich nicht ergriffen. Verloren hingegen will hier sagen, dass die Chancen genutzt wurden, sie aber keine Früchte trugen. Aber klar, ich sehe, was du meinst, ich wollte aber etwas anderes damit sagen.
Die Strudel (Mann, bist du verfressen!) sollen auch negativ rüber kommen. Bin froh, wenn das so klappt… *g Und wieso klagen sie mit dem lyr. Ich? Steht doch nirgends… die tun das ganz alleine. Die ganze 1. Str. ist ja dazu da, die Stimmung, den Ort (natürlich oder übertragen) aufzuzeigen, damit man gleich weiss, in welche Richtung es geht. Deine Interpretation der Str. ist übrigens klasse!

2. Str. Ja, gell, da merkt man beim Sprechen gar nicht, dass ich da gemogelt habe. Spricht für mich! Vielleicht passe ich es – dir zu Liebe – noch an, damit du jubeln und beruhigt schlafen kannst. Und suche nicht, wo nichts ist … da hast du Recht, es gibt keinen inhaltlichen Grund, weshalb ich da etwas weg gelassen habe. Gott, wie bin ich unverfroren! *g

Zeichensetzung Ok, jetzt mal langsam, zum Mitschreiben, sonst kapier’s ich nicht. Nach deinem Ermessen müsste ich es also folgendermassen schreiben:


Und ganz am Ende, wo die Brücken stehen -
im letzen Schimmer, der aufs Wasser fällt -,
da halt ich still und drehe meine Welt
um eine Spur zurück ins Untergehen.

(?) Habe ich das so richtig verstanden? Übrigens danke für den Hinweis zur Rechtschreibung. *g. Deine Interpretation ist weder richtig noch falsch, das solltest du doch wissen. Schliesslich predigen wir das doch schon Jahre, dass er ‚richtig’ und ‚falsch’ nicht gibt. Aber natürlich ist sie schlüssig, nachvollziehbar und erfreut die Dichterin.

Fazit: Der Text mag zu gefallen, wenn auch nicht hundert Pro. Er ist nicht leicht zu verstehen und doch haben ihn alle verstanden. Er bricht aus und doch hält er sich an die Form. Er transportiert etwas, wenn auch nicht viel. Er ist ….. blabla etc. Also ein typischer Margot-Text! *g

Vielen Dank für die ausführliche Kritik und die Tipps, Anregungen und Hilfen. Was würde ich ohne dich/euch tun? (Man beachte das Fehlen jeglicher Ironie in dem Satz! )

Beste Grüsse
Margot


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#14

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 04.07.2006 16:27
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte

Zitat:

Margot schrieb am 29.06.2006 10:26 Uhr:
Ja, ja ? zuerst wirft man mir vor, ich würde das Forum mit meinen Ergüssen überschwemmen und wenn ich mal nicht täglich etwas reinstelle, ist?s auch nicht Recht! Welt, wie bist du ungerecht!


Ich habe noch nie irgendjemandem die Menge seiner Ergüsse vorgeworfen! Auf derlei Gedanken käme ich gar nicht...

Natürlich trage ich nicht stur nach Metrum vor... aber unterschwellig tickt bei mir immer das Metrum mit. Und da fällt mir so etwas auf und stört mich - ein wenig zumindest. Ansonsten könnte man ja gänzlich aufs Metrum verzichten, schließlich kann man jeden Text "rund" lesen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man es auch exakt in der Betonung vorträgt...

Mit den verlornen Chancen verstehe ich nun, was Du meinst - und tatsächlich ist das natürlich inhaltlich auch etwas anderes. Aber sagt man das so: verlorene Chancen? Es klingt halt irgendwie... seltsam, wie ein nicht ganz richtig zitiertes Sprichwort, bei dem man nicht recht auf den Fehler kommt. Abgesehen davon stört mich diese Stelle nicht sehr, sie ließ mich nur kurz stirnrunzeln.

Strudel und lyrIch habe ich insofern in einen Topf geworfen, da es dem lyrIch ja offenbar Angst macht, dass die Strudel die verlorenen Chancen beklagen. Und letztlich sind es ja auch die Chancen des lyrIch, die futsch sind, oder? Warum sollten die Strudel diese nun "beklagen"? Ich empfand das als etwas irritierend.

Die Zeichen würde ich genau so setzen, sieht ganz gut aus. Eine Gewähr übernehme ich aber nicht !


Zitat:

Was würde ich ohne dich/euch tun? (Man beachte das Fehlen jeglicher Ironie in dem Satz!


Ich kann mir nicht helfen: irgendwie mutet der Hinweis auf das Fehlen jeglicher Ironie ironisch an... Aber was Du ohne uns tun würdest, ist mir auch unvorstellbar !

Grüße,

Don

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#15

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 04.07.2006 19:49
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ach nee, ich bin doch nie ironisch! Ich doch nicht! Wirklich! Ganz ehrlich! Ich meinte den Klammersatz wirklich Ernst, aber das glaubt mir ja sowieso niemand ... *g

Bezgl. der Strudel sehe ich das ganz locker bzw. eher allgemein. Es ist ja die ganze Situation, die dem lyr. Ich Angst macht. Schliesslich ist der Ort - dort - doch sehr beklemmend. Und diese (tückischen) Strudel ziehen alles runter, nicht nur dieses Leben. Sorry, ich kann's nicht besser erklären ....

