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#1

Euch werd ich bekriegen (LXXX)

in Gesellschaft 22.02.2005 16:01
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Euch werd ich bekriegen (LXXX)

So sitz ich hier in meinem Kämmerlein
und lass mein Denken Pirouetten dreh'n.
Schon lange Zeit bin ich nicht mehr allein,
bald macht mein Planen nichts mehr ungescheh'n.

Mir ist bewusst, ich ernte vielfach Hass,
und Unverständnis man mir nur verehrt.
Ich bin bereit für euren Aderlass,
mein Schlachtplan wird durch keinen mehr erschwert.

Nun, was auch int'ressiert das Völkerrecht,
in Bälde setzen wir uns schon in Marsch.
Und dann auch ihr nur noch voll Zorn besprecht:
wie tritt dem Feind man tödlich in den Arsch!

Dann endlich ist mein Werk nun auch getan,
ich lehne stolz und glücklich mich zurück
und schau mir den Vernichtungsfeldzug an,
mit dem fortan ich meine Vita schmück.

Don Carvalho

edit: Habe in Str. 4 Z. 3 "mein'" durch "den" ersetzt

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#2

Euch werd ich bekriegen (LXXX)

in Gesellschaft 23.02.2005 01:23
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
[Überschrift auf Wunsch des Topicstarters geändert]


Grüße.
Arno Boldt

- administrator -

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#3

Euch werd ich bekriegen (LXXX)

in Gesellschaft 28.02.2005 20:29
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
hallo don.

ich komme nicht umhin, meine unqualifizierten erstlingsgedanken zu äußern.

str1:
- lyr. ich in einer räumlichen enge, aber nicht in einer zeitlichen, da es sich gedanken machen kann
- diese sind dann auch seine einzigen begleiter, gäste.
- "pirouetten drehen" --> sie sind entweder hochdurchdacht (--> kunstvoll, talentiert) oder es geht mehr in richtung "sich im kreise drehen".. ich denke, es ist beides. bei pirouetten kommt man jedoch immer wieder auf den boden mit beiden fersen.. die gedanken heben nicht ab, sie bleiben auf der stelle, auf der lebenssituation beschränkt, in der sich das lyr. ich befindet.
- zeitliche schranke kommt: die gefährten entpuppen sich als gedanken, die für einen plan "erzogen" wurden / die schranke zeit dem lyr. ich, daß die möglichkeit zur veränderung (mittels der gedanken) sich verändert, daß es bald nicht mehr möglich sein wird. --> die folge wäre, daß das lyr. ich seine gäste/gefährten verliert, da sie unnütz werden

str2:
- die gesell. ebene wird angesprochen. das lyr. ich im umfeld.. nicht im räumlichen, sondern im gesellschaftlichen.
- hass und unverständnis: während hass wahrgenommen wird, denkt das lyr. ich, daß hass durch unverständnis hervorgerufen wird.. --> eine annahme? /vllt. denkt das lyr. ich in bahnen, die der gängigen moral entgegenlaufen.
- das planen gewinnt an konkretheit --> tod der anderen als folge des plans/planens // weitergedacht würde das bedeuten, daß seine gefährten/gäste die vielleicht früheren freunde und jetzigen verhassten töten werden. doch danach sind auch diese höchstwahrscheinlich weg. sehen wir weiter.
- "schlachtplan" unterstützt die annahme, es würde sich um das töten handeln --> diese strophe führt zur überschrift/titel des gedichtes

str3:
- ab hier scheint das lyr. ich nicht mehr wirklich allein zu sein.. es scheint zur ausführung seines planes reale personen gefunden zu haben. oder es spricht noch von seinen gedanken. auffällig ist jedoch das "wir": dies bedeutet eine stärkere bindung untereinander.. anerkennung und identifikationsgefühl - durch abgrenzung.
- "in marsch setzen" und "völkerrecht": deuten wieder auf einen krieg hin, wobei ich glaube, daß das verneinen des völkerrechts eher auf eine söldnertruppe, als auf eine armee deutet.
- der feind wird ebenfalls tödlich antworten wollen. hier sieht das lyr. ich die konsequenzen, die ihm drohen. ebenso gesteht er dem feind ein, genauso zu denken, wie er. hier grenzt man ab, aber insgeheim ist man sich näher, als in den strophen zuvor. zumindest, wenn man dem lyr. ich folgt. natürlich würde es es das nie zugeben.
- "arsch" ist ein wort, daß zeigt, daß das lyr. ich mit emotion dabei ist.. --> herzblut - es ist was wichtiges, worum es kämpft.. bin mir aber nicht sicher, ob man das wirklich so deuten kann/sollte

str4:
- zeile1 deutet an, daß dies alles im moment noch gedankenspielchen sind. wir sind wieder in der pirouette der gefährten.
- "stolz und glücklich": --> es bringt dem lyr. ich genugtuung, die feinde zu besiegen / im weiteren verlauf zeigt es, daß es diesen sieg wie einen orden an der brust tragen möchte. jeder soll es sehen.
- vielleicht leidet es unter minderwertigkeitskomplexe, die es so - mit der vernichtung! (ein wort, welches einen geschichtlichen steinwurf auslöst) - wieder korrigieren/negieren kann.


soweit, erst einmal.

liebe grüße.
arno.

