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Das Ende der Verwirrung

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 27.04.2006 18:27
von Olaf Piecho | 111 Beiträge | 111 Punkte
Am Anfang war das Wort. Es stand mit großen Buchstaben auf dem Zettel, den Harro Klein, ein hoch gewachsener schlanker Mann mit einer Narbe über dem Kinn, während einer Sitzung zugesteckt bekam. PRAG. Harro kratzte sich an seiner rechten Braue - ihr fehlten an einer Stelle die sonst so buschigen Haare -, drehte den Zettel um, malte ein großes Fragezeichen darauf und gab diesen unauffällig zurück. Statt einer Antwort streckte der Vertriebsleiter, Roland Straub, seine auf dem Tisch liegende Hand flach aus und ließ die geschlossenen Finger schräg nach oben zeigen. Dann stieg die Hand in Richtung der ausgestreckten Finger auf und zeigte anschließend mit dem Zeigefinger erst auf den Zettel, dann auf Harro. Mehr wollte der Vertriebsleiter dazu nicht von sich geben, die Sache schien ihm eindeutig und klar.

Nach der Sitzung eilte Harro auf den Gang. Von Roland Straub war nichts mehr zu sehen. Er rannte zum Treppenhaus, lauschte hinab und hörte die eiligen Schritte. „Herr Straub", rief Harro hinterher, "so warten Sie doch! Was um alles in der Welt soll ich denn in Prag?“
„Gehen Sie zu meiner Sekretärin!“, hallte es zurück. „Sie wird Ihnen alles Weitere erklären. Entschuldigung, aber ich habe es sehr eilig! Sie wissen schon, den Vorstand lässt man nicht warten. Und enttäuschen Sie mich nicht, Herr Klein, ich brauche Ihren Erfolg!“
Das war alles. Kein weshalb, kein wie lange, kein zu wem. Kopfschüttelnd schwenkte Harro in das leere Zimmer der Sekretärin, setzte sich auf den Besucherstuhl vor ihren Schreibtisch und wartete. Er betrachtete die gerahmte Stadtansicht von New York, sah, dass das Bild etwas schief an der Wand hing, stand auf und rückte es in die stimmige Position. Mit verschränkten Armen lief er im Zimmer auf und ab, versuchte sich vorzustellen, was genau er in Prag zu erledigen hätte. Er freute sich, dass seine Wichtigkeit in dieser Firma wuchs. Nach einiger Zeit erschien Frau Müller, die Sekretärin, wedelte aufgeregt mit einem Flugticket und sagte mit ihrer dirigierenden Stimme: „Herr Klein, gut, dass Sie hier gewartet haben. Sie wissen, dass Sie heute noch nach Prag fliegen müssen? In drei Stunden geht Ihr Flug.“
„Liebe Frau Müller", gab Harro im gleichen eindringlichen Ton zurück, „wenn Sie mir noch verraten würden, was ich da soll und wann ich meine Koffer packen dürfte, wäre ich schon fast weg.“
„Morgen früh treffen Sie sich mit Vaclav Prteck in Ihrem Hotel. Kennen Sie ihn? Er ist der einflussreichste Mann der Entscheidungskommission. Für uns geht es dabei um ein Gesamtvolumen von 20 Millionen Euro. Sie, Herr Klein, sollen Herrn Prteck davon überzeugen, dass wir die Richtigen für diesen Auftrag sind. Wie Sie das anstellen, ist Herrn Straub übrigens egal, Sie haben alle Freiheiten. Muss ich noch erklären, wie wichtig der Auftrag für uns ist?“

