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#1

tote Fahnen

in Gesellschaft 04.07.2006 19:50
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
tote Fahnen

Entlang der deutschen Autobahnen
liegen viele tote Fahnen
Schwarz wie platte Katzenmumien
Rot gleich zerrissenen Füchsen
Gülden wie deutsche
Bananen

Herrlich so zu fahren
Wind in meinen Haaren
Sonnenlicht im Osten
Asphaltduft verkosten
Mondenschein im Westen
Gummimischung testen

Nichts ist schöner
nichts ist schöner

Nichts ist schöner als die Fahnen
tot entlang der Autobahnen

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#2

tote Fahnen

in Gesellschaft 09.07.2006 09:02
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
Hallo Alcedo.

Während zu Anfang noch das Äußere beschrieben wird, gelangst du dann zum lyr. Ich und seinen Emotionen. Es sieht, kümmert sich aber nicht darum. "Nichts ist schöner" gilt dann als Übergang.. die Emotionen des lyr. Ichs werden auf die toten Fahnen übertragen. Es bringt eine gewisse Heiterkeit mit sich.

2 kleine Anmerkungen:
Str1/Z4: klingt ein bisschen ungelenk.. "wie" wäre vielleicht besser.
"gülden".. ich hätte dafür "golden" gesetzt, da "gülden" schon ein älterer Begriff ist und hier nicht ganz hinein passt.

Du hast hier auch die Variante gewählt, sich nicht auf die toten Fahnen einzulassen.. eine andere wäre gewesen zu thematisieren, was es nicht nur für das lyr. Ich bedeutet. So ist es ein leichter - damit meine ich "beschwingt/heiter" - Text, aus dem ich nicht mehr herauslesen kann als die "Spaßgesellschaft".

lg.
AB.

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#3

tote Fahnen

in Gesellschaft 09.07.2006 18:38
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Vor allem melodiös ist dieses Gedicht, dass sehr gelungen den Reim "Fahnen-Bahnen" feiert.

Das Problem mit den Vergleichen in der deutschen Sprache ist, dass man sie entweder am "wie" oder am "gleich" aufziehen kann. Das sind die Alternativen. "Gleich" ist die exotischere, interessantere. Trotzdem erscheinen mir die Schwarz-Rot-Gold-Vergleiche in der ersten Strophe zu erzwungen, können mit der Leichtigkeit der restlichen Verse nicht mithalten.

Widersprechen muss ich meinem Vorkommentator in Sachen "gülden." Das passt doch wunderbar hinein, unterstreicht den humoristischen Touch des Gedichtes. Ein Wort, dass nunmal so oft überstilisiert wurde, dass es ihm nur noch zur Parodie reicht...

Außerdem nimmt sich der Dichter doch auch selbst aufs Korn, indem er die "Fußballnationalismusphasenblase" platzen lässt und andererseits die "urdeutsche Autobahn" unangetastet lässt - und so doch erst recht anpackt, so doch erst recht das Deutschsein karrikiert!
Man hätte das Gedicht mit den Stichworten "Sauerkraut", "Currywurst", "Sandalen und Socken" oder "Reformunfähigkeit" beliebig erweitern können

Grüßle,

Willi

Aber so wie es ist ist es gut.

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#4

tote Fahnen

in Gesellschaft 10.07.2006 19:53
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Hallo Alcedo.

ich kann mir noch ein paar schönere Sachen vorstellen, aber nicht viel. Denn das Ende einer Illusion ist immer ein erhellender Moment. Die ganze im Wind geschwenkte, an Autos angebrachte und an Masten hochgezogene, die bundesweit aufgeblasene und aufgeblähte Deutschland-Euphorie liegt schon nach einer Niederlage am Boden. Was ist los mit unserem Patridiotismus? Fahnenflüchtlinge auf Hitlers Autobahnen! Hat Bild schon davon berichtet? Früher wurden die Vaterlandsverräter getötet, heute mussen die unschuldigen Fetische dran glauben.

Aber denen tuts wenigstens nicht weh. Das finde ich auch schön.


Gruß, Ulli
.


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#5

tote Fahnen

in Gesellschaft 15.07.2006 15:53
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte

Zitat:

Ulli Nois schrieb am 10.07.2006 19:53 Uhr:
die bundesweit aufgeblasene und aufgeblähte Deutschland-Euphorie liegt schon nach einer Niederlage am Boden. Was ist los mit unserem Patridiotismus?


mhm, Ulli kommt wohl der Sache am nächsten. obwohl ich natürlich Wert lege auf die Feststellung den Text v o r dem Italien-D-Spiel, geschrieben und gepostet zu haben.

meine Verse sind bitterbitterböse gemeint: pure Katharsis, die ich einfach mal nötig hatte. und im nachhinein freue ich mich sehr, dass sich niemand provoziert fühlte, hatte ja schon mit dem schlimmsten gerechnet.

@Wilhelm:
dank für das Lob am Handwerklichen. und ja, der Bahnen-Fahnen-Reim stand ganz am Anfang, darauf hab ich alles aufgebaut. eine Eingebung nachdem ich die vielen Fahnen entlang der Leitplanken und zwischen all dem "erlegten" Niederwild gesehn hatte. ist ja auch herrlich: Katze, Iltis, Fahne, Fuchs, Fahne, Fahne, Igel, Fahne, Marder, Fahne, Köter, Fahne usw.
mittlerweile aber, glaub ich, überwiegen deutlich die Fahnen. diese billigen Plastikfahnenstangen können dem Fahrtwind ohne Tempobegrenzung nun mal nicht standhalten...

@Arno:
das "gülden" habe ich gedacht es hätte auch Tucholsky gefallen, mein letzter Vergleich ist eine Anspielung auf dessen "Deutsche, kauft nur deutsche Bananen!"

liebe Grüße
Alcedo




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#6

tote Fahnen

in Gesellschaft 15.07.2006 16:18
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte

Zitat:

meine Verse sind bitterbitterböse gemeint: pure Katharsis, die ich einfach mal nötig hatte. und im nachhinein freue ich mich sehr, dass sich niemand provoziert fühlte, hatte ja schon mit dem schlimmsten gerechnet.



Ich unterstelle, dass die darin ruhende Bitterbosheit hier keinen gejuckt hat. Dafür sind wir zu abgebrüht.

Schau mal hier:
t75120162f016-Forum.html



Und hier:
t78656705f007-Forum.html



PS: War es die A8 oder die A81 ?

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#7

tote Fahnen

in Gesellschaft 15.07.2006 23:38
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte

Zitat:

Wilhelm Pfusch schrieb am 15.07.2006 16:18 Uhr:
Ich unterstelle, dass die darin ruhende Bitterbosheit hier keinen gejuckt hat.

ja, offensichtlich. und das tat gut.


Zitat:

War es die A8 oder die A81 ?


die Antwort steht in meinem Gedicht.
denn selbst d a s ist in D eindeutig geregelt. Paarzahlautobahnen sind in West-Ostrichtung ausgerichtet. Unpaarzahlige, vorwiegend Nord-Süd.

danke für den Link zu Ullis Gedicht. war einen angenehme Lektüre. und ihr werdet mir immer symphatischer. fast schäme ich mich schon weil ich Zweifel hatte, und möchte beinah eine Rechtfertigung suchen, ähnlich wie der Ulli mit den Costa-Rica-Toren, aber ich verkneife es mir.

Nationalhymnenlyrik - und zwar sämtliche Strophen, sämtlicher Sprachen - ist meine Sache n i c h t. das hab ich auch als Parodie nur äußerst widerwillig konsumiert.

Gruß
Alcedo




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