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#1

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 10:30
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte


    Bis ans Ende und darüber hinaus

    („Näher, mein Gott zu dir!“)


    Am Ende ist die Geige leer,
    die Töne flohen vor den Schreien.
    Wer wird dem weißen Stern verzeihen,
    der jetzt versinkt im kalten Meer?

    Wir hielten stand, trotz fernen Lieben,
    nach dem Warum fragt keiner mehr.
    Sie bäumt sich auf, zur letzten Wehr,
    durch Hochmut in den Tod getrieben.

    Den Bogen legst du jetzt auf Samt.
    Dir eilt nicht, weil die Uhren stehen.
    Das letzte Stück: Allein zu gehen;
    ein Musiker zum Held verdammt.

    Und Schrecken steht dir in den Augen.
    Reich mir die Hand, mich ängstigt auch.
    Der grosse Traum zerstiebt im Rauch.
    Mein Gott, ich würde so gern glauben!



    © Margot S. Baumann


    Wettbewerbskritiken


    Audioversion

    Musik von Lowell Mason 'Nearer my God to Thee'

    Und die Kapelle spielte weiter... Als die Titanic, das Flaggschiff der White Star Line, am 14. April 1912, kurz vor Mitternacht auf ihrer Jungfernfahrt einen Eisberg rammte, innerhalb von zweieinhalb Stunden sank und über 1500 Passagiere in den Tod riss, geschah dies mit musikalischer Begleitung: Gespielt von den Musikern des Titanic-Orchesters, sehr mutige Männer, auf tragische Weise dazu bestimmt, mit ihrem Schiff unterzugehen.

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#2

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 15:50
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
...Habe meine Meinung geändert...eigentlich ist das Gedicht grottenschlecht!

Scherz!
Mist, jetzt habe ich doch tatsächlich angefangen die geweihte Erde unter dem Sieger zu beflecken. Aber irgendein Depp es muss ja tun. Natürlich sagt mir dein Gedicht immer noch zu (du weisst ja warum) und nun bin ich gespannt was die anderen darin sehen. Ich jedenfalls sehe da keine Titanic.

Grüßle,

Willi

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#3

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 16:04
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Willi, ja ja ... jetzt wirft man mit Dreck!

Ein paar Anmerkungen:


Zitat:

Arnos Kritik
Das erste uns zugesandte Gedicht: Handwerklich wurde hier gut gearbeitet. Der umschließende Reim ist – meines Erachtens – eine gute Möglichkeit bei diesem Thema per se; und wurde auch hier überlegt eingesetzt. In den Strophen wird durchweg der Gedanke der (möglichen) Einsamkeit thematisiert. Damit verbunden ist auch immer der Wunsch nach dem Gegenüber. Allein ist nicht ganz nachvollziehbar, weshalb man hier den Wechsel von acht und neun Silben von Strophe zu Strophe vollzog.
Sprachlich/metaphorisch ist das Gedicht in der ersten Strophe ein wenig überlastet. Hier stören einfach „weißer Stern“ und „kaltes Meer“ – die nicht ineinander fließen wollen. Wenn man möchte, dann kann man im „weißen Stern“ einen „weißen Zwerg“ sehen, und damit quasi das Endstadium der Geige. Aber dafür wäre das Bild zu hoch gegriffen. Im weiteren Verlauf kommt noch ein grammatischer Fehler hinzu. Die Rede ist von Strophe2/Zeile1: „Wir hielten stand, trotz fernen Liebens“. Aber das ist nur ein Kleines. Die Situation fährt sich selber fort, in dem das beobachtende Ich von der Geige, zum Du, zur gemeinsamen Einsamkeit kommt. Trotz des gelungenen Aufbaus fehlt es mir an Stimmung oder einfach an stimmungsreicheren Bildern. Dagegen ist der Übergang von der Geige zum Spieler gelungen. Der Glaube an Gott in Verbindung mit dem Glauben an die Spielbarkeit des Lebens. Und schräg klingende Musik („Sie bäumt sich auf, zur letzten Wehr“) ist mit Sicherheit eine gute Möglichkeit, hierbei Harmoniebedürftigkeit auszudrücken, die doch nicht erlangt, aber nichtsdestotrotz gesucht wird.




Ich füge das jetzt mal ganz frech ein.

