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#1

Durch Nichts

in Philosophisches und Grübeleien 18.03.2006 18:05
von Fabian Probst (gelöscht)
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Durch Nichts

Was hast du dir im Geiste nicht
schon alles ausgemalt.
Den Traum in Blei gegossen
und verschnürt;
der Tag versteckt sich vor der Nacht,
wenn Fersengeld die Rechnung zahlt
und nur der Zweifel dich erspürt.

Doch wenn es dich zu Boden lacht,
lass alles los;
und atme ihn, den Staub der Zeit.
Es gibt nichts das dich halten kann,
denn Leere wandert unberührt
durch Licht und Dunkelheit.

Nur dann und wann,
wenn du am Grund erneut begehrst,
wirst du den Tau erschmecken.
Die Zukunft fordert dich zuerst
und geht nicht um’s Verrecken.

Dann wird sich zeigen was erfüllt,
sich klein in deiner kühlen Hand
und durch sich selbst erweckt.
Denn Durst wird nicht mit Wein gestillt
und auch das größte neue Land
als Punkt am Horizont entdeckt.


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#2

Durch Nichts

in Philosophisches und Grübeleien 18.03.2006 22:29
von Olaf Piecho (gelöscht)
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Fein gewebt, bei einigen Bildern musste ich über die doppelsinnige Wendungen schmunzeln; keine Ahnung ob das von dir so gewollt war.
Zitat:

Dann wird sich zeigen was erfüllt,
sich klein in deiner kühlen Hand
und durch sich selbst erweckt.



...eines bestreite ich wissend:
Zitat:

Denn Durst wird nicht mit Wein gestillt

Durst wird mit Wein gestillt, mit was denn sonst? im Ernst: Wein ist neben Wasser eines der ältesten Getränke der Menschheit, die zum Durst löschen (gestillt? Ich denke dann immer an das Stillen) dienen. Ohne Frage, nicht jeder Wein stillt den Durst, besonders kann ein an Taninen reicher Rotwein den Durst sogar verursachen. Aber sehr wohl kann man (z.B. mit einem spritzigen gekühlten Weißwein, Rosé) seinen Durst stillen...ich seh schon, wir müssen mal ein Sensorikseminar hier abhalten...

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#3

Durch Nichts

in Philosophisches und Grübeleien 19.03.2006 00:33
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hallo Fabian,
vorhin hatte ich schon so viel geschrieben.. falsch getastet und weg war's. Ich finde allein schon die Sprache in diesem Gedicht umwerfend gut!
Vom Inhalt her empfinde ich es als Part einer Unterhaltung zwischen einem Nihilisten und einem Rationalisten - oder Naturalisten.
Genz persönlich empfinde ich es als tröstend. Und noch persönlicher und auf Dich bezogen glaube ich.... das gehört hier nicht her - eher in eine PN.
Wunderschön das. Auf seine Weise 'erhellend'
LG
Uschi

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#4

Durch Nichts

in Philosophisches und Grübeleien 19.03.2006 13:34
von Fabian Probst (gelöscht)
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Vielen dank an euch beide.

@olaf: Es geht ja um Wein als Zeichen für das berauschen, feiern oder einfach nur für eine üppiges Gelage der alten Römer (als Beispiel).
Wenn es beim Wein trinken wirklich um den Durst allene ginge, dann würde man Wasser trinken, da bin ich mir sicher. Es geht auch immer um den Alkohol bzw. seine Wirkung.
Ansonsten hast du natürlich Recht.

@kratzbürste: Feut mich, dass es dir so gefällt. Allerdings ist es nichts persönliches. Eher ein allgemeine Anregung für alle, die in ihren Ängsten verharren, weil sie irgendetwas schwer belastet. Dann sollten sie einfach mitten hindurch gehen und ganz neu anfangen. Inspiriert wurde das durch sehr viele Werke, die ich in verschiedenen Plattformen gelesen habe, wo man merkte, das es den Leuten nicht um das Schreiben sondern in erster Linie darum ging, sich ihre Ängste von der Seele zu texten und sie anderen zu zeigen, weil sie sonst niemanden haben. Man kann da sogar ein Schema entdecken, dass bei allen wiederkehrt.