„Es geht also um Leben und Tod, um Anfang und Ende?“ Frau Müller runzelte erstaunt ihre Stirn und lächelte verlegen.
„Wie Sie das immer sagen, Herr Klein! Ohne Pathos geht es wohl nicht?“
Harro mochte die Sekretärin. Vor einiger Zeit hatte sie sich diskret und dennoch liebenswert nach seinen zwei unterschiedlichen Augenfarben erkundigt. Ihre stille Aufmerksamkeit war ihm angenehmer, als der doppeldeutige Augenaufschlag einiger anderer Damen seiner Abteilung. Jetzt ging sie zum offen stehenden Rollschrank, zog einen schmalen Ordner heraus und reichte diesen an Harro weiter.
„Hier sind die wichtigsten Unterlagen, die restlichen sende ich ihnen per Mail hinterher. Sie werden sich ja irgendwo mit ihrem Notebook einwählen können, oder?“
„Und wenn nicht, machen wir die tschechische Telefongesellschaft für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich und klagen auf Schadensersatz.“
„Herr Klein, es darf nichts schief gehen! Der Chef schickt nicht umsonst seinen besten Mann dahin. Also, Kopf hoch, Sie schaffen das schon! Legen Sie Ihre Telefongespräche auf mich und dann schieben Sie endlich ab zu Ihren Koffern.“

***

Seit dreißig Minuten kreiste die Maschine aus Berlin über Prag, mit ihr kreisten Harros Gedanken. Hoffentlich, so dachte Harro, habe ich dieses Mal mehr Zeit für mich. Immer diese Hetzerei; einsteigen, fliegen, Hotelankunft, nicht schlafen können, verhandeln, zum Flughafen eilen, Abflug. Ich kenne von den Städten das Luftbild und die Taxiperspektive. Wie sagt Straub immer? „Wir bezahlen Ihnen doch keine Lustreisen, Herr Klein.“ Ich möchte mal wissen, was er so auf seinen Reisen treibt; ganz harmlos dürften diese, bei allem, was man so hört, jedenfalls nicht sein. Ob es wohl stimmt, dass er mit unseren Kunden nach Vertragsabschluss immer ins Bordell geht? Ach, was geht es mich an, ich jedenfalls werde für so etwas nicht zur Verfügung stehen. Sicher nicht. Ich könnte Hannah nicht mehr in die Augen sehen. Ob sie inzwischen meinen Zettel gefunden hat?

***

„Hallo? Hannah? Ach Rieke, du bist es, du bekommst immer mehr die Stimme deiner Mutter. Wie bitte? Nein, nein; das war ein Kompliment oder sollte zumindest eines werden. Versprochen, ich übe weiter daran. Ist denn Hannah zu Hause? Wie? Ach stimmt, heute hat sie ja ihren Spanischkurs. Warum hast du es denn so eilig? Tanzstunde… Weißt du was, dann lege doch bitte meinen Zettel auf Hannahs Kopfkissen und schreibe ihr noch darauf, dass ich gut in Prag gelandet bin. Ja, Rieke, bis morgen. Tschüss!“

***

Warum verstand der Taxifahrer ihn nicht? Harro drehte sich unruhig im fremden Bett. Knirsch. Zahnreihen rieben aufeinander. Knirsch. Er wollte doch nur zur Prager Burg, sonst nichts. Der Taxifahrer wiederholte mit monotoner Stimme und unbeweglichem Gesicht seinen Preis. Eintausend Kronen. „Ich gebe Ihnen Fünfhundert, das ist mehr als genug. Wenn Ihnen das nicht langt, fahre ich lieber mit der U-Bahn.“ Der Schein wurde Harro aus der Hand gerissen, die Türen verriegelten sich und das Taxi schoss durch die Straßen des nächtlichen Prag. Knirsch. Waren sie noch in dieser Stadt? Das Gold der Türme schien von der Nacht verschluckt, tschechische Funkwörter blieben unverstanden, dicker Nebel zog von der Moldau herauf. Harro drückte auf Knöpfe in der Wagentür und versuchte so das Fenster herabzulassen. Nichts geschah. „Wo fahren Sie hin? Das ist nicht der Weg zur Burg!“ Keine Antwort. „Hallo! Ich will wissen, wohin Sie fahren!“ Wieder keine Antwort. Harro versuchte trotz der schnellen Fahrt die Straßenschilder zu erkennen; sie fuhren auf der Nuselský most, bogen dann im scharfen Tempo in die Allee unter den Linden. Staatskarossen parkten am Straßenrand, in respektvoller Entfernung wartete die Polizeieskorte.

