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#1

Garant

in Diverse 10.03.2005 18:02
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Garant


Seht ihr die Sonne in den Bäumen ?
Beginnt die Schwierigkeit der Trennung
diffuser Lichter, wacher träumen
im Gegenlicht der Angsterkennung !

Der Plattenteller dreht, der Tonarm mit.
Hier sitzen heute leerbestuhlte Reihen.
Vor ihnen offen: eine Tür. Geht mit !
Erwartet nicht, ich würde euch verzeihen.

Lasst mich dort sitzen, grauen Boden sehen,
auf dem das Licht leicht diffundiert.
Es drängt, zum Vorhang in das Eck zu gehen,
wo nicht die Offenheit verführt.

Verführung, denn wo ist der Unterschied,
kann ich die Rotation der Scheibe spüren ?
Dort treffen, was auch sonst geschieht,
die Wellen durch geschloss’ne Türen

Ein toter Raum, auch ich betagt.
Ich existiere als Matrikel.
Musik schwillt auf und ab und jagt
durch in diffusem Lichte glitzernde Partikel.

Sie schleicht und schleimt, quillt mir im Kopf,
drückt auf die Ohren, dringt in Lunge ein,
die Rippen biegen, Innerstes verstopft.
Jetzt redet jemand, pfeift ...und die Musik setzt wieder ein

Selbstwertgefühl und was das heißen soll.
Die stummen Zuhörer vor mir
signalisieren Wende, vorwurfsvoll.
Erwartungstoll: so stehen sie Spalier.

Doch ohne mich, auf so was spuck’
ich, will jetzt ruhen, doch der Druck
auf dem Gesäß und im Gehirn nimmt zu.

Plötzlich ein Stoß, ich spürt’ ihn im Gewühle
das näherkommend immer aufgehalten blieb,
unfähig zu verhindern, was passieren mag.

Angstschweiß und Scham und überkommende Gefühle
höchst überflüssig, denn es zählt der Trieb.
der aus dem Inneren ...denn heute ist der Tag !

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#2

Garant

in Diverse 18.03.2005 16:58
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi muh

Ich habe dies jetzt (über mehrere Tage) immer wieder gelesen und ich dringe nicht durch. Einmal sehe ich es als jemanden, der in einer Disco tanzt oder Platten auflegt, ein anderes Mal wieder ist mir, als würde jemand vom Lampenfieber sprechen. Dann wiederum sehe ich jemanden, der sich dagegen sträubt, im Rudel mitzulaufen... Ach, wahrscheinlich ist's ganz was anderes....*g. Am Besten hätte ich wohl geschwiegen. Wenn man nichts Konstruktives zu sagen hat, dann sollte man es wohl beim Lesen bewenden.

Gruss
Margot

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#3

Garant

in Diverse 18.03.2005 19:13
von MrsMerian (gelöscht)
avatar
Hallo muh.
Ein Gedicht ohne Interpretation ist doch genau mein Spezielgebiet.
Daher ein Versuch von mir. Den Vorsprung hat sicher Marge, ich hab es nämlich erst ein Mal gelesen und das ist wahrscheinlich nicht so gut.


Zitat:


Seht ihr die Sonne in den Bäumen ?
Beginnt die Schwierigkeit der Trennung
diffuser Lichter, wacher träumen
im Gegenlicht der Angsterkennung !





In Strophe 1 denke ich zunächst an eine Autofahrt. Der Fahrer müde, vielleicht führt er Selbstgespräche um nicht einzuschlafen. Woher kennst Du mich so gut?
Natürlich ist das, wenn ich an die viele Musik und den Studenten denke irgendwie ein falscher Ansatz.
Sonne in den Bäumen sagt mir, dass der Tag beginnt oder zu Ende geht, denn nur dann steht die Sonne so tief, dass sie in den Bäumen hängt.
Dann die Trennung, also Abend.


Zitat:


Der Plattenteller dreht, der Tonarm mit.
Hier sitzen heute leerbestuhlte Reihen.
Vor ihnen offen: eine Tür. Geht mit !
Erwartet nicht, ich würde euch verzeihen.




