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#1

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 26.01.2006 13:14
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Das Schweigen Deines Nackens

Kein Klagen will ich von Dir hör'n,
und will ich, dass Du springst, dann springe.
Noch jeder kostete die Klinge,
das kann mich wirklich nicht verstör'n!

Ich bin Dein Herr und Strafgericht
und mein ist Deine schwache Seele.
So stirb, wie ich es Dir befehle,
denn todgeweiht, mehr bist Du nicht!

Und liegst Du nieder, starr Dein Blick,
so warte nicht auf mein Bedauern -
schon viele wollten darauf lauern,
doch immer war ich Henkersstrick.

Falls es Dich jetzt noch glücklich macht:
auch mich trifft bitter Deine Strafe.
Ach, scheinbar tief ich nur noch schlafe,
denn Du bist Teil ein jeder Nacht.

(c) Don Cavalho
- Juni 2005/ Februar 2006

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#2

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 26.01.2006 13:18
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Wow, na das finde ich aber einmal gelungen! Ich bekomme Gänsehaut!
Wird sofort von mir zu m Gedicht des Januars vorgeschlagen!

Lg Gem

Form: Umarmender Reim und hier ein paar Kreuzchen xxxX

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#3

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 26.01.2006 13:22
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Wow, das ging aber nun mal schnell, sogar mit Metrikanalyse ...

Vielen Dank, Gemini, für Deinen Kommentar und das Lob.



P.S.: Mir selbst ist gerade das doppelte "Doch" Ende der vorletzten und Anfang der letzten Strophe aufgefallen. Hm, da werde ich wohl noch eine KLeinigkeit ändern...

Edit: geändert, bevors einer gemerkt hat .

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#4

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 27.01.2006 17:00
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Don

Die Köpfe rollen gut im Januar.

Mich stören die Elisionen in Z1 und Z4. Klar, das würde das Schema brechen, aber klingen würd’s um Einiges besser. Dann das ‚denn’ in S2/ Z4. – das passt irgendwie nicht. Findest du nicht auch? Eine Alternative fällt mir aber auch nicht ein. Es stört mich aber mächtig! *g Die letzten beiden Zeilen sind verwirrend geschrieben. Was will uns der Dichter denn damit sagen? Und wieso ‚ein’ jeder Nacht und nicht ‚in’ jeder Nacht? Irgendwie verstehe ich’s nicht so ganz, kann aber durchaus am Fieber liegen.

Gruss
Margot

P.S. Weshalb das 'du' gross? Ist jeder Henker denn so höflich?

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#5

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 27.01.2006 19:49
von Stigma (gelöscht)
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Ich finde, die Ellisionen, die Margot auch ansprach, sehen einfach nicht schön aus, eher falsch. Denn es ist ja jeweil kein "richtiges" Wort und eigentlich werden elisionen ja mit Apostroph angezeigt: zB. hör'n

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#6

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 27.01.2006 20:46
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Ja, aber das lässt sich doch leicht ändern. Ich denke aber, dass, weil es sich ja um das Mittelalter (meiner Ansicht nach) handelt, es hier doch angebracht ist.

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#7

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 27.01.2006 22:35
von Stigma (gelöscht)
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Was hat das Mittelalter damit zu tun, ob ich etwas mit oder ohne Apostroph schreibe?

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#8

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 27.01.2006 23:06
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Vielleicht kannte man das Apostroph damals noch nicht?

Liebe Margot, liebe Stigma, lieber Gemini,

die Schuld, dass ich in Gedichten die Auslassungszeichen auslasse, trägt Mattes bzw. sein alter ego muh. Bei einem älteren Gedicht von mir (ich glaube das war noch auf .com) hatte ich etwas tief in die Elisionskiste gegriffen, was von einigen bemängelt wurde, woraufhin Mattes meinte, vielleicht sei es besser, die Apostrophe wegzulassen, um nicht jedermann auf zT sprachnatürliche (kann man das so sagen?) Verkürzungen aufmerksam zu machen. Finde ich grundsätzlich noch immer, allerdings muss ich gestehen, dass ich gestern nachmittag auch eine Weile auf das Gedicht gestarrt habe und mich selbst ein wenig an der mangelnden Kennzeichnung der Elisionen gestoßen hatte (mir ging ständig "Jörn auf der Törn" durch den Kopf :rolleyes:). Da ich mich hier ansonsten mit Wortverstümmelungen zurückgehalten habe, kann ich die begangenen auch kennzeichen; ich gebe mich geschlagen und werde das ändern ...