Plötzlich setzte diese sich wie auf ein Zeichen in Bewegung, folgte dem Taxi und eskortierte bis zum Brandenburger Tor. Achtung, eine Durchfahrt! Niemand verlangte einen Ausweis, keiner wollte einen Fingerabdruck. Polizeihubschrauber kreisten über Harro und dem Taxifahrer, beleuchteten die Straßen einer ihm fremden Stadt; diese dunkle Gegend kannte er nicht. Das Taxi wurde langsamer. Es fuhr im Schritttempo, blieb umringt von einer Horde Jugendlicher stehen. Fratzen, dachte Harro, schwarze und weiße Fratzen; gut, dass die Türen verriegelt sind. Das Auto wurde geschaukelt, wippte im Rhythmus des Rapgesangs der Ghettoblaster. Schweiß, es roch nach frischem Schweiß. Zungen leckten gierig an den Scheiben, leckten und leckten. Das Auto fuhr nicht. Harro sah erschrocken, wie sich dennoch dunkle Hauseingänge an ihnen vorbei schoben. „Sie tragen uns!“, rief er zum Taxifahrer. „Hörst du?“ Das versteinerte Gesicht gab keine Antwort. Stattdessen wurde der Zündschlüssel abgezogen und die Scheibe der Fahrertür herabgelassen; mit einem schnellen Griff zur Dachreling zog sich der Taxifahrer aus dem offenen Fenster, drückte, bevor er von der Horde grölend davongetragen wurde, noch in der Seitentür auf jenen Knopf, der den elektronisch gesteuerten Mechanismus zum Schließen der Seitenscheibe auslöste.

Erleichtert fühlte sich Harro nicht in seiner Kapsel, vielleicht etwas sicherer. Noch immer wurde er im Auto durch fremde Straßen einer Stadt geschleppt. War er in Paris? Nein, Harro hielt solche Zustände in Paris nicht für möglich. Dann schon eher New York. Brooklyn? Die vielen farbigen Jugendlichen, der Gesang der Straße, Polizeihubschrauber; alles sprach dafür. Der Mob war an einem Schacht angelangt. Es öffneten sich zwei riesige Stahltore. Hau, hau, hau! Ruck! Das Auto krachte in einen schwarzen Schlund, rutschte holpernd eine schiefe Ebene hinab und landete auf einer metallenen Plattform. Harro sah nichts, alles um ihn war schwarz. Er spürte, wie sich die Plattform in Bewegung setzte; so viel war sicher: das Taxi stand, die Plattform rollte. Ein Eisenbahnwagon? Erste Lichter tauchten entfernt auf, kamen näher, entfernten sich, verschwanden. Kabel. Er hatte deutlich dicke Kabel an der Wand gesehen. Wieder kamen Lichter, heller und dichter als zuvor. Wieder diese Kabel. Harro schwang sich von hinten auf den Fahrersitz, wollte mit den Händen am Lenkrad notfalls in die Situation eingreifen können, begriff aber, dass er sich gut überlegen müsse, was zu tun sei. Durch die Frontscheibe erkannte er vor sich einen Wagon. Eine U-Bahn? Wie zur Bestätigung gingen vor ihm im Wagon die Lichter an, leuchteten ein wenig den dunklen Tunnel aus und gaben Harro ein nüchternes Bild seiner Situation. Der Zug raste durch die Dunkelheit, manchmal blitzten für Sekunden einzelne Stationen auf; die Namen der Stationen waren für ihn Zeichen des Lebens.