An einem Ort an dem normalerweise Menschen in Reihen sitzen (keine Disco also) ist keiner (mehr). Diejenigen die das lyr. Ich anspricht mögen mit fort gehen, wohl mit denen, die normalerweise dort sitzen sollten um der Musik (Plattenteller) zu lauschen.
Leerbestuhlte Reihen gefallen mir sehr gut.
Wieso sich der Tonarm auch dreht, ist mir ein Rätsel, ist das normal? Ich meine… ich bin von MC auf CD umgestiegen und der Plattenspieler meiner Eltern war schon immer kaputt/ verboten. Das Ding habe ich selten in Aktion gesehen und das habe ich schon wieder vergessen. Das lyr. Ich stellt das lyr. Ihr vor die Wahl jetzt die offene Tür zu nutzen und zu gehen, aber es werde ihnen das nicht verzeihen.


Zitat:


Lasst mich dort sitzen, grauen Boden sehen,
auf dem das Licht leicht diffundiert.
Es drängt, zum Vorhang in das Eck zu gehen,
wo nicht die Offenheit verführt.




Es steigert sich in die Vorstellung hinein, die Angesprochenen würden gehen – wobei die ja auch nur ein Hirngespinst sind, weil die Reihen leerbestuhlt sind.
Grauen Boden sehen deutet wieder die Leere an, denn wenn da was los wäre, wäre der Boden voller Schuhe und oben drüber die Menschen würden den Blick zum Grau versperren.
Ein Vorhang, also denke ich an eine Bühne. Das lyr. Ich möchte dort hin gehen, zum Vorhang, wo es nicht in der Öffentlichkeit steht, sondern für sich ist.
Die Offenheit verführt ist in mehrere Richtungen deutbar.
Ab sofort muss ich mich fragen: Was macht der/die da auf der Bühne überhaupt? Was macht er/ sie so schlecht (?) dass die Zuschauer fehlen? (Nein, im Kopf bin ich schon einen Schritt weiter, aber ich muss es erst noch am text belegen )
Das Licht diffundiert? Der Boden ist grau… wieso nicht weiß oder schwarz? Wieso diffundiert das Licht? Sind das hier die Stimmungsschwankungen des lyr. Ich?
Wozu wird das lyr. Ich denn verführt, wovor will es sich hinter dem Vorhang in der Ecke schützen?


Zitat:


Verführung, denn wo ist der Unterschied,
kann ich die Rotation der Scheibe spüren ?
Dort treffen, was auch sonst geschieht,
die Wellen durch geschloss’ne Türen




Nochmal die Verführung und eine Erklärung… jedenfalls anscheinend.
Die Gedanken des lyr. Ich scheinen sich jetzt zu überschlagen. Ich komm nicht mehr mit.
Fehlt Dir hinter Türen ein Satzzeichen?
Was will das lyr, Ich unterscheiden? Die Rotation der Scheibe …
Ich hab das Gefühl jetzt mit meiner Idee rausrücken zu müssen…
Das lyr. Ich spricht auf der Bühne, immer und immer wieder dasselbe, wie eine Schallplatte. Ein Schauspieler. Und er/sie fragt sich, ob man denn das was man spielt wirklich auch spüren kann und wo der Unterschied ist zwischen rl und dem Stück.
Es wird ergriffen von der Thematik des Stückes, die Wellen (Gefühle) kommen durch geschlossene Türen hindurch, was meint, dass man sich nicht von der Figur die man spielt ganz frei machen kann, auch wenn man sich dagegen wehrt, lebt man auf der Bühne anders. Er/ sie spielt gern, daher die Verführung der Offenheit.
Es ist verführerisch etwas spielen zu dürfen, dass einen bewegt, die Figur exzentrisch und sehr emotional und heftig darzustellen für ein Publikum, während man mit der Figur evtl. sympatisiert oder sich teilweise identifiziert. Ich denke an das Drama und Lessings Hamburgische Draturgie und Dramentheorien überhaupt.

Nun, trotzdem erstmal schauen, ob ich meine Behauptung weiterhin aufrecht erhalten kann.


Zitat:


Ein toter Raum, auch ich betagt.
Ich existiere als Matrikel.
Musik schwillt auf und ab und jagt
durch in diffusem Lichte glitzernde Partikel.




Der Raum ist leer und das lyr. Ich stellt sich plötzlich Sinnfragen, fühlt sich alt.
Matrikel… eine Nummer, die an Studenten vergeben wird in der Verwaltung der Uni.
Er/ Sie fühlt sich allein mit dem toten Raum und anonym, verwaltet… ich assoziiere also negative Sachen…

sry. muss jetzt schnell weg. Werde morgen weiter schreiben.
LG
Mrs.


