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#1

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 17.03.2006 22:53
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Vertraute Wut

Ich habe Dir bedingungslos vertraut,
doch wusst ich Deine Worte nie zu deuten -
und immer mehr hat sich die Wut gestaut.

Mein Körper gab sich hin mit Haar und Haut,
im Glauben, dass wir uns an uns erfreuten,
ich habe Dir bedingungslos vertraut.

Verzaubert bin ich schließlich aufgetaut,
doch prompt kam der Verrat vor fremden Leuten.
Und immer mehr hat sich die Wut gestaut.

Das erste Mal. Ich hatte Dich durchschaut,
doch meine Zweifel sich alsbald zerstreuten.
Ich habe Dir bedingungslos vertraut.

Mein Leben hatte ich auf Dich gebaut
und nicht auf das, was wir einstmals bereuten,
und immer mehr hat sich die Wut gestaut.

Nicht ich habs diesmal neuerlich versaut,
Du konntest mich nur nicht vollends erbeuten!
Ich hatte Dir bedingungslos vertraut,
doch immer mehr hat sich die Wut gestaut.

(c) Don Carvalho
- März 2006

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#2

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 18.03.2006 07:35
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Don,

inhaltlich 1, setzen!
Formal hast Du Dir mit den zwei Reimen ein hartes, wie KB sagen würde, Korsett angelegt, das Dir hier aber ganz gut steht.
Einzig die häufige Wiederholung der Verse ohne Variation wirkt auf mich hier nicht eindringlich, sondern beim Lesen etwas ermüdend. Funktional machen sie auf jedenfall Sinn. Daher wäre mein Tipp, jeweils eine umformulierte Variante des Verses zu verwenden. Das würde die Sache spannender machen. Wobei hier gewiß zum tragen kommt, das ich ein recht langsamer Leser mit ganz gutem Gedächtnis bin und deshalb Wiederholungen keinen Doppelungs- sondern eher einen Fünffacheffekt haben. Dennoch liegen die betreffenden Verse im Verhältnis zu ihrer Länge recht dicht beieinander.

Nun nochmal zum Inhalt. Ich habe mich schon immer gefragt, wie Leute, wie Robert Smith, die seit vielen Jahren glücklich verheiratet sind, so treffende Verse über zerrüttete Beiehungen schreiben können.
Das Ich hat, wie es mehrfach betont, dem Du bedingungslos vertraut. Dennoch ist da eine Wut, die ihm innewohnt. Es gab zwar wohl einen Verrat und das Du war wohl nicht ganz aufrichtig. Dennoch scheint die Wut des Ich aus ihm zu entstehen unabhängig vom Du. Das schließe ich daraus, dass die Wut schon in der ersten Strophe erscheint, in der noch scheinbar ja alles in Butter ist. Ich interpretiere das so, dass der Ausgangspunkt eine glückliche Beziehung ist. Und dann kommt die unterschwellige Wut und Ablehnung des ich zutage. Oberflächlich wurde vertraut und die Wut vom Ich konnte es wohlmöglich nicht richtig deuten. Dann gibt es vorfälle, die das Ich in seiner unterschwelligen Wut bestätigen und ds vordergründige Vertrauen verraten. Das Ich sieht sich hier größtenteils als Opfer, wobei die schon zu beginn anwachsende Wut für mein dafürhalten durchaus einen Anteil, wenn nicht sogar der Keim des nachfolgenden Verrates und des Zerwürfnisses ist. Ob das Ich nun dabei ist, diesen Mechanismus zu durchblicken oder nicht, bin ich mir nicht so sicher. Seien wir mal optimistisch.

Übrigens ein sehr schmissiger Titel.
Gern gelesen, obwohl ich es mir in genannter Hinsicht etwas aufgefetzt gewünscht hätte.

Schöne Grüße,
GW

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#3

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 19.03.2006 01:14
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Geratewohl,

formal liegt hier eine Villanelle (oder Villanella) vor, die dadurch gekennzeichent ist, dass zwei Zeilen im Zentrum stehen und sich jede dritte Zeile wiederholen, ansonsten immer derselbe Reim benutzt wird. Sie besteht aus 5 Terzetten und einem Quartett am Ende und ich glaube, diese Strophenform kennt eigetlich keine Sau !