Vom Klang allerdings finde ich die unproblematisch, mit ein klein wenig Umgangssprache spricht sich das doch recht entspannt, weshalb ich dem metrischen Schema doch lieber treu bleiben möchte.

Die Schwierigkeiten mit dem "denn", liebe Margot, verstehe ich nicht. Hakt es inhaltlich bei Dir, klanglich oder sprachlich? Hm, ich bin etwas überfragt und erstaunt, vor allem weil Dir dies Wörtchen so ausgesprochen wenig schmeckt.

Bezüglich des "denn Du bist Teil ein jeder Nacht" bin ich jetzt ein wenig verunsichert und gerate ins Schlittern, meine aber noch immer, dass man das so sagen kann. Es hat schlicht dieselbe Bedeutung wie "denn Du bist Teil einer jeden Nacht". Oder kann man das nicht so sagen? Doch.... oder? Abgesehen davon kann (oder soll) man die letzten Zeilen sowohl im übertragenen wie auch im sehr konkreten Sinne verstehen können.

Die Großschreibung habe ich gewählt, weil ich ein höflicher Mensch bin und das auf mein lyrisches Ich abfärbt . Außerdem wollte ich die Möglichkeit, etwas mehr als nur die Beziehung zwischen Scharfrichter und Todgeweihten zu sehen, unterstützen. Abgesehen davon gab es sicher auch höfliche Henkersleut^^.

Euch allen vielen Dank für die Aufmerksamkeit,

Don

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#9

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 28.01.2006 10:43
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Don

Nun, deine Erörterungen überzeugen mich nicht. Ich kennzeichne meine Elisionen auch nie. Ich finde, das verschandelt das Schriftbild und ich traue dem Leser schon zu, dass er die ausgelassene Silbe, auch ohne ein Apostroph, bemerkt. Ich finde einfach, hörn und verstörn passt so gar nicht zu der gewählten Sprache.

Das ‚denn’ stört mich, weil ich du da zu viel auslässt. Denn du bist todgeweiht.... müsste es ja eigentlich heissen. Mir kam da grad eine Idee, wie wäre es denn zum Beispiel mit:

So stirb, wie ich es Dir befehle,
du (ein) Todgeweihte(r), denn mehr bist Du nicht! ..... ?

Ich weiss, ich weiss, das gibt eine Silbe zu viel. Vielleicht müsstest du einfach das Schema anpassen. Dann könntest du nämlich auch die Elisionen von Str. 1 vermeiden.

Und mit den letzten zwei Zeilen komme ich einfach nicht klar, sorry. Zum Einen, weil du genau wieder mit einem ‚denn’ agierst und zum Zweiten, weil ich den Sinn einfach nicht verstehe. Scheinbar nur noch ..... ist für mich eine Verdoppelung. Und wenn es die Bedeutung von denn Du bist Teil einer jeden Nacht hat, weshalb schreibst du es dann nicht so hin? Und auch das vorgeschlagene ‚in’ würde doch genau das selbe ausdrücken und wäre besser zu lesen.

Nope, mich überzeugt es (so) einfach nicht. Aber schliesslich ist es dein Text und du musst damit glücklich werden.

Lieben Gruss
Margot

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#10

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 28.01.2006 11:56
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hm, also gerade die Elisionen würde ich einer mittelalterlichen Sprache zuordnen.