Über den Wechsel der Silben möchte ich Folgendes sagen. Natürlich hängt der damit zusammen, dass es sich um den Untergang der Titanic handelt und ich das Metrum dementsprechend aufbaute:


xXxXxXxX
xXxXxXxXx
xXxXxXxXx
xXxXxXxX

xXxXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXxX
xXxXxXxXx

xXxXxXxX
xXxXxXxXx
xXxXxXxXx
xXxXxXxX

xXxXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXxX
xXxXxXxXx


Es sollte natürlich den Wellengang verdeutlichen. Ich kann dir natürlich nicht vorwerfen, dass du das nicht gesehen hast, wollt’s nur anmerken. *g

Der weisse Stern – habe es schon andernorts gesagt – ist natürlich ein Hinweis auf die White Star Line. Ich streute diverse solche Hinweise ein. Der Untertitel zmB. ist, der Legende nach, der letzte Titel, den die Musiker - sie spielten während der ganzen Zeit, um die Passagiere zu beruhigen - zuletzt gespielt haben. Link

Der gramm. Fehler ist wohl beim Versenden passiert …. da kann keiner was für.

Was die fehlende „Stimmung“ angeht. Natürlich fehlt die, weil es sich ja um eine Katastrophe handelt und dann ist’s immer recht schwierig, nicht zu pathetisch rüber zu kommen und auf die Tränendrüse zu drücken.

Danke nochmals für deine/eure Kritiken. Schade, hat man gemerkt, dass es von mir kommt (ich sollte wohl weniger Gott in meinen Beiträgen erwähnen ).

Gruss
Margot




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#4

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 18:43
von Olaf Piecho (gelöscht)
avatar
Hallo Margot,


keine Kritik, aber mein allerherzlichsten Glückwunsch zu Deinem Sieg! Fein, eine würdige Siegerin haben wir da...

Grüße von Olaf

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#5

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 18:51
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Margot, Willi

Jetzt kann man natürlich den Untergang herauslesen. Vorher hätte ich es vermutlich nicht bemerkt. Dass der "weiße Stern" sinkt ist aber eigentlich falsch, denn die Linie hieß ja so. Einen Bezug zu dem Schiff, hätte ich so nicht gefunden. Die Linie gibt es sogar noch glaube ich.

LG Gem

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#6

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 21:43
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Na ja, das Gedicht sagt ja nicht, dass es das Ende der Reederei war. Aber ganz sicher war die Titanic der Star der White Star Line und ist somit der naheliegende, übertragene weiße Stern, der da untergeht.

Das Gedicht ist nicht nur gutes Kling-Klang-Klong, sondern auch inhaltlich stark, gut verarbeitet und mit entsprechenden und ansprechenden Hinweisen bestückt. Eine wirklich souveräne, saubere Arbeit. Es spricht mich etwas weniger an, als die meisten Baumänner, weil es mir allzu bedacht programmatisch ist, die dichterische Freiheit ging sozusagen mit unter. Ich weiß, dass der Vorwurf etwas absurd ist aber es ist mir zu solide. Es ist ein würdiger Gewinner und machte sich auch in so ziemlich jeder Hall-of-Fame gut, aber mir fehlt der Kick. Wahrscheinlich liegt das nur daran, dass ich ein grausam schlechter Verlierer bin, aber so ist das nun mal.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen und selbst ganz klein, grün und hässlich zu werden, gebe ich jetzt noch zu, dass ich mich spontan fragte, wo genau denn hier die Themenvorgabe getroffen wurde. Auch jetzt noch, mit etwas Abstand, muss ich sagen, dass man die Gesamtüberschrift nicht nur wegen des Titels vielleicht finden mag, die beiden Inspirationsquellen aber nicht.

Und bitte, Marge, erkläre mir die conclusio, insbesondere den letzten Vers. Ich begreife es nicht.

DG
Mattes

P.S.: Das Gedicht für sich genommen und als solches ist - zusammen mit Ullis - ganz sicher das reifste Gedicht unter den Beiträgen, also bitte nicht falsch verstehen.

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#7

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 22:02
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Herzlichen Glückwunsch Margot!

wie Rod mit Recht vermutete, goenne (sorry mein Umlaut klemmt) ich dir natürlich deinen Sieg! Ich fühle mich in der Mitte eh viel wohler als an der Spitze. Hochmut kommt vor dem Fall und damit zu deinem Gedicht.

Der Einstieg ist brilliant: "Am Ende ist die Geige leer." Das koennte zu einem geflügelten Wort werden. Das Ende des Lebensliedes. Du spielst auch im weiteren so souverän mit dieser Metaphorik, dass dein Gedicht es locker verkraftet hat, dass zwei Juroren den konkreten Bezug nicht gesehen haben. Ich finde ihn übrigens unübersehbar (nachdem du darauf hingewiesen hast ) Auch das Fliehen der Toene überzeugt mich, weniger der Wechsel in die anschließende Frage, die für mich etwas altbacken moralisch klingt.