Erste Stropphe geht eigentlich immer auf die Endungen:

......... Herz

........ Schmerz

-------

Preiset diesen wunderschönen Reim, der in keinem Gedicht fehlen sollte.

lg,Fabian






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#5

Durch Nichts

in Philosophisches und Grübeleien 19.03.2006 13:48
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Ich erlaube es mir einmal, mich an einer Interpretation zu versuchen, auch wenn ich vorwegnehmen muss, dass im Gedicht sehr viel steckt und es mir schwer fiel dem roten Faden zu folgen:

Durch Nichts

Was hast du dir im Geiste nicht
schon alles ausgemalt.
Den Traum in Blei gegossen
und verschnürt;
der Tag versteckt sich vor der Nacht,
wenn Fersengeld die Rechnung zahlt
und nur der Zweifel dich erspürt.


Das lyrIch spricht ein lyrisches Du an, welches auch der Leser sein kann. Es spricht von den Träumen des lyrDu, wie es sie hätte verwirklichen können aber stattdessen tief in sich eingeschlossen hat. Nun wird das lyrDu metaphorisch beschrieben. Es floh Hals über Kopf (Fersengeld - gelungenes Wortspiel ) und nur der Zweifel kann es noch spüren, d.h. die Beziehung zwischen lyrDu und lyrIch wurde abrupt beendet und dem lyrIch bleibt nur noch Zweifel, der Tag (Freude schöne Zeit) versteckt sich vor der aufkommenden Nacht.

Doch wenn es dich zu Boden lacht,
lass alles los;
und atme ihn, den Staub der Zeit.
Es gibt nichts das dich halten kann,
denn Leere wandert unberührt
durch Licht und Dunkelheit.


Das aussergewöhnliche Reimschema zieht sich durch die Strophen, sehr schön.
In der zweiten Strophe spiegelt sich die Überschrift wider.
Das lyrDu soll aus sich herausgehen, sich treiben lassen, wenn es lacht. Es kommt mir fast so vor als bräche das lyrDu nach einer Weile der Flucht vor Lachen über das lyrIch zusammen, als hätte das lyrIch es angeekelt. Doch das lyrDu gibt Retoure indem es das Gegenüber mit dem Wort "Leere" beschreibt. Das lyrDu soll den Staub der Zeit atmen, wobei es sich wohl um die Erinnerung handelt, doch im selben Moment konstatiert das Nichts das lyrDu halten kann, vor allem es selbst nicht.
Mit "Licht und Dunkelheit" wird wieder das Tag- und Nachtmotiv aufgegriffen, ich sehe das so, dass dem lyrDu Gefühllosigkeit vorgeworfen wird, da es als Leere unberührt durch gute und schlechte Zeiten wandert.

Nur dann und wann,
wenn du am Grund erneut begehrst,
wirst du den Tau erschmecken.
Die Zukunft fordert dich zuerst
und geht nicht um’s Verrecken.


Das lyrDu kann wohl nur noch den Tau (Gefühle?Freude?) erschmecken, wenn es sich entweder erinnert oder aber erneut am Grund (?an einem Tiefpunkt?) ein neues Opfer sucht.
Nun wird ausgesagt die Zukunft fordere zuerst, was wohl bedeuten soll, das lyrDu schaue nicht zurück.
Den letzten Vers finde ich wegen des "um's Verrecken" dem Gedicht unangemessen. Inhaltlich aber verfestigt sie den Eindruck das lyrDu sei davon besessen fortzukommen, insofern kann man aus dem "um's Verrecken" die Bitterkeit des lyrIch herauslesen und somit wäre es partiell wieder legitimiert

Dann wird sich zeigen was erfüllt,
sich klein in deiner kühlen Hand
und durch sich selbst erweckt.
Denn Durst wird nicht mit Wein gestillt
und auch das größte neue Land
als Punkt am Horizont entdeckt.


Hier könnte man fast an künstlerisches Schaffen denken. Das lyrDu hat also all das auf sich genommen, damit etwas mittels seiner Hände entsteht. Und doch entsteht es von allein und nicht durch seine Hand. Zum Schluss bricht der Erzähler, der sich schon in den vorangegangen Strophen versteckt hat endgültig durch und spricht zum einen, Durst liesse sich nicht mit Wein stillen, d.h. vielleicht eine Mahnung an das lyrDu, sozusagen auf dem Teppich zu bleiben, sich auf das Ursprüngliche, Einfache zu besinnen.
Das wird durch die letzten beiden Verse mit einer gelungenen Metapher nur unterstrichen, alles Große fängt klein an.

