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#1

Seelenschiff

in Philosophisches und Grübeleien 21.03.2006 14:08
von kein Name angegeben • ( Gast )
Die leidgeprüften Planken knarren merklich
Und ahnen schon Atropos' Nähe
Noch ist von Unruh' nichts zu spüren
Die Hand der Göttin ruht

Doch schon mit einem Federschwung
Malt mühelos sie schwarzen Himmel
Und lässt ihn grell entzwei'n
Los bricht mit rauem Wellengang der Sturm
Im Wasserglas hebt bebend sich der Spiegel
Und zeigt unklar mir ein längst entfremdetes Gesicht

Gepeitscht von Poseidons wilden Bestien
Schwebt besinnungslos das Schiff entlang
Am Glasrand mit dem Sprung
Ins Ungewisse zieht's ochsengleich die Furchen
Für die Gräber seiner Passagiere (tausend Träume)

Kein Riss bleibt umsonst im Wellenteppich
Denn schon schlägt unerbittlich zu
Die Klinge der Schicksalsgöttin
Und zerschneidet, was bestimmt war zur Verdammnis
Und was bleibt?
Ein Trümmermeer -

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#2

Seelenschiff

in Philosophisches und Grübeleien 22.03.2006 01:15
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Kermit,

zunächst einmal herzlich Willkommen im Tümpel.

Dein Gedicht gefällt mir. Zwar bin ich eher ein Anhänger der klassischen Form, dennoch bietest Du auch für mich genügend Reizvolles in diesen Zeilen, was mich anspricht.

Abgesehen davon mag ich Ausflüge in die griechische Mythologie ...

Ich verstehe Deine Zeilen dahingehend, dass das Schiff der Körper eines Menschen ist, der bereits vom Alter gezeichnet ist. Es gibt bereits eine Menge Leiden (die Planken knarren), aber noch geht es und die Moire Atropos hält sich noch zurück mit ihrem Werk.

Doch schon im Abschnitt zwei wird es ernst: sie beschwört ein für das "menschliche Schiff" gefährliches Gewitter und das trotz des Alters letztlich aus heiterem Himmel - es geht schnell, sie benötigt nur einen Federstrich... Das Entzweien des schwarzen Himmels zur Umschreibung eines Blitzes ist ein schönes Bild, das passt gut zusammen. Das im Wasserglas erscheinende Gesicht lässt mich etwas grübeln... es handelt sich offenbar um eine dem lyrischen Ich einstmals nahegestandene Person. Sind das hier gerade die Bilder des Lebens, die kurz vor dem Tode vor dem geistigen Auge vorüberziehen? Vermutlich, anders weiß ich sie nicht einzuordnen (außer vielleicht, dass das lyrIch dem Tod schonmal von der Schippe gesprungen ist und daher Atropos wiedererkennt, der andere Ansatz gefällt mir jedoch besser).

In Abschnitt drei spitzt sich die Situation zu. Poseidon und seine Bestien finde ich aber nicht ganz passend: ich sehe den sterbenden Menschen, symbolisiert durch das Schiff, und Atropos bei ihrer Arbeit. Ich meine, sie braucht keinen Gott, um ihren Job zu tun, des Wassermanns Bestien passen nicht in die wirkliche Welt, stören mich aber auch im Rahmen der mythologischen Metapher. Hm, ich fürchte, meinen Zweifeln vermag ich nicht mehr ausreichend Ausdruck zu verleihen, es ist zu spät... vll kannst Du jedoch erahnen, was ich meine. Ansonsten versuch ich es später nochmal . Ich frage mich, wofür das Glas genau stehen mag. Sehe ich den Menschen als Schiff, dann ist das Glas doch seine Welt in der es schippert - also sein Umfeld. Steht der Sprung nun dafür, dass schlicht die Welt für das lyrIch zerbricht beim Tode, oder ist das Umfeld vielleicht Freunde und Familie, deren Welt zerbricht... Ich finde beide Interpretationsansätze ganz reizvoll. Beim Ende des 3. Abschnittes bin ich etwas ratlos. Soviele Träume, weil soviele Tote? Hm.... und die ochsengleichen Furchen? Dabei denke ich eigentlich an Ackerbau. Hm, hm.. womöglich, weil Atropos die Felder mit Toten bestellt und Gräber erntet?

Der letzte Abschnitt ist Ausklang, der Lebensfaden wird zerschnitten. Aber warum bringt sie gleich Verdammnis, das klingt so biblisch negativ! Aber sie beendet doch "nur" ohne Wertung das Leben. Bei Verdammnis muss ich jedoch an höllische Gefilde denken. Das zurückbleibende Trümmermeer sagt mir am Ende jedoch wieder zu.

Formal bin ich mir übrigens ein bisschen unsicher. Bei den ersten Strophen dachte ich, dass Du zwar keinem festem metrischen Schema folgst, aber sich zumindest konsequent Hebungen und Senkungen abwechseln lässt. In den letzten beiden Strophen ist auch das keiner Regelmäßigkeit mehr untergeordnet. Ist ja nicht schlimm, ich war mir halt nur bei dem Beginn nicht sicher, ob eigentlich etwas anderes beabsichtigt worden sein könnte.

Deine Zeilen lassen Raum zur Interpretation, auch der Inhalt (zumindest der, den ich herausgelesen habe )sagt mir zu.

