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#1

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 22:16
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Als Matthias sein Weinglas absetzte, sah er darin etwas, was verdammt nach Blut aussah...

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#2

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 22:19
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
..., das

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#3

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 22:21
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
aber ...

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#4

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 22:31
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Er roch am Glas und rührte etwas mit der Fingerspitze.. ja, es war tatsächlich etwas dickflüssiger als Wein, und es färbte sogar. Er leckte an seiner Fingerspitze, vorsichtig. Warm war es, ein wenig warm...
und es schmeckte nach Katzenpisse ...
Ja nach Katzenpisse. Diesen Geschmack kannte er nur zu gut. Denn sein Kätzchen "Schildi" hatte die unerklärliche Angewohnheit, immer wenn es irgendwo Blut roch, darauf sein Duftmärkchen abzusetzen. Es war also Blut, was da in seinem Glas schwamm, aber ...

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#5

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 22:43
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
aber ... eben nicht nur. Es schmeckte nicht nur nach Blut, nach Stahl, nach Eisen, sondern auch eindeutig beißend, wie zuvor gerochen, nach Pisse, streng und ätzend. Ihm wurde übel. Speiübel. Er rannte zur Toilette. Was war eigentlich passiert? Woher sollt das Blut gekommen sein? Er war jedenfalls nicht verletzt. Was war nur los mit ihm? Wo waren die letzten Stunden geblieben? Sein Gedächtnis... er hatte Angst, verrückt zu werden.

Und natürlich wußte er, dass er es längst war. Heute morgen hatte er an seinem Namensschild eine Veränderung wahrgenommen, die nicht von ihm stammte. Da wo vorher "Matthias Bulthaupt" stand, las er jetzt "Matthias Bluthaupt"...

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#6

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 23:00
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Er schaute ungläubig auf das Türschild. Eindeutig: Bluthaupt! Er tastete seinen Schädel ab. Er hatte feuchte Haare, klebrige Haare. Aber es war kein Blut an seiner Hand. Er schwitzte. Er schwitzte wie nach einem Marathonlauf. Ja, ein Marathonlauf, so war sein Leben. Immer laufen, immer weglaufen. Vor allem. Vor jeder Begegnung. Aber sein Gedächtnis... sein Sinn, seine Erinnerung an die letzten Stunden? Weg. Als hätte jemand seinen Kopf zur Pusteblume gemacht... er war leer. Einfach leer. Und doch, diese Kopfschmerzen. Elendig fühlte er sich. Er müsste sich sofort hinlegen. Und diese Unruhe. Ob er schlafen könnte? Er würde noch abgeholt hier, eingeliefert irgendwo. Oh Gott, das war seine Ur-Angst: In einer geschlossenen Anstalt irgendwo zu versauern, unter Tranquilizern zu stehen... und langsam zu verdämmern...

Das einzige Erinnerungsbild, das ihm geblieben war und an das er sich jetzt klammerte wie an einen letzten Strohhalm, war eine Szene aus seiner Kndheit. Er war 13. Auf dem Hermannsdenkmal, unweit seiner Heimatstadt Minden, hatte er erlebt, wie der eiserne Cherusker Arminius bei herrlichem Sonnenschein große rote Blutstropfen weinte. Sie liefen über das prachtvolle stahlblau schimmernde Schild genau in die offenen Hände des kleinen Matthias.




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#7

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 23:16
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Er strengte sein Hirn an. Sich zu erinnern, war seine einzige Chance, Der Eimer! Er stand auf dem Klo seiner letzten Freundin, einer verhinderten Diplom-Pädagogin, die ihm dieses Namensschild gemalt hatte, mit ihrem Blut, er mochte nicht daran denken, was für ein Art Blut es war ... Sie hatte grüne Augen, die ihn jetzt noch verfolgten, die ihn unentwegt anstarrten, obwohl ihre Beziehung längst in jenem Eimer war, der neben ihrem Klo stand...


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#8

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 23:36
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte

Er war fast da. Ganz schaffte er es nicht mehr. Es überkam ihn. Er dachte an ihre prämenstrualen Aussetzer, während er sich neuerlich übergab. Er fror, hatte entsetzlichen Kopfdruck, entsetzlich. Alles war entsetzlich. Dieser Eimer, warum das Blut darin? Fleisch.. nach Fleisch sah es aus. Er konnte nicht mehr, konnte nicht mehr gehen, nicht gehen, nicht stehen... nur immer wieder im Schwall erbrechen... irgendwohin, irgendwo zwischen Eimer und Klodeckel. Er zitterte. Er hatte Angst zu sterben. Maßlose Panik...

