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#1

Kehre

in Liebe und Leidenschaft 07.11.2005 11:53
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Kehre

Vor deiner Türe kehre ich
den Dreck von meinen Schuhen
Vor deinen Fenstern wühle ich
in mitgebrachten Truhen
Wenn ich an deine Scheiben klopf
dann hör ich meine Knochen
Ich bin auf deiner Spur ums Haus
nur um mich selbst gekrochen

Was ich auch tu, ich kriege dich
nicht raus aus deinen Zimmern
Mein Bild von dir steht hinter Glas
und ist ein Hitzeflimmern
In meiner Wut stell ich mir vor
die Fenster einzuschmeißen
und habe ich dich ganz durchschaut
die Bude abzureißen

Renn ich dir deine Wände ein
stehst du in meinen Türen
Die zur Verzweiflung offenstehn
und die ins Freie führen
Wo es durch alle Mauern scheint
von allen Decken regnet
Da ist mir einen Augenblick
Als sei ich dir begegnet

Vor deiner Türe kehre ich
die Trümmer meiner Hütte
Ich grab nach dir obwohl ich weiß
dass ich dich nur verschütte

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#2

Kehre

in Liebe und Leidenschaft 09.11.2005 13:59
von kein Name angegeben • ( Gast )
Hallo Ulli,

wunderschönes Gedicht, habe es sehr gerne gelesen!

Die äußere Form, ihre gute Gereimtheit und der Rhythmus sagten mir sehr zu, noch bevor ich mich mit dem tiefen Inhalt, bzw. der Aussagekraft Deines Gedichtes beschäftigt habe.
Bist Du männlich oder weiblich?
Das Gedicht könnte glatt von einer Frau stammen. Frauen, die emotionaleren und gefühlsbetonteren, offenen Wesen versuchen oft den Mann und seine undurchschaubaren „Tiefen“ der Seele zu ergründen. Eindeutig fühlt sich das lyr. Ich hinter Schranken verwiesen, sodass es noch neugieriger geworden, am liebsten das lyr. Du zum Öffnen dieser zwingen möchte. Sodass sich dann beide Partner im Inneren sehr nahe kommen können. Was sich, meiner Meinung nach, als sehr ungünstig herausstellen würde, da das lyr. Du bei einem solchen Versuch total abbrechen könnte und alle Schranken schließt, bis hin zur Isolation.
Einer Frau wird das wahrlich kaum gelingen, zumal ein Mann Gefühle ungern zeigt und es sogar als „Schwäche“ empfinden könnte. Darum kommt mir bei Deinem Gedicht auch der Gedanke an eine Frau, die schon lange versucht mehr Einblick in das Wesen des geliebten Mannes zu erhaschen.
Öffnung heißt auch für einen Mann, angreifbar, manipulierbar zu sein. Der Mann, der nach außen hin keine Schwächen kennt und oberflächliche Niederlagen gut einzustecken vermag, wird hier an die Grenze des, für ihn, Machbaren kommen. Nur sehr wenige Männer können sich öffnen und sind bereit ihre Ängste vor der Frau zu offenbaren.
Selbst wenn der Mann sich öffnet und wenn die Frau nun mehr Einblick in seine Gefühlswelt hat, heißt das noch lange nicht, dass sie ihn nun wirklich interessanter oder sogar anziehender findet. Vielleicht wird sie ihn nun auch noch als „Weichei“ mit der Zeit wahrnehmen, da sie meinen könnte (aufgrund seiner „hilfesuchenden“ Art), ihm überlegen zu sein ...

Tja, schweres Thema. Aber sehr interessant. Ich hab mich selbst wiedererkannt in Deinen Zeilen, da auch ich gerne den Menschen ergründe und wissen möchte, was ihn antreibt und bewegt.

Wünsche Dir weiterhin viel Kreativität, Geist und Muse zum Schreiben!

Lg

Süßchen

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#3

Kehre

in Liebe und Leidenschaft 09.11.2005 21:24
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Danke Süßchen,

so viel Zeit hast du dir genommen für diesen Text...

Na, ich gebe zu, ich habe einige Tage daran gesessen und an ein paar Zeilen sogar Wochen...

Ob ich männlich oder weiblich bin? Es klingt wahrscheinlich bescheuert, aber ich weiß es eigentlich selbst nicht genau. Obwohl ich mich eigentlich für sehr offen halte, möchte ich darüber noch ein bißchen schweigen...

Damit habe ich mich fast schon als Mann geoutet, stimmts? Aber egal was Du bist - wenn du beginnst, den anderen zu ergründen, kommst du nie auf Grund, weil der andere ein Abgrund ist... Das hat bei mir lange gedauert, bis ich das wirklich sehen konnte. (Ist das nicht die Ursache jeden Streits: man "glaubt" einander zu durchschauen?) Aber dann habe ich die "Kehre" gekriegt und gemerkt: wenn ich schon nichts Sicheres über den anderen herausbekommen kann,dann doch eine Menge über mich selbst... Und wenn du dann dein eigenes Drama wahrnimmst, dann wirst du so weich, dass du auch das des anderen wahrnehmen kannst... Also gibt es doch Begegnung? Ich glaube ja. Aber nicht so oft. Du hast schon Recht: ein Weichei und eine harte Nuß begegnen sich natürlich nie.

Ich gebe deine Wünsche gern zurück.

Sei ein Licht, das sich selbst bescheint. *

Liebe Grüße

Ulli Nois.


*Zitat geklaut bei Herrn Buddha.


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