http://www.E-LIEratum.de
#1

Sterbenssatt

in Diverse 22.05.2006 10:27
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Sterbenssatt

Einem Freund zum Abschied


Von vollen Blüten tropft der Tau,
die Wolke kratzt am Mückenstich.
Geblendet sehe ich genau,
was mich vertrauen ließ in dich.

In deiner Strenge bist du zart
und wärmst, obwohl nach außen kühl.
Selbst Grobes wirkt an dir apart
und Ungeschlachtes zeigt Gefühl.

Dein Werden, zeitlos, geht im Nu,
bleibt unantastbar, ungeschützt.
Und traumverloren schaut dir zu,
wem Weile in der Eile nützt.

Nicht schwarz, nicht weiß, nicht einmal grau,
nein, farblos, wie ein bunter Hund,
der alt und jung ist, Mann und Frau,
unheilbar krank und doch gesund,

so bist du und auch wieder nicht.
Wer weiß schon, was er an dir hat?
Doch ob nun reimlos oder nicht,
bin ich vor Hunger sterbenssatt.

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#2

Sterbenssatt

in Diverse 22.05.2006 19:30
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Erst ein Abschied.
Dann die Nachrufe.
Jetzt ein Abschiedsbrief.

Ich werde mein Bestes tun, nicht pathetisch zu werden. Aber ich gestehe vorab, dass ich mich selten von einem Gedicht so angesprochen gefühlt habe wie von diesem.

Nun habe ich mich selbst als Interpret schon des öfteren bei maßlosen Projektionen erwischt. Jetzt, fürchte ich, könnte ich die Grenze zur Megalomanie überschritten haben Aber eins nach dem anderen.

Mein erster Gedanke war: Da verabschiedet sich jemand von einem Freund, der gegangen ist. Nun wird dieser Freund aber dann so lebendig und gegenwärtig beschrieben, dass spätestens bei den Schlußzeilen klar ist: Nicht der Freund hat sich verabschiedet. Das Ich nimmt Abschied (vom Du) und schreibt zum eigenen Scheiden diese Zeilen.

Wer ist nun dieses Du? Das ganz große Du, das gemeinhin mit Worten wie „Gott“, Natur“, „Leben“ etc. bezeichnet wird? Dafür sprechen vor allem Strophe 1 und 3. Aber bezeichnenderweise verzichtet der Autor auf derlei Bezeichnungen. Da Gespräche mit „Gott“ von Selbstgesprächen schwer zu unterscheiden sind, verstehe ich das Du auch als die eigene „Gottesnatur“, das „höhere Ich“, das „Idealbild“, auf das das Ich hinlebt: das, was es gerne sein möchte: ein „zeitloses“, „ganzes“, alle Widersprüche versöhnendes Wesen. Und drittens hat dieses Du aber auch die persönlichen Züge eines konkreten Menschen (streng, grob, kühl, ungeschlacht) , eines Menschen wie Du und Ich.

Apropos Ich. Darf sich in diesem zwischen Gott und buntem Hund schillernden Du nicht jeder angesprochen fühlen? Wer weiß schon, was er an sich hat? In der Selbstspiegelung enthüllt sich oft das Gegenteil von dem, was einer zunächst zu sein scheint. Er wird immer weiter, was aber auch heißt: immer abgründiger, rätselhafter und undefinierbarer.

Warum aber nimmt das Ich von diesem Du Abschied? Ich vermute, dass es etwas mit der Sehnsucht zu tun hat, die ein solches weites offenes Du auslöst. Im schier endlosen Prozess der Selbstwerdung ist der Hunger unstillbar. Das Ich hungert nach Vervollkommnung, ist es aber zugleich „satt“, sich immer wieder scheitern zu sehen an den eigenen Ansprüchen. Es will nicht ununterbrochen „sterben und werden“. Der Mensch will nicht immer nur an seiner Vergöttlichung arbeiten, sondern auch mal in Ruhe Fußball kucken.

