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#1

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 11.02.2005 09:47
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    Das verlassene Wirtshaus


    Der Wind bläht die Gardinenfetzen
    Und Staub liegt fingerdick herum.
    Auf keinen Stuhl mag ich mich setzen,
    So öde alles, still und stumm.

    Die Würfel liegen auf dem Tischholz,
    Als wär der Spieler nur schnell fort.
    Die Flamme, die einst Kälte wegschmolz,
    Verlöschte längst. Verfluchter Ort!

    Wo sind die Freunde, Kameraden?
    Wo ist Gelächter, Scherz, Gesang?
    Ich find nur schimmlig Brot mit Maden,
    Nur Leere, Kälte, Geisterklang.

    Nein, dies sind nicht mehr meine Zimmer!
    Nur fort, nur weg, mich ängstigt dies.
    Den warmen Schein, den find ich nimmer.
    Kein gastlich Platz, nur ein Verlies.


    (c) Margot S. Baumann


gewidmet einem Ort, an dem ich lange Zeit "gelebt" habe

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#2

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 11.02.2005 15:47
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Hast du mal in einem alten verlassenen Wirtshaus gelebt ?
Das kam mir jedenfalls in den Sinn.
Auf jeden Fall war es ein Ort, der einmal schön, gastlich und belebt war.
Ich weiss nicht wer es sagte, aber hier passt es gut:
Nichts zeugt mehr von Armut, als verfallener Luxus.

Das lässt sich auch auf das ?Gasthaus? übertragen.
Nichts ist ungastlicher, als ein verfallenes Gasthaus.

In Strophe 2 fiel mir das "wegschmolz" besonders auf. Wenn man gerade im Rhytmus ist springt das "weg" einen geradezu an obwohl ich muss mich verhaspelt haben, beim zweiten lesen fügte es sich brav ein

Das lyrische Ich, nennen wir es "grau s. amt Obmann"
hält es an diesem Ort nicht mehr aus und will unbedingt weg.

Wieder sehr schöne leichte Zeilen, liebe Margöttin Regelmäßig bescherst du mir diese köstlichen Snacks.

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#3

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 11.02.2005 16:01
von MrsMerian (gelöscht)
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Hi Marge.

Auch ich hing am "wegschmolz".
Ansonsten sehr schön... ich weiß leider kaum was ich zu Dienen Zeilen sagen soll. Du bist einfach zu gut.

Das Wirtshaus war das zu Hause des lyr. ich ("Nein, dies sind nicht mehr meine Zimmer!") und ihm sehr vertraut ("Den warmen Schein, den find ich nimmer.")

Vielleicht ist das lyr. ich sein eigenes (Wirts-)Haus. Aber es ist nicht mehr gastlich, viel mehr verbittert, verstaubt (Zeit). Es hat sich über Jahre hinweg verändert und plötzlich merkt es, dass die Richtung in die es sich entwickelt hat, es an ein ganz falsches Ziel gebracht hat und es möchte dieses Haus, das es so lange vernachlässigt hat, gerne verlassen.

Oder nein, anders: Ein Gegenüber, Partner, wer auch immer hat sich verändert. Besonders die Flamme und der Schein weisen mich darauf hin. Jemand, der sich nicht wohl fühlt in seiner Haut und ach, was aolls, ich kann es nicht erklären. Das haus ist und bleibt dasselbe, aber das Innenleben hat sich verändert. Kein Mut mehr da für Risiken (Spielen - Würfel) und weggeschmolzen passt sich da auch ein, ich denke an einen sehr offenen herzlichen Menschen, der jegliche Blockaden oder Schüchternheit/ Distanz schon durch sein Lächeln und seinen warmen Blick (Schein) wegschmelzen lässt.
Trotzdem fällt das weggeschmolzen sprachlich total auf irgendwie... Begründung finde ich dafür keine.
Vielleicht ist dann der Ort das Herz eines anderen Menschen.

LG,
Mrs.

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#4

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 11.02.2005 16:26
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Ups ich wollte nur bemerken, ich habe die Überschrift sträflich überlesen Entschuldigt mein ?Gasthaus?

Ich glaube mrs es ist mehr in Richtung der Freundschaft Kameradschaft zu deuten. Vielleicht ist das Haus auch die Seele, sie ist trocken staubig, keine Lust mehr vorhanden auf Spiele etc. und die Kameraden (vielleicht Charakterzüge, vielleicht die Erinnerungen an Freunde) sind fort. Aber das wäre keine befriedigende Interpreation.

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#5

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 11.02.2005 16:38
von MrsMerian (gelöscht)
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So meinte ich es eigetlich. Nicht die eigene Seele und der Gesellschaftssinn ist es, sondern der eines Freundes. Man fühlt sich einfach nicht mehr wohl zusammen, weil man sich auseinandergelebt hat.
Eine Begegnung nach vielen Jahren vielleicht und es scheint alles so, als wäre man nur einen Tag getrennt gewesen ... aber es ist nicht mehr bewohnt, der erste Schein trügt. Man fühlt sich bei dem Gegenüber nicht mehr zu Hause. Ich denke hauptsächlich an eine Jugenfreundschaft...