Dann war alles still. Er stand auf einer weiten Fläche, an einem grünen Hang, ähnlich den Uferauen der Weser, wo sie nach Westfalen einfährt, an der Porta Westfalica, und er wußte, dass dies das Tor war, von dem die Religionslehrer sprachen. Ich komme nicht in die Hölle, durchfuhr es ihn, obwohl er jetzt klar wußte, dass er ihr Mörder war, dass er sie bestialistisch zerstückelt hatte, weil sie seine zahllosen mails einfach nicht geöffnet hatte. Ich komme nicht in die Hölle! Mit einem Blick auf den am Hang stehenden Cherusker, dem phallischen Arminius, schritt er auf die platte Ebene zu, die sich vor ihm öffnete.

Er kam nicht in die Hölle. Es war schlimmer. Er musste für immer in seine Heimat zurück - nach Westfalen.





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#9

Stahlschild

in Arbeitshügel 25.04.2006 23:45
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Als Matthias sein Weinglas absetzte, sah er darin etwas, was verdammt nach Blut aussah... das aber ...
Er roch am Glas und rührte etwas mit der Fingerspitze.. ja, es war tatsächlich etwas dickflüssiger als Wein, und es färbte sogar. Er leckte an seiner Fingerspitze, vorsichtig. Warm war es, ein wenig warm...
und es schmeckte nach Katzenpisse ...
Ja nach Katzenpisse. Diesen Geschmack kannte er nur zu gut. Denn sein Kätzchen "Schildi" hatte die unerklärliche Angewohnheit, immer wenn es irgendwo Blut roch, darauf sein Duftmärkchen abzusetzen. Es war also Blut, was da in seinem Glas schwamm, aber ... eben nicht nur. Es schmeckte nicht nur nach Blut, nach Stahl, nach Eisen, sondern auch eindeutig beißend, wie zuvor gerochen, nach Pisse, streng und ätzend. Ihm wurde übel. Speiübel. Er rannte zur Toilette. Was war eigentlich passiert? Woher sollt das Blut gekommen sein? Er war jedenfalls nicht verletzt. Was war nur los mit ihm? Wo waren die letzten Stunden geblieben? Sein Gedächtnis... er hatte Angst, verrückt zu werden.

Und natürlich wußte er, dass er es längst war. Heute morgen hatte er an seinem Namensschild eine Veränderung wahrgenommen, die nicht von ihm stammte. Da wo vorher "Matthias Bulthaupt" stand, las er jetzt "Matthias Bluthaupt"... Er schaute ungläubig auf das Türschild. Eindeutig: Bluthaupt! Er tastete seinen Schädel ab. Er hatte feuchte Haare, klebrige Haare. Aber es war kein Blut an seiner Hand. Er schwitzte. Er schwitzte wie nach einem Marathonlauf. Ja, ein Marathonlauf, so war sein Leben. Immer laufen, immer weglaufen. Vor allem. Vor jeder Begegnung. Aber sein Gedächtnis... sein Sinn, seine Erinnerung an die letzten Stunden? Weg. Als hätte jemand seinen Kopf zur Pusteblume gemacht... er war leer. Einfach leer. Und doch, diese Kopfschmerzen. Elendig fühlte er sich. Er müsste sich sofort hinlegen. Und diese Unruhe. Ob er schlafen könnte? Er würde noch abgeholt hier, eingeliefert irgendwo. Oh Gott, das war seine Ur-Angst: In einer geschlossenen Anstalt irgendwo zu versauern, unter Tranquilizern zu stehen... und langsam zu verdämmern...

