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Taschengeldverpflichtungen von GerateWohl (2. Platz / Prosawettbewerb 10/09)

in Ausgezeichnete Prosa 17.11.2009 12:16
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte


Taschengeldverpflichtungen
von GerateWohl

Es war ausgerechnet etwas schnörkelige pikante Unterwäsche, die Lea Kruse anprobierte, als jemand schwungvoll den Vorhang ihrer Umkleidekabine aufzog. Sie bekam einen ordentlichen Schreck, der Eindringling hingegen stand nur da und glotzte sie an. Mehr als die Rücksichtslosigkeit des etwa gleichaltrigen jungen Mannes, ärgerte Lea, dass sie keine Sekunde vor dem unerlaubten Eindringen seiner Blicke in ihre Kabine beschlossen hatte, sie sehe in dem Negligee, das sie anprobiert hatte, billig aus und es gefiele ihr nicht. Der junge Mann, der Falk Friedrich hieß, sah sie darin vor sich stehen, beachtete die Wäsche aber gar nicht. Er sah nur Leas erschrockenen Blick, ihre dunklen Korkenzieherlocken und fand sie attraktiv und sympathisch. Sein ungehöriges Eindringen in ihre Intimsphäre war ein Versehen seinerseits und nicht geplant. Er hatte gedacht, die Kabine sei leer - genauer gesagt hatte er überhaupt nicht nachgedacht, sondern einfach einen Ort für die Anprobe der von ihm ausgewählten Kleidungsstücke gesucht.
Durch diese Unachtsamkeit löste Falk eine Kettenreaktion aus, die für die beiden eine Reihe gemeinsamer Ereignisse nach sich zog. Zum Beispiel schliefen sie kurz darauf miteinander, darauf beschlossen sie, das künftig öfter zu tun, und ein Jahr später zogen sie zusammen in Leas Wohnung, um sich ein Jahr später wieder zu trennen. Keine Heirat, kein gemeinsames Haus oder Auto, keine Kinder Ende der Kette, endotherme Beziehung, wie der Chemiker sagen könnte, vergleichbar einer Reaktion, die sich nicht selbst trägt und ohne äußere Energiezufuhr stirbt.
Lea zog solche Vergleiche nicht. Zwar war sie von Beruf Chemikerin - genauer gesagt war sie Chemie-Laborantin - aber es war nicht ihre Art, ihre Fachsprache zur Beschreibung des Privatlebens heran zu ziehen, so nahe dies bei einer Chemikerin auch lag, schließlich spricht man im Allgemeinen gerne von der Chemie zwischen Personen. Nicht so Lea. Sie redete lieber über Kosmetik, Fitness oder ihre Leidenschaft für prominente Hollywood-Schauspieler und Serienstars. Sie schaute auch liebend gerne diese amerikanischen Arztserien, bei denen sich in kurzer Folge problematische Liebes- und blutige Operationsszenen ablösten, oder sie ging mit ihrer besten Freundin, Magda, zum Pilates oder einfach Kaffeetrinken. Mit Falk unterhielt sie sich eigentlich nicht so gerne, selbst zu Beginn ihrer Beziehung.
Er hingegen liebte es von Anfang an, auf sie einzureden und seine Wortbeiträge dabei in sein metaphorisches Fachvokabular zu kleiden, obwohl oder vielleicht gerade weil er arbeitslos war. Beispielsweise erwähnte er gerne ihr tolles Fahrgestell und kündigte dabei augenzwinkernd eingehende abendliche Inspektionen an. Er hatte nämlich neben einem abgebrochenen Maschinenbaustudium auch eine abgeschlossene Kfz-Mechaniker-Ausbildung vorzuweisen.
Lea mochte diese technischen Anspielungen auf sich nicht, insbesondere wenn er ihre Menstruation als Ölwechsel betitelte. In den ersten Monaten ihrer Bekanntschaft fand sie das manchmal charmant, jedoch nur, weil ihr erst später klar wurde, dass er seine Sprüche gar nicht mit der Selbstironie ausstattete, die sie ihm zunächst unterstellt hatte, sondern dass er sie als geistreiche Zurschaustellung seiner Fachkompetenz betrachtete. Falk war stolz auf seinen Abschluss. Das konnte er nicht von vielen Dingen sagen. Irgendwann nahm Lea in seiner Stimme diesen jovialen Ton wahr, und das nervte sie kolossal.
Was sie an Falk jedoch gut fand, war die Tatsache, dass er ein Motorrad besaß und sie gerne mitnahm, wenn er damit durch die Stadt oder ins Grüne fuhr. Einmal hatte er ihr auch schützend zur Seite gestanden, was ihr sehr imponierte, als ein aufdringlicher Fahrgast sie in der U-Bahn barsch beschimpft und aufgefordert hatte, ihren Sitzplatz für eine stehende schwangere Frau frei zu geben. Es war Winter und sie nutzten öffentliche Verkehrsmittel, weil Falk seine Maschine in dieser Jahreszeit abgemeldet und in der Garage seines Vaters untergestellt hatte. Sie waren mit der Bahn unterwegs zu einer Verabredung, und obwohl die Züge rappelvoll von Weihnachtseinkäufern waren, hatten sie zwei Sitzplätze ergattert. Eine Haltestelle nach ihnen stieg dann dieser Kerl ein, dunkelblauer Wollmantel, geschniegelte Frisur, Aktentasche unter dem Arm. Im Nachhinein dachte Falk, so einer, der wahrscheinlich sein Maschinenbaustudium abgeschlossen hat. An derselben Station wie er quetschte sich die Schwangere beladen mit Einkaufstüten in den Zug, Typ spätgebährende Akademikerin um die vierzig. Drei Haltestellen später begann der Mann rumzumaulen, wie unmöglich es doch wäre, dass sie, Lea, die direkt vor der Schwangeren saß, dieser keinen Sitzplatz anböte. Falk war eh schon davon genervt, die ganze Zeit verkrampft aus dem Fenster zu gucken, um den klagenden Blicken der stehenden Fahrgäste auszuweichen. Aber jetzt wurde er richtig sauer und pöbelte den Mann an, der immerhin einen ganzen Kopf größer war als er, dass der nicht so mit seiner Freundin reden dürfe, und wenn er sich nicht sofort um seinen eigenen Dreck kümmere, von ihm eins in seine gewichste Fresse bekäme. Der Mann kuschte, und die Schwangere musste eh zwei Stationen später aussteigen. Diese ritterliche Geste von Falk gab Lea damals ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Kurz danach zogen sie zusammen.

