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#1

Schimmel

in Düsteres und Trübsinniges 28.08.2005 17:08
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    Schimmel


    Schon hält der Tag mich zäh umfangen,
    durch meinen Kopf tropft Düsterkeit.
    Die Weiten grau in grau verhangen,
    die Nähe schwarz durch Bitterkeit.

    Verborgne Spuren schwerer Ketten
    auf frischverputztem Klinkerstein.
    Weshalb versuche ich zu retten,
    was gar nicht will gerettet sein?

    Ein leerer Blick durch Altvertrautes;
    einst schien es mir das Paradies.
    Ich schlucke mühsam Angegrautes
    und halte fest, was mich verstiess.



    (c) Margot S. Baumann

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#2

Schimmel

in Düsteres und Trübsinniges 29.08.2005 08:46
von kein Name angegeben • ( Gast )
Hallo Margot,

schönes Gedicht, erinnert mich an eine Frau, deren Mann sich in den Tod säuft. Sie liebt ihn und denkt oft an die gemeinsamen Tage, als sie frisch verliebt, Hand in Hand, umher spazierten. Und obwohl verbittert sie ist, möchte sie ihn retten, doch jeder Versuch ist zum Scheitern verurteilt!
Denn der "Alk" hat in in seiner Gewalt (Ketten).

Ich hab als "Neuer Tümpelant" nur mal ne Frage, kann man Düsterkeit schreiben? Gibt es denn so ein Wort? Hm, oder sollte man eher Wörter verwenden, die auch im Duden stehen!?

Ich fand das Wort "Bitternis". Dieses könntest Du ja anstelle von Bitterkeit verwenden, dann passt demnach wohl auch Düsternis! Oder reimt sich das nicht so gut? Naja, nur ein Vorschlag!

Trüb hält der Tag mich zäh umfangen,
durch meinen Kopf tropft Düsternis.
Die Weiten grau in grau verhangen,
die Nähe schwarz durch Bitternis.

Hört sich das besser an? Also ich bin eigentlich auch nicht so überzeugt davon. Aber die Düsterkeit bringt mich beim Lesen ebenso zum Stocken.

Sonst schönes Gedicht, wie viele von Dir. Haben einen tollen melodischen Rhythmus!

Alles Liebe
Süßchen

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#3

Schimmel

in Düsteres und Trübsinniges 29.08.2005 10:39
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Ach, nein, das wäre ja ganz schlimm, wenn nur noch der Duden regierte und vielleicht auch noch vermittels irgendwelcher Reimwortnachschlagewerke usw. gedichtet würde. Auch scheint mir dein Duden entweder zu modern oder zu wenig umfangreich, denn natürlich gibt es beide Worte, sogar in mehr oder weniger berühmten Gedichten bzw. Gebeten.

Als alter Rückert-Fan musste ich natürlich sofort an sein Gedicht "Bitterkeit" denken, in dem wirklich alles sehr bitter ist , welches aber mit folgender Phrase endet:

Wer dächte, daß mit all den Bitterkeiten
Du doch mir bist im innern Kern so süße.


In Stunden tiefster Düsterkeit (noch 'n Gedicht ) gibt es hoffentlich etwas, an dem Mensch sich doch noch festhalten kann. Dieses lyrische Ich hält jedenfalls fest, aber sehr tröstlich ist das nicht. Wirklich ein sehr bitteres Gedicht, in dem ich dann eben auch die beiden sicher eher altbackenen, weil ziemlich barocken Vokabeln ganz gut platziert finde.

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#4

Schimmel

in Düsteres und Trübsinniges 30.08.2005 07:54
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Süsschen

Danke fürs Kommentieren und Interpretieren. Ja, das könnte sein, dass es um die Frau eines Alkoholikers geht. Jedoch ist nirgends beschrieben, dass es sich um eine Frau handelt, die da spricht. (Aber ok, das nimmt man wohl einfach an) Ja, bitter .... bitter halt, wie vieles, ne.

Über die Verwendung von Neologismen (Wortschöpfungen) hat muh ja bereits referiert. Und, wie gesagt, sind's "bloss" alte Wörter.

Danke fürs feedback euch Zweien.

Beste Grüsse
Margot

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#5

Schimmel

in Düsteres und Trübsinniges 30.08.2005 10:30
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi Margot,

sehr trübsinnig, insofern auch sehr gelungen. Die Formulierung "Ich schlucke mühsam Angegrautes" gefällt mir, ich habe sogleich einen staubig-kratziges Gefühl im Hals, das würgen lässt. Fein !

Allein der Einstig missfällt mir: Der Tag hält das lyrIch trüb zäh gefangen? Das ist mir ein bisschen zuviel, zumindest wenn es so nebeneinandersteht... natürlich widerspricht sich das nicht, dennoch, mir schmeckts nicht.

Interessanterweise findet sich die Düsterkeit in meinem Duden sehr wohl noch, allerdings ist der noch aus dem Jahre 1986 ...

Gern gelesen,


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#6

Schimmel

in Düsteres und Trübsinniges 30.08.2005 11:38
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Don

Ja, das 'trüb' gefällt mir auch nicht recht. Ich habe mir schon überlegt, ob ich es durch ein 'jetzt' oder 'heut' oder 'nun' ersetzen will. Muss mir darüber noch ein paar Gedanken machen. Und den Duden gibt's doch auch online.

Danke fürs Kommentieren und freut mich, dass es gefällt.

Beste Grüsse
Margot


P.S. Immer noch kein Akademiker?

Nachtrag: Ich habe jetzt das 'trüb', mit dem das Gedicht ursprünglich anfing, durch 'schon' ersetzt. Das ordnet den Text gleich einer Tageszeit, nämlich dem Morgen, zu und verdeutlicht (für mich) die Ausweglosigkeit noch etwas mehr.

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#7

Schimmel

in Düsteres und Trübsinniges 31.08.2005 10:05
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Klar gibts auch einen Online-Duden. Aber zum einen habe ich trotz meiner Netzaffinität auch immer mal wieder Papierseiten zwischen den Händen (was Dich als Autorin und Herausgeberin ja freuen müsste), und zum anderen stehen in meiner beinahe antiken Ausgabe noch Wörter wie Düsterkeit (oder in der Onlineausgabe auch? bin zu faul, nachzuschauen)!

Zum Text: Besser jetzt. "Schon" ist zwar keine Ausgeburt an Kreativität, klingt aber wenigstens nicht so doppelgemoppelt... Eine Alternative wäre auch gewesen, das "zäh" auszutauschen, so ist aber auch gut. Gefällt mir...



P.S.: Akademiker bin ich im realen Leben schon genug, mir genügen dort ein paar Stippvisiten ...

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#8

Schimmel

in Düsteres und Trübsinniges 31.08.2005 10:46
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ich häng an dem 'zäh', das habe ich - meines Wissens - noch nie in einem Text gebraucht, deshalb blieb's.

Stippvisite? Du bist wohl der Einzige, der sich noch in der Klassik rumtreibt. Etwas einsam, wa?

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