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#1

Aus den Tiefen rufe ich

in Zwischenwelten 18.02.2006 18:24
von Arkanus (gelöscht)
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Locker hängt der graue Vorhang über meinen kargen Schultern. Und Spinnen streifen in Horden ihre seidenen Fäden um mich und klettern mir in alle Höhlen.
Ich führe die Füße nach vorne, einen linealgeraden Weg entlang. Und entdecke in weiter Ferne Häuser aus Backstein und Holz, exakt ausgerichtet um die Dorfmitte.
Ich stehe vor einem der Fenster, darinnen sind Menschen aus Salz, stehen regungslos in ihrem familiären Treiben. Eine Mutter beugt sich nieder, ihrem Sohn einen Kuss zu geben. Doch ward ihr Gesicht erstarrt noch vor dem Erreichen der Wange.
Perlen von Wasser fließen mein Kinn hinunter. Doch in mir ist nur ein Schatten geblieben, ein Nachhall dessen, was die Wasser nach außen tragen. Ich wende mich ab, umstreife die Häuser und finde mich in der Mitte des Dorfes wieder. Von hier aus nur die Häuserrücken, die mich anstarren.
Ein Brunnen wartet vor den Augen, ich stelle mich vor ihn, schaue hinein. Darinnen ein rotes Wogen und Wabern, ein nicht enden wollender Strudel aus kreischenden Kinderseelen, schwarzen und schlitzäugigen, der bis in den Erdkern führt. Dort unten angelangt züngeln Flammen sich um sie. In Agonie verschmieren ihre Gesichter wie heißes Wachs und fallen von ihren Köpfen.
Aus dem Brunnenschornstein kriechen Schwaden von Rauch und umfangen mein Gesicht. Ich weine bitterlich. Und Schmerz, als würde auch ich brennen, umrahmt meine Haut. Ich lebe. Der Rauch verteilt sich über die Stadtmitte. Er nähert sich den Häuserrücken aber findet keinen Einlass. Er steigt nach oben zu den Wolken, löst sich auf in ihnen und ist nicht.


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#2

Aus den Tiefen rufe ich

in Zwischenwelten 19.02.2006 10:29
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Arkanus

Bevor ich es vergesse: Das Einzige was mich stört ist eigentlich nur, dass die Gesichter von den Köpfen fallen. Eigentlich rinnen oder schmelzen sie ja, oder? Woran man sich noch etwas stoßen kann ist, dass du häufig den Satz mit "Ich" beginnst. Hier finde ich das aber sehr passend, da es noch die Einsamkeit und das Individuum hervorhebt. Auch sind ein paar Sätze, bei denen das Bild nicht detailiert dargestellt wird. Aber auch das stört mich nicht, da man hier von der Reife des Lesers ausgehen kann, der sicher weiß, dass der Prot. in ein Haus hineinsieht und nicht in einen Schweinestall. Da ich das Geschriebene als einen Traum ansehe, werde ich nun mein Freudsche`s Erbe aktivieren um ihn zu deuten. Das zu Salz erstarren ist hier als ein gesellschaftlicher Stillstand zu sehen. Mir fehlt auch die Angabe der Hautfarbe, deswegen nehme ich die Farbe des Salzes als weiß an. Unsere Gesellschaft erstarrt, während in der Welt an anderen Menschen und eben Kindern Gräuel passieren, von denen sie keine Ahnung haben. Der Prot. bewegt sich aber in dieser Welt als ein Sehender und empfindet Abscheu und Trauer. Das Verschmelzen der Farbigen Kinder ist als das "Im Tode gleich werden" zu verstehen und auch wieder ein Seitenhieb auf die Verallgemeinerung der Andersartigen.
Das Ende ist als das Vergessen und die Ausrottung zu verstehen.

Soweit erst einmal. Vielleicht erkennt noch jemand etwas, sofern ich überhaupt auf dem richtigen Weg war.

LG Gem

edit: Auch der Vorhang und die Spinnen passen in meine Interpretation. Der Vorhang der um die Schultern hängt, aber natürlich zuvor das Antlitz deiner Figur verhüllt hat. Also das Sehen und Erkennen. Die Spinnen sind hier die Vorurteile oder Sorgen oder Ängste, die den Prot. heimsuchen. Schlichtweg, das böse.

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#3

Aus den Tiefen rufe ich

in Zwischenwelten 19.02.2006 21:19
von Arkanus (gelöscht)
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Grüß' Dich, Gemini!



Zitat:

Bevor ich es vergesse: Das Einzige was mich stört ist eigentlich nur, dass die Gesichter von den Köpfen fallen. Eigentlich rinnen oder schmelzen sie ja, oder?



Psychologisch gesehen ist es immer besonders klug, zuerst die positiven Dinge aufzuzählen.
Ich fand das Bild im übrigen besonders gelungen, ja, besonders stark. Wenn es Dir unstimmig erscheint, verwundert mich das. Ich könnte das Wort "fallen" tatsächlich einfach gegen das Wort "fließen" tauschen, das hätte aber meiner Meinung nach weniger Wirkung, da es einen Prozess ausdrückt. Das seltsame Gefühl, das entsteht, wenn wir uns die Köpfe ohne die Gesichter vorstellen, ist schon beabsichtigt, wenn ich Dich aber richtig verstanden habe, meinst Du das nicht(?).
Ich hätte gerne mehr Meinungen dazu (was wir nicht alles gerne hätten! ).


Zitat:

Woran man sich noch etwas stoßen kann ist, dass du häufig den Satz mit "Ich" beginnst. Hier finde ich das aber sehr passend, da es noch die Einsamkeit und das Individuum hervorhebt.



Na, wenn Du Deine Kritik schon selbst widerlegst, bin ich ja arbeitslos.


Mit Deiner Interpretation bist Du jedenfalls definitiv auf dem richtigen Wege - ich hatte ehrlichgesagt schon Angst, dass ich zu verklärt geschrieben hätte.
Was mich noch interessieren würde ist, ob das mit den "schwarzen und schlitzäugigen" Kinderseelen zu platt daherkommt. Ich habe etwas mit mir ringen müssen, um das so aufzuschreiben, konnte es aber definitiv nicht ganz weglassen. Vielleicht kannst Du / kann jemand einen Alternativvorschlag anbringen, über den ich nachdenken kann?


Danke für Deine Mühen, Gemini!

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#4

Aus den Tiefen rufe ich

in Zwischenwelten 20.02.2006 07:55
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Nein, ich denke dass du die Kinderseelen nicht weglassen kannst. Denn diese Passage ist ja der Schlüssel zu der Geschichte. Was du mit dem Abfallen meinst, verstehe ich zwar nicht, aber das ist auch nicht so schlimm. Selbst auf die Gefahr hin, den Bogen zu überspannen: Das Salz der Erde, fällt mir in dem Zusammenhang noch ein. Könnte die "Wichtigkeit" der weißen Gesellschaft noch unterstreichen.

So, ich muß jetzt zu meinem Moped fahren. Das heißt, dass ich im Stress bin und vermutlich wieder irgendeinen Unsinn geschrieben habe.

LG Gem

edit: Du kannst uns Tümpelhühner schon ein wenig fordern. Das eine oder andere Korn finden wir schon. Wenn wir nicht gerade mit Grippe im Bett liegen.

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