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#1

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 07.03.2006 22:49
von Fabian Probst (gelöscht)
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Scheideweg

Was wäre, wenn - gedankenschwer,
und ganz ohne Entschuldigung -
ich einfach ginge?

Und wenn es nur zu Boden wär’,
so brächt’ es doch Veränderung
im Lauf der Dinge.

Es treibt mich weiter durch den Sand,
zum ersten Sprung
aus kalter Schlinge.

Solange schärf ich den Verstand.
Und - nur zur Sicherung -
auch meine Klinge.


lg,Fabian

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#2

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 08.03.2006 01:01
von apple (gelöscht)
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Hallo Fabian

... der Hamburger Wiener - freut mich sehr, Dich auch hier zu finden Willkommen im Tümpel, Fabian.

Ein wirklich hübsches Stück mit schönem, anmutigem und gewitzem Reimschema sowie feinen, immanenten Enjambements zwischen Strophe 1 und 2 und 2 und 3.

Beim Übergang von Strophe 3 zu 4 brichst Du, sicher bewußt, mit dieser Knüpftechnik, da hier auch der gedankliche Bruch vollzogen wird (vgl. solange), der sich bereits durch den Wechsel vom Konjunktiv ins Präsenz in Strophe 3 von hinten anschleicht.

Strophe 4 wartet ebenso mit der Präsenzform auf, die sich aber als "Placebo-Konjunktiv" (vgl. schärf) optisch und auch inhaltlich an die Gedankenschwere der ersten beiden Strophen schmiegt, um ihren Inhalt in eine kognitive Schublade zu legen, die dereinst geöffnet werden kann - bei Bedarf.

In meinen Augen ein gelungenes Stück: technisch und inhaltlich eine runde, feine Sache.

Besten Dank dafür und auf demnächst.

Liebe Grüße
Simone

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#3

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 08.03.2006 11:16
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte

Zitat:

apple schrieb am 08.03.2006 01:01 Uhr:
... der Hamburger Wiener



Also ein HotDog, oder wie?

Hi Fabian,

gefällt mir auch, alleine schon wegen des Reimschemas. Außerdem verwendest Du viele überraschende Formulierungen, die beim Lesen Vergnügen bereiten, sei es das zu Boden gehen oder das Schärfen des Verstandes und der Klinge gleichermaßen.

Ein bisschen etwas zu mäkeln habe ich jedoch auch, vor allem (oder eigentlich nur) an der ersten Strophe:
zum einen ergibt der Satz, so wie Du die Satzzeichen gesetzt hast, irgendwie wenig Sinn: Denn nähme man das durch die Gedankenstriche ausgeklammerte "gedankenschwer" heraus, ist das "und" überflüssig. Auch das Komma nach "Entschuldigung" erscheint mir falsch. Wenn ich die Strophe mal aufschlüssele, müsste es doch
Was wäre, wenn ich einfach ginge? heißen mit dem Einschub gedankenschwer und ganz ohne Entschuldigung". Oder verstehe ich das falsch? Dann aber wäre die richtige Zeichensetzung:
Was wäre, wenn - gedankenschwer
und ganz ohne Entschuldigung -
ich einfach ginge?

Dann macht die Strophe auch einen für mich nachvollziehbaren Sinn (sorry, dass ich mich diesbezüglich so ausgemehrt habe, ich musst es nur auch für mich erst einmal aufdröseln).

Außerdem verwendest Du eigentlich überall Jamben, nur in der 2. Zeile der ersten Strophe gibts diesbezüglich einen Holperer. Außer natürlich, man ist bereit, "ohne" auf der zweiten Silbe zu betonen, aber den Weg gehe ich zumindest nicht mit . Da lässt sich doch bestimmt eine Alternative finden.

Inhaltlich bin ich sehr angetan von Deinen Zeilen, nur die 3. Strophe verstehe ich nicht so ganz. Welcher Sand denn plötzlich? Auch wenn ich die Treib(t)-Sand Assoziation ansprechend finde, kann ich keinen Zusammenhang zu den anderen Strophen herstellen. Dummerweise komme ich auch mit dem ersten Spung und der kalten Schlinge nicht klar, so dass sich hier ratlos bleibe. Hm, vielleicht bekomme ich oder wer anders ja noch eine Idee oder Du klärst auf...