Mich hat dieses starre Gerüst aber gereizt. Zum einen war es wirklich schwierig, zwei Zeilen zu finden, mit denen man eine ansprechende Stimmung beschwören kann, zum anderen war ich erstaunt, wie leicht mir die Sache von der Hand ging. Deine Bedenken hinsichtlich dieser sturen Wiederholung kann ich aber verstehen, ich bin allerdings schon im Quartett ein bisschen vom eigentichen Schema abgewichen und wollte es nicht übertreiben. Vielleicht sind bei dieser Strophenform leichte Variationen sogar zulässig, genau weiß ich das auch nicht... (ich sollte wohl mal Lev fragen ). Soviel zu Form. Du siehst, ich verstehe was Du meinst, aber ich konnte nicht anders^^...

Inhaltlich gehe ich mit Dir mit. Die Wut war schon von Anfang an da... ob sie die weiteren Verwürfnisse mitverursacht hat oder das lyrIch bereits von Beginn an bemerkte, dass das lyrDu mit Vorsicht zu genießen ist, mag dahingestellt sein. Ich vermute, es ist eine Mischung aus beiden.

Es freut mich, dass es Dir grundsätzlich gefällt. Und vielen Dank für die Kritik, die hat mich noch mehr gefreut !

Danke,

Don

edit: Die Strophenform habe ich jetzt noch dazugeschrieben

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#4

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 19.10.2006 13:02
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
Villanelle - die Form:

Strophe 1:
a1
b1
a2
Strophe 2:
a3
b2
a1
Strophe 3:
a4
b3
a2
Strophe 4:
a5
b4
a1
Strophe 5:
a6
b5
a2
Strophe 6:
a7
b6
a1
a2

wobei a1 (4x) und a2 (4x) nicht nur die gleichen Endreime haben - der gesamte Vers wird übernommen.


hallo Don

bei deiner Umsetzung fällt auf, dass du den a1-Vers variiert hast. dabei fragte ich mich wieso du nicht durchweg die "hatte"-Form einhalten wolltest. in S4 bringst du das Wort auch in der ersten Zeile, vielleicht deshalb.

jedenfalls würde ich für ein kompromisslose Einhaltung der Form plädieren. bei meinem Versuch hatte ich schon Bauchschmerzen weil ich in der vorletzten Zeile den Punkt weggelassen habe. denn auch die Interpunktion schreit scheinbar stark danach, starr kopiert zu werden. was Wunder, dass mir die wechselnde Klein-Großschreibung des a1-"Ich" auch aufgefallen war.

aus alledem schließe ich nun ziemlich scharf, der Zeile fehlt eventuell die nötige Stringenz um der viermaligen Wiederholung ohne Abnutzungserscheinungen zu widerstehen.
ich vermute auch, es liegt auch daran, dass die Betonung auf "Dir" im fünfhebigen Jambus weit geringer ausfällt als auf "hab" und "ding" zum Beispiel. ab habe könnte man intuitiv einen Daktylus vermuten, der aber dann nicht erfolgt. diese Unsicherheit wird vervielfacht in den Text getragen. definitiv kein guter Einstieg.

die vorerst angedeuteten, danach deutlich aufkeimenden Zweifel am bestehenden beziehungsgeflechtlichen Zustand des lyr.Ich sind hingegen hervorragend umgesetzt. die Zäsur, der (Höhe)Punkt in S4Z1 ist trefflich, sowas genießt man.

Gruß
Alcedo

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#5

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 19.10.2006 13:56
von Roderich (gelöscht)
avatar
Hallo Don,

die Villanelle ist mir vor kurzem ja bei Alcedos Hirtenlied zum ersten Mal aufgefallen. Ich freue mich sehr, gleich noch einmal auf eine zu stoßen, denn das Teil fasziniert mich sehr. Formal wohl eine der anspruchsvollsten Gedichtarten, wie mir scheint, da hier Inhalt und Aufbau extrem durchdacht werden müssen, wenn man keinen Blödsinn schreiben will.

