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#1

Naturfrühling

in Natur 08.04.2006 14:51
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Naturfrühling

Brückenstreben halten Träger
dank Verkehrslast täglich schräger.
Nagelneue Asphaltierung
unterliegt der Straßenführung.

Wagen führen Autoreifen
links und rechts vom Mittelstreifen.
Pollenflug und Auspuffgase
schweben in die Fahrernase.

Frühlingswind trägt Ausflugslaunen,
rausgeweht wie Kissendaunen
Richtung Umland, wo der Stadtschmutz
reduziert ist durch Naturschutz.

Picknickwiesen, Wanderwege,
Kinder lieben Wildgehege.
Gäb's da draußen auch Toiletten,
könnt man sich vor Glück nicht retten.

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#2

Naturfrühling

in Natur 10.04.2006 21:57
von Alcedo • Mitglied | 2.475 Beiträge | 2351 Punkte
hallo GW

schon der Titel macht deutlich dass hier eine Brüskierung des herkömmlichen Lenzes erfolgen wird. nicht nur die unliebsame Begriffmontage stört, auch die Versfüsse, Jambus und Tochäus kleben unpassend nebeneinander.
xXXx

Danach folgen aber schöne, brave zweihebige Trochäen, durchgehend monoton in unbetonter Kadenz gehalten.
XxXx
XxXx
XxXx
XxXx
XxXx
XxXx
XxXx
XxXx
Inhaltlich korreliert dies vortrefflich im Ausschwärmen des wintermüden Stadtvolks, das ja vorzugsweise auf geteerten Strassen stattfindet. die heruntergebrochenen Stichwörter lesen sich wie ein Protokoll eines im Gewusel mitgetragenen Beobachters.

Interessant das anfängliche Bild der Brückenstreben, die wie physikalische Vektoren die Richtung vorgeben ( -> alle Ausfallstrassen radial auswärts! ), Richtung die auch noch in der dritten Strophe gehalten und bestätigt wird.

Toiletten als Regulativ der Ausflugslaune? oder lediglich als Einschränkung des Aktionsradius? so hatte ich das bisher noch nie gesehen. das kann man durchaus als Schlusspointe durchgehen lassen. (wobei, so nebenbei bemerkt die Beobachtung das abendlichen Rückstroms teilweise durchaus interessanter sein kann, aber ein Gezeiten-Gedicht über die Flut muss ja nicht unbedingt abebben)

Insgesamt ein erfrischend un-natur-wissenschaftliches Werk, das aber dennoch mit forscher Nüchternheit daherkommt.

hat mir gefallen
Gruß
Alcedo


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#3

Naturfrühling

in Natur 12.04.2006 08:37
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo GW

Klicks hat dein Gedicht ja genug, nur Kommentare sind sehr wenige zu finden. Schade eigentlich, denn dieses Gedicht hat durchgehend Witz und die schnelle Zeilenschaltung unterstütz den Inhalt, der ja auch die Hektik der Städter beschreibt.
Ich fand es sehr lustig und auch treffend. Ein paar sehr schöne Beschreibungen findet man in der ersten Strophe.
Also doch ein sehr schönes und vor allem "lustiges" Werk.
Ich muß weg
ich muß weg
ich muß weg

Lg Gem

edit: Lachen mußte ich zwar nicht, aber nahe dran.

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#4

Naturfrühling

in Natur 12.04.2006 14:29
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Danke Alcedo und Gem,

ich war ja nach der Fertigstellung nicht so zufrieden und empfand den Text als etwas zusammengestoppelt und wenig stringent. Aber anscheinend kann man ihm glücklicherweise doch etwas abgewinnen. Das macht mich sehr zufrieden.

@Alcedo: Deinen eingehenden Hinweis mit der Begriffsmontage und dem falschen Metrum habe ich leider nicht ganz verstanden. Da ich dachte, ich hätte einen durchgehenden Trochäus verwendet, wüsste ich gerne, in welchem Vers genau ich hier einen Fehler gemacht habe.

