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#1

In vollen Zügen

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 28.07.2005 17:41
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
In vollen Zügen


Ich hasse Zug fahren, habe es schon immer gehasst. Diese vielen, unbekannten Leute, die sich neben dich quetschen, schlecht riechen und einem - wenn’s schlimm kommt - mit ihren langweiligen Problemen vollquatschen. Aber heute musste ich den Zug nehmen. Mein Auto hatte gestern den Geist aufgegeben und war weder durch gutes Zureden, noch durch Fusstritte dazu zu bewegen, anzuspringen.
So stand ich also um sieben Uhr in der Frühe vor dem Bahnhofsschalter und erklärte einer halbschlafenden Bahnangestellten, wohin ich fahren wolle. Ein Lächeln hätte wohl die viele Schminke in ihrem Gesicht zum Bröckeln gebracht, deshalb murmelte sie mürrisch irgendetwas von Verspätung und ich seufzte. Toll!

Am Kiosk kaufte ich mir eine Tageszeitung und wollte mich, vor der Kälte schützend, im Wartesaal niederlassen. ‚Wegen Umbauarbeiten vorübergehend geschlossen. Danke für Ihr Verständnis.’ Der Tag fing wirklich wundervoll an. So setzte ich mich halt aufs Perron, auf einer dieser Drahtgitterbänke, wo man bereits nach fünf Minuten den Abdruck am Hintern spürt und ständig hin und her rutscht. Das Zeitung lesen konnte ich vergessen. Ständig schlugen mir die Seiten ins Gesicht, wenn wieder ein Schnellzug vorbeiraste.

Ich sah mich um. Bahnhöfe haben so etwas Trostloses am frühen Morgen. Verschlafene Gestalten stehen oder sitzen herum. Anzugtragende Männer telefonieren mit ihren Geschäftspartnern; schlecht gekleidete Teenies malträtieren ihre Handys mit dem Daumen; rucksackbepackte Touristen trinken Tee aus ihren Thermoskannen und ab und zu fährt ein mit Koffern beladenes Wägelchen im Höllentempo vorbei, das einem zwingt, die Füsse in olympischer Geschwindigkeit einzuziehen. Ich hasse Zug fahren!

Nach zwanzig Minuten rollte der „Express“ unter lautem Quietschen endlich in den Bahnhof ein. Meine Zahnplomben fingen an zu vibrieren und ich hielt mir schützend die Ohren zu. Es roch penetrant nach Zug. So ein Gemisch aus Pisse, Rost und Metall – widerlich! Ich stieg, nachdem sich eine übergewichtige Dame mittleren Alters vorgedrängelt hatte, die nach Schweiss roch, ein, und spähte nach einem freien Platz. Ich nahm mir vor, mich so weit wie möglich von dieser Frau niederzulassen. Sie sah so aus, als hätte sie Probleme und würde nur darauf brennen, sie jemandem mitzuteilen. Dieser Jemand wollte ich unter gar keinen Umständen sein!

Zum Glück fand ich noch ein leeres Abteil und liess mich aufseufzend in die harten Polster fallen, wobei ich mit dem Hinterkopf unsanft an die Nackenstütze stiess. Meine Laune bewegte sich nahe am Abgrund. Ich faltete die Zeitung auseinander und vertiefte mich in die News.
„Fahrkarten bitte!“ Der uniformierte Schaffner blickte mich gelangweilt an. „InOltenumsteigenGleisvierSiemüssensichbeeilenwegenderVerspätungdankeaufWiederseheneinenschönenTag“, sagte er, während er mir die Fahrkarte knipste. Ich runzelte die Stirn und überlegte, welche Sprache der Herr wohl gesprochen haben mochte. Da mir der Sinn seiner Worte aber verschlossen blieb, widmete ich mich weiter meiner Zeitung. Ein Blick aus dem Fenster liess die Vermutung zu, dass es in wenigen Minuten zu regnen anfangen würde. Na bravo!

Als ich mich gerade wieder eingelesen hatte, liess mich ein lautes Scheppern aufblicken.
„Dee, Gaffee, Sandwisch, Süssigeiden!“ Ein dunkelhäutiger Mann strahlte mich erwartungsvoll an und liess mich dabei seine grossen, weissen Zähnen sehen. Ich schüttelte stumm den Kopf und das Strahlen erlosch augenblicklich. Er bewegte seinen Blechkarren ein Abteil weiter und ich musste unwillkürlich an die Clochards in Paris denken, die ihre Habseligkeiten in Einkaufswagen durch die Strassen schieben.
Das Lesen war mir inzwischen vergangen und ich sah aus dem Fenster. Dadurch, dass der Wagen zu stark geheizt war, hatte sich Kondenswasser an den Scheiben gebildet und ich unterdrückte den Wunsch, ein grosses „Fuck!“ darauf zu schreiben. Stattdessen klaubte ich mein Handy aus der Jackentasche, um meinem Arbeitgeber mitzuteilen, dass ich mich verspäten würde. Akku leer.... stand da. Scheisse!
„Entschuldigen Sie, ist hier noch frei?“
Mit einem tiefen Seufzer drehte ich mich zu der Stimme um, schon befürchtend, dass die streng riechende Dame mich doch noch als ihr Opfer erwählt hatte und sah in ein Paar blaue Augen, die mich sprachlos nicken liessen. Das überirdische, blonde Wesen setzte sich elegant neben mich und sagte entschuldigend: „Ich kann leider nicht rückwärts fahren, dabei wird mir schlecht.“ Sie schenkte mir ein hinreissendes Lächeln und ich lächelte dümmlich zurück. In den nächsten Minuten plauderte sie ungezwungen mit mir und ehe wir uns versahen, war es Zeit auszusteigen. Mist!