So, hier meine Fortsetzung:
Nochmal zu der Partikel Strophe.
Partikel sind winzig klein und ich denke an Staub in einem dunklen Raum in den ein Lichstrahl fällt und in diesem sieht man die Staubpartikel durch die Luft schweben und glitzern. Die Musik schwillt auf und ab, hier wieder Stimmung und Abwesenheit. Wie Wellen schwillt das Bewusstsein auf und ab und die Musik nimmt er/ sie mal mehr und mal weniger wahr. Ein hin und hergerissen sein zwischen Trance und Realität?

Nun, da bisher der Raum leer war und das lyr. ich Menschen anspricht, die nicht da sind, gehe ich mal davon aus, dass der Auftritt noch bevor steht. Das lyr. ich ist ein Darsteller in einem Stück und sitzt in der noch leeren Halle und stellt sich vor, wie die Vorstellung werden könnte. Daher meine ich die Musik als Zweifel oder Vorfreude/ einem Mix aus denen und anderen vergleichbaren Gefühlen sehen zu können.
Staub verbinde ich mit altem und unbeutzen/ verbrauchtem, ein kleiner Lichtstrahl kann ihn dennoch wieder erglänzen lassen.
Vielleicht hier eine Idee zum Stück selbst und wie es beim Publikum ankommen wird, das ja bei den klassischen Stücken nicht in der Umgebung ist, in der der Text entstand.


Zitat:


Sie schleicht und schleimt, quillt mir im Kopf,
drückt auf die Ohren, dringt in Lunge ein,
die Rippen biegen, Innerstes verstopft.
Jetzt redet jemand, pfeift ...und die Musik setzt wieder ein
Hast du hier ein Satzzeichen vergessen am Ende?





Man könnte meinen, dass das Stück im Gang ist. Aber vielleicht ist es auch nur eine Generalprobe?
Die letzte Zeile dieser Strophe zeigt auf jeden Fall, dass mindestens das lyr. Ich das Stück in Gedanken noch einmal durchspielt. Andererseits kommt es mir hier mehr so vor, als sei es eine Probe, da das lyr. ich in einem Zustand ist, in dem es ihm schwer fallen würde das ganze zu durchdenken und es von der einsetzenden Musik nach dem Sprecher –wahrscheinlich an der Stelle an der das lyr. ich dran ist- überwältigt scheint.
Und mit seinen eigenen Gedanken könnte er/sie sich schlecht selbst überfordern, jedenfalls nicht auf diese Weise indem er/ sie einen Handlungsablauf denkt.


Zitat:


Selbstwertgefühl und was das heißen soll.
Die stummen Zuhörer vor mir
signalisieren Wende, vorwurfsvoll.
Erwartungstoll: so stehen sie Spalier.




Jetzt der Moment in dem das lyr. Ich sprechen soll/ muss, während es sich die gespannten und gierigen Zuhörer vorstellt und erwarten was kommen mag.


Zitat:


Doch ohne mich, auf so was spuck’
ich, will jetzt ruhen, doch der Druck
auf dem Gesäß und im Gehirn nimmt zu.




Das lyr. Ich ermahnt sich, sich zusammen zu reißen, sich auszuruhen bis zur Vorstellung? Andererseits kann er sich vom inneren Druck ja nicht einfach so lösen.


Zitat:


Plötzlich ein Stoß, ich spürt’ ihn im Gewühle
das näherkommend immer aufgehalten blieb,
unfähig zu verhindern, was passieren mag.




Metrikwechsel, wie ich es mir dachte Aber nicht nur das, auch änderst Du hier das Reimschema. Die Vierzeiler haben Kreuzreime, der erste Dreizeiler dagegen einen Paarreim und eine „vor-abschließende“ Zeile, die keinen Reimpartner hat.
Ab jetzt geht alles wie von allein, Du reimst in den letzten Strophen (abc abc) –hab keine Lust jetzt alle durchzuzählen, sagen wir einfach Str 1 Z1 fängt mit z und y an .
Damit erreichst Du, diese letzten beiden Strophen schon ineinander zu fügen. Das Spiel mit der Form und die Überleitung zur Wende gefallen mir sehr gut. Der erste Dreizeiler ist schon inhaltlich ein Vorreiter der Conclusio, metrisch folgt sie noch den anderen Zeilen im Jambus.
Die letzten beiden leitest Du mit XxxX ein und reißt so auch den Leser aus dem etwas festgefahrenen Rhythmus.