Das nur als Beispiel.

Zugleich finde ich dieses Gedicht ein gutes Beispiel dafür, dass auch die Verweigerung eines Tuns dieses Tun voranbringen kann.

So long

Ulli

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#3

Sterbenssatt

in Diverse 22.05.2006 23:31
von Maya (gelöscht)
avatar
Ullis Interpretation ist wirklich sehr interessant, aber falsch .
Das Du ist das Leben an sich. In der ersten Strophe wird davon gesprochen, dass man Vertrauen in das Leben hatte. Das Leben ist manchmal nicht so einfach, was m. E. die zweite Strophe besagt. Ein Freund ist gestorben, das Vertrauen in das Leben etwas geschrumpft – daher die Vergangenheitsform in Strophe 1.
In der dritten wird vom zeitlosen Werden gesprochen, Leben bildet sich immer wieder neu, verschwindet dann aber auch im Nu. Die zweite Zeile der dritten Strophe erinnert mich stark an die Grundrechte des Menschen (das Leben ist unantastbar, oder so). Ende dieser Strophe wird von der Hektik gesprochen – man kann dem Treiben der Menschen zuschauen, das Leben vergeht so fix.
In Strophe 4 werden die unterschiedlichen Facetten angesprochen, auch die Gegensätzlichkeiten, die man so erfährt.
Strophe 5 führt diesen Gedanken der Vielfalt fort, greift in Zeile 2 noch die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Die letzte Zeile lese ich ganz anders als Ulli, nicht als Abschied vom Leben, sondern vom Tod – hier manifestiert sich der Hunger nach Leben, man möchte noch nicht sterben, wie der Freund, für den das Gedicht geschrieben ist. Ich sehe im Text eine Rechtfertigung – auch wenn der Freund nun nicht mehr lebt – hat man das Recht, sein Leben fortzuführen. So in etwa.

Hat mir ebenfalls sehr gut gefallen .
LG, yamaha

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#4

Sterbenssatt

in Diverse 20.06.2006 11:03
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallo, Ihr Beiden!

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mich hierzu noch gar nicht geäußert habe. Vielen Dank also für eure freundliche und wohlwollende Kritik. „Falsch“, liebe Maya, ist im Zusammenhang mit Interpretationen ein gewagtes Wort. Mancher meint ja sogar, dass nicht einmal dem Autoren selbst eine solche Aussage zustände, da er auch nur Interpret seines eigenen Werkes sei. Letzterem stimme ich nicht zu, da ich sehr wohl weiß, was ich intendierte. Falsch oder Richtig kann ich aber auch nicht bestimmen, da ich eben nur weiß, was ich wollte und wenn jemand etwas ganz anderes daraus liest, kann das für mich eventuell bedeuten, gescheitert zu sein, zumindest bei diesem Leser.

Gottlob ist das bei Ulli nicht der Fall, denn zumindest das Scheiden des Ich ist das, was ich zeigen wollte. Über die Natur des Du stellt Ulli nun Überlegungen an, die bei mir bestenfalls intuitiv vorhanden waren, der letzte Absatz der Interpretation ist jedoch so nah bei mir, wie nur was.

Schön, dass es euch beiden offenbar gefallen hat. Zur Beruhigung kann ich mitteilen, dass beide, das lyr. Ich und das Du zumindest das Werk überlebt haben, das lyr. Ich zwar nicht so wahnsinnig lang, aber immerhin. Der Abschied des Ich war jedoch endgültig, nach allem, was ich weiß.

Liebe Grüße
Mattes

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#5

Sterbenssatt

in Diverse 20.06.2006 11:34
von Maya (gelöscht)
avatar
Verstehe, was Du sagen willst - nämlich, dass ich Deine Zeilen diesmal völlig falsch interpretiert habe, stimmts?