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#11

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 28.01.2006 14:00
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Don,

auch bei mir hakt's mit den Elisionen. Ich verglich mertisch reine Gedichte mit vielen Elisionen ja mal mit einem in ein Bonbonglas gestopften Stofftier, das dann nicht mehr so richtig niedlich aussieht, aber de Form genügt. Aber selbst das trifft ja bei dem Gedicht nicht so recht zu wegen der weiblichen Kadenzen, die sich mit dem Jambus gerade beim Übergang vom vorletzten zum letzten Vers des Gedichtes schlecht lesen lassen.
Inhaltlich finde ich dieses "Harte Schale, weicher Kern"-Bild ganz gut umgesetzt. Ich mag es ja, wie resolut Deine Charaktere immer wieder daher kommen.
Eins irritiert mich noch an der ersten Strophe. Wenn das Klagen des Du das Ich nicht verstören kann, warum fordert das Ich es dann auf zu schweigen? Da fehlt mir eine Begründung bzw. der Zusammenhang. Besser wäre es, meiner Meinung nach, wenn das Ich sagte, "Dein Klagen werd' ich ich nicht erhör'n".
Von dem, was das Ich sagt, erscheint es mir eher als Richter, denn als Henker. Und das gefällt mir, dass das Ich hier das Schicksal des Du bestimmt.

Schöne Grüße,
GerateWohl

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#12

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 28.01.2006 18:38
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi GW,

auch Du... (das "mein Sohn" erspare ich mir ), dabei hatte ich gehofft, dass Dir als Mundartkollege das hör'n und stör'n so entspannt von der Zunge rutscht wie nem echten Berliner die Currywurst (die aber hoffentlich in die andere Richtung).

Auch wenn Ihr mich hinsichtlich der Elisionen zum Wanken und Weinen bringt, bin ich noch nicht bereit, sie kampflos aufzugeben. Aber ich werde nochmal darüber nachdenken .

Zum Klageverbot: die 1. Strophe könnte man doch auch so verstehen, dass es das lyrIch nicht verstört, wenn das lyrDu über die Klinge springt. Man kann es aber auch auf das Klagen beziehen, wenn man möchte. Das Klageverbot sehe ich dabei eh auch mehr als Demonstration der Macht, die ja zB durch die 2. Zeile unterstützt wird, nach dem Motte: ich habe die Macht über Dich und Dein Leid berührt mich (scheinbar) nicht... etwas verständlicher oder magst/ kannst Du diesen Weg nicht mitgehen?

Ansonsten freu ich mich über Deine lobenden Worte, Danke dafür und für Deine Kritik im Ganzen,

Don


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#13

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 28.01.2006 20:15
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Hohes Gericht, lieber Don,

da ich mich gerade in einer Bestrafungsphase befinde und demütig den Nacken beuge, spricht mich das Thema durchaus an. Dass ein Gericht unerbittlich zuschlägt, ja zuschlagen muss, kann ich als kosmologisches Gesetz verstehen, nach dem alle Taten irgendwann auf den Täter zurückschlagen. Ich kann es natürlich auch in unserer altestamentarischen, juristischen Tradition deuten, nach der eine zivilisatorische Gesellschaft unbedingt einer konsequenten Exekutive bedarf, um handlungsfähigzu bleiben. Drittens kann ich an eine Partnerschaft denken, in der Domina-nz-Verhältnisse manchmal unvermeidlich sind.

Welcher dieser Modellen du mehr und welcher weniger zuneigst, läßt dein Gedicht offen. Da du in deinem Kommentar von Machtausübung sprichst, hast du die tiefenpsychologisch-kosmologische Seite offenbar weniger im Sinn. Dennoch löst du den anfänglichen Dualismus, Gericht- Verurteiler, Henker- Delinquent, am Ende zumindest teilweise auf, in dem du den Bestrafer zugleich als Bestraften beschreibst. In diesem Zusammenfang fällt mir eine Szene aus Bergmanns "Fanny und Alexander" ein, wo der Bischof seinen (angenommenen) Sohn zunächst körperlich züchtigt und ihm dann erklärt, wie "weh" es ihm selbst täte, so etwas tun müssen.

