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#1

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2005 12:48
von Roderich (gelöscht)
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Damals


Waren wir nicht alle einmal besser dran? Damals, als der Schnee noch zu Weihnachten fiel und nicht erst Wochen danach. Oder als die Nächte noch klarer waren, die Sterne heller schienen. Haben wir nicht leidenschaftlicher geliebt? Waren nicht die Tage länger? Die Straßen breiter und die Menschen gelassener? Doch die Zeit hat an all diesen Dingen genagt, und an uns. Ganz besonders an uns. Nun können wir nur zurückblicken und uns fragen, wohin all die schönen Momente gegangen sind und warum wir ihnen nicht folgen können.
Manchmal sitzen wir stumm am Fenster und blicken hinaus in den alltäglichen Wahnsinn. Erinnern uns daran, dass wir hier schon einmal gesessen sind, vor vielen Jahren, und dass die selbe Straße, auf die wir damals geblickt haben, ruhiger war. Die Autos sind nicht so schnell gefahren.
Wir sehen in unserer Erinnerung die beiden Kinder spielen. Sie schlecken ein Eis, tanzen dabei um die Laternenpfähle. Und jetzt? Vielleicht gehen die gleichen Kinder gerade eben wieder auf dem Gehsteig und schlecken ihr Eis. Aber sie sind älter geworden und ihre Gesichter sind zerfurcht von Sorgenfalten. Und das Eis schmeckt nicht mehr so gut wie früher.
Und so ziehen wir die Vorhänge zu und legen uns schlafen. Das hätten wir damals nicht getan, aber nun ist es unumgänglich. Wir müssen schlafen. Was wir nicht mehr müssen: Aufwachen.

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#2

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2005 14:59
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Rodie

Es liegt in der Natur des Menschen, die Vergangenheit zu verklären. Ob „früher“ wirklich alles besser war, mag ich zu bezweifeln. Ich persönlich möchte auf keinen Fall mehr damals leben und schon gar nicht in der Zeit meiner Eltern bzw. meiner Grosseltern. Anyway..... zu deinem Text.
Die Strassen waren früher nicht breiter, sie waren schmaler. Natürlich verstehe ich deine Intention, das soll den Zukunftsaspekt (dass noch alle Wege offen sind) verdeutlichen, jedoch stimmt der Vergleich eben nicht. Der Text ist – mit Verlaub – ein einziges Gejammere. Du punktierst zu Vieles und gehst nicht in die Tiefe. Wenn du von ‚man’ und ‚wir' sprichst, mag das auf einige zutreffen, aber eben nicht auf alle. Derjenige, der sich nicht mit der Aussage identifizieren kann, wird den Text bloss überfliegen. Es wäre deshalb packender, wenn eine Person über sich spricht. Die Ich-Form ist ein starkes Stilmittel in der Prosa. Nutze das. So wirst du den Leser entweder auf deine Seite (die Seite des Protagonisten) ziehen können, oder du erweckst seinen Widerspruch. In beiden Fällen erreichst du etwas, nämlich ihn – auf irgend eine Weise - zu berühren bzw. anzusprechen. Die letzten beiden Sätze sind ein toller Abschluss, mit dem anderen kann ich mich jedoch nicht anfreunden.

Gruss
Margot

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#3

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2005 18:22
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Mich hast du jedenfalls getroffen.

LG Gem

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#4

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2005 19:27
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Entschuldige Rodie, aber ich hätte da mal eine Frage an Gem.

Was Gem, berührt dich denn an dem Text? Wodurch fühlst du dich betroffen? Welche Aussagen kannst du nachvollziehen? Welche Bilder erscheinen dir stimmig? Ist es Mitleid? Angst, es wird/würde dir gleich ergehen? Siehst du dich - in ferner Zukunft - ähnlich am Fenster stehen? Würdest du etwas ändern? Und wenn ja, was? Vermag dich die Schreibweise zu berühren oder lässt es dich "bloss" an die vielen, alten Leute denken, die ihrer Jugend, den verpassten Chancen, den sinnlosen Hoffnungen nachtrauern? Ich will dir nicht auf den Schlips treten, verstehe mich nicht falsch, aber eine solche Rückmeldung gefällt sicher dem Verfasser, bringt ihn aber - in seinem Schreiben - nicht weiter. Denn, wie soll er wissen, wodurch er mit diesem Text jemanden berührt, mit einem ähnlichen aber kS ansprechen kann? Ich mag Kurzkommentare, manchmal sind sie aufschlussreicher, als seitenlanges Geschwafel, aber so? Das wäre mir persönlich dann doch zu wenig. Nix für ungut, gelle - aber ich bin momentan selber in einer "Prosa-Phase", und es interessiert mich einfach, durch welche Art oder womit man den Leser erreichen kann.