Es gab sie also noch, die Anderswelt. Alexanderplatz, Krasni Ploschatch, Champs Elysées, Columbus Circle. Harro wusste, dass es keine Station „Prager Burg“ gab. Und doch hielt schließlich das rasende Ungetüm genau an dieser Stelle. Prager Burg. Alles Aussteigen, der Zug endet hier. Harro öffnete die Tür des Wagens, stieg auf die Plattform und spürte den wohltuenden leichten Wind einer U-Bahn- Station. „Hallo? Ist hier jemand?“ Der Bahnhof schwieg. Er sprang auf den Bahnsteig, staunte, als er sich noch einmal umdrehte, über das große Schild auf dem Taxi. „Prager Burg.“ Wie eine Empfängeradresse stand es da in großen schwarzen Lettern. Geliefert, dachte Harro, ich bin geliefert worden. Wem?! Warum nur? Der Ausgang war mit großen Gittern verschlossen. Die Lichter erloschen plötzlich. Ein kalter Wind zog über den Bahnsteig, aus der Dunkelheit blitzten zwei grüne Augen. Wolfsaugen! Harro rannte, sprang die Gitter hoch, kletterte bald ohne Kraft. Immer höher. Unter sich hörte er hungriges Knurren. Malmendes Knirschen. Unruhige Wendung.

***

„Hören Sie, dass kann doch gar nicht sein. Ich weiß doch ganz genau, dass ich gestern Abend vom Flughafen mit dem Taxi direkt in das Maximilian-Hotel gefahren bin. Wie bitte? Nein, ich war gestern Nacht nicht unterwegs. Ich habe die Unterlagen für das Prteck-Gespräch durchgearbeitet. Frau Müller, was denken Sie denn von mir?! Also bitte, versuchen Sie diesen Prteck zu erreichen, ich komme etwas später. Zehn Uhr schaffe ich, also um zehn im Maximilian-Hotel.“ Harro legte das Handy auf den Nachttisch und versuchte zu begreifen was geschehen sein könnte. „Ich brauche frische Luft!“, hörte er sich sagen, als er schweißgebadet und viel zu spät an diesem Morgen erwachte. Er stolperte zum Fenster, riss die schweren Vorhänge zur Seite und stand einige Augenblicke wie gelähmt. Wo war er? Das Fenster, aus dem er schaute, zeigte eine unwirkliche Kulisse. Alte, mit grauweißen Ornamenten geschmückte Fassaden umschlossen auf der rechten und linken Seite einen kleinen Platz, einen Burghof. Die hohen Fenster ließen die Größe der dahinter liegenden Räume und Säle erahnen. Gegenüber, vor einer riesigen Kirche, tötete seit ewigen Zeiten ein zarter Reiter eine schon am Boden liegende Bestie. Tief hatte sich die Lanze in das Fleisch gebohrt. Ein stummer, qualvoller Schrei; gleich würde das tödlich getroffene Untier besiegt sein. Harro war für Momente noch einmal in seinem Traum, dachte daran, dass dieser Kampf wohl nie enden würde. Immer würde irgendein Georg töten müssen, um selbst überleben zu können.

Vielleicht liegt das Geheimnis des Überlebens in der Verfügbarkeit einer Lanze, der Rest würde sich schon ergeben. Beifall drang an Harros Ohr, er wandte seinen Kopf, sah eine bunte japanische Gruppe, sah in ihrer Mitte die junge tschechische Stadtführerin mit einem Glitzerstab in seine Richtung wedeln. Ergötztes japanisches Gekreische und ein tschechischer Handkuss flogen ihm entgegen. Er winkte und entdeckte gleichzeitig erschrocken seine Nacktheit. Vorhang zu. Er konnte sich nicht erinnern. War er in genau diesem Zimmer eingeschlafen? Zu ähnlich sind sich die Hotelzimmer dieser Welt, zu austauschbar wirkt ihre aufgesetzte Gemütlichkeit. Seine Sachen hingen geordnet über der Stuhllehne, der Hartschalenkoffer stand mit ausgezogenem Griff wie zum Abflug bereit, alles schien normal. Bis auf den Blick aus dem Fenster.