Bis her hat das lyr. ich sich seinen Gedanken hingegeben und in der vergangenen Strophe versucht sich zu Ruhe zu ermahnen.
Mittlerweile füllt sich der Saal, nach und nach treffen die Zuschauer ein. Einer stößt das lyr. ich an und reißt es unsanft aus seinen Träumen und Visionen.
Bisher hatte er versucht die Menschen nicht zu beachten, sie aufzuhalten, was natürlich nicht geklappt hat.
Nun spürt er den moment näher kommen an dem er auf der Bühne stehen wird und sprechen muss. Was passieren mag intendiert gut dass lediglich die Möglichkeit eines Versagens oder Gelingens besteht und dass der Ausgang ungewiss bleibt.
Wieder die Zerrissenheit.



Zitat:


Angstschweiß und Scham und überkommende Gefühle
höchst überflüssig, denn es zählt der Trieb.
der aus dem Inneren ...denn heute ist der Tag !




Letztlich kommt das Lampenfieber mit dem Angstschweiß zum Höhepunkt und das lyr. ich ist ein Nervenwrack. Die Gefühle versucht er zu verdrängen und besinnt sich darauf, dass lediglich der Hang zum Exhibitionismus für ihn als Schausüieler zählen darf und nur, wenn er wirklich richtig aus sich herausgeht das beim Zuschauer ankommt, was er ihm vorspielt. Für die Gefühle war nun lang genug Zeit, jetzt muss er/sie seine/ihre eigenen abstellen und für die Figur fühlen, die er im Stück darstellen wird, denn heute ist der Tag auf den so lange hin gearbeitet wurde.

Wegen des letzten Teilsatzes „denn heute ist der Tag“ gehe ich davon aus, dass es eine Premiere ist. Bisher war ich nicht sicher, ob es nicht am Vorabend schon einen Misserfolg gab, da im Anfang/ Mittelteil der Eindruck entsteht, als seien schon einmal die Zuschauer gegangen anstatt das Stück zu Ende zu sehen.
Andererseits kann es ja auch nur die Phantasie sein oder ein ganz anderes Stück gewesen sein, bei dem die Zuschauer nicht überzeugt werden konnten.

Natürlich kann man dieses Theaterstück auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen und einfach davon ausgehen, dass es darum geht eine Sache zu erledigen, auf die man sich lange vorbereitet hat und vor der man Angst hat. Prüfungen etc.

Ich überlege noch, was ich zum Titel sagen kann… aber mir fällt nichts ein, was ich auch formulieren könnte. Das lyr. Ich möchte eine perfekte Vorstellung garantieren, aber das kann es nicht, weil man nie weiß was kommt, mal ganz abgesehen von Tagesform und der Überwindung, die es kosten wird, spielen nämlich noch Faktoren mit, die man ganz und gar nicht beeinflussen kann.

Gefällt mir gut, danke,
Mrs.


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#4

Garant

in Diverse 21.03.2005 18:56
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Liebe MrsMerian !

Vielen Dank für deine überbordende Interpretation. Es ist ja bereits eine große Befriedigung und auch Erleichterung, wenn sich nur jemand so intensiv mit dem eigenen Geschreibsel beschäftigt. Wenn dann auch noch so viel (Angst-)erkennung darinnen ist, dann ist das um so angenehmer.

Im Theater des Lebens geht es dem lyr. Ich um die Undeutlichkeit des eigenen Lebens. Hin und wieder kommt es ihm so vor, als lebte das ein anderer, dem er dabei halb amüsiert, halb angeekelt lediglich zuschaute. Und immer dann, wenn die Sonne tief steht, wenn es Abend wird, wenn er und der andere zur Ruhe kommen, wenn die Trennung schwieriger wird, dann ermahnt er sich, wacher zu träumen, sich seinen Ängsten zu stellen.

Nun ja, und diese Selbstbespiegelung ist dann das Thema, bis er im Finale des Gedichtes/Lebens aus seiner Innerlichkeit durch das Ende der Äußerlichkeit herausgerissen wird. Diesem Moment fiebert er mit Spannung (und Angst) entgegen, denn es wird vielleicht der einzige sein, an dem er tatsächlich leben wird, an dem es keine Ausflüchte/Ausflüge mehr geben kann. Schade eigentlich, dass er in seinem einzig authentischen Moment aufhören wird, zu sein. Garantiert.

Ja, ich gebe zu, ein sehr larmoyantes Werk. Noch einmal vielen Dank, dass du dich so intensiv geäußert hast !

Digitally Yours

muh-q wahn


@Margot: Allein die Tatsache, dass du es mehrfach gelesen hast, habe ich sehr gerne zur Kenntnis genommen und finde dieses daher durchaus mitteilenswert.

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