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#1

hektik

in Philosophisches und Grübeleien 07.04.2005 09:57
von DOCC (gelöscht)
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der letzte ton noch nicht verklungen,
die saiten noch nicht ausgeschwungen,
der schlussvers noch nicht abgesungen –
da seh ich dich schon rennen...

das letzte wort noch nicht gesprochen,
der stab ist noch nicht ganz gebrochen,
der tunnel noch nicht durchgekrochen –
da hör ich dich schon flennen...

die schminke ist noch wegzulecken,
die narben sind noch aufzudecken,
die pläne noch im eise stecken –
da willst du mich schon kennen...

die zeit gehört mal totgeschlagen,
die oberfläche abgetragen,
statt regeln braucht es vielleicht fragen,
dass augen wieder brennen...

© U. Würsig

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#2

hektik

in Philosophisches und Grübeleien 08.04.2005 19:58
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.991 Beiträge | 2011 Punkte
Hi DOCC

der letzte ton noch nicht verklungen,
die saiten noch nicht ausgeschwungen,
der schlussvers noch nicht abgesungen –
da seh ich dich schon rennen...


Stark, vielleicht Klein/Großschreibung checken ?

das letzte wort noch nicht gesprochen,
der stab ist noch nicht ganz gebrochen,
der tunnel noch nicht durchgekrochen –
da hör ich dich schon flennen...


-Weniger Kontinuität wie in Strophe 1
-Kann ein Tunnel kriechen ? (wenn dann ..."noch nicht durchkrochen")
-Man erkennt, dass die Voreiligkeit und Hektik des lyrDu's mit Metaphern verschiedenster Art niedergereimt wird

die schminke ist noch wegzulecken,
die narben sind noch aufzudecken,
die pläne noch im eise stecken –
da willst du mich schon kennen...


-Pläne liegen auf Eis - hier stecken sie um des Reimes willen darin.
-das lyrDu mach sich voreilig ein Urteil über das lyrIch, die Schminke deutet auf eine Maske hin, (das lyrIch verstellt sich ?) die Narben auf den Charakter/die Vergangenheit, die Pläne auf die Zukunft.

die zeit gehört mal totgeschlagen,
die oberfläche abgetragen,
statt regeln braucht es vielleicht fragen,
dass augen wieder brennen...


Man soll sich besinnen, die Dinge hinterfragen und nicht oberflächlich sein, feste Gefüge und Regeln sollten hinterfragt werden, statt einfach hingenommen, damit Augen wieder Leuchten, also wieder Erkenntnis da ist, Begeisterung und Neues (brennende Augen als Steigerung von leuchtenden, also gespannten, erwartenden Augen)

Also du solltest auf jeden Fall ein paar Wörtchen groß schreiben, sonst macht dein Gedicht einen leicht provisorischen Eindruck. Die vielen Artikel sehe ich als grundsätzliches Stilmittel deines Gedichtes

Alle Strophen lesen sich sehr flink und unterstützen so den Inhalt, die Mehrfachreime sind perfekt für die hektische Thematik
Und doch macht es auf mich einen provisorischen Eindruck, aber das ist subjektiv Auf jeden Fall ist es ein klarer Aufruf und die mehrfachen Reime, die zum hektischen Lesen anhalten, waren sicher nicht allzu leicht umzusetzen.

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#3

hektik

in Philosophisches und Grübeleien 09.04.2005 07:39
von muh-q wahn (gelöscht)
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Gefällt mir sehr gut, lieber DOCC und warum das so ist, das hat der Willi im Großen und Ganzen bereits gesagt.

Die Kleinschreibung hast du konsequent durchgezogen. Das muss man nicht mögen, kann man aber akzeptieren. Manchmal mache ich das auch, hier finde ich es aber nicht so angebracht, da es eher die Hektik des lyr. Du unterstützt. Der Triple-Paarreim und die weiblichen Kadenzen geben genug Gas, das lyr. Ich will ja die Langsamkeit entdeckt wissen und sollte daher in seiner eigenen Rechtschreibung nicht auch noch der Hektik das Wort reden.