Form und Inhalt reichen sich bei dir brüderlich die Hand und alles ist stimmig und in sich geschlossen. Da kann man nur gratulieren! Wunderbar und dafür gibt's ganz klar eine Nominierung für den Dickfisch. Um keinen Deut schlechter als Alcedos Villanelle und die habe ich ja auch nominiert. Und gleichzeitig eine Bitte an euch: Schreibt doch mehr von den Dingern - die haben es mir wirklich angetan!

Viele Grüße

Thomas

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#6

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 19.10.2006 17:47
von Joame Plebis | 3.473 Beiträge | 3363 Punkte
Lieber Don Carvalho!

Deine Vertraute Wut hast Du
schön und gut geschrieben, auch metrisch einwandfrei!

alle Strophen:
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX

die letzte Strophe:
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX


Zitat:

im Glauben, dass wir uns an uns erfreuten,


Hier hätte ich das wechselbezügliche Fürwort verwendet:
im Glauben, daß einander wir erfreuten.

Guter Arbeit folgen auch gute Worte!
Es tut wieder einmal gut, so etwas zu lesen.

Von Deinen Werken könnte ich mir vorstellen, etwas zu kaufen und
genüßlich und entspannt darinnen zu lesen, was ich von dem hier
so viel umherschwirrenden tiefkryptischen Blahblah nicht behaupten kann.

Freundlichen Gruß!
Joame


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#7

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 20.10.2006 12:34
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo allerseits!

@Alcedo: Freut mich, dass Du meine (Fast-)Villanelle noch unter die Lupe nimmst. Ob diese Strophenform (kleine) Variationen zulässt, darüber hatte ich u.a. in der Antwort zu GW's Post auch schon nachgedacht. Es war eigentlich weniger die sprachliche Abnutzung, die mich zu der Änderung von "habe" zu "hatte" brachte, sondern ich wollte quasi den Abschluss des Gedichtes auch durch den Tempuswechsel vom Perfekt zum Plusquamperfekt betonen. Letztlich habe ich damit vermutlich die Villanella-Form gesprengt, mit Sicherheit konnte ich dies jedoch nicht in Erfahrung bringen, denn über die Villanella findet man ja leider recht wenig im Netz.

Hab Dank für Deinen Kommentar, freut mich, dass Du die Zeilen trotz der formalen Unsicherheiten auch zT genießen konntest .

@Rod: Vielleicht versuchst Du Dich auch mal an dieser Form? Es macht auf jeden Fall Spaß, am Formalen zu tüfteln und dann noch einen Sinn hineinzubekommen . Die Dickfischnominierung freut mich natürlich, auch wenn sie ca. ein halbes Jahr zu spät kommt - aber der Gedanke zählt ja bekanntermaßen ! Vielen Dank für Deinen lobenden Kommentar.

@Joame: Das "einander" wäre für Str. 2 natürlich eine gleichwertige Alternative, auch wenn in meinen Ohren nicht unbedingt eine bessere, weshalb ich bei der bisherigen Version bleibe.

Schön, dass Dir diese Zeilen zusagen - und wenn ich dann käuflich zu erwerben bin, sage ich Dir Bescheid . Für Deinen Kommentar sei auch Dir gedankt.

Grüße,

Don

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#8

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 20.10.2006 12:46
von Fabian Probst (gelöscht)
avatar
ich musste mich erstmal dran gewöhnen, aber jetzt gefällt es mir auch wirklich gut.
War sicher schwer, das zu schreiben.

Deswegen kann ich auch über kleine inhaltliche Problemfälle hinweg sehen, wie der Frage, ob man jemandem bedingungslos vertrauen kann, dessen Worte man überhaupt nicht versteht.

Die Stelle mit dem "erfreuten" finde ich so, wie du sie geschrieben hast, besser formuliert. Wenngleich ich sie füe einen Notreim halte, denn das klingt schon etwas sonderbar. Ein erfreuen ist eher etwas belangloses, wenn es um Beziehung oder Sex geht, finde ich.