Das Gedicht beschreibt diese Haltung, ohne sie in irgendeiner Weise zu "entlarven", z.B. ironisch zu kennzeichnen. Mir fehlt in der Sprache und im Tonfall das Moment der Absetzung. Also frage ich mich: Identifiziert sich der Autor mit dem lyrischen Ich? Was will er mir eigentlich vermitteln? So wie das Gedicht da steht, redet es einer autoritären, selbstgefälligen Strafethik das Wort, mit der ich persönlich meine Schwierigkeiten habe.

Hilf mir, wenn ich etwas übersehen habe.

Was die Form angeht, muß ich leider in dasselbe Horn tuten. Auch wenn das Schema draufgeht, laß dich von deinen Kritikern verstören und schreibe lieber "hören"! Für das Ende hätte ich folgenden Vorschlag:

Falls es Dich jetzt noch glücklich macht:
hart trifft auch mich, wenn ich dich strafe.
weil ich nur scheinbar ruhig schlafe,
denn Du erscheinst mir jede Nacht.


Liebe Grüße, Ulli






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#14

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 28.01.2006 20:54
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Nein nein nein nein nein. Ich bestehe darauf, dass der letzte Satz so bleibt. Wo kommen wir denn da hin...

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#15

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 30.01.2006 12:51
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Ulli,

an ein kosmologisches Gesetz habe ich beim Schreiben der Zeilen tatsächlich nicht gedacht, der Gedanke gefällt mir aber. Und letztlich ist der Text ja immer das, was der Leser darin sieht, und wenn das etwas anderes (oder mehr) ist, als vom Autor geplant, finde ich das sehr gut . Im Übrigen habe ich aber zumindest zweidimensional gedacht und hatte sowohl den Hinrichtungsakt als auch eine Situation in einer Partnerschaft im Auge .

Was den Scharfrichter angeht, musste ich zudem ein wenig an Sanson denken, dem Scharfrichter, der maßgeblich an der Einführung der Guilliotine beteiligt war, letztlich aber seinen Job hingeschmissen hat und zur Bewältigung seine Memoiren geschrieben hat... daher auch die letzte Strophe: so sehr das lyrische Ich auch resolut und unbarmherzig ist, ist es aber nicht so, dass keine Spuren zurückbleiben.

Der Vorschlag der letzten Stophe trifft insofern die Kernaussage, dennoch bleibe ich doch lieber bei meiner Version. Vielleicht bin ich zu verbohrt, aber ich bin nach wie vor (bzw. wieder ) der Meinung (siehe unten), dass die letzte Zeile sprachlich korrekt ist. Und bei Deinem Vorschlag bleibt die (augenzwinkernde) Möglichkeit, die letzte Zeile im Scharfrichter-Rahmen auch wörtlich/ körperlich zu nehmen, auf der Strecke...

Und auch hinsichtlich der Elisionen bleibe ich diesmal stur, auch wenn der Gegenwind heftig weht! Ich finde, in der gesprochenen Sprache fällt es kaum auf, wenn man bei hören das "e" nicht spricht - und ich berlinere wirklich nicht so doll^^. Und da ich es, wenn ich es lese, ganz unproblematisch finde, mag ich mein Schema auch nicht ändern .

(Also keine Sorge, Gemini, ich ändere diese Sachen nicht mehr, auch wenn die Einwände ihre Berechtigung hatten und mich darüber grübeln ließen. Aber ich selbst wäre mit den Änderungen auch nicht zufrieden...)

Im Übrigen darfst Du auch hier zwischen lyrIch und Autor trennen . Ich finde, man muss keine Distanz schaffen zum Text, um derartiges zu verdeutlichen. Ich versuche möglichst immer, die Position des lyrIch einzunehmen und ein stimmiges Bild zu entwerfen, ich befürchte, da setze ich mich recht oft nicht von diesem ab. Vordergründig scheint das hier eine selbstgerechte Strafjustiz zu propagieren, mit der letzten Strophe, die dann doch eine andere Seite aufzeigt, wollte ich dem aber entgegensteuern. Und vor allem hatte ich ja auch eine weitere Sinnebene im Sinn, und auf die persönliche, partnerschaftliche Ebene bezogen ist die Interpretationsspielwiese ja eh eine andere...