, Maya

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#6

Sterbenssatt

in Diverse 20.06.2006 12:07
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Was ich mir beim erneuten Lesen beinahe nicht nachsehen kann, ist, dass ich diese vier Strophen nicht zum Gedicht des Monats vorgeschlagen habe.

Was mich zugleich tröstet: dieser Dickfisch gedeiht auch ohne ständige Fütterung und Prämierung. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass er gegen den Strom zur Bestform aufschwimmt...

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#7

Sterbenssatt

in Diverse 22.06.2006 09:25
von Nonverbal • Mitglied | 407 Beiträge | 407 Punkte
ja Ulli schade das dieses gedicht nicht vorgeschlagen wurde, ich hätte auch dafür gestimmt!

ich habe nochmal etwas hier rumgestöbert und einen kleinen schatz gefunden

Ich finde dein gedicht wirklich klasse mattes, obwohl ich so manche zeilen doch nicht für mich deuten kann. es liest sich fantastisch, wie das süße dessert am ende des hauptganges, und ebenso mundet es auch

LG Franzi

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#8

Sterbenssatt

in Diverse 26.06.2006 16:05
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

Zitat:

Maya schrieb am 20.06.2006 11:34 Uhr:
...dass ich Deine Zeilen diesmal völlig falsch interpretiert habe, stimmts?


Völlig anders, als ich sie konzipierte, ja.


Zitat:

Ulli Nois schrieb am 20.06.2006 12:07 Uhr:
...dieser Dickfisch gedeiht auch ohne ständige Fütterung.



Falsch.


Zitat:

Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass er gegen den Strom zur Bestform aufschwimmt...



Richtig.


Zitat:

Nonverbal schrieb am 22.06.2006 09:25 Uhr:
...obwohl ich so manche zeilen doch nicht für mich deuten kann.


Das lyrische Ich (Dichter) nimmt endgültig Abschied vom lyrischen Du (Lyrik).


Zitat:

es liest sich fantastisch, wie das süße dessert am ende des hauptganges, und ebenso mundet es auch


Ein geradezu poetisches Lob. Vielen Dank!

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#9

Sterbenssatt

in Diverse 26.06.2006 18:02
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
Mattes ein schönes Gedicht, dass auch mich sehr anspricht. Ich habe es voller Genuss gelesen, habe mich treiben lassen, mir meine Interpretation daraus gezogen und die verrate ich hier nicht.
Danke gerne gelesen,
Gruss
Knud

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#10

Sterbenssatt

in Diverse 26.06.2006 23:42
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

Zitat:

Knud Knudsen schrieb am 26.06.2006 18:02 Uhr:
... mir meine Interpretation daraus gezogen und die verrate ich hier nicht.


Schade. Dennoch vielen Dank.

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#11

Sterbenssatt

in Diverse 27.06.2006 11:35
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi Mattes,

ich muss gestehen, dass mich diese Zeilen zwar angesprochen hatten, ich aber nicht in der Lage war, sie richtig zu deuten (allerdings habe ich mich auch nicht richtig hineingekniet, sondern es beim unregelmäßig-regelmäßigen Lesen belassen ).

Ich konnte mit diversen sehr ausladenen Formulierungen inhaltlich nichts anfangen - welche Wolke kratzt den Mückenstich? Wer ist farblos bunt und Mann, Frau, jung, alt, krank und gesung gleichermaßen? Zumindest vermutete ich, dass es aus diesen Gründen nicht um eine bestimmte Person, sondern um etwas anderes gehen sollte...


Zitat:

Das lyrische Ich (Dichter) nimmt endgültig Abschied vom lyrischen Du (Lyrik).


Mit diesem Schlüssel lesen sich Deine Zeilen aber anders - und vieles ergibt einen Sinn. Die achso lyrischen Formulierungen tropfen sehr viel verständlicher in mein honigliches Gemüt, aber auch z.B. die zarte Strenge (=äußere Form eines Gedichts ?) ist nun auch anders interpretierbar.

