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#1

Himalaja

in Philosophisches und Grübeleien 25.05.2006 00:47
von Roderich (gelöscht)
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Himalaja


Atemlos stehst du am Dach der Welt.

Du hast den Berg bezwungen, bist
zum Gipfel gestürmt, hast
Unsterblichkeit dir
erstiegen.

Schließe die Augen und
höre den Applaus den
die hier Gefallenen dir
spenden.

Und dann versiegle dein
Lebensbuch, es ist nun
unnütz, was kannst du mehr
erreichen.

Begrabe dich hier und jetzt mit
den hier Begrabenen, um jene, die
es nicht geschafft haben, zu
ehren.

Und wenn du dann erfroren bist und
dein Körper steif ist wie dein
Eispickel, dann werde ich
lachen.

Über deine Unsterblichkeit, über
deine Atemlosigkeit, über den
Schabernack, auf einen Berg zu
steigen.

Atemlos liegst du am Dach der Welt.
War es das wert?

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#2

Himalaja

in Philosophisches und Grübeleien 25.05.2006 11:24
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Morgen Thomas,

so früh schon auf dem Gipfel?

Ich glaube zu verstehen, was du kritisierst und finde es sprachlich gelungen. Möglicherweise ist hier auch eine (anti)österreiche Bergsteigerphobie im Spiel. Aber das Aufsteigen an sich würde ich persönlich dem Menschen nicht abspreche oder ausreden wollen. Es sitzt zu tief in ihm drin. Eher ist die Frage, wie der Mensch aufsteigt. "Atemlos" = gehetzt, angesttrengt, nur auf das Ziel fixiert, ohne Blick für den Moment? Gibt es nicht auch leichtere und lebendigere Formen des Aufsteigens von der Erdenschwere und Materieverhaftung? Und - ist es nicht eine Illusion zu glauben, man käme jemals oben an? Wenn du oben bist - sagt ein Zenwort - steige weiter. Dein Protagonist, der sich oben wähnt, kann natürlich nur zu Eis erstarren - die eogomanische Form der Unsterblichkeit (wie sie auch Luzifer in Dantes siebtem Kreis der Hölle erlebt). Da ist nichts Geistiges, Luftiges, Lebendiges mehr - nur ein Eispickel, ein eingefrorener Phallus, ein totes Stück ewiges Ego - das den Applaus anderer Egomanen genießt (ewiger Ruhm - welcher Worttümpler strebt nicht danach?). Die vielen, die es nicht geschafft haben, verdienen - so verstehe ich dich - die größere Ehre, zumindest die, die von sich behaupten könne, wir haben zwar keinen Ruhm erworben, aber wenigstens geatmet und gelebt!

Langer Rede schwacher Sinn: Aufsteigen ja, aber bitte auch wieder absteigen, nur das hält jung und lebendig! Und lass die Berühmten ihre Berühmten begraben!

"Schabernack" bedeutet Unsinn, Unfug und darüber darüber kann man lachen. Wahrscheinlich hilfts mehr als Bösesein (Neidischsein?) und langes Moralisieren.

Schönen Dank für dein Gedicht und schönen Gruß vom Tempelhofer Berg (54 m ü.M.) ins österreichische Himalaja!

Ulli

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#3

Himalaja

in Philosophisches und Grübeleien 25.05.2006 11:45
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
hi Thomas,
nichts beeindruckt , und provoziert uns mehr als die Macht der Natur.
Sie stellt uns auf den Platz der uns zukommt, ganz, ganz unten und das wollen wir nicht akzeptieren und deshalb gibt es immer wieder Menschen die sich in Grenzerfahrungen begeben und daraus demütig und geläutert hervorgehen oder umkommen.
Gern gelesen
Knud

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#4

Himalaja

in Philosophisches und Grübeleien 26.05.2006 14:51
von Maya (gelöscht)
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Hi Rod,

ich muss bei Deinem Gedicht irgendwie an Meier Helmbrecht denken, auch er wollte (gesellschaftlich) hoch hinaus – und bezahlte seine Überheblichkeit mit dem Leben. Denke auch, dass es in der Natur des Menschen liegt, hoch hinaus zu wollen.

Ich selbst habe mich auch mal auf Humboldts Spuren begeben und versucht, den Chimborazo zu besteigen. Unerfahren (und überheblich?) wie ich war, glaubte ich, das schon irgendwie hinzubekommen. Höhö, irgendwann wurde mir speiübel, weil ich die Höhe nicht gewohnt war. Bei der zweiten Hütte kapitulierte ich ( [2] ). Nun habe ich einen Stempel im Reisetagebuch: Refugios del Chimborazo/ Whymper 5.000 Mts. – der mein Scheitern festhält [5] .