Alles in Allem sehr gern gelesen.

Gruß, Fabian

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#9

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 20.10.2006 13:42
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi Fabian,

mir ist diese Reimform das erste Mal bei einem Gedicht von Thomas Rackwitz über den Weg gelaufen; ich fand das auch zunächst zwar seltsam, aber mit mehrmaligem Lesen doch immer reizvoller.

Das schöne hierbei ist: wenn man sich erst einmal für die zwei zentralen Zeilen entschieden hat, wirds einfacher, da man die ja ständig wiederholen kann ! In reimerische Not gerät man dennoch leicht einmal, auch wenn man mE das "erfreuen" nicht unbedingt nur aufs Sexuelle beziehen muss.

Freut mich, dass es Dir gefallen hat, und vielen Dank für Deinen Kommentar,

Don


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#10

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 20.10.2006 23:26
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
danke für die Erläuterungen zum Tempuswechsel, Don. eine weitere Distanzierung ist ja dadurch in der Tat gegeben.

was die gesprengte Form betrifft, wollte ich ganz weit ausholen und auf die Essenz herausdestilierter Generationen hinweisen, oder auf die vollendete Form eines Hobels, eines Hüftschwunges oder eben eines Hänsel-und-Gretel-Märchens. aber, in der Hoffnung mehr damit zu erreichen, breche ich hier lieber auch die Form der Villanelle:

Formbruch
done for Don

Oh, Dichter, dichte tief und auf der Stelle,
achte und beehr die Poesie,
doch breche nicht die Form der Villanelle.

Erlab dich und erquick dich jeder Quelle;
rühme, rühme und besinge sie -
Oh, Dichter, dichte tief und sei stets schnelle.

Ansonsten kriegt der Quelltopf eine Delle -
dengel, dengel drauf, beklopf auch die,
doch breche nicht die Form der Villanelle.

Ins Einweckglas der Lyrik steck das grelle
Viech, das keine Ruhe gab und schrie
Oh, Dichter, dichte tief die Salmonelle.

Und wenns mal nicht behagt das visuelle,
öffne, riech und ekel dich wie nie,
doch breche nicht die Form der Villanelle.

Du, Walnuss, oh, du süße Mirabelle!
Weicher Kern, du - pralle Fleischpartie -
Oh, Dichter, dichte tief und sei zur Stelle,
doch breche nicht die Form der Villanelle.


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#11

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 21.10.2006 00:38
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hehe, schöne Zeilen .

Und ich entnehme ihnen, dass die Villanelle formal keine noch so kleinen Variationen zulässt. Wäre ich mir während des Schreibens diesbezüglich sicher gewesen, wäre ich wohl auch in den letzten Zeilen konsequent geblieben (auch wenn ich dieses Ergebnis schon befürchtete).

Im Nachhinein mag ich das aber auch nicht mehr ändern. Auch wenn es formal falsch ist, habe ich mich dennoch an diese Version auch hinsichtlich der dadurch entstandenen leicht anderen inhaltlichen Betonung gewöhnt, so dass mir diese Zeilen bei einer Korrektur irgendwie nicht vollständig erscheinen würden.

Aber bei meiner nächsten Villanelle beachte ich Deine Worte:
"doch breche nicht die Form der Villanelle".

Deine Rückmeldung (und Deine Villanellenantwort) haben mich gefreut,

Don

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#12

Vertraute Wut

in Liebe und Leidenschaft 21.10.2006 09:32
von Alcedo • Mitglied | 2.529 Beiträge | 2351 Punkte
es war mir ein Vergnügen, Don!

obwohl ich den Vergleich von Hüftschwung mit einer poetischen Gattung wieder reumütig zurücknehmen muss. ich habs gestern wieder verglichen (oder wars heute Nacht gewesen?) und bin ihn mit der Hand nachgefahren - O la la... was ist schon eine Villanelle dagegen!

liebe Grüße
Alcedo

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