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#1

verhüllt

in Minimallyrik 20.03.2006 11:01
von Olaf Piecho (gelöscht)
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deine augen waren blau
für eine nacht nur
riss ich die zeiger von der wand
mit dem urschrei deiner lust
verhülltest du wie christo
meinen reichstag

oder waren sie schwarz


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#2

verhüllt

in Minimallyrik 20.03.2006 15:34
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Hi Olaf:

ich hab keine Ahnung warum, aber die Zeilen haben mich sofort angesprochen.

Jetzt wo ich es zum dritten bis fünften Mal lese, kann ich ein paar Gründe nachliefern - der lakonische Tonfall, gemischt mit eindrucksvollen Metaphern, die alles relativierende Schlussfrage.

Man könnte sagen, ich bin der Form schon erlegen, bevor ich begriffen habe, worum es eigentlich geht.

Aber probieren wir es mal. Was bei mir ankommt - eine erotische Nacht, wo die Zeit aussetzt, bzw. bewußt ausgesetzt wird (der Zeiger wird von der Wand gerissen), und auch sonst ist Ausnahmezustand. Der Reichtstag verhüllt - das Kontrollorgan, die Vernunft, das ganze Gedankengebäude, das sonst regiert, scheint buchstäblich ausgeschaltet zu sein. Das Ich läßt sich von der Lust umhüllen, es verliert sein Tagesbewußtseins und tritt in einen Nachtzustand, wo alle Katzen grau sind bzw. alle Augen schwarz ?

Oder hab ich was im Auge und alles falsch gesehen?

Best:

Ulli



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#3

verhüllt

in Minimallyrik 20.03.2006 20:35
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Olaf

Ich würde das 'wie christo' ersatzlos streichen. Reichstag verhüllen, ist m. E. Hinweis genug. Inhaltlich hat Ulli bereits viel interpretiert, da bleibt mir nur die zwei Sinnebenen der 'blauen Augen' anzumerken. Auf der einen Seite, das Tatsächliche (wobei der Erzähler dadurch, dass er sich nicht recht erinnert, zeigt, dass keine grosse emotionale Bindung besteht) und auf der anderen, die Naivität des lyr. Dus. Sec und treffend beschrieben.

Gruss
Margot

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#4

verhüllt

in Minimallyrik 20.03.2006 21:46
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hi Olaf,
ja, Dein Gedicht - so kurz und knapp es ist - sagt mir sehr zu. Klingt wie eine Liebesnacht in Berlin, in der das Lyr. Ich die Zeit einfach ignorierte, vielleicht hat es auch mit sich gerungen, diese Nacht erleben zu können ohne Zeitdruck - im Trotz des Wissens, dass diese Nacht ihm Repressalien einbringen könnten. Und in der Überzeugung, dass es diese Nacht schnell vergessen und wie in Phantasie diesem Erlebnis nicht anhaften würde.
Am besten und faszinierend sind immer die Gedichte, die - wenn sie ausgeschrieben sind wie unsere Um-Schreibungen in Kommentare - viel kürzer daherkommen. Das ist hier so.
LG - U

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#5

verhüllt

in Minimallyrik 20.03.2006 22:52
von Olaf Piecho (gelöscht)
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HAllo Ihr Drei,

herzliche Dank Euch für die Kommentierungen, ich freue mich, wenn es Euch gefällt.
Geschrieben habe ich es in der Badewanne, ein Hörspiel lief...

Das LI hat sie eine NAcht "geliebt", und versucht sich zu erinnern...

Grüße von Olaf

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#6

verhüllt

in Minimallyrik 21.03.2006 04:20
von apple (gelöscht)
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Hallo Olaf,

ich muss Margot in bezug auf den guten Christo beipflichten, ansonsten ist das ein ausgesprochen gelungenes Stück gewitzter Mach- und Sprachart.

Gefällt mir ausgesprochen gut. Herzlichen Dank für's lesen lassen

Liebe Grüße (zu Uhrzeiten, als die Nacht blau anlief )
apple

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