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#1

Carlos

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2005 19:18
von MrsMerian (gelöscht)
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Carlos

Carlos setzte sich jeden Abend wenn sein Pfleger Andrej sich von ihm verabschiedete, seinen Futternapf auf den Kopf und ahmte das Winken des Menschen nach.
Carlos war ein echter Clown, der Liebling der großen und kleinen Zoobesucher. Er ahmte die Kinder nach, winkte, salutierte und schnitt Grimassen für sie.
Man hatte versucht ihn zu resozialisieren aber alle Versuche waren gescheitert. Er blieb ein Einzelgänger; aufgrund falsch verstandener Tierliebe von Menschenhand großgezogen und abgeschoben. Nun lebte er seit drei Jahren im Zoo in einem Einzelgehege.
Sein auffälliges Verhalten war von den anderen Zootieren nicht geduldet worden, er wurde ausgegrenzt und attackiert.

Tags zuvor war der clevere Carlos ausgebüchst… man hatte noch nicht nachvollziehen können wie er das angestellt hat.
Kaum war das Verschwinden aufgefallen, hatte auch schon das Telefon geklingelt –Polizei. Die Stadtbewohner hatten den kleinen Affen gesehen und gemeldet. Man konnte ihn nicht gleich dingfest machen; man erwischte ihn am frühen Abend, als er sich in der Fußgängerzone auf einem Baum niedergelassen hatte und dort eine affenstarke Show bot.

„Also schlaf gut, Carlos.“ hatte Andrej ihm wieder zugemurmelt, als er das Affenhaus sorgfältig verschloss.
Seit Wochen bot sich ihm allerdings dasselbe traurige Bild: Carlos rührte sich nicht, saß stattdessen apathisch in einer Ecke. „…tststs… was ist nur mit dem Affen los“, hatte er noch besorgt zu sich gesagt, als er in die Nacht hinaus trat. „Ich muss dem Doktorchen Bescheid sagen, er frisst ja auch gar nicht mehr“ und er klang wirklich besorgt.

So ein Affenstall hier! Was täten die denn ohne mich… alle wollen nur mich sehen und dass ich einsam bin, interessiert wohl niemanden. Na, die werden sich umschauen, was sie ohne Carlos sind. Diese dummen Affenfratzen, die so laut vor sich hin gackern und immer auf mir herumtrampeln… Ach was, wer wird denn heulen, Carlos…
Sie werden sich noch umsehen, was sie ohne den guten alten Carlos sind.

Na Carlos, alter Vagabund, los, lass Dir die Eier kraulen, komm doch ein bisschen näher, zu uns rüber. Wir lesen Dir die Flöhe von Buckel… sei doch nicht immer so. Sei einfach mal Du selbst, dann können wir Dich auch leiden.
Dadadadadadaaaa… Menschenaffe! Aber wir sind Dir wohl nicht gut genug; Kommt Kinder, schaut Euch den Trottel an: Der Star der Menschenkinder… wie der schon aussieht. Pfui! Macht sich den ganzen Tag zum Affen der Kerl, weil er sonst nichts kann, aber auch gar nichts.
Los, Carlos, zeig uns doch Mal deine Grinsefresse!

Und dann hatte Carlos gewusst was er tun würde…
Als er in die kalte Nachtluft trat, war es ihm schon mulmig gewesen, aber bei dem dummen Haufen von Artgenossen würde er nicht bleiben. Als die merkten, was los war, gab es natürlich ein fürchterliches Geschrei und die Fressnäpfe flogen von innen an die Gitterstäbe und schepperten.
Komm nur ja nicht wieder alter Saftsack, du Stinktier, du Schmarotzer!
Und nein, das hatte er beim besten Willen nicht vor.

Nun, da man ihn wieder zurück geholt hatte, saß er erleichtert und müde in seinem Käfig. Sie mobbten ihn schon wieder, aber es war das erste Mal, dass es ihm nichts, ganz und gar nichts ausmachte. Er setzte sich ein wissendes und erhabenes Lächeln auf und freute sich, dass die Rasselbande von nebenan bald der Spaß daran verlor ihn zu hänseln; alle ihre Versuche verliefen im Sande.

Dieser Lärm war fürchterlich gewesen und die Luft schlecht. Er hatte keine Kamele und keine Zebras riechen können. Immerzu hatte er nach Menschen gesucht, aber er sah nur diese schnellen Haufen über die Wege flitzen und Gestank und Krach machen.
Bis er endlich das Menschengehege fand. Sobald sie ihn sahen, haben sie sich mit ihren Tüten um den Baum geschart auf dem er saß und die Kinder haben gequiekt und gejauchzt bei seinem Anblick. Er hat sie nachgemacht und war glücklich.
Da erst hat er bemerkt, wie gern er im Zoo ist und sich tagtäglich dort zum Affen macht; und dann war er froh, als Andrej kam und ihn abgeholt hat, denn er war ganz schön hungrig geworden in der Stadt.

Alle im Zoo waren froh, dass sie ihn unversehrt zurück hatten.
Und zu Hause angekommen hatte er sich sofort über sein Obst gestürzt. Da war Andrej noch viel glücklicher.


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#2

Carlos

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2005 21:06
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Jetzt ist es schon so weit!?
Mobbing im Affenstall.
Ich kann aber ein paar Gemeinsamkeiten zwischen mir und dem Affen erkennen (nicht das aussehen).

lg Gemini

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#3

Carlos

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2005 21:20
von MrsMerian (gelöscht)
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Das hab' ich gehofft Dann kann sie so schlimm ja schon Mal nicht sein.

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#4

Carlos

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2005 22:23
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Bis zur Stelle, an der der Affe denkt, dachte ich es sei ernst gemeint.
Dann wurde es lustig, aber verlor auch etwas.
Ich hätte es besser gefunden, wenn du die Affen von aussen beschrieben hättest, alles was sie sagten, könnte man auch durch Beobachtung feststellen.
Andererseits habe ich schön geschmunzelt. Also gehaltvoller wäre es von aussen gewesen, lustiger so

"dummen Haufen von Artgenossen" klingt ein bisschen nach Natursendungen und auch ein bisschen lächerlich -> also nach Crocodile Hunter
Trotzdem werde ich diese Phrase in meinen Verbal-Pot übernommen

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#5

Carlos

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2005 22:35
von MrsMerian (gelöscht)
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Ja, ich hatte das zuerst so vor, aber dann keine Geduld mehr ehrlich gesagt... und so ging es alles schneller.


Na aber der Gehalt bleibt derselbe.
Wenn man ihn denn haben möchte

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#6

Carlos

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2005 22:46
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Naja der Gehalt verliert sich in gehaltvollem Lachen

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