@Gem: Macht nichts, wenn Du nicht lachtest. Ich bin bei dem Werk ja schon froh, wenn es nicht stirnrunzelndes Zähneknirschen verursacht.

Danke nochmal.

Grüße,
GW


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#5

Naturfrühling

in Natur 12.04.2006 15:29
von Alcedo • Mitglied | 2.475 Beiträge | 2351 Punkte

Zitat:

GerateWohl schrieb am 12.04.2006 14:29 Uhr:
@Alcedo: Deinen eingehenden Hinweis mit der Begriffsmontage und dem falschen Metrum habe ich leider nicht ganz verstanden. Da ich dachte, ich hätte einen durchgehenden Trochäus verwendet, wüsste ich gerne, in welchem Vers genau ich hier einen Fehler gemacht habe.



das bezieht sich ausschließlich auf den Titel. ich halte das auch nicht für einen Fehler, im Gegenteil.

Gruß
Alcedo

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#6

Naturfrühling

in Natur 12.04.2006 23:15
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Hey der gefällt mir auch Leicht, locker flockig, ein feiner Frühlingstrüffel

Mein Hauptritikpunkt ist Strophe 3, der die Leichtigkeit der anderen Strophen abgeht und die somit etwas überkonstruiert daherkommt.

rausgeweht wie
Kissendaunen
Richtung Umland,
wo der Stadtschmutz
reduziert ist
durch Naturschutz.


Strophe 4, Strophe und der Beginn von Strophe 2 dagegen gleichen diese Schwäche mehr als aus


Na dann frohe Ostern,

Willi

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#7

Naturfrühling

in Natur 13.04.2006 10:50
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Ach schön, dass das wieder nach oben geholt wurde, denn ich hatte es auch schon angeklickt, wollte schon was dazu schreiben und kam dann doch nicht dazu.

Das liest sich sehr beschwingt, lässt manches Mal lächeln und tagtäglich beobachten. Das Ende ist amüsant und gelungen, eigentlich gibt es nichts zu beanstanden.

Außer zwei Dinge:
Der Titel missfällt mir, da selbst der wirkliche "Natur"frühling letztlich durch die städtische Brille betrachtet wird und letztlich in der zivilisatorischen Frage nach den Toiletten mündet. Mir persönlich gefiele daher etwas wie "Stadtfrühling" besser. Oder was ganz anderes...

Die Zeilenumbrüche strecken das ganze in meinen Augen unnötig, sodass ich das ganze Gedicht nicht auf einmal auf den Monitor bekomme (außer, ich wählte das Vollbild). Sowas mag ich nicht . Außerdem sehe ich auch keinen inhaltlichen Grund für die Zeilenumbrüche und vermute, dass Du eigentlich nur die Paarreime verstecken wolltest. Da die aber sehr beschwingt daherkommen und originell genug sind, besteht dafür doch gar keine Notwendigkeit.

Beides aber nur Kleinigkeiten, ansonsten gut gelungen und gern gelesen,

Don

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#8

Naturfrühling

in Natur 13.04.2006 11:00
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Padrino

Gerade die schnelle Zeilenschaltung ist es, was mich die Hektik stärker spüren lässt.
Das Getriebene der Städter, die Kurzatmigkeit.

LG Gem

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#9

Naturfrühling

in Natur 13.04.2006 11:36
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hm, gutes Argument. Lasse ich vielleicht sogar gelten .



edit: damit stört es mich nur noch zur Hälfte .

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#10

Naturfrühling

in Natur 13.04.2006 11:55
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Ich ließe das nicht einmal zur Hälfte gelten, weil der atemlose Schwung im Paarreim und in der oftmals abgehackten Syntax seinen Ursprung hat. Ich höre zum ersten Mal, dass Zeilenschaltungen etwas beschleunigen. Zeilenschaltungen werden eher für das Gegenteil genutzt.