Auf jeden Fall herzlichen Dank für die intensive Textkritik, hat mich gefreut .

@Margot: ich sehe gerade, ich bin auf Deine "denns" gar nicht mehr eingegangen^^. beim ersten "denn" lasse ich zwar etwas aus, das aber letztlich einfach vor (bzw. hier hinter) die Klammer gezogen wurde:
"denn todgeweiht (bist Du), mehr (bist Du) nicht!". Das Hilfsverb (hier als Kopula) kann man doch auch sonst weglassen, etwas ungewöhnlich ist doch nur, dass es hier nach hinten gezogen wurde:
"denn todgeweiht bist Du, mehr nicht". Naja, vielleicht spreche ich auch wirklich seltsam, könnte die Erklärung dafür sein, dass ich manchmal so komisch angesehen werde (und ich dachte immer, es läge an den langen Haaren ).

Zu den letzten beiden Zeilen:
"Ach, scheinbar tief ich nur noch schlafe,
denn Du bist Teil ein jeder Nacht."
Das denn ist hier eine kausale Konjunktion (so hieß das glaube ich): Weil das lyrDu Teil ein jeder Nacht (einer jeden Nacht) des lyrIch ist, schläft dieses nur noch scheinbar tief. Es wirkt so, als könnte es all das beseite schieben, tatsächlich bereitet es ihm schlaflose Nächte.
Hm, verständlich? Und ich bin der Meinung, dass man sowohl "einer jeden" wie "ein jeder" sagen kann, dies aber zu begründen, überfordert mich, das müsste man mal Germanisten vorsetzen...
Solange ich aber nicht überzeugt bin, dass es grammatikalisch falsch ist und zudem auch von mir ganz normal ohne Widerwillen verwendet werden kann, möchte ich es nicht austauschen. Wie (oben schon) gesagt: uneinsichtig bis zum Letzten ...

Auf jeden Fall vielen Dank Euch allen für die kritischen Kommentare und verzeiht mein Stursein, ich bin aber nach wie vor Gegenargumenten offen .

Don

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#16

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 30.01.2006 17:14
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Don,

es ist auch wirklich logischer, wei Du sagst, die ausbleibende Verstörung auf die Klinge zu beziehen. Dann hätte ich ein "wie immer wird's mich nicht verstör'n" besser gefunden. Dann wäre ein stärkerer Bezug zu dem Springen und dem Du da. Aber ist nur so ein Gefühl. Die erste Strophe irritiert mich von daher etwas. Aber ich weiß, erste Strophen sind ja immer so eine Sache. Bei mir ja auch.

Grüße,
Gunter

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#17

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 30.01.2006 19:54
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Also ich verstehe das Gedicht eigentlich sehr gut. Der Henker gibt sich hart und unberührt, zugleich aber plagt ihn das schlechte Gewissen in der Nacht. Ich finde das Gedicht super.


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#18

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 01.02.2006 13:37
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallo Don!

Jetzt hast du schon so viele, begeisterte Rückmeldungen bekommen, da wird es dich nicht stören, wenn ich meinen mosernden Senf dazu gebe. Ich will versuchen, nicht auf die bereits genannten Punkte einzugehen, bei den Elisionen musst du es mir aber gestatten, da du muh zitiertest und das nicht unkommentiert bleiben kann.

Ich meinte damals, dass die übertriebene Elisionskritik auf .com teilweise schwachsinnig war, da diese bei Nicht-Kennzeichnung vermutlich gar nicht erst aufgefallen wären, jedenfalls die wenigsten. Als alter Zwangsneurotiker muss ich natürlich auch jede Elision kennzeichnen, wobei das aber echt Geschmackssache ist. Elisionen stören mich aber prinzipiell in zwei Fällen: 1.) Wenn mehr als 1 Buchstabe und/oder ein betonter Vokal elisiert werden und 2.) Wenn zwei perfekt reimende und harmonierende Zeilenenden lediglich zugunsten der Kadenz kastriert werden. Außerdem sprichst du es nicht so, wie es dort steht, denn auch das verschluckte E sorgt ja für die Dehnung des betonten Vokales. Dein Jörn-Törn-Gedanke war daher vollkommen berechtigt.