Das einzige Erinnerungsbild, das ihm geblieben war und an das er sich jetzt klammerte wie an einen letzten Strohhalm, war eine Szene aus seiner Kndheit. Er war 13. Auf dem Hermannsdenkmal, unweit seiner Heimatstadt Minden, hatte er erlebt, wie der eiserne Cherusker Arminius bei herrlichem Sonnenschein große rote Blutstropfen weinte. Sie liefen über das prachtvolle stahlblau schimmernde Schild genau in die offenen Hände des kleinen Matthias.
Hhhm, dachte er. Das könnte doch nur eine Illusion gewesen sein, schließlich hatte er noch nie jemanden wirklich, also im wirklichen, im realen, im erwachsenen Leben Blut weinen sehen, nicht einmal in Münster, wo er studiert hatte, nicht einmal dort. Und dort kamen so viele seltsame Kreaturen her. Vor allem die Philosophie-Studenten dort, die hatten es in sich gehabt - dieses irgendwie Irre, dieses Beziehungslose, eine Art von Seelenfremdheit, eine Art 'theoretisches Leben oder Gelebtwerden durch Gedanken, die fernab jeglicher Identität war' - so hatte er sie immer gesehen oder sehen wollen. Je mehr er versuchte, trotz der Kopfschmerzen, die ihn anstrengten, überhaupt einigermaßen klare Gedanken zu fassen, desto mehr versuchte er sich zu erinnern, was ER denn eigentlich dort gemacht hatte? Was hatte er studiert? War es nicht auch.... Philosophie? War es nicht aus dem gleichen Grund? Hatte man ihm nicht gesagt - dass er schizoid sei? Dass er Angst habe vor Beziehungen und sie sich gleichzeitig wünschte? Beziehungen? Liebesbeziehungen? Er fühlte wieder ein Rumoren im Magen, es stieg hoch... er musste schnell machen, schnell.... zur Toilette... oder einen Eimer, einen Eimer, ja...wo war der Eimer?

Er strengte sein Hirn an. Sich zu erinnern, war seine einzige Chance, Der Eimer! Er stand auf dem Klo seiner letzten Freundin, einer verhinderten Diplom-Pädagogin, die ihm dieses Namensschild gemalt hatte, mit ihrem Blut, er mochte nicht daran denken, was für ein Art Blut es war ... Sie hatte grüne Augen, die ihn jetzt noch verfolgten, die ihn unentwegt anstarrten, obwohl ihre Beziehung längst in jenem Eimer war, der neben ihrem Klo stand...
Er war fast da. Ganz schaffte er es nicht mehr. Es überkam ihn. Er dachte an ihre prämenstrualen Aussetzer, während er sich neuerlich übergab. Er fror, hatte entsetzlichen Kopfdruck, entsetzlich. Alles war entsetzlich. Dieser Eimer, warum das Blut darin? Fleisch.. nach Fleisch sah es aus. Er konnte nicht mehr, konnte nicht mehr gehen, nicht gehen, nicht stehen... nur immer wieder im Schwall erbrechen... irgendwohin, irgendwo zwischen Eimer und Klodeckel. Er zitterte. Er hatte Angst zu sterben. Maßlose Panik...

Dann war alles still. Er stand auf einer weiten Fläche, an einem grünen Hang, ähnlich den Uferauen der Weser, wo sie nach Westfalen einfährt, an der Porta Westfalica, und er wußte, dass dies das Tor war, von dem die Religionslehrer sprachen. Ich komme nicht in die Hölle, durchfuhr es ihn, obwohl er jetzt klar wußte, dass er ihr Mörder war, dass er sie bestialistisch zerstückelt hatte, weil sie seine zahllosen mails einfach nicht geöffnet hatte. Ich komme nicht in die Hölle! Mit einem Blick auf den am Hang stehenden Cherusker, dem phallischen Arminius, schritt er auf die platte Ebene zu, die sich vor ihm öffnete.

Er kam nicht in die Hölle. Es war schlimmer. Er musste für immer in seine Heimat zurück - nach Westfalen.

Aber - war er dort nicht längst. Es dünkte ihn, er sei mit dem Zug extra hierher, extra zu ihr ... gefahren. Um sie zu sprechen. Um sie zu fragen, ob sie einen Anderen hätte. Es war niemand außer ihr hier gewesen, und sie hatte was gesagt, was plausibel klingen sollte... dass ihr Laptop, dass es hinüber war? Dass sie Kaffee darüber gekippt hatte, als sie einen ihrer epileptischen Anfälle bekommen hatte?
Aber das war doch eine Lüge. Sie war keine Epileptikerin. Sie musste gelogen haben.
Hölle? Wieder diese Vorstellung ewigen Leidens. Hölle. Dabei war er gar nicht christlich. Er war nie religiös. Er war Heidegger-Fan, Heidegger und Kant. Naja, Sokrates, Sokrates auch.
Warum? Warum dieses Chaos in seinen Gedanken? Alles tat ihm weh. War es das schon? War es schon die Hölle - oder war sie jetzt vergangen? War es nur die Stille, nachdem er...
Hatte er wirklich? Er sah wie einen Film, wie er das Beil... Nein! War er das wirklich gewesen? Hatte er das tatsächlich getan? Sie zerstückelt? Der Eimer, der Eimer fiel ihm ein.