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#4

Euch werd ich bekriegen (LXXX)

in Gesellschaft 02.03.2005 09:51
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Arno,

habe vergessen, die E-Mail-Benachrichtigung zu aktivieren und bin zeitlich gerade ein wenig knapp, sodass ich es nicht schaffe, regelmäßig hier vorbeizuschauen (das ändert sich hoffentlich irgendwann). Aus diesen Gründen habe ich Deine Antwort jetzt erst gesehen.

Nun habe ich gerade wenig Zeit, ich melde mich die Tage nochmal, um darauf einzugehen.

Aber schon mal ein Danke für Deine Kritik,


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#5

Euch werd ich bekriegen (LXXX)

in Gesellschaft 04.03.2005 10:15
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
So,
mein guter Arno,
nun endlich ein paar Antwortzeilen von mir.

Ich bin froh, dass Du in diesem Gedicht noch eine weitere Sinnebene sehen konntest, denn ich wollte nicht ausschließlich ein Politikum darstellen, in dem Fragen des Völkerrechts thematisiert werden. Das ist hier das Vordergründige: die (fragwürdigen) "intimen" Gedankengänge einer Person, die mit dem Ziel, in die Geschichtsbücher einzugehen, kriegerische Aktivitäten plant - und somit diskussionswürdig im Einzugsbereich des § 80 StGB (Vorbereitung eines Angriffskrieges) liegt.

Die andere Ebene findet sich mehr im Kleinen, sehr schön insofern, dass Du erkannt hast, dass in Str. 1 das lyrIch nicht zwingend nicht mehr allein sein muss, weil es reale Personen an seiner Seite hat, sondern dass auch die Gedanken seine Gefährten sein können, seine sich im Kreise drehenden Hirngespinste - sein Pirouettendenken.

Dies resultiert durch die ablehnende Haltung dem lyrIch gegenüber, es ist ein Außenseiter, dessen eigene Erfahrungen in Verbitterung umschlagen. Ich denke übrigens nicht, dass Str.3 zwingend auf eine Mehrzahl von Personen hinweisen muss, wenn man Deinen bisherigen Annahmen gefolgt ist. Dies ist eher der Fall, wenn man der im Vordergrund stehenden Erzähllinie folgt, in dem geistigen Kammerspiel muss die Grenze zur realen Umsetzung noch nicht unbedingt überschritten worden sein. Das Völkerrecht soll hier alternativ übrigens für einen gesellschaftlichen Verhaltenskonsens stehen, der vom lyrIch gezielt torpediert wird. Insofern kann man sich fragen: wer wird in dieser Sekunde von der Gesellschaft als Feind empfunden? Vielleicht will sich das lyrIch ja selbst derart in Szene setzen - Ablehnung erfährt es ja schließlich sowieso, nun erhält es auch noch die entsprechende umfassende Aufmerksamkeit.

Ach ja, um kurz auf die politische Ebene zurückzukehren: der Bruch des Völkerrechts muss ja leider nicht gerade auf eine Söldnertruppe hinweisen (man denke an die Nato im Kosovo, wo es eine völkerrechtliche Legitimation erst im Nachhinein gab, von Mr. Bush möchte ich erst gar nicht beginnen).

Schließlich empfindet das lyrIch Genugtuung und stolz ob seiner Taten. Und sei es nur letztlich genau dem entsprochen zu haben, was man von ihm erwartet hat, irgendwie entsteht ein Kreislauf (womit wir ebenfalls auch wieder bei den Pirouetten wären).

Vielen Dank für Deine Interpretation Arno, es freut mich, dass Du viele der persönlichen Aspekte im zweiten Glied erkannt hast. Zwar war es meine Intention, diese Sinnebenen stärker getrennt zu haben, aber dafür habe ich vermutlich zu wenig Anhaltspunkte geliefert. Aber diese Verwebung, die Du darstellst, gefällt mir auch recht gut. Ich hoffe aber auch, meine Gedankengänge etwas transparenter gemacht zu haben...

Grüße,


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#6

Euch werd ich bekriegen (LXXX)

in Gesellschaft 04.03.2005 12:34
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
hallo don.


ja, danke für die ausführungen. die sinnebenen voneinander zu trennen dürfte recht schwierig werden.

man muß sich auch fragen, warum das lyr. ich schon als außenseiter dasteht. aus eigenem antrieb, um seine gedanken umzusetzen oder eher aus verschulden der gesellschaft? hier liegt die stärke des textes. er verweist auf solche fragen - allein mit seiner anwesenheit (auch, wenn er solche fragen nicht explizit anführt).



grüße ins bln.
arno.

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#7

Euch werd ich bekriegen (LXXX)

in Gesellschaft 04.03.2005 18:28
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte

Zitat:

die sinnebenen voneinander zu trennen dürfte recht schwierig werden.


So scheint es, wobei ich eine Verwebung nicht wirklich schlimm finde.

Ansonsten ist natürlich mein Ziel, nicht schon endgültige Antworten mitzugeben, damit ein wenig Grübelei noch möglich ist.

Nochmals Dank,


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