Das ist überhaupt mein Hauptproblem mit dem Text. Die unklare (oder wehcslende?) Position des lyriscehn Ichs, die das Einfühlen des Lesers erschwert. Spricht da der Musiker? Oder der Erzähler? Oder eine dritte Person, die dem Geiger zusieht? Oder sprechen sie abwechslend? Von einem Betroffenen kann ich mir schwer vorstellen, dass er in dieser Situation in dieser Weise die Frage nach dem Verzeihen stellt. Und was für ein Mensch muss das sein, der unmittelbar vor seinem grausamen Kältetod die Worte findet: "Reich mir die Hand. Mich ängstigt auch"? Das ist mir zu sehr Opernsprache. Mein Gott, ich würde gern glauben, dass Menschen so denken und sprechen, wenn sie vor dem nackten Krepieren stehen, aber ich kann es nicht.

Und selbst von einem Chronisten würde ich mir - rein sprachlich - eine andere Einfühlung wünschen. So präzise und vielschichtig ich die bildliche Präsentation finde, diesen Einwand kann ich nicht unterdrücken, auch auf die Gefahr hin, dass ich mißgünstig klinge.

Ich bin gesoannt, was du und die anderen Leser dazu sagen.

SincereUlli

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#8

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 22:31
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Margot, wenn ich bemerken darf:
Wenn sich das Gedicht tasächlich auf die Titanic bezogen hat, bin ich froh, die wahre Aussage nicht erkannt zu haben. Die Jamben als Wellen zu sehen und den weissen Stern als die Linie, das finde ich schon recht weit hergeholt.
Den häufigen Wechsel der Personen hat mich beim Kritisieren zuerst auch irritiert, und so habe ich mir dann eine Interpretation zusammen gesponnen...

Hätte wenn und aber, ich finde es schön, dass man die Wettbewerbsbeiträge nochmal ein wenig nachbesprechen darf.

Das könnte auch den einen oder anderen motivieren, beim nächsten mal mitzumachen - denn wann werden Gedichte so intensiv besprochen?

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#9

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 22:39
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte

Zitat:

Wilhelm Pfusch schrieb am 12.05.2006 22:31 Uhr:
...denn wann werden Gedichte so intensiv besprochen?


Ich muss mal spammen, denn das ist sehr wahr und der beste Grund fürs Mitmachen und für den erneuten Dank an die Juroren. Daher rührte sicher auch die Ungeduld beim Warten auf die Auswertung, bei mir jedenfalls eindeutig.

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#10

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.05.2006 23:46
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Vielleicht benutze ich das Bewertungsschema mal unter Sparringbedingungen.... vielleicht steigt sogar ein geborener Kritiker aus der Asche, sagt uns wir haben alle Mist verzapft und befreit den Tümpel von allen kritikastischen Sorgen....

Es ist spät gel

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#11

Bis ans Ende und darüber hinaus

in Düsteres und Trübsinniges 13.05.2006 00:43
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Leute

Macht Spass, mein Gedicht madig zu machen, wa? Aber das ist nur der Neid, ich weiss!

Zuerst mal danke bestens für alle Glückwünsche und die Kommentare. Bin etwas müde, deshalb nur ein paar Antworten auf die '?'.

Also das Metrum wollte ich an- und abschwellend haben ... natürlich sind die Kreuze keine richtigen Wellen, aber wenn man's liest, sollte man ein Auf und Ab bemerken.
Sprechen tut nur Einer, der Bandführer, zu einem seiner Mitspieler. Wenn er von 'sie' redet, meint er das Schiff. Hätte ich es mit " " kennzeichnen müssen? Nicht wirklich, oder?
Der Schlusssatz bezieht sich auf das zuletzt gespielte Lied, dessen Worte Trost versprechen und eine Annäherung an Gott. Ich glaube, es ist nachzuvollziehen, dass man in einer solchen Situation zu zweifeln beginnt.
Zum Thema .... nun, ich habe mir, als ich den Satz: Bis ans Ende und .... las, Gedanken dazu gemacht, wer oder was einem dazu bringt, bis zum Ende und darüber hinaus etwas zu tun oder zusammenzubleiben. Spontan dachte ich dann an die Musiker der Titanic, die bis zuletzt zusammen spielten. Die über sich selber hinaus wuchsen und nicht an sich selber dachten. Diese Geschichte hat mich schon immer sehr fasziniert, und als dann der Film gedreht wurde, und Il Salonisti dafür engagiert wurden - ich kenne einen von denen - habe ich mir die ganze Geschichte zu Gemüte geführt. Normale Menschen, die in Extremsituationen zu "Helden" werden, für die habe ich nun mal ein Faible.
Kann sein, dass es kein typischer Baumann ist - was heisst das schon! - aber es war im Kopf, kam zu Papier und hat doch - ein Paar (*g) - überzeugt. Ich dachte aber selber nie daran, dass gerade dieses Werk das Rennen macht und das ist keine Koketterie, aber freuen tut's mich schon ein büschchen.


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