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#1

Ort mit wenig Einwohnern

in Liebe und Leidenschaft 17.06.2009 11:52
von perry • Mitglied | 834 Beiträge

Wo im einzigen Laden auch die Post verteilt wird
und die alte Frau auf der Bank in der Sonne sitzt.
Wo der Junge mit dem Stock das Eisen treibt
und Mädchenhaare beim Schaukeln hochfliegen.

Wo die Wolken sich am Kirchturm stoßen
und der Name auf dem Ortsschild unleserlich ist.
Wo der Hund die Katze ins Gebüsch jagt
und die Gänse giftig nach nackten Waden picken.

Da war ich zuhause, bis eines Tages ein Brief kam
und mich wegholte, zu einer Lehrstelle in der Stadt.
Die alte Frau winkte, das Eisen trudelte aus
und Marias Zöpfe hingen traurig herab. Ich hab

ihr nie geschrieben.

zuletzt bearbeitet 17.06.2009 12:03 | nach oben scrollen

#2

RE: Ort mit wenig Einwohnern

in Liebe und Leidenschaft 21.06.2009 12:23
von Primel | 107 Beiträge

Manchmal denke ich, dass meine Welt so geformt oder verformt ist, dass dort Urteile gefällt werde, die sich an Äußerlichkeiten klammern und ihre Unzufriedenheit damit ausdrücken, dass sie Abweichungen von der Erwartung kritisieren.

So geht es mir bei deinem Text, der eine schöne inhaltliche Rundung aufweist, doch sich gegen die lautliche Übertragung in einer Lesung spreizt.
Warum? Weil man – also ich im vorliegenden Falle – einen sprachlichen Rhythmus sucht, der sich an einer metrische Gestaltung orientieren möchte und diese nicht findet.

Absicht? Versuch, die Banalität des Lebens durch Unterdrückung der Verkünstlichung in der Sprache verstärkt auszudrücken? Einzige Sicherheit, dass dies nicht durch mangelndes Können hervorgerufen, denn du brauchst deine Fähigkeiten nicht mehr unter Beweis zu stellen. Oder mangelte dir die Zeit zu einer Überarbeitung (der Finition!)?

LG

Primel


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#3

RE: Ort mit wenig Einwohnern

in Liebe und Leidenschaft 21.06.2009 17:15
von perry • Mitglied | 834 Beiträge

Hallo Primel,
danke für deinen wertschätzenden Eindruck.
Ich lese meine Texte bereits seit Jahren immer wieder vor Publikum und weiß, dass sich nicht alle gut dazu eignen.
Bei diesem hätte ich keine Probleme, weil gerade die sich wiederholenden Zeilenanfänge genügend Rhythmus aufweisen, um die Leser mitzunehmen.
Letztlich ist die klassische Metrik zwar eine gute Basis, doch kann man mit genügend Übung und wechselnden Tempi fast jedem Text Rhythmus verleihen.
Das überraschenste Beispiel war für mich, als eine junge Jazzband einen meiner Texte vertonte. Man verstand den Inhalt zwar kaum noch, trotzdem hörte es sich akustisch fantastisch an.
LG
Perry
PS: Als freier Schreiber käme ich niemals auf die Idee, meine Texte nachzuixen. Für mich sind andere Stilmittel wie Zeilenbrüche oder Enjambements wesentlich wichtiger.

zuletzt bearbeitet 21.06.2009 17:18 | nach oben scrollen

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