Bald darauf trat Harro Klein, den Koffer hinter sich her ziehend, in den dritten Hof der Prager Burg. Die Statue des heiligen Wenzel wies ihm mitleidig den Weg in den zweiten, dann hastete er mit hochrotem Kopf in der Nähe vom Matthiastor an der japanischen Reisegruppe vorbei. Harro hatte es eilig. Er überlegte, wie er am schnellsten um diese Zeit zum Maximilian-Hotel, nahe der Prager Altstadt auf der anderen Moldauseite, gelangen könnte. Mit dem Taxi? Nein, nicht schon wieder! Mit dem Bus? Oder der rot-weißen Straßenbahn? Harro entschloss sich zu laufen. Durch die nördliche Kleinseite der Stadt ging es auf der Nerudova bergab, auf der Malustranské Námesti wusste er, dass seine Entscheidung richtig war; in wenigen Minuten müsste er die Karlsbrücke erreichen schon bog er in die Mostecká und staunte über die schier endlosen Menschenströme. Sein Handy klingelte. Im Eilschritt nahm er das Gespräch an, blieb abrupt stehen und wollte das, was er soeben gehört hatte, nicht glauben. "Was sagen Sie da? … Der Termin ist abgesagt? … Was soll das heißen?... Prteck ist verschwunden? Wie verschwunden?... Ja, ich habe verstanden. Rückflug 16:30 Uhr.“

Auf einmal hatte Harro alle Zeit der Welt. Er ging in das nächste Hotel, gab an der Rezeption gegen eine maßvolle Gebühr und ein reichliches Trinkgeld seinen Koffer zur Aufbewahrung ab und schlenderte so befreit durch das Tor der Kleinseitener Türme zur Karlsbrücke hinauf. Er hielt sein Gesicht in die Sonne, ließ sich von den wärmenden Strahlen durchfluten, und ganz langsam tauchte in ihm aus großer Tiefe das Glück über unvorhergesehen geschenkte Zeit auf. Mit geschwellter Brust schritt er nun auf der Mitte der Straße, die vielen Menschen verschwanden aus seinem Blick. Er war der König dieser Stunde, ließ sich vom Spalier der Statuen zujubeln und nickte gelegentlich der einen oder anderen zu. Auf der anderen Seite der Moldau, kurz vor dem Altstädter Brückenturm, schien Harro einen geheimen Befehl zu erhalten. Zackig wendete er, stolzierte bis zur Mitte der Brücke zurück und betrachtete die imposante Kulisse. Noch immer fühlte er sich erhoben, stand genau im Kreuz der sanften Moldau und des fließenden Menschenstromes. Wie an die Brückemauer angenäht, säumten Händler mit gemalten Bildern, Souvenirs und Schmuck zu beiden Seiten den Weg. Ein Maler mit zwei roten Hörnern auf dem Kopf streckte seinem Spiegelbild die Zunge heraus und versuchte dieses Bild mit einem Kohlestift festzuhalten.