Gefällt mir, gern gelesen,

Don

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#3

Seelenschiff

in Philosophisches und Grübeleien 23.03.2006 21:17
von kein Name angegeben • ( Gast )
Erst mal riesigen Dank dafür, dass du dich mit meinem Gedicht auseinander gesetzt hast.
Ich bin auch ein Feund von Reim und Rhytmus. Dieses Gedicht ist sozusagen meine Jungfernfahrt in fremden Gefilden;)
Es ist schon mal richtig, dass ich natürlich kein Schiff meine, sondern einen Menschen, für den das Schiff ein Symbol ist. Deine Interpretation gefällt mir sehr gut. Meine Intention war allerdings eine andere, die, wie ich fürchte, nicht ausreichend aus dem Gedicht hervorkommt. Als ich das Gedicht schrieb, dachte ich an einen getriebenen Menschen, der von einer Verpflichtung zur nächsten eilt und dabei kaum Freiheiten hat, da er so stark eingespannt ist. Dafür, dachte ich mir, wäre ein (Segel)-Schiff genau das richtige Symbol, da dieses ja auch größtenteils getrieben wird (vom Wind). An einen alten Menschen dachte ich gar nicht, aber jetzt wo du's schreibst, könnte man es glatt hineindeuten (Wie sagte T. Mann doch so schön: "Es ist ein Trugschluss, zu glauben, der Autor kenne seine Gedichte am Besten." Ich hoffe, das Zitat stimmt so...)
Meine weitere Überlegung war: Was passiert mit einem solch eingespannten Menschen, wenn ein (kleiner) Schicksalsschlag ihn ereilt. Stell dir mal einen 100-Meter-Läufer vor, den man, während er rennt, leicht anstößt. Ich denke mir, der wird sofort aus den Latschen kippen. So stelle ich es mir auch bei einem vielen Pflichten unterworfenen Menschen vor. Deshalb lasse ich es in der zweiten Strophe stürmen. Aber es ist nicht irgendein Sturm: Es ist ein "Sturm/ im Wasserglas" (V. 8/9), also ein unbedeutendes Windlein (welches trotzdem eine Gefahr für das Schiff darstellt), der lediglich das Schiff so in Bewegung setzt, dass das Wasser im Glas etwas bebt. In diesem bebenden Wasser, welches ja bekanntlich Licht spiegelt, sieht er sich nun, natürlich unklar, das Wasser bebt ja schließlich. Es ist in diesem Falle also gar nicht so metaphorisch gemeint. Ich glaube, dass dieser vermeintliche Bruch wichtig ist, um den ersten Hinweis zu geben, dass es hier um einen Menschen geht.
Tja, zu Poseidon: Es kam mir irgendwie inkonsequent vor, ein Bild aus der grichischen Mythologie zu nehmen und dann, wo ich eh schon über etwas schreibe, was mit Wasser zu tun hat, den guten alten Poseidon weglasse. Aber wenn's zu platt wirkt, kann ich den bestimmt noch rausschreiben.
In der dritten Strophe bleibe ich bei dem Glasmotiv. Das Glas steht dabei für mich für eine sehr beengte Welt, in der das Schiff/ der Mensch bewegt. Durch den Sturm droht's nun aus seiner Bahn/ seiner Welt geworfen zu werden. Es droht der "Sprung/ ins Ungewisse" (V. 13/14). Gleichzeitig steht das "Ungewisse dabei für mich für das Wasser des Meeres/ des Glases, dessen Bewegungen nie so genau bestimmbar sind. Es ist halt ungewiß. Und in dieses ungewisse Element zieht das Schiff nun, wie es Ochsen tun, Furchen. Schiffe lassen doch, wie sagt man das den, "Rillen" zurück, wenn sie durch's Wasser fahren. Eine Art Schneise. Und diese Schneise soll nun das Grab der Passagiere sein bzw. als Grab für die Träume (mein zweiter Hinweis darauf, dass kein Schiff gemeint ist), die ein Mensch für die Zeit hat, wenn er nicht mehr so stark eingespannt ist. Sie werden verloren gehen, und das nur durch einen kleinen Schicsalsschlag, der alles verändert.
Das mit der Verdammnis überzeugt mich selbst nicht mehr so richtig. Das muss weg.
Mich freut's, dass es etwas Raum zum Interpretieren gibt. Das war meine Absicht. Sonst schreibe ich eigentlich eher leichte Kost.
Nochmals danke!

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#4

Seelenschiff

in Philosophisches und Grübeleien 23.03.2006 21:24
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hey Kermit,
zuerst konnte ich nicht viel damit anfangen, aber jetzt, nach Deiner Erklärung, finde ich das Thema und die Umsetzung sehr gut. Interessante Gedanken, die Du da ausgearbeitet hast!
LG
U

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#5

Seelenschiff

in Philosophisches und Grübeleien 24.03.2006 09:16
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Kermit,

so erklären sich einige Bilder, hab Dank dafür. Dem Mann-Zitat kann ich nur zustimmen. Letztlich muss ein Text ja auch für sich alleine sprechen, schließlich ist ja nicht stets ein Autor da, der einem alles erklären kann. Ich finde, es geht daher vor allem darum, ob eine Interpretation durch den Text gestützt werden kann oder nicht. Und ich finde Deinen Ansatz in Deinen Zeilen durchaus wieder, auch wenn ich darauf nicht gekommen bin.
Ich denke, da ist Atropos schuld, sie zusammen mit den knarrenden Planken ließ mich sofort an das Lebensende denken... Vermutlich ist aber auch nur meine negative Grundeinstellung daran schuld ...

Don


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