Und bezgl. des Metrums. Das sehe ich mehr als ein Gerüst, eine Welle, das/die den Leser bzw. den Rezipient durch den Text trägt. Aber ich persönlich schere mich, beim Vortragen, nicht im Geringsten darum, ob der Text jetzt im Jambus oder im Trochäus verfasst wurde. Wäre ja noch schöner!

Gruss
Margot

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#16

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 17:28
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Na, Frau Rilke-Baumann, da hast du es der Gemeinde mal wieder gezeigt, wie? So einfach ist das mit der Dichterei. Man nehme mit dem 10/11-Ender sein Standard-Maß, reime einfach und umarmend, bleibe metrisch in der Spur und steigere sich langsam bis hin zum höchst poetischen Finale; inhaltlich etwas wehmütig, ohne larmoyant zu werden, Natur- und Lebensbilder werden zu einer Einheit verwoben. Zum Schluss bekommt das Ganze einen prägnanten Titel und fertig ist eine durch und durch handwerkliche Komposition, die durch das gewisse Etwas den Stich ins Geniale bekommt.

Was ist es hier? Für mich ganz klar das grandiose Finale, wobei das ebenso überzeugend, ganz still und leise aufgebaut und vorbereitet wird. Es startet mit dem Naturbild in S1, welches natürlich mit dem Winterstrand auf die letzte Jahres- und damit Lebensphase und mit dem Treibgut sogar Untergang und Tod symbolisiert. Die weißen Vögel sind natürlich die Möwen, sinnbildlich aber auch die Geister der Nachwelt, die hier jagen, also Beute machen. Aus den Strudeln, die noch einmal das Untergegangene, die verpassten Chancen andeuten, klagt es; wenn hier die Strudel klagen ist das entweder muttersprachlich bedingt, oder poetisch frei verdichtet, dass die Strudel nach den Klagen klingen. Diese Endzeitstimmung erfasst nun das lyrI und man sieht es förmlich über den Strand des Lebens hetzen, den alten Spuren nachfolgend auf der Suche, was verpasst, was falsch gemacht wurde. Wiederum ist für mich nicht eindeutig zu klären, ob die Tritte Schweizer Mundart entsprechen, oder ob hier nicht sogar auch die Schicksals- und/oder die durch Mitmenschen verursachten Schläge (Tritte) gemeint sind, die ja auch vom lyrI ausgeteilt wurden.

Als sehr gelungene Stelle erscheint mir auch S2Z3+4, weil mit ganz wenigen Worten die große Bedeutung der Kindheit und Jugend beleuchtet wird. Unser angeblich so kontrolliertes Leben als Erwachsene folgt doch regelmäßig auch nur den Fährten (Tritten?), die während der Kindheit gelegt werden. Die Katharsis, durch die das lyrI bei diesem Rücklauf geht, wird noch unterstrichen durch die kurze Unterbrechung des Rhythmus: in S2Z4 finden sich 9 Silben und vier statt fünf Hebungen.

Und am Ende, im Leben wie auch in vorliegendem Gedicht, kommen wir wieder am Ausgangspunkt an. Hier stehen die Brücken, die Landungsbrücken, die ja sowohl Ankunft, als auch Abfahrt signalisieren, ein starkes, wunderschönes Bild. Das lyrI ist angekommen, der letzte Schimmer ist angebrochen und trotz der Erkenntnis, dass es im Leben vielfach nur getrieben war, hier holt sich das lyrI die Kontrolle über sein Leben zurück. Hier hält es selbstbestimmt inne, das Gedicht kommt auch explizit auf den Anfang zurück, der Kreis schließt sich. Auch hier wird untergegangen, aber nicht mehr passiv. Hier dreht das lyrI selbst, „meine Welt“ - und darum geht es – um eine Spur, die höchsteigene seine, zurück ins Untergehen. Aus dem Nichts gekommen, ins Nichts gegangen, fürwahr, aber eben doch im letzten Moment Autonomie gewonnen.

Ich merke beim Kommentieren, dass ich es gar nicht genau in Worte fassen kann, was mir angesichts dieses Finale furioso alles so im Kopf herumschwurbelt. Vielleicht ist das ja auch alles gar nicht so gut, wie ich denke, aber meinen Nerv hast du mit diesem Werk einmal mehr punktgenau getroffen.

Ich kann noch nicht mal ein kleines bisschen meckern. Need to say more?

DG
Mattes


P.S.: Mir war von Beginn an klar, dass ich zu diesem Werk meinen Senf abgeben wollte, daher habe ich keinen Kommentar gelesen. Wiederholungen bitte ich daher zu entschuldigen.

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#17

Landungsbrücken (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2006 19:34
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Mattes!

Jetzt bin ich wirklich gerührt.
Vielen Dank für deine „Kritik“. Ich habe dieses Gedicht ja schon so vehement verteidigt, dass ich bald selber zu zweifeln begann, ob es nicht doch nur blosses Gesülze ist. Und da ich weiss, dass ich mich immer darauf verlassen kann, dass du derjenige bist, der seinen Finger auf jede – auch noch so gut getarnte – Wunde legt und mir meine Unzulänglichkeiten um die Ohren haut, bin ich natürlich froh, dieses (dein) Lob einheimsen zu können.

Danke
Margot

P.S. Und ja, lies bloss die anderen Kritiken nicht durch, sonst findest du womöglich doch noch etwas, das dir nicht schmeckt.

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