Unaufhörlich knäuelte eine Reisegruppe nach der anderen hinter ihren Stabführerinnen über die Brücke. Einer dieser Stäbe - ein Tulpenstab - hielt vor einer ehrwürdigen Brückenfigur, es dauerte einige Augenblicke, bis die Gruppe ihre Plätze im Halbrund eingenommen hatte. Ältere zischten kopfschüttelnd nach hinten, Frauen zupften an ihren Gatten, Jüngere nahmen ihre Stöpsel aus dem Ohr. Die Führerin schien erfahren, erst als sie den Blickkontakt der Gruppe erspürte, ertönte laut und klar ihre Stimme zu schwingen.
"In alter Zeit", so begann sie, "genauer gesagt im Jahre 1393, lebte in dieser Stadt der Generalvikar Johannes Nepomuk, der das Vertrauen der Königin genoss und zugleich ihr Beichtvater war. Eines Tages wurde Nepomuk zum König gerufen. Was war passiert? Der König war eifersüchtig. Betrog ihn die Königin, und wenn ja, mit wem? Nepomuk wollte das Beichtgeheimnis nicht lüften. ‚Du willst nicht reden, Pfaffenwicht?’, tobte der König und sperrte Nepomuk in den Hungerturm. Schwach wurde sein Körper, doch der Geist hielt stand und seine Zunge schwieg. Dann kam das Foltern, Daumenschrauben drehten sich ins Fleisch. Doch nichts verriet der Vikar. ‚Nun gut, dann schweig für immer!’ befahl der König, der für seine Grausamkeiten vom Volk gefürchtet und gehasst wurde. Genau hier von dieser Stelle wurde der tapfere Nepomuk in die Moldau gestürzt. Der Seitensprung, an den der König so sehr glaubte, blieb ohne Beweis und das Beichtgeheimnis der Königin gewahrt."
Händler drängten sich ins Knäuel und versuchten potentielle Käufer zu umgarnen. Einer der Touristen zog schon für seine Frau die Brieftasche hervor. Kein großes Feilschen. „Das ist der Preis, wollen Sie kaufen? Sehr, sehr schönes Bild, alles Handarbeit.“ Der Tulpenstab schwebte weiter. „Schnell, schnell. Mach doch, wir dürfen den Anschluss nicht verpassen.“ „Fünfhundert Kronen? Ist das zuviel?“ „Ach was, wir sind nur einmal hier in Prag.“

Harro Klein stand über die Brückenmauer gebeugt, ließ die Besuchergruppen an sich vorüberziehen und lauschte der ungewöhnlichen Geschichte nach. Seine Gedanken fütterten saugende Strudel, schwebten über gekräuselter Flusshaut und ließen sich von einem aufsteigenden Schwan in hohe Lüfte entführen. "Fliegt!", rief er ihnen nach, "Fliegt ihr Gedanken! Lasst euch nicht fangen! Keinem außer mir sollt ihr gehorchen, in keinem Käfig - und sei er noch so golden - ist Leben für euch möglich!"
Der Schwan schaukelte eigenartig in der Luft, sein Flügelschlag wurde schwächer, setzte aus. Man hätte meinen können, er würde in die Moldau stürzen, dann fing er sich wieder, setzte zu neuem Steigflug an. Es fiel ein Schuss. Am Ufer stand ein Jäger, zielte mit seinem Lauf noch einmal auf den Vogel und schoss. Für einen Augenblick noch hielt sich der Schwan tapfer in der Luft, dann stürzte er vom Himmel und blieb als weißer Klumpen am Ufer liegen. Verhüllte Gestalten standen mit einem Plastiksack bereit und sorgten für einen schnellen Abtransport. Wieder hat der brave Georg eine Bestie besiegt. Die Ströme indes fließen weiter.

Eine leichte Berührung an seiner Schulter ließ Harro erschrocken zusammenfahren. Er drehte sich um und sah vor sich die japanische Reisegruppe vom Morgen, die tschechische Stadtführerin wedelte mit ihrem Glitzerstab in der Luft herum und erklärte etwas, was die Gruppe in fröhliches Gelächter ausbrechen ließ. Wieder errötete Harro; diesmal aber legte er seinen Arm um die tschechische Frau und war für Minuten für die japanischen Gäste das beliebteste Fotomotiv.
"Wie heißen Sie?"
Die Frau lachte verlegen. "Ich bin Helena. Und wer bist du?"
"Ich heiße Harro. Leider bin ich nur für kurze Zeit..."
Helena legte ihren Zeigefinger auf Harros Mund und flüsterte: "Nicht so viel reden. Siehst du dort drüben den alten Mann? Er sieht dir irgendwie ähnlich."
"Warum erzählst du mir das? Wer bist du?"
Statt einer Antwort küsste Helena ihn auf die Wange, begleitet von japanischen Begeisterungsrufen. Ein Lächeln, ein Händedruck zum Abschied. Die Gruppe folgte dem Glitzerstab und verschwand wenig später durch das Altstädter Tor.