Gruss
Margot

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#5

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2005 20:54
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hai Marge

Das kann ich dir sagen. Es handelt sich ja bei dem Text nur um eine schlichte Feststellung, die der Protagonist für sich selbst trifft. Und ich finde mich insoferne in dem Text wieder, da ich mir selbst auch oft solche Gedanken mache. Zumindest in letzter Zeit. Das Leben gestaltet sich mit zunehmendem Alter schwieriger und ich sehe ebenfalls mit Wehmut an die Zeit zurück, als alles noch möglich erschien. Mit den Jahren ist auch bei mir die Strasse immer schmäler geworden. Das ist es, was ich hier für mich entnehmen kann.
Der Text bietet keine unterschweligen Botschaften und keine versteckten Hinweise.Er ist schlicht, einfach. Er ist einfach da. Hier gibt es nichts zu interpretieren. Man kann nur sagen, ja, stimmt oder nein, bei mir ist das nicht so.
Mehr Aussage ist da nicht vorhanden.

LG Gem

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#6

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2005 22:06
von Roderich (gelöscht)
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Hallo Margot, hallo Gem,

erst einmal ein Riesendanke euch beiden, dass ihr euch so mit meinem Textchen hier auseinander setzt. Wie immer ist das die beste Schule, durch die man als Autor gehen kann.

@ Margot: Ich gebe dir Recht, dass der Erzähler hier ein wenig weinerlich ist, nur nach hinten blickt und jammert, anstatt sich der positiven Dinge, die noch vor ihm liegen könnten, zu besinnen. Ich hoffte, das durch meinen letzten Satz dann auch klarmachen zu können, dass hier eben das Bild eines stark depressiven Erzählers gezeichnet wird und dass das Jammern bei diesem Erzähler durchaus ein Teil seiner eigenen Persönlichkeit ist. (Und an dieser Stelle bitte ich zu berücksichtigen, dass das lyr. Ich keinesfalls mit dem Autor gleichzusetzen ist. ;)) Meine Intention hier war es, einfach mit wenigen Worten ein Stimmungs- bzw. Persönlichkeitsbild zu zeichen. Die Zeilen hier waren mehr eine Schreibübung, nachdem ich meine zehn Finger die letzten Wochen ruhen lassen musste, was den kreativen Ausstoß betrifft, und ich ihnen einfach eine Aufwärmrunde gönnen wollte. Wenn ich dich damit nicht erreichen konnte, so finde ich das wie immer jammerschade, aber nicht zu ändern. Und sind wir doch dankbar dafür, dass Geschmäcker verschieden sind. Aus deinem wie immer sehr hilfreichen Kommentar kann ich zudem wieder viel mitnehmen und deine Anmerkungen und Kritikpunkte stoßen bei mir nie auf taube Ohren, aber ich denke, das weißt du.

@ Gem: Diese Zeilen hier sind spontan und aus einer Laune, aus einer besonderen Stimmung heraus geschrieben worden. Ohne groß nachzudenken, einfach so aus dem Bauch heraus. Vielleicht spricht es deshalb auch deinen Bauch an - von Bauch so Bauch sozusagen. Wenn es bei dir dann einen Nachhall erzeugt wie bei mir diese Gemini-Gedichte, macht mich das zu einem glücklichen Menschen. Auch wenn ich nicht übereinstimme mit der Grundeinstellung des Erzählers, so liegt doch ein Teil von mir in diesen Zeilen. Und dieser Teil freut sich, wenn es jemanden gibt, der das gerne liest und was für sich aus dem Text mitnehmen kann.

Grüße an euch beide

Thomas

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#7

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2005 22:54
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi ihr Zwei

Danke für die Infos.
Vielleicht ist es gerade das, was mich (als Schreiberin und Kritikerin) von euch unterscheidet, dass ich quasi nie aus dem Bauch heraus verfasse/poste und auch nicht kritisiere. Das soll jetzt nicht heissen, dass ich es richtig und ihr falsch macht, oder umgekehrt, ich gehe einfach anders ans Schreiben heran. Ist schon interessant, wie verschieden AutorInnen sein können, nicht?