Trotz der kleinen Mäkeleien an der ersten Strophe (die sich ja überwiegend nur auf die Zeichensetzung bezieht) und meinem Verständnisproblem gern gelesen, wirklich hübsch gemacht.

Ach ja: ein herzliches Willkommen auch meinerseits .

Don

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#4

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 09.03.2006 10:40
von Fabian Probst (gelöscht)
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@apple: Vielen Dank für Befrüßung und Kommentar. Freut mich auch, dich hier zu sehen und zu lesen.

Dein Kommentar ist weltklasse. Mehr muss ich dazu nicht sagen.

@Don: Vielen Dank auch an dich. Deine Zeichensetzung hat mich überzeugen können. Ich habe da auch selbst sehr viel hin und her überlegt. Allerdings habe ich noch ein Komma nach "gedankenschwer" gesetzt um die Lesepause zu betonen. Vor "und" ist das ja legitim.

Was die Jamben angeht, so bin ich nicht der Ansicht, dass man sich so starr an ein Schema halten sollte, weil es darum doch gar nicht geht. Dass es eins gibt, ist wohl jedem ersichtlich und gerade kleine Ausbrüche machen es doch erst interessant. Ich finde auch nicht, dass es den Lesefluss in irgendeiner Weise negativ beeinflusst. Du darfst es ja nicht als reine Jamben lesen, und dabei noch mit dem Kopf nicken bei jeder Betonung, das passt nicht.

Es geht in der Lyrik nicht um Schablonen, dass betone ich immer wieder.
Ein Beispiel ist der "Faust-Monolog". Hier wechseln sich Jamben und Trochäen auch immer wieder in derselben Strophe ab und das ohne Regelmäßigkeit. Wenn es ein Muster gibt, dann ist doch gerade das Ausbrechen daraus ein gutes Stilmittel um gewisse Gedankenflüsse oder andere Effekte zu schaffen. Was natürlich nicht heißen soll, dass ein Gedicht ohne Ausbruch nicht gut ist, aber manchmal ist es eben besser mit.
Bei meinem Gedicht gibt es natürlich keinen solchen direkten Effekt, aber es kann so, wie es dort steht, am passendsten ausgedrückt werden. Auch das gibt einem Gedicht doch eine persönliche Kontur. Nach dem Reisbrett zu formulieren ist in meinen Augen sehr viel einfacher als eben mit diesen Ausbrüchen, ohne das der Lesefluss gestört wird. Ich behaupte, hier ist das der Fall, was mit der Gesamtqualität nichts zu tun hat. Das ist immer eine Frage des Geschmackes.

Aber nochmal: Kein Dichter der Welt schreibt immer und ausschließlich starr in diesen Metrik-Schablonen!

Trotzdem danke ich dir für deinen Kommentar und deinen ausführlichen Gedankengang.
Hat mich gefreut.

lg,Fabian

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#5

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 10.03.2006 15:56
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Keine Sorge, ich gehe auch nicht nur mir Schablonen an Gedichte heran, freue mich aber, wenn sie inhaltlich wie formal in sich konsequent sind. Und da Du Dich eben ansonsten konsequent für Jamben entschieden hast, empfand ich diese Str. 1/Z.2 etwas störend. Und natürlich betone ich nicht laut die Hebungen und flüstere die Senkungen, es gibt sich doch aber beim Lesen eine bestimme Melodie und an der Stelle haut es mich eben raus, zumal Du dort auch nicht durchgängig Trochäen verwendet hast:
"und ganz ohne Entschuldigung"
xXXxxXxX oder XxXxxXxX (je nach Betonung der Einsilber). Ich kanns nicht ändern, in meinen Ohren klingt diese Stelle nicht.

Der Ausbruch als Stilmittel ist natürlich legitim, aber wenn doch bitte mit Grund. Und da kann ich inhaltlich nichts erkennen, was das rechtfertigen würde. Und Goethe heranzuziehen bringt da auch nichts, denn ich bezog mich ja auf Deine durch Dich selbst vorgegebene Struktur. Wenn Du insgessamt Jamben und Trochäen wild gemischt hättest, hätte ich dies auch nicht angeführt. Das hat mit Schablonen wenig zutun, sondern nur mit formaler wie inhaltlicher Schlüssigkeit.