Der alte Mann aber stand noch immer etwas entfernt, hielt eine merkwürdige Kamera in Bauchhöhe und fotografierte aus der Hüfte die Menschen. Was für eine sonderbare, dünne Gestalt! Er trug zwei völlig unterschiedliche alte Sandalen und löchrige graue Socken, aus denen lederne Kaktuswaden empor wuchsen. Die ausgewaschenen Knickerbockers und das rotblau karierte Holzfällerhemd wurden von einem langen durchsichtigen Regenmantel überdeckt, der im Sonnenlicht wie ein goldenes Messgewand blinkerte. Immer wenn er auf den Auslöser seiner Kamera drückte, blitzten in seinem faltigen Gesicht wache Augen auf. Um seine schlohweißen dünnen Haare hatte er sich ein rotes Schleifenband gebunden. Harro ging, nachdem er merkte, dass der Apparat unaufhörlich in seine Richtung klickte, langsam auf den Alten zu.

"Sprechen Sie Deutsch?"
"Auch Deutsch."
"Sie sprechen also mehrere Sprachen?"
"Ich spreche alle Sprachen. Ich sammle sie."
"Ach hören Sie doch auf! Es gibt hunderte von Sprachen, niemand spricht alle."
Der Alte schwieg über Harros Kopf hinweg. "Warum fotografieren Sie mich?"
"Ich trenne dein Bild."
"Mein Bild? Was soll der Quatsch! Wovon wollen Sie mein Bild trennen?"
"Ich trenne es von deiner Sprache."
"Sie sind aber ein komischer Kauz. Warum machen Sie das?"
"Sind erst die Bilder von der Sprache getrennt, lassen sich die Worte aus ihren Hülsen locken. Erst dann nützen sie mir wirklich etwas."
"Nützen? Was um alles in der Welt stellen Sie mit den gesammelten Worten an?"
"Mit ihnen grabe ich den babylonischen Schacht."
"Hach, das habe ich schon einmal gehört. War es nicht Kafka, der das sagte?"
Wieder schwieg der Alte.
"Wer sind Sie? Erzählen Sie mir bloß nicht, Sie seien der auferstandene Kafka persönlich! Das glaube ich Ihnen sowieso nicht. Also raus mit der Sprache, wer sind Sie?"
"Ich bin Niemand. Du bist ich. All die Jahre habe ich auf dich gewartet."
Etwas verunsichert trat Harro Klein einen Schritt zurück, entdeckte im Gesicht des Alten auf einmal die gleiche Narbe über dem Kinn. Auch seine Augen hatten diese zwei unterschiedlichen Farben, und inmitten der rechten Braue fehlten an der gleichen Stelle die sonst so buschigen Haare.
"Da bin ich aber platt! Gute Maske, mein Lieber, das muss man dir lassen. Ich verstehe zwar überhaupt nicht, was das Ganze soll, aber ich bin beeindruckt. Ehrlich!"
"Keine Maske. Nie wieder wirst du eine Maske brauchen. Kafka wusste, dass die Verwirrung der Sprachen nur durch die Negation des Turmes aufgehoben werden kann. Ich bin Niemand, du bist ich. Gemeinsam graben wir den babylonischen Schacht."