Der nicht durchgekrochene Tunnel geht schon in Ordnung, da würde ich mir keine Sorgen machen, ein wenig Freiheit darf schon sein. Mit den Plänen im Eis hat Wilhelm allerdings sehr recht ! Das stößt mir auch immer wieder auf; mach da irgend etwas anderes, Möglichkeiten gibt es genug.

Strophe 4 stellt die Moral der Geschichte dar. Ich liebe ja solche Gedichte und weiß, dass es immer sehr viel einfacher ist, mit Schwung das zu beschreiben, was man geißeln möchte. Wenn dann aber die Stunde der Wahrheit kommt, wird es schwer, möglichst eindringlich den Kontrapunkt zu setzen. Das ist dir hier nicht so gut gelungen, wie reziprok in den ersten drei Strophen:

die zeit gehört mal totgeschlagen,
Schöne Aussage aber das "mal" wirkt etwas hilflos.
die oberfläche abgetragen,
Wunderbar, nichts auszusetzen.
statt regeln braucht es vielleicht fragen,
Regeln ? Wenn, dann müssten den Fragen die Antworten gegenüberstehen aber da hattest du metrische Sorgen. Das "vielleicht" ist noch hilfloser.
dass augen wieder brennen...
Die Erklärung des Herrn Pfusch leuchtet mir zwar ein aber brennende Augen passen eher zu Hektikern, sorry.

Ich habe es sehr gern gelesen, da es in Form und Stil meinen Nerv trifft und ich es für eine sehr gute Sache halte, wenn Lyriker auch einmal Moralpredigten halten und nicht nur schwafeln.

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#4

hektik

in Philosophisches und Grübeleien 09.04.2005 09:00
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Eigentlich ist alles geschrieben, DOCC, dennoch möchte ich auch noch ein paar Worte zu Deinen Zeilen verlieren.

Im großen ganzen kann ich mich meinen Vorpostern auch nur anschließen,
allerdings stören mich (um weiter für Abwechslung zu sorgen) die im Eise steckenden Pläne nicht. Ein ungewöhnliches Bild, sicher, aber man weiß doch sofort was gemeint ist. Vielleicht irritiert es mich nicht so sehr, da ich selbst Sprichworte und geflügelte Worte gerne mal leicht variiere (auch wenn das, wenn ich so darüber nachdenke, ab und zu zu Stirnrunzeln meiner Gegenüber führt ). Klar, die von Dir gewählte Formulierung dient dem Reim, aber nicht ohne Rücksicht auf Verluste...

Allerdings missffällt mir der Tunnel, der irgendwo durchkriecht, das sollte er doch besser bleiben lassen und Subjekten überlassen, die das auch können (irgendwo habe ich bei einem sich selbst durchkriechenden Tunnel die Assoziation einer Person, die sich selbst in den Arsch kriecht ). durchkrochen wäre hier sicher besser, auch wenn DU die restliche Zeile dann wohl leicht anpassen müsstest.

Das Reimschema unterstützt die Hektik sehr gut, man stürzt innerhalb der Strophen von Zeile zu Zeile und wird erst an deren Ende etwas abgefedert, bevor es neu beginnt. Vielleicht wäre insofern eine andere Reimform am Ende Deines Gedichtes als Gegensatz zur Hektik eine Überlegung wert gewesen...nur ein Gedanke, denn stören tut es mich nicht.


Zitat:

die zeit gehört mal totgeschlagen,


ist eine gelungene Antwort auf die zuvor aufgebaute Problematik. MAn soll sich nicht nur etwas mehr Zeit für Dinge nehmen, die einen Sinn haben, nein, man soll sie so regelrecht sinnentleert totschlagen. Super!