Gruss
Margot

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#8

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.12.2005 23:04
von Roderich (gelöscht)
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Servus Marge,

bei meinen Kritiken lasse ich mir natürlich auch Zeit und überlege vorher, was ich alles daherlabern möchte und was besser nicht. Meistens jedenfalls.

Was das Schreiben betrifft, so muss ich in der richtigen Stimmung sein, um zu schreiben. Das heißt aber nicht, dass ich jedesmal vollkommen planlos an die Sache rangehe. Im Gegenteil - mir schwirren mehr Ideen und Konzepte im Hirn umher, als ich jemals niederschreiben kann. Nur lasse ich mich manchmal eben auch ganz gerne von meinem Bauch diktieren. Ab und zu hat der nämlich auch ganz gute Einfälle (wird ja auch immer gut gefüttert von mir).

Jedenfalls ist es wirklich interessant, wie die Leute in unterschiedlicher Art und Weise ans Schreiben herangehen. Da stimme ich dir voll und ganz zu. Es gibt einfach keinen richtigen oder falschen Weg - es gibt letztendlich nur gute und schlechte Texte und sogar das liegt im Auge des Betrachters.

Adventliche Grüße

Thomas

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#9

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 19.12.2005 10:02
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Ich denke bei Prosa, sind Bauchraus Kritiken schon o.k.
Denn so sollte sie auch geschrieben sein. Je unkünstlicher desto besser. Da hab ich doch gerade erst einen Text gelesen, der sich dermaßen künstlich in die Höhe schraubt um dann am Ende im Nichts zu verschwinden. Was soll schon falsch an einem Text sein? Die grössten Fehler sind meiner Meinung nach, wenn der Schreiber versucht in jedem Satz eine verborgene Perle zu installieren. Ganz anders als bei einem Gedicht. Da kommen dann die unsinnigsten Füllwörter zum Einsatz, die so in der Wirklichkeit nie jemand verwenden würde. Da loben sich manche selbst schon im Vorfeld a la: Wie bin ich doch brillant, was habe ich nur für einen grossen Wortschatz!
Am Ende geht ihnen dann meistens die Luft aus und was übrig bleibt ist

Auch dreht es sich eben mehr um die Inhalte.

Rodis Geschichte ist auch zu kurz, um Aufschluss über die Technik zu geben. Da ändert sich keine Geschwindigkeit, keine Sichtweise, kaum Abschweifungen.

Deswegen mein Bauchraus Kommentar. Obwohl wenn wir schon mit einer Dame reden eher Bauchrein

LG Gem

Ps.: Auch zu glatt sollte ein Text nicht sein. Er kann ruhig auch etwas grobschlächtig geschnitten sein. Nicht wie ein Werbebrief. Am besten schreiben, kurz verbessern und solange er noch warm ist, posten!

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#10

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 23.12.2005 11:42
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Rod,

zwei Dinge gefallen mir persönlich ganz gut bei diesem Text:

zum Einen die Erkenntnis, dass nicht früher alles nur besser war, sondern dass sich vor allem der Erzähler verändert hat. Die Zeit hat vor allem an ihm genagt (er spricht zwar in der Mehrzahl, was aber mE nur aus dieser Weinerlichkeit resultiert).

Zum Anderen mag ich das Ende, das ist schon ein wenig böse und sehr depressiv.

Allerdings finde ich den Text insgesamt auch etwas zu wehleidig, was aber aufgrund der Kürze gerade noch erträglich ist. Insgesamt ein kurzer Moment des melancholisch nostalgischen Innehaltens, immerhin. Aber bei mir auch nicht mehr.

Don

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#11

Damals

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 23.12.2005 12:26
von Roderich (gelöscht)
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Hallo Don,

vielen Dank für deine Gedanken zu dem Text.

Thema "wehleidig": Das ist wohl richtig, der Erzähler jammert schon ein wenig arg herum. Siehe auch meinen Beitrag weiter oben.

Dass dir das Ende gefällt, freut mich wieder sehr. Jup, da war ich wohl ein klein bisschen böse, aber passt das nicht zu einem Jammerer, dass er nur noch im eigenen Ableben so etwas wie Besserung/Linderung sieht?

Noch einmal vielen Dank, dass du kurz mit mir inne gehalten hast, was schon sehr viel ist.

Grüße

Thomas

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