Auf der Rückfahrt sah ich sie schon von Weitem. Mit einem freudigen Aufblitzen in ihren Augen winkte sie mir und zeigte auf den leeren Platz neben sich. Der freundliche Schaffner knipste meine Karte und zwinkerte mir verschwörerisch zu. Vom Getränkekarren kauften wir uns je einen Kaffee und ein Gebäck und, da es im Wagen so angenehm warm war, half ich ihr aus der Jacke und hängte sie ihr an den Hacken über den Sitzen. Dabei streifte ich zufällig ihr Haar und ein wohliger Schauer durchrieselte mich.

Heute Morgen habe ich mir bei der netten Bahnangestellten eine Bahncard gekauft, die äusserst günstig ist, und so erspare ich mir in Zukunft die teuren Benzinkosten, das lästige Parkplatz-Suchen und das enervierende Im-Stau-stehen. Habe ich schon erwähnt, dass ich es liebe, Zug zu fahren?


(c) Margot S. Baumann

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#2

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in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 29.07.2005 09:56
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Margot,

die Geschichte ist gut geschrieben, für meinen Geschmack etwas zu zynisch. Das Zynisch-aber-Witzige ist nicht so meins. Was das wieder wett machen könnte, wäre, wenn Du ähnlich eingehend, wie am negativen Anfang, Dich auch der Beschreibung des positiven Schlusses gewidmet hättest. So klingt der Schluß etwas abgewickelt, ebenso die extrem kurze Schilderung der romantischen Begegnung der beiden Figuren. Wenn Du auch ausführlicher die positiven Empfindungen geschildert hättest, wäre die Geschichte nicht nur angenehmer zu lesen, sie wäre auch runder, meiner Meinung nach. Ich hätte auch noch gerne gelesen, wie die Hauptfigur durch die Begegnung beschwingt den Rest seines Tages vor der Rückfahrt verbringt. Zuviel Konzentration auf das negative, mehr Mut zu positiven Gefühlen, auch auf die Gefahr, dass es kitschig wird. Aber das ist natürlich auch Geschmackssache.

Schöne Grüße
GerateWohl

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#3

In vollen Zügen

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 29.07.2005 10:36
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi GW

Danke für den Kommentar. Deine Einwände verstehe ich und womöglich hätte ich den Schluss etwas verlängern sollen. Das "Kitschige" spare ich mir jedoch lieber für meine Gedichte auf. Und der Zynismus - ach - der mischt sich meist unbemerkt in meine Texte, wenn sie ein bisschen autobiographisch sind. *g

Beste Grüsse
Margot

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#4

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in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 31.07.2005 20:32
von sEweil | 654 Beiträge | 654 Punkte
Ich muss das rasch schreiben, bevor dieses, sicherlich dümmlich wirkende, Grinsen auf meinem Gesicht verschwindet. (Hat mich mein Arbeitskollege gerade deswegen so komisch angesehen?)

HAHA

Das lauert grad in mir und kann ich nicht verschriftlichen, ich hab durchgegrinst, es ist toll, beglück mich mit mehr davon, AAAAAH, ich will soviel schreiben, weil so grrrinsend, aber es fehlen die Worte.

einfach toll.

ich zisch ab, sonst mach ich mich hier noch mehr lächerlich.
Du, oh du, Margot.

Knuff!

Lg sEweil.
wuha

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#5

In vollen Zügen

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 01.08.2005 09:40
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Genau so emotionsgeladen geschrieben, wie du kommentiert, sEweil.

Knuff back
Margot

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#6

In vollen Zügen

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 11.01.2006 22:39
von Nonverbal • Mitglied | 407 Beiträge | 407 Punkte
Hallo Margot,

Ich musste etwas grinsen bei deinen beschreibungen, habe mich darin gut wiedergefunden, da ich oft mit dem zug fahre, fast jeden tag. ich muss aber dazu sagen das ich gerne zug fahre, ich beobachte die menschen gerne, und lasse meine blick über die landschaften schweifen. noch dazu erlebt man auch viel beim zugfahren.. *hehe* man kann schlägerein bestaunen oder lautstarke streiterein belauschen, das kann spannend sein

Gern gelesen,

Liebe Grüße
Franzi


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#7

In vollen Zügen

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 12.01.2006 09:44
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Franzi

Danke fürs Lesen. Ich habe wohl etwas übertrieben.... *g und der Text sollte wohl eher in der Rubrik Persiflage stehen. Natürlich kann Zug fahren schön und entspannend sein, kommt halt immer darauf an, wie die pers. Einstellung dazu ist.
Hier wollte ich bloss verdeutlichen, wie unterschiedlich man Dinge - in verschiedenen Stimmungen - wahr nimmt. Irgendwo muss ich eben zuweilen meinen Sarkasmus deponieren, sonst kriege ich einen dicken Hals, und das wollen wir doch nicht, gelle.

Lieben Gruss
Margot

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