Ich denke Regeln kann man auch hinterfragen, insofern lässt sich hier doch ein Zusammenhang herstellen. Und wenn man hinter bestehende Strukturen schaut und sie in Frage stellt, kostet das Zeit. Es ist meistens einfacher, zu funktionieren und regeltreu zu sein. Den brennenden Augen stehe ich ebenfalls zwiespältig gegenüber. Es fällt leicht sie in den richtigen interpretatorischen Rahmen zu stellen, aber igendwie mag das rechte Deckelchen nicht passen.

Dennoch eine sehr schöne Thematik und obendrauf eine ansprechende Umsetzung. Habe ich sehr gern gelesen,


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#5

hektik

in Philosophisches und Grübeleien 09.04.2005 10:25
von DOCC (gelöscht)
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Hallo Euch allen,
vielen Dank, dass Ihr Euch so ausführlich der Zeilen angenommen habt.
offtopic: mir fällt auf, dass man sich hier im Forum wirklich viel (mehr)Mühe mit den Kritiken gibt. Für mich heisst das nunmehr, dass ich mich künftig auch ein bissel mehr qualifizieren muss und werde.
zurück:
ich glaube, inhaltlich ist alles gesagt - liegt ja auch offen. Von der Form her hat sichs einfach so ergeben. Es fing damit an, dass ich für eine stimmige Metrik die Verben weitestgehend verbannen musste ("sein" als Hilfsverb) - dann kam mir das aber wiederum passig vor: nicht mal für Verben ist mehr Zeit. Da kommt dann die Sache mit dem Tunnel, wo es ja eigentlich heissen müsste "der tunnel (ist) noch nicht durchgekrochen..." (nicht: er durchkriecht sich selbst), was meint, es ist noch gar nicht raus, ob am Ende des Tunnels ein Licht aufgeht oder nicht - trotzdem gibts schon die Negativreaktion. Also ich würde diese Zeile schon verteidigen!
Zur Kleinschreibung: ich hab in dem anderen Forum, wo wir ja fast alle herkommen, schonmal meine Position dargelegt: a) ich will mich und das, was ich da abliefere, nicht so wichtig genommen wissen und b) jedes Wort gleichberechtigt behandelt wissen. Vielleicht ist es auch bloß spleenig...
Nun noch zu paar Einzelheiten Eurer Kritiken:
während in Str. 1 das hektische Springen von Aufgage zu Aufgabe (also Objekten) dargestellt werden sollte, gingst in der 3. um die Oberflächlichkeit der Kenntnisnahme von Subjekten. Da wollte ich Gegenwart (Z1), Vergangenheit (Z2) und Zukunft (Z3) verknüpfen. Und für die Zukunft sollten eben die beim lyr. Ich noch auf Eis liegenden Pläne herhalten, die also das Gegenüber noch gar nicht kennen kann und sich aber trotzdem schon seine Meinung bildet. Sicher habe ich die Redewendung für den Reim hingebogen... Ich überlege nochmal!
Ja, die Sache mit der Moral... muh, wenn Du wüsstest aus welcher Ecke ich komme! Da war nichts ohne Kritik und Selbstkritik möglich. Ich versuche jetzt eigentlich, mir immer wieder den Zeigefinger abzuhacken, der wächst aber immer wieder nach und dann bin ich manchmal schon froh, wenn ich nicht zu dick auftrage. "die zeit gehört mal totgeschlagen" - das "mal" sollte wenigstens einen Anfang setzen, einen ersten Schritt. Die "regeln" sind in der Tat schwach - da wird sich noch was ändern! Das "brennen" der Augen würde ich wiederum verteidigen, weil es einerseits vom richtigen, ausgiebigen Hingucken kommt (nur wenn Du eine Sache lange genug betrachtest, beginnen die Augen zu brennen), zum anderen habe ich das "brennen" aus "für etwas brennen/entflammen"...

Wenn das Gedicht insgesamt einen provisorischen Eindruck hinterlässt, tut mir das leid (ich habs zumindest nicht einfach so hingeworfen) - aber vielleicht bin ich auch schon Opfer der Hektik und wollte schnell fertig werden ??

Dank nochmal für die wichtigen Hinweise!
Liebe Grüße von
DOCC

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