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#10

Stahlschild

in Arbeitshügel 26.04.2006 00:02
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Als Matthias sein Weinglas absetzte, sah er darin etwas, was verdammt nach Blut aussah... das aber ...
Er roch am Glas und rührte etwas mit der Fingerspitze.. ja, es war tatsächlich etwas dickflüssiger als Wein, und es färbte sogar. Er leckte an seiner Fingerspitze, vorsichtig. Warm war es, ein wenig warm...
und es schmeckte nach Katzenpisse ...
Ja nach Katzenpisse. Diesen Geschmack kannte er nur zu gut. Denn sein Kätzchen "Schildi" hatte die unerklärliche Angewohnheit, immer wenn es irgendwo Blut roch, darauf sein Duftmärkchen abzusetzen. Es war also Blut, was da in seinem Glas schwamm, aber ... eben nicht nur. Es schmeckte nicht nur nach Blut, nach Stahl, nach Eisen, sondern auch eindeutig beißend, wie zuvor gerochen, nach Pisse, streng und ätzend. Ihm wurde übel. Speiübel. Er rannte zur Toilette. Was war eigentlich passiert? Woher sollt das Blut gekommen sein? Er war jedenfalls nicht verletzt. Was war nur los mit ihm? Wo waren die letzten Stunden geblieben? Sein Gedächtnis... er hatte Angst, verrückt zu werden.

Und natürlich wußte er, dass er es längst war. Heute morgen hatte er an seinem Namensschild eine Veränderung wahrgenommen, die nicht von ihm stammte. Da wo vorher "Matthias Bulthaupt" stand, las er jetzt "Matthias Bluthaupt"... Er schaute ungläubig auf das Türschild. Eindeutig: Bluthaupt! Er tastete seinen Schädel ab. Er hatte feuchte Haare, klebrige Haare. Aber es war kein Blut an seiner Hand. Er schwitzte. Er schwitzte wie nach einem Marathonlauf. Ja, ein Marathonlauf, so war sein Leben. Immer laufen, immer weglaufen. Vor allem. Vor jeder Begegnung. Aber sein Gedächtnis... sein Sinn, seine Erinnerung an die letzten Stunden? Weg. Als hätte jemand seinen Kopf zur Pusteblume gemacht... er war leer. Einfach leer. Und doch, diese Kopfschmerzen. Elendig fühlte er sich. Er müsste sich sofort hinlegen. Und diese Unruhe. Ob er schlafen könnte? Er würde noch abgeholt hier, eingeliefert irgendwo. Oh Gott, das war seine Ur-Angst: In einer geschlossenen Anstalt irgendwo zu versauern, unter Tranquilizern zu stehen... und langsam zu verdämmern...

Das einzige Erinnerungsbild, das ihm geblieben war und an das er sich jetzt klammerte wie an einen letzten Strohhalm, war eine Szene aus seiner Kndheit. Er war 13. Auf dem Hermannsdenkmal, unweit seiner Heimatstadt Minden, hatte er erlebt, wie der eiserne Cherusker Arminius bei herrlichem Sonnenschein große rote Blutstropfen weinte. Sie liefen über das prachtvolle stahlblau schimmernde Schild genau in die offenen Hände des kleinen Matthias.
Hhhm, dachte er. Das könnte doch nur eine Illusion gewesen sein, schließlich hatte er noch nie jemanden wirklich, also im wirklichen, im realen, im erwachsenen Leben Blut weinen sehen, nicht einmal in Münster, wo er studiert hatte, nicht einmal dort. Und dort kamen so viele seltsame Kreaturen her. Vor allem die Philosophie-Studenten dort, die hatten es in sich gehabt - dieses irgendwie Irre, dieses Beziehungslose, eine Art von Seelenfremdheit, eine Art 'theoretisches Leben oder Gelebtwerden durch Gedanken, die fernab jeglicher Identität war' - so hatte er sie immer gesehen oder sehen wollen. Je mehr er versuchte, trotz der Kopfschmerzen, die ihn anstrengten, überhaupt einigermaßen klare Gedanken zu fassen, desto mehr versuchte er sich zu erinnern, was ER denn eigentlich dort gemacht hatte? Was hatte er studiert? War es nicht auch.... Philosophie? War es nicht aus dem gleichen Grund? Hatte man ihm nicht gesagt - dass er schizoid sei? Dass er Angst habe vor Beziehungen und sie sich gleichzeitig wünschte? Beziehungen? Liebesbeziehungen? Er fühlte wieder ein Rumoren im Magen, es stieg hoch... er musste schnell machen, schnell.... zur Toilette... oder einen Eimer, einen Eimer, ja...wo war der Eimer?

