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#1

Sahara

in Philosophisches und Grübeleien 24.05.2005 14:18
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Sahara


Als kleines Korn im Sandsturm der Geschichten
will ich am Kamm der Wanderdüne sein
und eifrig dort mein Tagewerk verrichten;
doch grabe ich mich strampelnd tiefer ein.

Und manchmal nimmt der Druck der tiefen Schichten
mir fast die Luft - dann will ich schrein
und rufen in die Wüste mit Gedichten,
doch bin mit meiner Weisheit ganz allein.

Jetzt will ich keine Burgen mehr errichten.
Ich sinke voller Stolz noch tiefer ein,
denn, wo der Druck am größten, will ich sichten
mein Ich – oder zu Staub zermahlen sein.

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#2

Sahara

in Philosophisches und Grübeleien 24.05.2005 17:48
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.989 Beiträge | 2007 Punkte
Eine sehr schöne Idee, durch das Trampeln wird das Korn noch tiefer in der Zeit vergraben. Dein Gedicht weckt eine ganze Reihe von Assoziationen, so z. B. eine Verbindung von Geschichte und Geschichten, man kann auch an Treibsand denken, und dass man darin nicht strampeln darf.
In Strophe 2 nimmt dein Gedicht, (tut mir Leid aber die Phrase passt leider) "autobiographische Züge an."
Aus Strophe 3 könnte man Resignation ableiten, die Luftschlösser, oder hier Sandburgen, die für die Gedichte stehen, werden dem Wind und der Düne preisgegeben.
Interessant finde ich das Motiv der Beweglichkweit, könnte doch die Wanderdüne sozusagen als der Kamm der Zeit zu sehen sein, der vom Wind vorangetrieben wird, ist sie doch auch eine Art Anhängsel der Geschichte an diesen Kamm, in welches das Korn zuerst nicht geraten wollte. Doch nun möchte das Korn nicht mehr mit der Zeit gehen(wieder ein Motiv, man denke an Jugendwahn und Nostalgik), sondern sich fallenlassen, möchte nicht mehr kämpfen, sondern innehalten; es legt also alles auf eine Karte, entweder findet es sich selbst, oder es wird zerrieben, was im übertragenen Sinne Vergessensein bedeutete.

Ein wirklich vielschichtiges, erfrischendes Gedankenspiel das mich voll und ganz überzeigt hat. Im Prinzip ist dieses Gedicht an sich eine vielseitige, tiefgängige Metapher, die es unbedingt verdient hat allein zu stehen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht ein wenig über deinen Zeilen zu grübeln

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#3

Sahara

in Philosophisches und Grübeleien 26.05.2005 19:43
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ich sehe hier zwei Sinnebenen. 1. Die Beschreibung eines Lebens an sich oder aber, ein Schriftsteller reflektiert über sein Schaffen. Beide Interpretationen erscheinen mir schlüssig, wobei ich Mühe habe zu verstehen, weshalb dort, wo der Druck am grössten ist, man sein Ich finden bzw. sichten kann und dann noch mit Stolz...... (?) Druck hat für mich einen negativen Aspekt, er erscheint mir als Zwang, als Muss, als ‚das-tut-man-halt’. Auch mit dem zeitlichen Ablauf habe ich etwas meine Probleme. Für mein Gefühl müssten die ersten beiden Str. eigentlich in der Vergangenheit geschrieben werden, weil die letzte mit ‚jetzt’ beginnt. Der Prozess vom: ‚Ich will’ zum ‚jetzt will ich eigentlich nur noch ....’ ist so zu abrupt, das spielt sich ja über Jahre hinweg ab, oder?
Ansonsten gefällt mir das Gedicht sehr gut, zeigt es doch anschaulich, wie das Leben/die Zeit/das Umfeld selbst den grössten Stein zum Staubkorn zermahlen kann.

Gruss
Margot

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#4

Sahara

in Philosophisches und Grübeleien 06.06.2005 10:37
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Vielen Dank, Wilhelm, für dein Feedback und deine immer wieder erstaunliche Klarsichtigkeit. Alle von dir beschriebenen Gedanken sind mehr oder weniger stark mit in das Gedicht eingeflossen und es ist mir eine besondere Freude, wenn das ausgelotet wird. Dafür stehst du hier ohne Beispiel, daher noch einmal mein besonderer Dank! Und ja, natürlich ist das autobiographisch. Der Widerspruch und die Wechselwirkung zwischen Außen- und Innenwelt ist ja mein bevorzugtes Thema.

Auch dir gebührt besonderer Dank, liebe Margot, da ich nicht nur an deinen Kommentaren wachsen kann (hoffentlich ). Das mit den zwei Sinnebenen trifft zu, wenngleich ich durch die "Gedichte" doch stark fokussiere. Es freut mich, wenn du das auch abstrahierst aber ich fürchte, es ist zu eingeengt. Wie dem auch sei, es geht nur um die Frage, ob ich mich dem Druck des Flüchtigen ergebe oder aber besser in mich gehe und mich dem wesentlich erheblicheren Druck der Selbstreflektion aussetze. Durch den Hinweis auf den Druck der tiefen Schichten in Verbindung mit dem Sand hoffte ich, diesen nicht nur negativ zu besetzen, denn schließlich entstehen z.B. Diamanten durch außerordentlich hohen Druck. Übrigens: Den finalen Kick für dieses Gedicht hatte ich, als ich von der Geschäftsidee las, die Asche von Verstorbenen zu Diamanten zu pressen. Ernsthaft: Der innere Druck kann einen zermalmen, man kann aber auch eine Katharsis erleben. Dieses Risiko gilt es einzugehen.
Die durchgängige Benutzung des Präsens ist grammatikalisch korrekt, da ich einen Zustand beschreibe, der in der Vergangenheit begonnen hat und bis in die Gegenwart reicht. Durch die Verwendung des Präsens erhoffte ich mir, die besondere emotonale Nähe zum Geschehen zu unterstreichen. Das ist offenbar nicht gelungen. Schade.

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#5

Sahara

in Philosophisches und Grübeleien 06.06.2005 20:30
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.989 Beiträge | 2007 Punkte
Ach Muh, du bist heut ein richtiges Herzchen

(Margot, deine Chance ist gekommen, der Stier ist heut erstaunlich zahm )

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#6

Sahara

in Philosophisches und Grübeleien 06.06.2005 20:58
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Ohne zu wissen, worum es geht: Genau, Margot, pack den Stier bei den Hörnern! Aber was soll das eigentlich heißen, Wilhelm? Ich bin immer ein Herzchen!

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