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#1

Schritt nach vorn

in Diverse 01.07.2006 05:22
von Maya (gelöscht)
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Schritt nach vorn


Nun steh ich an der Eingangstür zur Stadt
und brauch die alte Klinke nur zu drücken.
Maskiert sie sich und fällt mir in den Rücken -
sobald mein Fuß sich überwunden hat?

Ist diese Tür ein Tor zur falschen Welt,
sperrt sie mich ein und ich mich somit aus.
Ich rüttle am Scharnier, es quietscht Applaus -
vielleicht als Warnung, die hier Einzug hält?

Der Anstrich blättert, taugt nicht als Symbol.
Die Schwelle, die dort liegt, kann harmlos sein -
doch manchem wurde sie zum Stolperstein.
Wer Ketten zynisch gliedert, lebe wohl!

Doch bin ich Teil und lasse mich nicht teilen.
Wo Fragen sind, versteckt sich meist auch Wissen -
ich dränge vor, will hinter die Kulissen,
ein Schritt zurück bedeutet: hier verweilen.

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#2

Schritt nach vorn

in Diverse 02.07.2006 17:45
von Fabian Probst (gelöscht)
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finde ich schön geschrieben. einige sehr gelungene Wortbilder.

die Sicht der Stadt im Zwiespalt zwischen Verlockung und Falle.
Was so wirklich das Problem darstellt, könnte noch etwas mehr hervorgehoben werden. Oder es ist mir entgangen. Den Satz "wer Ketten zynisch gliedert" verstehe ich nicht.

Habe ich sehr gern gelesen.

lg,Fabian

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#3

Schritt nach vorn

in Diverse 11.07.2006 19:58
von Maya (gelöscht)
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Hallo Fabian,

danke für Dein Feedback. Mit den Ketten ist gemeint, dass man sich nicht selbst ausschließen sollte, indem man zögert, den Schritt nach vorn zu wagen. Man kann das gesellschaftlich verstehen.

Liebe Grüße, Maya

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#4

Schritt nach vorn

in Diverse 11.07.2006 21:29
von Urban (gelöscht)
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Hallo Maya,

ich habe den Schritt in die Stadt nie gewagt, deshalb kann ich die beschriebenen Ängste gut verstehen. AM besten gefällt mir der quietschende Applaus. Aber ist er nun eine Ermutigung oder eine Warnung? Oder eine Warnung vor der Eitelkeit der Stadt?

Gruß, Urban

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#5

Schritt nach vorn

in Diverse 11.07.2006 21:43
von Maya (gelöscht)
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Hallo Urban,

wir kennen uns noch gar nicht, hallöchen .
Na, es ist halt die Schwierigkeit, das Quietschen richtig für sich zu deuten. Der eine nimmt es als Warnung, der andere als Applaus. Beides ist möglich, auf die Sichtweise kommt es an.

Vielen Dank für Dein Feedback,
liebe Grüße, Maya


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#6

Schritt nach vorn

in Diverse 11.07.2006 22:05
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallo Maya!

Das gefällt mir außerordentlich gut, was du hier ablieferst. Nicht nur, dass die Formbindung dir mittlerweile offenbar nicht nur kein Graus, sondern ein sehr enger Freund geworden ist, überzeugt es auch sprachlich auf hohem Niveau: Hier wird keine Syntax gequält, sondern in sehr ruhigen, souveränen, perfekt gegliederten Sätzen die Geschichte der Schwellenangst erzählt. Ebenso überraschende, wie gelungene Bilder fügst du harmonisch in den Text (die sich maskierende Klinke, das applausquietschende Scharnier, die zynisch gegliederten Ketten), so dass sie nicht bemüht erscheinen und dadurch um so größere Wirkkraft entwickeln. Das ist einfach stark, in der Ruhe liegt die Kraft. Sehr lässig, das muss der Neid dir lassen.

