Georg Trakl an Karl Kraus
Innsbruck, 13.12.1913
Hochverehrter Herr Kraus!
In diesen Tagen rasender Betrunkenheit und verbrechischer Melancholie sind einige Verse entstanden, die ich Sie bitte, entgegenzunehmen, als Ausdruck für Verehrung für einen Mann, der wie keiner der Welt ein Beispiel gibt:
Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
lang die Abendglocke läutet,
vielen ist der Tisch bereitet
und das Haus ist wohlbestellt.
Mancher auf der Wanderschaft
kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Seine Wunde voller Gnaden
pflegt der Liebe sanfte Kraft.
O! des Menschen bloße Pein.
Der mit Engeln stumm gerungen,
langt von heiligem Schmerz bezwungen
still nach Gottes Brot und Wien.
O grüßen Sie auch den herrlichen Loos-Luzifer.
Mit dem Ausdruck respektvoller Verehrung,
Ihr sehr ergebner Georg Trakl