Im Übrigen wäre ich aber sicher auch Goethe auf den Sack gegangen .

Unabhängig davon war das auch nur eine Kleinigkeit, insgesamt hast Du mich mit Deinen Zeilen ja überzeugt.


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#6

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 10.03.2006 20:39
von Fabian Probst (gelöscht)
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Danke dir.

War auch nicht als Angriff gemeint sondern als Anregung.
Aber es ist natürlich gut, wenn man darüber diskutieren kann.
Wäre ja langweilig, wenn man in allen Punkten immer der gleichen Meinung wäre.

Freut mich, dass es dir gefallen hat.

lg,Fabian

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#7

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 11.03.2006 01:19
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Ups, ich hoffe, ich habe nicht gewirkt, als fühlte ich mich angegriffen. Naja, ein wenig angesäuert wirkte das schon... war aber nicht so gemeint, ich musste nur gegen Zeitnot und Ablenkung gleichermaßen antippen...


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#8

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 11.03.2006 08:48
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Fabian

Ich glaube, du hast die Frage noch nicht beantwortet, die dir Don gestellt hat. Wie ist der Sand und die Schlinge zu verstehen?
Ich sehe das so. Der Sand ist hier wohl das Leben im allgemeinem. Ich würde sogar soweit gehen und sagen "Sand im Getriebe". Die Schlinge ist die Gesellschaft aus der das Lyri gerne ausbrechen möchte.
Allgemein betrachtet, lese ich aus deinen Zeilen, dass dein Lyri durch die Zwänge der Gesellschaft blockiert wird und diese auch als feindlich gesinnt betrachtet, deswegen auch das "auf der Hut sein" und das schärfen der Klinge. Schärfen ist ja noch kein Anzeichen von Agression, sondern nur ein Bereitmachen für einen eventuellen Kampf.
Das Lyri wird durch den Sand gehemmt, durch die Schlinge gehalten, muss so noch einige Zeit durchhalten, bis ihm der Sprung in die Freiheit gelingt.
So ist das.

LG Gem

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#9

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 11.03.2006 10:54
von Fabian Probst (gelöscht)
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@Don: Ich bin da nicht empfindlich, und angegriffen habe ich mich auch nicht gefühlt. Es ist sehr gut, wenn man Kritik anbringt, solange sie konstruktiv ist, und das war sie in deinem Falle ja absolut.

@Gem: Ja, du hast absolut Recht. Es ist eine Möglichkeit, die ich auch im Auge hatte.
Es geht um alles, was uns hält, kleiner macht und einzwängt.
Das kann die Gesellschaft sein, unser Leben selbst, eine Beziehung, etc.
Der Sand steht für das was du meintest, auch für einen schweren Weg. Mit dem Wort "treibt" bekommt es noch die Assoziation "Treibsand", was für das Versinken im Stillstand steht, das kleiner machen, untergehen. Aber es ist auch ein innerer Antrieb gemeint.
Hier geht es um uns selbst, denn wir sind für uns am meisten verantwortlich.

Die "kalte Schlinge" steht für eine Falle, ein Hinderniss, etwas, was uns bewusst in den Weg gelegt wird oder in was wir hineinlaufen, weil wir uns verrennen. Ein äußerer Faktor. Die "Gesellschaft" passt da sicher.
"Kalt" als Wort spricht ja für sich selbst, es soll aber auch das "metallische" transportieren, und damit einen Strick (z.B. als Assoziation für Selbstmord) ausschließen.

Das mag jetzt unsinnig erscheinen, weil ich in beiden Fällen sagte, dass die Gesellschaft passt, aber es geht um die Perspektive des Betrachtens.
Ein und derselbe Faktor kann uns auf zweierlei Weisen beeinflussen. Zum einen können wir es zulassen (uns einer Mode unterwerfen, um ein ganz banales Beispiel zu nennen) oder wir können auch dazu gezwungen werden (z.B. kann man nicht sagen, ich mach nicht mit und zahl keine Steuern. Auch nur ein simples Beispiel das nicht auf den Text zu beziehen ist).

