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#1

Phlegma

in Düsteres und Trübsinniges 29.03.2005 12:32
von konn0r (gelöscht)
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Ich leide oft ob der Gefechteshitze,
Obwohl ich dabei liege oder sitze.
Ich zeige statt der Zähne meinen Schlund,
Mein Gähnen ringt mit meinem Schweinehund.

Wenn sich die Wolken auf die Glieder legen,
Vermag ich mich im Regen nicht zu regen,
Doch dazu schwindet auch die rechte Lust,
Setzt sich die Sonne schwer auf meine Brust.

Gelegentlich erfasst mich jenes Streben,
Mich gegen dieses Fieber zu erheben,
Bis jener Schwindel mich in Schwärze rafft
Und jeder Muskel jämmerlich erschlafft.

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#2

Phlegma

in Düsteres und Trübsinniges 30.03.2005 09:11
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Konn0r,

konsequent umgesetzter 5-hebiger Jambus, mit jeweils männlichen und weiblichen Kadenzen in den Reimpaaren. An der Metrik ist da nichts auszusetzen, auch die Reime funktionieren. Allerdings sagt mir der von Dir verwendete Paarreim nicht zu... der spricht mich jedoch meistens nicht an (auch wenn ich ihn selbst verwende). Immerhin klingt er hier -wie allzu oft- nicht billig...

Inhaltlich ein schöner Einblick in das vom Phlegma heimgesuchte Gefühlsleben. Noch besser gefiele es mir jedoch, wenn Du konkreter geworden wärest, in welchen Situationen sich diese Lustlosigkeit zeigt. So bietest Du zwar nachvollziehbare Allgemeinposten, in denen sich selbst Nichtphlegmatiker leicht wieder finden können. Aber es spricht so auch schnell jeden an - ich fühle mich gerade ungemein phlegmatisch!

In Strophe 2 war ich irritiert: wie kann denn bei Sonnenschein die Lust auf Bewegung, die bereits bei Regen nicht vorhanden war, schwinden. Natürlich hast Du genauso genommen geschrieben, dass sich das lyrische Ich bei Regen nicht regen kann, bei Sonne nun auch nicht mehr will... aber letztlich resultiert doch auch das nicht können hier aus einem nicht wollen, denn schließlich liegt niemand mit gebrochenen Beinen herum. Und dass speziell schlechtes Wetter dem Phlegmatiker im übertragenen Sinne die Beine bricht, widerspricht doch gerade seinem alles-egal-Wesen. Aber ich bin da vielleicht etwas kleinlich.

Die 3. Strophe sagt mir nicht zu. Die Aussage ist klar: letztlich ist jeder Versuch, aus diesem schlappen Leben auszubrechen, gescheitert und wird wohl auch weiterhin scheitern, wenn sich nicht einige Variablen ändern. Aber was soll diese Ohnmacht - als das deute ich den ins Schwarze raffende Schwindel? Eine doch eher ungewöhnliche Folge für ein Temperament, und mehr ist das Phlegma doch nicht. Sicherlich kann auch sein Gegenstück, der Choleriker, durchaus mal an Bluthochdruck leiden, dennoch ist diese Querverbindung zu einem potentiell pathologischen Zustand eigenartig.

Das Thema liegt mit, die formale Umsetzung ist gelungen, inhaltlich sehe ich jedoch Schwächen. Dennoch hübsch,


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#3

Phlegma

in Düsteres und Trübsinniges 30.03.2005 10:39
von konn0r (gelöscht)
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Ich danke dir für deine Kritik. Ich muss gestehen, dass ich nach nochmaliger Lektüre des Gedichts, dass ich kurz nach seiner Entstehung bei der Arbeit (*hust* - sonst bin ich da überfleißig!) hier hereingeworfen habe, auch nicht wirklich zufrieden damit bin. Oftmals schieße ich umständlich am jeweiligen Aussagenkern vorbei und auch das Thema selbst bleibt merkwürdig lückenhaft umrissen.
Die Verwendung des Paarreims möchte ich inhaltlich rechtfertigen. Die weiblichen Kadenzen sollen als unfertige Versfüße eine Art Aufbruch und Unruhe symbolisieren, die mit den männlichen wieder in sich selbst zusammenfallen. Der Paarreim steht für die Banalität des Urproblems, das man ja eigentlich mit einem Moment der Entschlossenheit lösen kann.