Das Gedicht gefällt mir gut, ohne die affektierten Zeilenumbrüche noch besser. Besonders schön sind S3Z5-8 und, wie erwähnt, der wunderbare Schluss. Allerdings liegt da das einige Manko: Die Elision am Anfang von S4Z5 lässt mich immer wieder stolpern und ist doch auch nicht nötig bzw. inhaltlich sogar irritierend. Du betonst:
Gäb es dort auch noch Toiletten
...als ginge es darum, ob es die Toiletten noch gibt. Dabei geht es darum:
be es dort auch Toiletten
...oder nicht?

Egal. Gefällt mir gut, mit großem Vergnügen gelesen.

DG
Mattes

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#11

Naturfrühling

in Natur 13.04.2006 12:19
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Mattes hat mich re-überzeugt . Stört mich doch wieder zur Gänze!

Hach, es ist schön, Opportunist zu sein, das sollte ich viel öfters sein .


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#12

Naturfrühling

in Natur 13.04.2006 13:07
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Mattes

Ich lese tatsächlich langsamer, wenn die Sätze länger auslaufen. Bei Richard ist das immer der Fall. Wenn etwas "abgehackt" geschrieben ist, lese ich es immer etwas hektischer herunter. Mag sein, dass ich mir das vom Rechnungen besehen angewöhnt habe.
Das "noch", verstehe ich hier so: Wenn es zu der Erholung und der schönen Natur auch noch Toiletten gäbe, wäre das Glück gar nicht mehr auszuhalten.

So seh ich das.

@ Don

LG Gem

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#13

Naturfrühling

in Natur 13.04.2006 16:24
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Jungs,

ja, die Zeilenschaltungen. Die entstanden zugegebenermaßen ursprünglich aus dem Ansatz zum einen evtl. diese jedesmal mit Endreimen zu versehen, wovon ich schnell abgekommen bin. Dann gefiel es mir so einzelne, lange Wörter wie Brückenstreben und Asphaltierung einen ganzen Vers ausfüllen zu lassen und so dem ganzen dazu noch so eine Betonklotzform zu geben. Das unterstreicht für mein Gefühl nochmal diese Naturferne. Ist aber vielleicht auch geschmacksabhängig etwas zu viel Naturferne. Ich schlate es mal um und lass es so ein wenig auf mich wirken.
Bzgl. des "noch" hat Gem ganz recht. Es ist kein zeitliches "noch", sondern bedeutet "zusätzlich zum davor genannten". Die Betonung auf dem "auch" bei Deinem Voschlag, Mattes, erschien mir persönlich irgendwie unnatürlich, wobei ich auch ständig über die Elision zu Beginn stolpere, die mir auch unnatürlich erscheint. Das kann ich nachvollziehen. Gerade so eine Pointe sollte doch halbwegs locker daher kommen. Daher hab ich es geändert, dass es sich für mich besser ließt und auf das dennoch überflüssige "noch" verzichtet, ebenso wie auf die "auch"-Betonung.

Vielen Dank Don, Willi, Gem, Mattes und Dir auch nochmal Alcedo.

Grüße,
GW


edit:
@Don: Der Titel ist schon ironisch gemeint, sollte aber auch einen Bezug zu meinem Gedicht Stadtwinter darstellen.
Ich wünschte übrigens, ich wäre in der Lage gewesen, ein etwas weniger sarkastisches Gedicht über den Frühling zu schreiben, aber ging wohl irgendwie nicht.

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#14

Naturfrühling

in Natur 13.04.2006 16:37
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hi Gerate Wohl,
ich hab das Gedicht erst jetzt gelesen, und es gefällt mir sehr gut, da es - finde ich - sehr 'fußend' daherkommt und eine gewisse Selbstironie und auch Realität ausstrahlt. Sehr gut gefallen haben mir die Kissenfedern, das Federnlassen im Alltag habe ich sofort damit assoziiert. Die Schaltungen bringe ich auch mit der Gangschaltung in Beziehung. Ausflugs-Launen.... der Kinder zuliebe wohl auch oder vor allem - die Wildgehege lieben, und dann die Toiletten zum Schluss, frei aller Wildheiten :-)) - das find ich schon als Pointe sehr gelungen.
Also insgesamt hat es mir sehr gefallen.
LG - U

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