Es gibt also immer innere und äußere Faktoren, die uns beeinflussen. Das wollte ich damit ausdrücken.

Hoffe, das klngt einigermaßen plausibel. Es sind letztendlich immer subjektive Eindrücke und Assoziationen, die einen beim schreiben leiten.

lg,Fabian

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#10

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 11.03.2006 11:22
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Fabian,

Du verwendest in Deinen Gedichten gerne, ebenso wie hier, genau die Art von Wortspielen, die ich so mag wie "wenn ich ginge...und sei es nur zu Boden" etc. Ausserdem ergibt es hier ein assoziationsreiches Bild, zu dessen Interpretation hier ja schon reichlich etwas gesagt worden ist.
Gefällt mir jedenfalls sehr gut.
Ich wollte aber nochmal eine Ergänzung zu Dons Einwand wegen der Metrik machen. Nach meiner Erfahrung hilft eine schlüssige Metrik dabei, die Reime, so man denn welche verwendet, überhaupt klingen zu lassen. Das ist umso wichtiger, wenn man, so wie Du hier, ein eher ungewöhnliches Reimschema verwendet. Das nur am Rande meine Meinung. Aber wie das Beispiel von Goethe auch zeigt, hängen solche Dinge natürlich von mehr ab als von einer reinen Metrik vom Beginn der Zeile bis zum Ende. Es ist ja auch möglich den Rythmus über die erforderliche Betonung eines bestimmten Wortes zum Ende des Verses hin wieder einzufangen. Ach, das Feld ist weit. Aber ich halte Vergleiche mit Goethe zur Rechtfertigung von sprachlichen Freiheiten, die man sich nimmt, in unseren Zusammenhängen immer für ein bisschen kritisch muss ich sagen. Ich, für mein Gefühl wähnte da bei mir zuwenig auf der Plusseite um Goethes Minus auszuschöpfen.

Schönen Gruß,
GerateWohl


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#11

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 11.03.2006 11:50
von Fabian Probst (gelöscht)
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Zitat:

GerateWohl schrieb am 11.03.2006 11:22 Uhr:
Aber ich halte Vergleiche mit Goethe zur Rechtfertigung von sprachlichen Freiheiten, die man sich nimmt, in unseren Zusammenhängen immer für ein bisschen kritisch muss ich sagen. Ich, für mein Gefühl wähnte da bei mir zuwenig auf der Plusseite um Goethes Minus auszuschöpfen.




Und das ist eben der Fehler.
Es ist kein "Minus", wenn man aus dem Reimschema ausbricht. Jedenfalls sehe ich das nicht so und Goethe hat es auch nicht so gesehen. Er hat das ja absichtlich genmacht, und im Faust-Monolog gab es auch keinen trifftigen Grund, das zu tun.
Ich wollte mich nicht mit Goethe vergleichen, aber wenn ein so großer Dichter das für völlig legitim hielt, dann kann es doch nicht so schlimm sein, oder? Darum ging es mir.

Ich denke einfach, man darf nicht zu statisch an Lyrik herangehen.
Wenn man mal bei einigen Lesungen war, dann merkt man, wie unmetrisch manche Lyriker ihre Werke lesen. Auch wenn das wieder sehr hochgegriffen scheint, aber hast du mal die Gründgens-Verfilmung von "Faust" gesehen? Da merkst du, was ich meine.
Sprache ist so dynamisch, dass es albern klingen würde, wenn man Verse so lesen würde, wie sie metrisch geschrieben sind. Also muss man auch nicht alles starr metrisch formulieren, weil es nicht wichtig ist, solange man das Schema erkennt, die Absicht.

Aber selbstverständlich ist das nur meine Meinung, keine allgemeine Gültigkeit. Die gibt es sowieso nicht.

Vielen Dank für deinen netten Kommentar.

lg,Fabian

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#12

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 11.03.2006 12:35
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Das Treiben habe ich überlesen. So ergibt sich ein schlüssiges Bild.
Ich habe dir noch gar nicht gesagt ob es mir gefällt.

LG Gem







Ja, gefällt mir.

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#13

Scheideweg

in Philosophisches und Grübeleien 15.03.2006 14:22
von Fabian Probst (gelöscht)
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Das freut mich, Gem.

Danke dir.

lg,Fabian

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