Er strengte sein Hirn an. Sich zu erinnern, war seine einzige Chance, Der Eimer! Er stand auf dem Klo seiner letzten Freundin, einer verhinderten Diplom-Pädagogin, die ihm dieses Namensschild gemalt hatte, mit ihrem Blut, er mochte nicht daran denken, was für ein Art Blut es war ... Sie hatte grüne Augen, die ihn jetzt noch verfolgten, die ihn unentwegt anstarrten, obwohl ihre Beziehung längst in jenem Eimer war, der neben ihrem Klo stand...
Er war fast da. Ganz schaffte er es nicht mehr. Es überkam ihn. Er dachte an ihre prämenstrualen Aussetzer, während er sich neuerlich übergab. Er fror, hatte entsetzlichen Kopfdruck, entsetzlich. Alles war entsetzlich. Dieser Eimer, warum das Blut darin? Fleisch.. nach Fleisch sah es aus. Er konnte nicht mehr, konnte nicht mehr gehen, nicht gehen, nicht stehen... nur immer wieder im Schwall erbrechen... irgendwohin, irgendwo zwischen Eimer und Klodeckel. Er zitterte. Er hatte Angst zu sterben. Maßlose Panik...

Dann war alles still. Er stand auf einer weiten Fläche, an einem grünen Hang, ähnlich den Uferauen der Weser, wo sie nach Westfalen einfährt, an der Porta Westfalica, und er wußte, dass dies das Tor war, von dem die Religionslehrer sprachen. Ich komme nicht in die Hölle, durchfuhr es ihn, obwohl er jetzt klar wußte, dass er ihr Mörder war, dass er sie bestialistisch zerstückelt hatte, weil sie seine zahllosen mails einfach nicht geöffnet hatte. Ich komme nicht in die Hölle! Mit einem Blick auf den am Hang stehenden Cherusker, dem phallischen Arminius, schritt er auf die platte Ebene zu, die sich vor ihm öffnete.

Er kam nicht in die Hölle. Es war schlimmer. Er musste für immer in seine Heimat zurück - nach Westfalen.

Aber - war er dort nicht längst. Es dünkte ihn, er sei mit dem Zug extra hierher, extra zu ihr ... gefahren. Um sie zu sprechen. Um sie zu fragen, ob sie einen Anderen hätte. Es war niemand außer ihr hier gewesen, und sie hatte was gesagt, was plausibel klingen sollte... dass ihr Laptop, dass es hinüber war? Dass sie Kaffee darüber gekippt hatte, als sie einen ihrer epileptischen Anfälle bekommen hatte?
Aber das war doch eine Lüge. Sie war keine Epileptikerin. Sie musste gelogen haben.
Hölle? Wieder diese Vorstellung ewigen Leidens. Hölle. Dabei war er gar nicht christlich. Er war nie religiös. Er war Heidegger-Fan, Heidegger und Kant. Naja, Sokrates, Sokrates auch.
Warum? Warum dieses Chaos in seinen Gedanken? Alles tat ihm weh. War es das schon? War es schon die Hölle - oder war sie jetzt vergangen? War es nur die Stille, nachdem er...
Hatte er wirklich? Er sah wie einen Film, wie er das Beil... Nein! War er das wirklich gewesen? Hatte er das tatsächlich getan? Sie zerstückelt? Der Eimer, der Eimer fiel ihm ein.

Das war aber wirklich das letzte, was ihm einfiel. Danach war endgültig Schluss. Schließlich war es fast Mitternnacht und er musste den 14. Band der Heidergger-Gesamtausgabe nioch zu Ende lesen. Sind wir überhaupt Seiendes, oder ist vielmehr alles Nichts?

Sie hatte ihm sein schönes Ende versaut, dafür hatte sie sterben müssen. Mit einem rasiermesserscharfen Stahlschild, das Matthias eigenhändig aus dem westfälische Landesmuseum entwendet hatte, hatte er ihr an der FU nachgestellt, und zunächst das Laptop durchtrennt, das sie schützend über sich hielt. Der Rest war marsh mallow, ostwestfälisches marshmallow, das den Eimer bis zur Oberkante füllte.


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