Ich habe das jetzt mehrfach mit wachsendem Genuss gelesen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es hier eine sehr eindeutige zweite Sinnebene gibt, aber ich konnte sie bislang nicht durchgängig entschlüsseln. Aber auch ohne dieses Verständnis spürt man den Spannungsaufbau zum Ende hin. Die zweite Hälfte ist sogar noch stärker, als die erste, einzig die letzte Zeile, die conclusio nimmt viel dieser stillen Kraft wieder weg, mit der kann ich mich nicht so sehr anfreunden.

Mag sein, dass ich es als ein einfaches Gedicht sehe, weil ich nicht richtig hinter die Kulissen blicke. Aber in dieser Einfachheit liegt ein so kräftiger Ruhepuls, das erzählende lyrI ist bei aller Unentschlossenheit in seinen Überlegungen so klar, wie die Sprache der Dichterin. Ach, ich wiederhole mich beständig aber das ist es, was mich an dem Gedicht fasziniert: Drei Strophen lang eiert das lyrI ja eher herum und dennoch wirkt alles souverän und in der Abschlussstrophe hat man das Gefühl dem wohlbedachten Entschluss tatkräftig folgen zu wollen. Und dann dieser letzte Vers...vielleicht stellst du es etwas um, z.B. ein Schritt zurück bedeutete Verweilen, welches wenigstens die Möglichkeit beinhaltete, es andersherum (und richtig?) zu lesen: Verweilen bedeutete, einen Schritt zurück zu gehen. Nein? Na gut, ich sagte ja, ich blicke gar nicht so richtig durch.

Sagte ich auch, dass es mir ausnehmend gut gefällt? Gut.

DG
Mattes

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#7

Schritt nach vorn

in Diverse 12.07.2006 00:35
von Roderich (gelöscht)
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Hallo Maya,

ich bin mittlerweile viel zu müde, um lange Reden zu schwingen, aber bei diesem Wahnsinnsgedicht muss ich einfach noch meinen Senf - wenngleich auch kurz - dazugeben.

Fantastisch gut gelungen, inhaltlich wie formal eine runde Sache und sprachlich vom Allerfeinsten. Wenn Mattes dicht nicht schon zum Dickfisch vorgeschlagen hätte, dann hätte ich es wohl getan.

Viele Grüße

Thomas

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#8

Schritt nach vorn

in Diverse 12.07.2006 16:46
von Maya (gelöscht)
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Lieber, bisweilen frecher Mattes,

vielen Dank für Deine Worte. Natürlich freut es mich, dass Du Gefallen am Gedicht gefunden hast und die Umsetzung nicht krampfhaft auf Dich wirkt. Tatsächlich habe ich versucht, die Syntax nicht über alle Massen ( ) zu quälen, eher war es umgekehrt. Und ja, es gibt eine zweite Sinnebene, die ich aber nicht verraten möchte – trotzdem: gut erkannt /erfühlt.

Mit der Conclusio habe ich wohl die längste Zeit verbracht, es war unglaublich schwer, die rechten Worte zu finden. Aber irgendwie erkenne ich nicht den Unterschied zwischen Deinem Vorschlag und meiner Version (außer in der Zeit). Wenn, dann müsste ich den Satz ja umkehren: „Hier verweilen bedeutete einen Schritt zurück“. Das wäre eigentlich die unverdrehte, aber immer noch eine grammatikalische Stümmelvariante (denn eigentlich: Hier zu verweilen würde einen Schritt zurück bedeuten).

P.S. Zitat von Dir „Abbildung“

Euren Stachel, jenen kleinen,
den Ihr circa halbe Stunden
pieksen lasst? Sie hatte keinen
Höhepunkt? Nun, 5 Sekunden
mit Gewicht, das will ich meinen,
ließen jede Maya runden.


Damit bin aber nicht ich gemeint, stimmts?

(P.S. Ich wusste, dass es mich verfolgen würde )



Hallo Thomas,

ich freue mich, dass Du ob Deiner Müdigkeit doch noch ein paar Worte geschrieben hast, denn hättest Du es nicht erwähnt, wäre mir gänzlich entgangen, dass Mattes mich nominiert hat.


@ Mattes: Dankeschän *stolzbin*

LG, Maya



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#9

Schritt nach vorn

in Diverse 12.07.2006 17:20
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

Zitat:

Maya schrieb am 12.07.2006 16:46 Uhr:
Lieber, bisweilen frecher Mattes,


Das lasse ich besser unkommentiert.


