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Verkehrte Welt

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 26.05.2006 12:05
von Kamelot (gelöscht)
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Verkehrte Welt - Fragment

Der letzte Bauer im Spiel, der fallen soll, werde ich sein. Rückhalt und Opfer zugleich in einer Welt, wo das Licht langsam beginnt meine treuen Verbündeten zurückzutreiben: jene Springer, Läufer und Campanilen, die mir einst Schutz boten vor den Kriegern des Lichtes, sich aber in den letzten Stunden immer weiter in die Enge treiben ließen, da sie wussten, dass die Chancen erfolgreich zu sein durch den Mond zerstört wurden. Dass es ausgerechnet der Sonne Gegenspieler war, der unseren Untergang besiegeln würde, war für uns alle das, was wir am wenigsten erwartet hätten- unbewusst, nicht einmal ahnend, wie sehr sein plötzliches Auftauchen und der dadurch neu entstandene Lichteinfall unsere Pläne zunichte macht, er den Sieg der Dunkelheit nur durch sein schwaches aber flächendeckendes Licht vereiteln würde.

Am Liebsten würde ich ihn vom Himmel holen, doch bin ich nichts weiter als ein armer Bauer, nur da um ausgetauscht zu werden, für etwas Stärkeres, bloß wichtig um das Rochieren der Adeligen, der scheinbaren Götter zu vertuschen um dann miterleben zu dürfen, wie sie dennoch fallen und mit unseren Leben handeln, doch aufgrund mangelnder Kriegslist kläglich daran scheitern. Ein Leben, an das ich mich bereits gewöhnt habe- ungewollt: abgestumpft, abgebrüht – entstanden aus der Einsamkeit, die die Schwärze mit sich bringt, die Teil meines hoffnungslosen Lebens ist.

Gezeichnet könnte man mich nennen - geistige Wunden, tiefer noch als die Stiche, die ich meinen Gegnern bereits geschlagen habe bei allen Mutproben, die mir im Laufe der Jahre auferlegt wurden, nur um die Flagge zu verteidigen, den Fall des Königs zu verhindern und immer wieder zu merken, es ist noch nicht vorbei. Die Lücken werden nach besetzt, die Taktik ist immer dieselbe und jedes Mal merkt man nach den ersten beiden Zügen, dass alles um[justify]sonst war, der Angriff zu offensichtlich, ein weiterführen, des ursprünglichen Feldherrnblickes nichts weiter als Harakiri wäre, wie es unsere japanischen Freunde liebevoll bezeichnen. Und wozu das alles? Nur um zu zeigen, dass man selbst im Falle der Niederlage noch Größe beweist, indem man sich nicht dem Feind in die Arme spielt. Nur um zu zeigen, dass alles, was man sich erträumt hat, durch einen nichts sagenden Selbstmord in Erfüllung geht. Am besten wäre, ich würde alles hinschmeißen, keinen Gedanken mehr an einen möglichen Sieg verschwenden und einfach mein Leben irgendwo als Einsiedler leben. Jedoch würde man mich zurückholen, immer wieder und wieder und dann würde es anders aussehen, würde ich nicht den letzten Zug machen dürfen – denn alles entscheidenden, der sich wegen der Lichtverhältnisse heute stark hinauszieht. Was soll’s…früher oder später werde ich den königlichen Befehle bekommen, meinen Spezialzug machen dürfen…schließlich bin ich nicht nur Bauer sondern auch Pionier und irgendwie hab ich es dadurch bisher immer geschafft mein Überleben aufs Neue zu verdienen.

Stunden verrinnen…man wartet - nur wieso? Bei diesen Bedingungen könnte jederzeit eine Entscheidung fallen…das Schlachtfeld steht sperrangelweit offen, sieben meiner Mitbauern sind bereits gefallen, ich stehe da, nur geschützt durch die beiden Läufer in der fünften Reihe und warte…bange Sekunden, die sich langsam zu Minuten und zu Stunden entwickeln, doch dann mit Einbruch des Tages, mit dem lang erwarteten Sonnenaufgang präsentierte sich dem Feind die Rechnung. Sie hatten zu lange gewartet. Hätten sie uns im Mondlicht angegriffen wäre es für sie ein Leichtes gewesen uns einzukesseln, uns zurückzuschlagen wenn nicht sogar zu besiegen. Doch jetzt hatten sie ihre einzige Chance verspielt…ich höre es bereits hinter mir murmeln, mein Befehl, mein Einsatz. Sie hatten die Falle nicht durchblickt. Immer das Selbe, immer derselbe Zug und immer bin ich es, der ihn machen muss. Liegt vielleicht daran, dass ihn außer mir keiner durchführen kann…jetzt war es so weit: Bauer – C - Vier – Schachmatt.

Drei Worte die unseren Triumph voraussagen, die meinen Sinn im Leben erklären. Ich bin zwar nichts wert, kann aber problemlos Kämpfe entscheiden. Gut, wenn man so was immer im Hinterkopf hat.

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