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Kritik des Monats April 2009

in Ausgezeichnete Kritiken 02.06.2009 08:48
von Alcedo • Mitglied | 2.697 Beiträge | 2810 Punkte




Kritik des Monats April 2009:




Maya zu krisenbewältigung von Karl Feldkamp



Maya schrieb am 20.04.2009 21:31 in diesem Faden: http://www.e-literatum.de/t79573166f7-kr...waeltigung.html

Zitat von Maya
Hallo Karl,

bereits den Einstieg finde ich sehr gelungen, denn schon hier offenbart sich die Doppeldeutigkeit, mit der das ganze Gedicht durchzogen ist.

sonderpreis verdächtig
die fußgängerzone
verspricht aufbruch
arbeiten pflegeeltern
haften für ihre kinder


"Sonderpreis" kann man zwiefach auslegen: Zum einen natürlich als einen besonderen Preis für eine bestimmte (Qualitäts-)Leistung auf einem Gebiet, andererseits als Nomenklatur für "Ramschware" oder Waren minderer Qualität, die über eine Herabsetzung des Preises doch noch einen Käufer finden sollen. In diesem Zusammenhang passt natürlich "verdächtig" wie die Faust aufs Auge, denn Waren mit ausgewiesenem Sonderpreis haben meist einen Haken. Die daran anschließende - Aufbruch versprechende - Fußgängerzone könnte man als zwinkernde Kritik deuten: Wo es Billigwaren gibt, kennen die Leute kein Halten mehr. Doch spricht dieses Verhalten eben nicht gerade für wirtschaftlichen Auf-, sondern Einbruch, also dafür, dass viele Menschen sich schon gar nichts anderes mehr leisten können, als diese minderwertigen Artikel.

Auch die für ihre Kinder haftenden Pflegeeltern sprechen für eine gesellschaftliche Schieflage und familiäre Notlage in der Krise, wo manche Eltern gar nicht mehr für ihre Kinder aufkommen können/wollen und sie lieber fortgeben. Das "arbeiten" lässt sich sowohl auf den "Aufbruch" als auch auf die "Pflegeeltern" beziehen, die - im Gegensatz zu den leiblichen Eltern - eben noch Arbeit haben und so die Ernährung der Pflegekinder sicherstellen können.

plastik drama
für erlebnislose
flaschensammler
schlagen die augen nieder
bei straßenmusik flötet
ausgerechnet mozart


Und der Verfall setzt sich fort. Man nimmt Bezug auf die Flaschensammler, die sogar in Mülltonnen – in Berlin sieht man das wirklich jeden Tag! – nach Leergutflaschen suchen, um noch ein paar Cents zu erhaschen. Tatsächlich ist es mittlerweile so schlimm geworden, dass man v.a. am Wochenende (Samstagabend) auf den Bahnhöfen sehr viele Obdachlose mit Plastiktüten auf den Bahnsteigen sieht, die nur darauf warten, dass die Jugendlichen, die auf dem Weg in die Disco o.ä. sind, ihre ausgetrunkenen Bier- und Alkopopsflaschen auf den Bahnhofsbänken abstellen oder in die Mülleimer werfen, um sie einzuheimsen und in einen Automaten zu stecken. Einige Hersteller gingen ja bereits dazu über, Bier in pfandfreie Plastikflaschen abzufüllen – ein kleines Drama für die Bettler. So jedenfalls verstehe ich die Zeilen.

Was folgt, ist der Verfall der Kultur – es wird zusammengewürfelt, was nicht zusammenpasst, so wie Mozart ganz nebenbei auf der Straße, wo eigentlich keine Zeit und nicht genug Ruhe ist, um auch die Untertöne heraushören und genießen zu können (sofern die Straßenmusiker überhaupt dazu fähig sind, diese zu erzeugen) und um sich in eine bestimmte Stimmung hinübertragen zu lassen. Die Hektik/Atmosphäre der Straße untergräbt das.

starren nackte schaufenster
männer mit schnörkellosen
unterleibern warten
auf zukunftsmoden


Hier musste ich zweimal lesen, um es einmal zu verstehen. Die Stelle würde ich wie folgt umschreiben:

schaufenster starren
mit nackten männern
schnörkellose unterleiber
warten auf zukunftsmoden

Denn wenn ich es in deinem Sinne deute, ist hier ja von Schaufensterpuppen die Rede, die dort "unten ohne" stehen. Man kann das oft in Läden beobachten, die Pleite gegangen sind und ihren bevorstehenden Auszug bereits per Aushang verkünden. Schnörkellos? Bezieht sich das auf die fehlende Ausformung des Geschlechtsteils bei männlichen Puppen? Ja, was bleibt einem schon als Hingucker, wenn sich selbst die Puppe keine neuen Sachen mehr leisten kann? Den Übergang von Schaufenster zu den Sexshops hast du gut gewählt.

zwischen sexshop auslagen
blinken batterie betrieben
rote brustwarzen
geheime morsezeichen
ratenzahlung
versteht sich und
besonders günstig


Diese Zeilen sind für mich Hinweis auf Verfall der Moral und Liebe an sich. Statt Familie, Wärme, Geborgenheit wird schneller Sex praktiziert. Auch ein vermeintlicher Ausweg, eine Krise zu bewältigen und in unbefriedigenden Zeiten eine rasche Befriedigung bestimmter Bedürfnisse zu erlangen.

Ja, also insgesamt gesehen finde ich den Text recht gelungen, auch wenn er natürlich etwas einseitig bleibt und manche Dinge nicht unmittelbar mit der Krise in Zusammenhang stehen, sondern auch schon früher zu beobachten waren.

Grüße, Maya



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