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#6

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 11.02.2005 17:05
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
ich denke, es ist vielmehr so, daß das lyr. ich überascht wurde.. die veränderungen waren neuerliche abgründe - keine übergänge.

man beachte auch die anmerkung der verfasserin: "gelebt"

ich denke, wir wissen alle, welches gasthaus gemeint sein könnte. waren wir doch zimmernachbarn.

grüße.
arno.

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#7

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 11.02.2005 17:07
von kein Name angegeben • ( Gast )
Hallo Margot,

aus irgendeinem Grund liest sich dieser Text für mich nicht ganz flüssig, eher abgehackt. Ich habe mir eben alles mal aufge-x-t. Natürlich stimmt alles. Ich denke, dass ich hake kommt von den zum Teil weiblichen Kadenzen, die du in jeder 2. Zeile verwendest und an dem darauf folgenden unbetonten Beginn der nächsten Zeile.

Dann gibt es noch zwei Stellen in dem Gedicht, die mir nicht ganz zusagen:
S2Z1: 'Tischholz' und S3Z3: 'nur schimmlig Brot mit Maden'`
Diese beiden Stellen kommen mir ein wenig zu reimbezogen vor. Ich würde niemals zu einem Tisch 'Tischholz' sagen. Und beim 'schimmlig Brot' stört mich die Elision und auch die Maden finde ich zu reimbezogen.

Ich bin ehrlich: Ich habe schon Gedichte von dir gelesen, die mir besser gefielen

Lieben Gruß,
Littleshine

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#8

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.02.2005 11:55
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Sehr schön zu sehen ist aber, dass so eine, die das kann, mal eben ein Gedicht raushaut, das nicht nur metrisch sauber, sprachlich schön, sondern auch noch stringent und konkret etwas beschreibt, was alle Miterleber (bis auf Mrs Krausgedanke vielleicht ) sofort und sicher erkennen. (Margot war so freundlich, mit dem ganzen Zaun zu winken!) Das Gedicht hat Spannungsbogen, der Kreis schließt sich am Ende wieder, manches mag dem Reim geschuldet sein, doch wo fängt das an, wo hört das auf ? Zu allem Überfluss ist das Gedicht auch noch multifunktional, kompatibel mit allen ähnlichen Lebenssituationen und wenn man nur lange genug nachdächte unter Garantie auch noch vielschichtíger.

Ja, an diese Dichterin darf man ruhig höhere Ansprüche stellen. Das sagt aber wenig über die grundsätzliche Güte dieses Gedichtes aus. Manches Rindvieh würde es sich stolz in den Stall hängen.

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#9

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.02.2005 13:56
von MrsMerian (gelöscht)
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Cool... danke fürs Augenöffnen.
Sag, Muh, was ist ein Krausgedanke? Oder meintest Du Grausgedanke? (für Dich genügen drei von den Herren )

Ja, jetzt seh ich den Zaun auch...
Heimweh lässt sich ertragen, wenn es das zu Hause nicht mehr gibt, denn die Möglichkeit zur Rückkehr ist damit nicht mehr gegeben.

Marge, Deine Gedichte sind meistens so... wie gewachste Ski auf frisch graupter Piste. Entweder zu steil für mich oder perfekt...

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#10

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.02.2005 16:36
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
natürlich, muh, stimme ich dir zu.

doch little hat ein paar schöne kleinigkeiten aufgezeigt.
mir persönlich gefallen solcherlei verstümmelungen, wie z.b. schimmlig brot und v.a. gastlich platz nicht.

dazu greift margot nur allzu gern.
(und daß ich dies des öfteren auch verwendete, macht mich noch nicht glaubwürdiger, oder... ? )

grüße.
arno.

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#11

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.02.2005 17:33
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Oh, ich wollte Little nicht etwa widersprechen, sondern nur verdeutlichen, dass das für das übliche Niveau in Internetforen ein durchaus gelungenes Exemplar von einem Gedicht sei und wenn es nicht die Margöttin gewesen wäre, man es bestimmt geneigter aufgenommen hätte. Von dieser Dichterin aber müssen wir wohl mehr erwarten.

Unabhängig von den Ordensrängen muss ich aber feststellen, dass du arg streng bist. Ich werde das nicht vergessen.

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#12

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.02.2005 17:38
von kein Name angegeben • ( Gast )
Ich muss wohl hinzufügen, dass ich an Margot nunmal höhere Ansprüche habe als an andere Schreiberlinge
Ich wollte keinesfalls ihre Fähoigkeit in Frage stellen, aber ich habe schon bessere Gedichte von ihr gelesen.

Lieben Gruß

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#13

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 12.02.2005 18:25
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
wir sind uns ja dann alle einig.

"super werk, margot, aber n bissel besser gehts schon noch, nich."

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#14

Das verlassene Wirtshaus

in Düsteres und Trübsinniges 19.02.2005 14:35
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
.... besser geht's immer ..... Ihr seid mir ja ein strenges Volk, Mensch! *g

Besten Dank für Eure Kommentare. Es war halt so im Kopf und musste so raus und irgendwie .... na.... ja.... so eben halt ....*g..... Und ich mag halt Elisionen, basta! Da könnt Ihr noch so rumfuchteln, Ihr werdet sie immer wieder lesen müssen, voilà.

Beste Grüsse
Margot


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