Der einzige "deutliche" Hinweis (über die Deutlichkeit kann man aber streiten) auf das Thema Dichter - Dichtung findet sich m.E. in Str. 5/ Z. 3 mit dem reimlos. Vielleicht zu wenig, denn ist Schade, wenn man diesen Text nicht auch vor dem offenbar von Dir gedachten Hintergrund liest. Wobei ich verstehen kann, dass Du keinen Holzhammerhinweis anbringen wolltest, denn ein Gedicht ist - zumindest in meinen Augen - um so schöner, wenn es zwar viele Interpretationen zulässt, letztlich aber insbesondere auf diejenige hindeuten, die der Intention des Autors entspricht. Vorliegend bezweifle ich aber, dass ich ohne Deinen Hinweis auf den richtigen Pfad gelangt wäre.

Interessant ist übrigens, dass das lyrIch nun geblendet ist und dadurch sieht, was das damalige Vertrauen in die Dichtung hervorrief - es wird nicht festgestellt, dass es damals geblendet war und nun genau sieht. Kann man Blendwerk nur geblendet durchschauen, so wie man Feuer mit Feuer bekämpft?

Deine Zeilen gefallen mir, auch wenn ich auf des Pudels Kern ohne Dich nicht gekommen wäre, was wiederum Schade ist, da Dein Gedicht dadurch in meinen Augen noch mehr gewinnt... der Titel sitzt übrigens, gut gewählt!

Grüße,

Don

P.S.: Beim Lesen kam ich anfangs der letzten Strophe übrigens etwas in Strudeln. Die Metrik ist natürlich in ordnung, dennoch lädt es einfach sehr ein, dass So zu betonen.

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#12

Sterbenssatt

in Diverse 27.06.2006 15:41
von Fabian Probst (gelöscht)
avatar
da stimme ich Don zu.

Am Besten gefällt mir "die Wolke kratzt am Mückenstich".
Das hat Fantasie.

Ob das doppelte "nicht" als leichte Pointe des "reimlosen" nun gewollt ist oder nicht, ich finde sowas immer störend.

bei "wem Weile in der Eile nützt" bin ich sehr unschlüssig, ob ich es mag oder ob es nicht gestelzt und albern klingt.

Die Vergleiche insgesamt finde ich gelungen.
Du kannst durchaus mit Worten umgehen.

lg,Fabian

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#13

Sterbenssatt

in Diverse 06.07.2006 14:36
von kein Name angegeben • ( Gast )
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#14

Sterbenssatt

in Diverse 06.07.2006 14:45
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

Zitat:

DerBauchschreiber schrieb am 06.07.2006 14:36 Uhr:
Das finde ich saustark - ich kann mir den Menschen richtig vorstellen.



Der "Mensch" ist hier die Poesie, insofern war ich wohl wirklich sehr unklar. Dennoch herzlichen Dank für das lobende Wort.

DG
Mattes

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#15

Sterbenssatt

in Diverse 06.07.2006 16:13
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte

Zitat:

Mattes schrieb am 06.07.2006 14:45 Uhr:
insofern war ich wohl wirklich sehr unklar.


Sag ich doch! Aber auf mich will er ja nicht hören




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#16

Sterbenssatt

in Diverse 06.07.2006 16:24
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Ich muss das ja hinnehmen, Don, ich muss das ja hinnehmen. Was nützt das schönste Genie, wenn einen keiner versteht.

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#17

Sterbenssatt

in Diverse 06.07.2006 16:58
von kein Name angegeben • ( Gast )
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#18

Sterbenssatt

in Diverse 06.07.2006 17:49
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Ein unverstandenes eben, aber im Grunde hast du Recht, Bauchschreiber. Aber der Tümpel ist auch nicht die Welt, ich kann ja noch anderswo promenieren.

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