Ob es sinnlos ist, einen Berg zu besteigen? Für mich nicht.
Ich denke, dass „richtige“ Bergsteiger und Kletterer eine Art Philosophie / Selbsterfahrungstrip im Aufstieg sehen, es nicht nur als eine physische Herausforderung begreifen, den Gipfel zu erklimmen.
Was Ulli gesagt hat, finde ich richtig, es kommt darauf an, wie man aufsteigt.

Den Begriff „Schabernack“ mag ich in Deinem Gedicht nicht, weil er neben den anderen Worten (Dach der Welt, Lebensbuch) so platt klingt, was ja durchaus von Dir beabsichtigt ist, weil das lyrIch das Klettern für Nonsens hält.
Aber trotzdem…Nun kann man heute sicherlich keinen Ruhm mehr erlangen, indem man (natürliche, keine gesellschaftlichen) Berge erklimmt. Und genau diese Doppeldeutigkeit in Deinen Zeilen gefällt mir – die natürliche vs. gesellschaftskritische Sichtweise. Die Natur ist zugunsten der Kultur zurückgetreten. Und aus philisterhafter Sicht ist das Bergsteigen wohl stumpfsinniger Zeitvertreib.

Ich habe das Gedicht sehr gerne gelesen – und werde einen Gegenentwurf schreiben, irgendwann, irgendwo, ganz hoch oben [1] .

LG, yam


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#5

Himalaja

in Philosophisches und Grübeleien 26.05.2006 19:57
von kein Name angegeben • ( Gast )
Nicht zufällig beginnt der Humanismus gleichzeitig mit dem Alpinismus verkörpert in einem Mann, der mit der Besteigung des Mont Ventouxs (der nicht zu Unrecht den Namen der "Windumtoste" trägt) das moderne Bergsteigen erfand: Petrarca. Alpinismus im besten Sinne daher auch stets gelebter Humanismus - womit natürlich der Everest-Wahn und die Alpenverschandelung nicht mehr viel zu tun haben.

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#6

Himalaja

in Philosophisches und Grübeleien 29.05.2006 00:15
von Roderich (gelöscht)
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Hallöchen alle zusammen,

vielen Dank für eure fleißigen Kommentare, über die ich mich sehr gefreut habe.

@ Ulli: Schön, dass du die Atemlosigkeit ansprichst, denn die ist wirklich zentral bei dem Gedicht. Das Streben nach Höherem ist ja gut und schön und sicherlich nicht unbedingt verdammenswert, aber es geht immer um die Frage nach dem Wie und dem Warum. Freut mich, wenn meine kleine Gratwanderung gefallen konnte.

@ Knud: Nicht nur die Begegnung des Menschen mit der Natur wollte ich ansprechen, sondern eher das allgemeine Streben nach mehr. Und doch hast auch du mit deiner Interpretation natürlich vollkommen Recht.

@ the artist formerly known as yamaha: Interessant, hier eine echte Bergsteigerin (jetzt hat sich wenigstens auch die Frage nach der Geschlechtszugehörigkeit beantwortet) unter uns zu haben. Ich kann diesbezüglich - obwohl Österreicher - nicht mitreden. Bin sowieso die Ausnahme, die die Regel bestätigt, nachdem ich auch schon seit etwa 7 Jahren keine Schipiste mehr aus der Nähe gesehen habe. Allerdings haben mich Berge immer fasziniert und so auch Berichte von Everest-Besteigungen. Das spukte im Hinterkopf als Inspirationsquelle für dieses Gedicht herum. Allerdings ist das Gedicht eben nicht (nur) als Bergsteigergedicht gedacht.

Bezüglich des Schabernacks: Da habe ich mir wohl einen kleinen Schabernack erlaubt. Sorry, aber ohne einem gewissen Augenzwinkern würde mir dieses Gedicht hier zu schulmeisterlich daherkommen. Daher bleibt der Schabernack ein Schabernack und damit im Gedicht.

Auf einen lyrischen Gegenentwurf bin ich aber mehr als gespannt.

@ Swann: Ein interessanter, erhellender Kommentar. Hab vielen Dank dafür. Damit hast du meinen Horizont wieder etwas erweitert. Das mit Petrarca wusste ich gar nicht. Die Pionierleistungen zu der damaligen Zeit möchte ich auch gar nicht schmälern. Ehre, wem Ehre gebührt. Aber der Rest soll oben auf dem Berg verrecken - in natura sowie gesellschaftlich.

Viele Grüße

Thomas

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