Deine Zeilen waren schwer zugänglich und ich habe die Intention sicher nicht getroffen, aber trotzdem versucht irgendwie alles in ein Gesamtbild einzuflechten. Im Nachhinein glaube ich fast der Autor hätte mit sich selbst gesprochen und sich selbst im Augenblick seines Schaffens mit einem Beigeschmack von Bitterkeit beschrieben und ermahnt.
Ich werde das Gefühl nicht los hier handle es sich insgesamt um ein gutes Stück Arbeit mit einem interessanten Reimschema, doch kann ich das aus mangelndem Zugang zu deinen Zeilen nicht abschliessend begründen.

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#6

Durch Nichts

in Philosophisches und Grübeleien 20.03.2006 10:16
von Fabian Probst (gelöscht)
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Ich danke dir für deine Gedanken. Finde ich gut, dass du sie trotz deiner Schwierigkeiten aufgeführt hast.
Es zeigt mir, dass ich zu sehr aus meiner Schreibersicht denke, denn ich empfand es als leichter zu verstehen. Wobei du es nicht gänzlich missverstanden hast, und vielleicht bist du ja auch meinem Unterbewusstsein näher als ich zum jetzigen Zeitpunkt erkennen kann.


Zitat:

Wilhelm Pfusch schrieb am 19.03.2006 13:48 Uhr:
Ich erlaube es mir einmal, mich an einer Interpretation zu versuchen, auch wenn ich vorwegnehmen muss, dass im Gedicht sehr viel steckt und es mir schwer fiel dem roten Faden zu folgen:


Doch wenn es dich zu Boden lacht,
lass alles los;
und atme ihn, den Staub der Zeit.
Es gibt nichts das dich halten kann,
denn Leere wandert unberührt
durch Licht und Dunkelheit.


Das aussergewöhnliche Reimschema zieht sich durch die Strophen, sehr schön.
In der zweiten Strophe spiegelt sich die Überschrift wider.
Das lyrDu soll aus sich herausgehen, sich treiben lassen, wenn es lacht. Es kommt mir fast so vor als bräche das lyrDu nach einer Weile der Flucht vor Lachen über das lyrIch zusammen, als hätte das lyrIch es angeekelt. Doch das lyrDu gibt Retoure indem es das Gegenüber mit dem Wort "Leere" beschreibt. Das lyrDu soll den Staub der Zeit atmen, wobei es sich wohl um die Erinnerung handelt, doch im selben Moment konstatiert das Nichts das lyrDu halten kann, vor allem es selbst nicht.
Mit "Licht und Dunkelheit" wird wieder das Tag- und Nachtmotiv aufgegriffen, ich sehe das so, dass dem lyrDu Gefühllosigkeit vorgeworfen wird, da es als Leere unberührt durch gute und schlechte Zeiten wandert.




Ich finde diese Ansicht absolut faszinierend. Und sie gefällt mir gut. Wenn du erlaubst, nehme ich sie in mein Denken auf. Es ist wirklich stimmig, was du anmerkst und öffnet mir eine neue Perspektive.

Meine bewusste Intention war die, dass jemand ganz unten ist, weil er niedergedrückt wurde. Mit dem "zu Boden lachen" sollte die schmerzhafte Einsamkeit des lydu's gezeigt werden. Da war das Bild, dass man am Boden liegt und jemand noch drauftritt oder eben lacht. Irgend eine Form der Demütigung, vielleicht auch Wahnsinn, der einen befällt.
Das Bild des "Staubes der Zeit" kommt daher, dass alles vergeht, neu entsteht und wieder vergeht.
Genau in der Situation sollte man alles loslassen und sich von den Schmerzen befreien bzw. es akzeptieren, das man sich kurz vor dem Nichts befindet, und nicht in Selbstmitleid versinken, jammern und sich im Schmerz wälzen (der ist zwar eine Zeitlang wichtig, aber man muss auch ihn loslassen können). Mit dem Einatmen des Staubes nimmt man den Zustand des Wendepunktes an, wo alles zu Staub zerfällt, aber irgendwann auch wieder aus ihm erwachsen kann.
Wenn man das schafft, kann man eine Zeit aus dem sicheren Nichts heraus alle Uhren auf Null stellen, es kann einem nichts passieren, weder am Tag noch in der Nacht, denn sie existieren dort nicht.


Zitat:


Nur dann und wann,
wenn du am Grund erneut begehrst,
wirst du den Tau erschmecken.
Die Zukunft fordert dich zuerst
und geht nicht um’s Verrecken.