Dieser allererste Eindruck, dass du geradezu sklavisch auf die Form schautest, zieht sich dann leider weiter durch dein Gedicht. Bereits in Zeile 2 benutzt du eine seltsame und inhaltlich überflüssige Wiederholung. Zeile 3 wechselt vom Sprung auf einmal zur Klinge und Zeile 4 zeitigt ein unschönes Füllwort. Wirklich? Ja, leider.

Strophe 2 ist weniger belastet, aber inhaltlich auch nicht recht überzeugend. Das lyr. Ich ist Richter und Henker in eins? Und Teufel auch noch? Stirbt das lyrische Du nicht nur durch die Hand des Henkers, sondern auch durch dessen Befehl. Zeile 4 schließlich ist dann auch sprachlich schwach. Nicht nur, dass alles Leben ohnehin todgeweiht ist, diese überflüssige Betonung ist reines Füllmaterial.

Strophe 3 beginnt nicht viel besser. Wer immer bei der Hinrichtung liegt, bekommt entweder eine Todesspritze oder wird vergast. Der Blick ist dabei selten bis nie starr. Aber davon abgesehen ist die einzige Aussage dieser ganzen Strophe, dass der Henker kein Bedauern kenne. Zeile 3 ist ganz üble Zeilenschinderei und der Henkersstrick in Zeile 4 ist tatsächlich eine eher mittelalterliche Bezeichnung für den Henkersknecht selbst, der aber war alles andere, als Herr über Leben und Tod.

Strophe 4 enthüllt uns nun wenigstens das Geheimnis des Gedichtes, sprachlich ungewandt bleibt es. Die Eröffnung ist mit „jetzt noch“ reichlich gefüllt, Zeile 2 ist syntaktisch unschön, Zeile 3 zudem ... würg, sorry, ich verstehe nicht, wie du so etwas abliefern kannst ... und Zeile 4 ist zwar sprachlich machbar aber auch eher mittelalterlich, zumindest etwas verquast. Insofern verstehe ich Geminis Einwände.

Den Bezug oder die zweite Sinnebene mit dem abgekühlten Pärchen kann man doch ausschließlich über den Titel und die Nacht der letzten Strophe herstellen. Das ist mir etwas dünn und so recht verstehen könnte ich diese Sinnebene oder zumindest den Sinn darin nicht.

Kurz (na ja) und krumm: Echt nicht mein Ding, sorry.

DG
Mattes

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#19

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 01.02.2006 19:58
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Da verweist man einmal kurz auf das alte Rindvieh und schon löst man eine Stampede aus.

Ich fühle mich niedergetrampelt, natürlich stört mich das ^^. Naja, irgendwie komme ich hier wohl mit meinen Kritikern nicht mehr auf einen Nenner (Gemini ausgenommen, dem muss ich aber auch genug bezahlen ), ich bin inzwischen bei diesem Text wohl zu festgefahren.

Schade, trotzdem aber vielen Dank für Deine ausführliche Kritik, Mattes,

Don

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#20

Das Schweigen Deines Nackens

in Düsteres und Trübsinniges 04.02.2006 19:42
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallo Don!

Ich lese gerade so vor mich hin und da kommt mir doch ein altes Nietzsche-Gedicht unter die Augen (Vereinsamt) und da steht in der ersten Strophe:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat.


Was lehrt uns das? Nicht nur, dass auch die Größeren feste elisiert haben, um Maß zu halten, sondern dass es auch bei denen echt scheiße aussehen konnte.

Bevor sich jemand aufregt: Das Gedicht von Nietzsche ist natürlich trotzdem ganz groß.

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