Der Alte legte seinen Regenmantelarm um Harros Schultern und drehte ihn zur Kleinseite der Stadt. Zusammen gingen sie über die Brücke, weiter durch das zinnenbewehrte Tor, durch die engen Straßen und alten Gassen, und tauchten schließlich durch ein quietschendes Tor in den Vojan-Park ein. Würdevoll schritt der Eine, Harro, noch immer vom alten Arm umschlossen, schlich wie hypnotisiert nebenher. Im Schatten einer uralten Kastanie holte der Alte unter einer Bank einen langen Eisenhaken hervor und steckte diesen in die Öffnung eines Gullydeckels. Mit mühsamem Ächzen und einem schleifenden Geräusch öffnete der Alte das Loch. Harro hörte Stimmen aufsteigen. Er ging zum Rand des Schachtes, sah an der Wand tausende Bilder kleben, die sich wie eine Spirale in ein endloses blaues Nichts nach unten drehten. Er hörte die Stimme seiner Tochter, das tschechische Gemurmel des Taxifahrers, den schwarzen Rapgesang der Nacht. Da waren die englischen Erklärungen der Stadtführerin zu hören, japanisches Gelächter, das deutsche Gefeilsche von der Karlsbrücke, die kläglichen Schreie des sterbenden Schwans. Stieg nicht sogar das flüsternde Beichten der Königin empor? Harro spürte auf seiner Schulter die knochige Hand des Alten. Sie schob ihn sanft und einladend weiter.
"Steig hinab, mein Freund! Es ist Zeit für große Taten; heute werden wir den babylonischen Schacht vollenden! Die Sprachen der Welt vereinen sich und am Ende wird jeder den Anderen verstehen."

***

Im Hotel, hinter dessen Rezeption Harros Koffer wartete, klingelte ein Telefon.
"Hallo?"
"Guten Morgen, hier ist Hannah Klein. Sprechen Sie Deutsch?"
"Auch Deutsch. Wie kann ich Ihnen helfen?"
"Ich möchte gern mit meinem Mann, Herrn Harro Klein, sprechen."
"Einen kleinen Moment bitte… Es kann sein, dass er noch schläft. Ich verbinde."

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#2

Das Ende der Verwirrung

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 04.05.2006 09:02
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Olaf

Solche Geschichten, in denen nicht alles erklärt wird, gefallen mir. Ich überlege jetzt noch, wer diese ältere Version ist .... Ich kann auch nicht wirklich etwas kritisieren, geschrieben ist die Story gut, jedoch manchmal etwas zu ausladend. An manchen Stellen sind zu viele Details beschrieben, was der Geschichte den Schwung nimmt. Ich persönlich mag lieber den schnellen Stil, wo vieles nur angedeutet wird ... aber das ist natürlich mein persönlicher Geschmack.... jedoch kam es mir ab und zu so vor, als würde ich in einem Städteführer lesen.

Etwas ist mir noch aufgefallen, eine Kleinigkeit. Wenn der Vater anruft und seine Frau sucht, sagt er dann wirklich: Ist Hannah da? Würde er nicht eher fragen: Ist deine Mutter da?

Ah ja, und noch etwas zu den Namen. Klein und Müller .... die sind mir einfach zu alltäglich. Vielleicht ist das von dir so gewollt und bewusst gewählt, aber mir gefallen solche Allerweltsnamen nicht. Wenn ich mir einen Namen für eine/n Protagonisten/in aussuche, dann muss er wirklich zum Charakter passen. Manchmal ist dadurch auch eine längere Beschreibung nicht nötig, weil der Name bereits Assoziationen und Bilder beim Leser hervorruft. Aber auch das ist natürlich eine sehr persönliche Vorliebe. Wollt's nur anmerken.

Gruss
Margot

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#3

Das Ende der Verwirrung

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 04.05.2006 12:52
von Olaf Piecho | 111 Beiträge | 111 Punkte
Danke, Margot, deine Antwort ist hilfreich! Und natürlich freue ich mich, dass diese für ein Forum ultralange Geschichte von dir gelesen wurde.

Ist hannah da? Diese Frage an die Tochte gestellt, läßt auf ein gutes Eltern-Kind Verhältns schließen. Schließlich ist mir das selbst auch so geläufig...

Ja, ich werde nochmals dran gehen und den Text "säubern".

Grüße von Olaf

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