Das lyrDu kann wohl nur noch den Tau (Gefühle?Freude?) erschmecken, wenn es sich entweder erinnert oder aber erneut am Grund (?an einem Tiefpunkt?) ein neues Opfer sucht.
Nun wird ausgesagt die Zukunft fordere zuerst, was wohl bedeuten soll, das lyrDu schaue nicht zurück.
Den letzten Vers finde ich wegen des "um's Verrecken" dem Gedicht unangemessen. Inhaltlich aber verfestigt sie den Eindruck das lyrDu sei davon besessen fortzukommen, insofern kann man aus dem "um's Verrecken" die Bitterkeit des lyrIch herauslesen und somit wäre es partiell wieder legitimiert





Das mit dem "Opfer" verstehe ich nicht.

Hier ist gemeint, dass nach einer Weile im Nichts, der Moment kommt, wo man sich wieder erheben will, weil man neue Bedürfnisse in sich aufkeimen spürt. Ich halte das für eine Frage der Zeit, denn irgendwann legt man auch den letzten Rest des Trauerns ab und will wieder wachsen.
Deswegen fordert die Zukunft und sie kommt so oder so, ohne das man etwas daran ändern könnte oder etwas dazu tun müsste.
Mit "fordern" ist nicht nur eine Form des Duells gemeint sondern eben auch die Dinge des Lebens, die für jeden eine Herausforderung darstellen sollten.
Ich habe auch erst überlegt, ob es nicht zu harte Worte am Ende sind, aber ich fand es dann doch passend, weil es die Nachhaltigkeit unterstreicht, wie ich finde. Auch, dass es verdammt nochmal einen Punkt geben sollte, wo man den Arsch wieder hochkriegen muss.



Zitat:


Dann wird sich zeigen was erfüllt,
sich klein in deiner kühlen Hand
und durch sich selbst erweckt.
Denn Durst wird nicht mit Wein gestillt
und auch das größte neue Land
als Punkt am Horizont entdeckt.


Hier könnte man fast an künstlerisches Schaffen denken. Das lyrDu hat also all das auf sich genommen, damit etwas mittels seiner Hände entsteht. Und doch entsteht es von allein und nicht durch seine Hand. Zum Schluss bricht der Erzähler, der sich schon in den vorangegangen Strophen versteckt hat endgültig durch und spricht zum einen, Durst liesse sich nicht mit Wein stillen, d.h. vielleicht eine Mahnung an das lyrDu, sozusagen auf dem Teppich zu bleiben, sich auf das Ursprüngliche, Einfache zu besinnen.
Das wird durch die letzten beiden Verse mit einer gelungenen Metapher nur unterstrichen, alles Große fängt klein an.





Das meiste erschaffen wir selbst (Hand). Der Rest passiert einfach. Auch die Dinge selbst sollten in uns Lust erwecken, sie auszuleben oder zu entdecken.
Es sind die kleinen Dinge, Schritte, die uns zum großen Ziel bringen, nicht die Sprünge.


Zitat:


Deine Zeilen waren schwer zugänglich und ich habe die Intention sicher nicht getroffen, aber trotzdem versucht irgendwie alles in ein Gesamtbild einzuflechten. Im Nachhinein glaube ich fast der Autor hätte mit sich selbst gesprochen und sich selbst im Augenblick seines Schaffens mit einem Beigeschmack von Bitterkeit beschrieben und ermahnt.
Ich werde das Gefühl nicht los hier handle es sich insgesamt um ein gutes Stück Arbeit mit einem interessanten Reimschema, doch kann ich das aus mangelndem Zugang zu deinen Zeilen nicht abschliessend begründen.





Ich finde schon, dass du die Intention getroffen hast.
Interessant finde ich die Ansicht des Selbstgespräches. Und es kann ja auch durchaus an sich selbst gerichtet sein.

Danke dir für ein Stück neue Sichtweise.

lg,Fabian

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#7

Durch Nichts

in Philosophisches und Grübeleien 20.03.2006 19:47
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Hm, jetzt ist mir einiges klarer. Ich habe eine Geschichte herausgelesen, aber nicht die Gedankenfolge, die du intendiert hast.
Mit dem "Opfer" meinte ich, das lyrIch sei das Opfer des lyrDu gewesen, und dieses sei nun weitergezogen und hätte es verbittert zurückgelassen.
Nun, ich bin froh dass dir mein Kommentar zumindest Aufschluss über die Wirkung des Gedichtes gab. Hoffentlich bin ich bei den Wettbewerbsgedichten besser drauf

Grüßle, Willi

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