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#1

Kaspar Hauser

in Diverse 31.03.2006 17:16
von kein Name angegeben • ( Gast )
In dunkler Kammer eingesperrt,
Verbracht’ ich einsam meine Stunden.
So vieles hat man mir verwehrt.
Hab’ niemals Zweisamkeit gefunden.

Nach Freiheit sehnt’ ich mich so lang,
Doch hat man sie mir stets verboten.
In Nächten war mir angst und bang,
Wenn wirre Träume mich bedrohten.

Ich träumt’ von einem brennend’ Fluss,
Der, gute Absicht vorgeheuchelt,
Mich irgendwann verbrennen muss,
Wie Mörderhand, die mich gemeuchelt.

Bald nach dem Traum ward ich befreit
Und ausgesetzt in bitt’re Kälte.
Der Weg zur nächsten Stadt war weit.
Ich hofft’, dass ich den richt’gen wählte.

Da sah ich einen hellen Stern
Durch meiner scheuen Wimpern Gitter.
Die Freiheit schien mir nicht mehr fern,
Doch diese Freiheit schmeckte bitter.

Ich kam in eine leere Stadt.
Es war ein Montag früh am Morgen.
’Sgab niemand, der mir helfen tat.-
Ich blieb allein mit meinen Sorgen.

Doch hielt die Einsamkeit nicht lang.
Der Pöbel merkte mein Erscheinen.
Er tanzte um mich, lachte, sprang.
Und so begann ich still zu weinen.

Man schimpfte mich ein wildes Tier,
Ein wildes Kind und noch viel schlimm’res.
Der Menschen Urzustand in mir?
Mein Gott – Es gibt wohl kaum was dümm’res.

Ein wildes Tier? Mitnichten! Nein!
Denn ihr seid schon die wilden Tiere!
Treibt böses Spiel im guten Schein
Und wollt, dass ich zum Heil euch führe?

Mit Dolchen geht ihr auf mich los –
Nichts wollt’ ich mehr, als meine Freiheit!
Nichts traf so schlimm, wie dieser Stoß,
Denn nun weiß ich um eure Bosheit.

Nun liege ich im Sterbehaus
Längst frei, doch bin ich schon verloren.
Mit Sterben kenne ich mich aus.
War oft zum Tod schon auserkoren.

Im immer schwächer werdend’ Schein
Der Kerze sterbe ich – allein.

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#2

Kaspar Hauser

in Diverse 31.03.2006 18:20
von Maya (gelöscht)
avatar
Hallo Kermit,

auch wenn es bedrückend ist – gefällt es mir alles in allem ganz gut.
Vielleicht würde ich einige Sachen ändern, z.B. die meisten Apostrophe einfach weglassen, weil sie erst recht auf die verstümmelten Wörter aufmerksam machen. Nur bei „richt’gen“ finde ich dieses Zeichen richtig .
Außerdem stört mich ein wenig, dass die Zeilen – egal ob zuvor ein Komma gesetzt wurde, oder nicht - immer mit Großbuchstaben beginnen. In der 3. Strophe gelangen die Zeitformen durcheinander (passt aber irgendwie auch zu den verwirrten Träumen von Kasper). Strophe 5, Zeile 2: „durch meiner scheuen Wimpern Gitter“ hört sich in meinen Ohren nicht so schön an. Strophe 6: „’Sgab niemand, der mir helfen tat.“ ein kleines autsch. Strophe 8: eines von den zwei *wildes* ließe sich vielleicht durch ein anderes Wort ersetzen. Das hier - „Und wollt, dass ich zum Heil euch führe?„ – habe ich inhaltlich nicht verstanden, wie ist das gemeint?

Gern gelesen .

LG, yamaha

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#3

Kaspar Hauser

in Diverse 05.04.2006 15:53
von kein Name angegeben • ( Gast )
Danke yam,
"Durch meiner scheuen Wimpern Gitter" find ich so schön, das kann ich unmöglich aufgeben, denn damit sage ich ja, dass er, obwohl er frei ist, trotzdem noch irgendwie ein Gefangener seiner selbst ist. Zu diesem komischen Satz in Strophe 6: Das ist nicht nur ein kleines Autsch, das tut richtig weh! Aber ich finde leider weder die Zeit noch die Lust, mich an das Gedicht zu setzen und es zu überarbeiten. Naja, vielleicht irgendwann mal.
"Und wollt, dass ich zum Heil euch führe?"
Ich hab mal gelesen, dass Kaspar Hauser so etwas wie der "neue Christus" (diese Formulierung hab ich mir nicht ausgedacht) gewesen sein soll. Es gab regelrechte Pilgerfahrten, nur um ihn zu sehen. Auch die Wissenschaft hat sich vieles durch ihn erhofft. man dachte, man könne in ihm den Urzustand des Menschen entdecken. Naja, etwas naiv...
Die Zeitformen geraten übrigens nicht durcheinander. Dieses Gedicht wird von Kaspar erzählt, als er schon auf dem Sterbebett liegt, d.h. er wurde schon gemeuchelt. Überliefert ist, dass er erst drei Tage, nachdem er erstochen wurde, gestorben ist. Das Gedicht spielt also in dieser kurzen Periode.

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