Zitat:

Aber irgendwie erkenne ich nicht den Unterschied zwischen Deinem Vorschlag und meiner Version


Weia, Maya, dann ist es doch schlimmer, als ich fürchtete. Der Unterschied könnte kaum klarer sein:

Hier das lyrische Ich an der Schwelle. Ein Schritt nach vorn führte in die "Stadt". Jetzt schreibst du: Ein Schritt zurück bedeutete Verweilen. Quark! Ein Schritt zurück wäre ein Schritt zurück ins "Dorf" und kein Verweilen am Stadtrand. Das geflügelte Wort aber heißt "Stillstand ist Rückschritt", daher wäre logisch "Verweilen hieße einen Schritt zurück (gehen)". Und da das deinen Reim zerstörte, formulierte ich "ein Schritt zurück bedeutete Verweilen", was auch nicht richtig und auch nicht richtig schön ist, die richtige Deutung aber wenigstens zuließe! Ach, mach doch, was willst du, was geht deine Sinntax mir an!?


Zitat:

...ließen jede Maya runden.
Damit bin aber nicht ich gemeint, stimmts?


Nein.


Zitat:

P.S. Ich wusste, dass es mich verfolgen würde.


Ich hatte es dir zudem versprochen.

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#10

Schritt nach vorn

in Diverse 12.07.2006 17:25
von Maya (gelöscht)
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Ach so, jetzt kapiere ich erst, wie Du das meintest ( ), bleibe aber doch bei meiner Version ...

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#11

Schritt nach vorn

in Diverse 14.07.2006 10:24
von Nonverbal • Mitglied | 407 Beiträge | 407 Punkte
hallo maya,

deine wortbilder haben auch mich fasziniert. ich bin gleich eingetaucht und habe die bilder vor meinem inneren auge gesehen.

LG franzi

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#12

Schritt nach vorn

in Diverse 14.07.2006 11:51
von Maya (gelöscht)
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Fein, Franzi, das freut mich sehr . Vielen lieben Dank für Deine Worte.

LG, Maya

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#13

Schritt nach vorn

in Diverse 16.07.2006 14:44
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte

Zitat:

Maya schrieb am 12.07.2006 16:46 Uhr:
es gibt eine zweite Sinnebene, die ich aber nicht verraten möchte.




Darf ich dann mal raten? Die Stadt steht für einen anderen Menschen und dessen Welt. Dieser Mensch könnte ein älterer sein, ("alte Klinke", "Anstrich blättert"), vielleicht ist es der Vater, mit dem sich das Kind wieder versöhnen / vertöchtern möchte. Jedenfalls ist es ein Mensch, der schon einen Ruf, eine Vergangenheit hat. Er könnte dem Ich in den Rücken fallen, sobald sich das Ich auf dessen Welt einläßt. Die Gefahr ist die der Aussperrung. Deshalb tippe ich auf ein Liebesverhältnis, in dem das Ich sich selbst verliert und ganz der Welt des anderen verfällt. Warnung und Angst vor dem Fremden auf der einen Seite. Auf der anderen Seite die Neugier und die noch größere Angst, es nicht versucht zu haben. Das Ich ist gedrängt, es kann gar nicht anders, als das fremde Land zu betreten, das in diesem Fall eine Stadt ist, also ein etwas undurchsichtiger verruchter Typ, der schon andere zum Stolpern brachte. Doch das Ich will auf seine Fragen eigene Antworten bekommen, es läßt sich von zynischen Bemerkungen nicht aufhalten, es will Teil der Stadt werden, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen, es will hinter die Kulissen schauen und dann wird es schon sehen - oder?

Lieben Gruß, Ulli


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#14

Schritt nach vorn

in Diverse 16.07.2006 15:08
von Maya (gelöscht)
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Ulli - jetzt hast Du mich sprachlos gemacht. Ich kann nur sagen: Volltreffer!

Danke für Dein Feedback.

Sprachlos ab,
Maya


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