Der ins Schwarze raffende Schwindel ist als Folge des niedrigen Blutdrucks zu sehen, soll aber symptomatisch auch für mehr stehen.

Deine Kritik an der zweiten Strophe kann ich nicht ganz nachvollziehen. Bei Phlegmatikern besteht ja durchaus die Lust auf gewisse Tätigkeiten, die aber oft nur als theoretischer Vorsatz besteht und vor ihrer Befriedigung einfach verpufft. Ich habe jahrelang nur sporadisch auf meinem Saxophon geübt. Ich wusste zwar, dass es Spaß macht, sobald ich anfangen würde, konnte mich aber nicht dazu aufraffen, was mir doch arg zugesetzt hat. Das durchaus vorhandene Interesse und die Lebenslust des Phlegmatikers, die er aber aufgrund seines Spleens nicht zu befriedigen mag, ist für mich gerade seine größte Qual.

Ich denke, dass ich mich mit dem Thema nochmals auseinandersetzen werde, allerdings eindringlicher als bei diesem 5 Minuten-Produkt . Du kannst dir anrechnen, dass du mich dazu motiviert hast, denn eigentlich wäre ich zu faul dazu

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#4

Phlegma

in Düsteres und Trübsinniges 30.03.2005 15:33
von Hojaro (gelöscht)
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Erst überlegte ich mir, warum Konnor denn das Paarschema verwendet hat, wo man doch eigentlich weiß, dass es sich eigentlich nur für Satiren eignet. Im zweiten Moment dachte ich mir, hey das Reimschema wirkt trotz des Paarschema nicht trivial. Ich finde ihn im Gegensatz zu Don Carvalho wahrlich gelungen und nach langer Zeit endlich einmal wieder interessant. Wie schafft er das denn bloß? Der dritte Gedanke war, dass es sich um die bekannte Frühlingsmüdigkeit handeln könnte. Es spiegelt auf jeden Fall eine Lustlosigkeit des lyrischen Ichs wieder. Das könnte auch eine Winterdepression sein. Auf jeden Fall dürfte es mit den Jahreszeiten zu tun haben, da deine verwendeten Bilder recht naturumtrieben sind. Für die Frühlingsmüdigkeit würde das Fieber in der letzten Strophe und die Gefechteshitze in der ersten Strophe stimmen. Hier beschreibt das lyrische Ich die Wärme in der Umwelt, die womöglich das lyrische Ich umso müder machen. Auf jeden Fall gefällt mir das Gedicht auch so, wie es im Moment schon steht. Meinetwegen brauchst du es nicht mehr um zu stellen. [1]

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#5

Phlegma

in Düsteres und Trübsinniges 30.03.2005 19:06
von konn0r (gelöscht)
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Ich habe ja nicht unbedingt vor, den Text umzustellen, denke aber, dass ich mich dieses Themas nochmals annehmen werde

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#6

Phlegma

in Düsteres und Trübsinniges 07.04.2005 09:15
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte

Zitat:

Hojaro schrieb:
Meinetwegen brauchst du es nicht mehr um zu stellen.



Ach je, meine Zeilen sollten nicht als Aufforderung aufgefasst werden, alles umzustellen - so einfach funktioniert das ja nun auch gar nicht...
Aber letztlich sehen Hojaro und ich die Sache doch ähnlich: eigentlich Abneigung gegen den Paarreim mit der Feststellung, dass er hier recht wohlfein ( )gelungen ist. Mit dem "mögen" tu ich mich halt ein wenig schwer (bezogen auf das Reimschema), bin aber schon recht nahe dran, da mir die gesamte Umsetzung gefällt.


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