Das war auch der Zeitpunkt, ab dem es sich nicht mehr vermeiden ließ, einander den Eltern vorzustellen. Sowohl Lea als auch Falk wurden noch von zu Hause finanziell unterstützt. Mit diesem Umstand erkauften sich Vater und Mutter gewisse Anrechte auf das Leben ihrer Kinder und sei es nur, dass sie ihnen die Auflage machten, in gewissem Rahmen über ihre Lebensumstände Bericht zu erstatten. So etwas wie ein neuer Mitbewohner oder die Änderung der Wohnadresse gehörten dazu, ein frischer Lebensabschnittspartner machte sogar einen persönlichen Besuch erforderlich.
Falks Vater gehörten mehrere erfolgreiche Autoreparaturwerkstätten. Herr Friedrich war ein Mann, der sich hochgearbeitet hatte. Sein Leben bestand daher mittlerweile nur noch aus Arbeit, seiner Geliebten, der er eine eigene Wohnung für ihre gelegentlichen Stelldicheins finanzierte, und einem unseligen Hobby das er daheim pflegen konnte, nämlich dem Reinigen von elektrischen Haushaltsgeräten im laufenden Betrieb. Er behauptete, damit könne man die Fliehkräfte zur Schmutzentfernung ausnutzen. Der anfänglich vernunftgetriebene Ansatz wurde zur Manie, und mittlerweile entstand dabei Gefahr für Leib und Leben, aber das kümmerte ihn nicht. Schließlich könne man ja aufpassen, betonte er. Es war ihm auch noch nie etwas dabei zugestoßen, obwohl er beispielsweise einen rotierenden Pürierstab mit Haushaltspapier und einer Zahnbürste säuberte.
Seine Frau trieb er damit fast in den Wahnsinn, doch war sie froh, dass ihr Mann sich auf diese Weise wenigstens ein bisschen am Haushalt beteiligte. Sie war Entwicklungsleiterin in einer Maschinenbaufirma und hatte daher ebenso wenig Zeit für die häuslichen Belange wie ihr Gatte. Eine vietnamesische Putzfrau, die zweimal pro Woche das Haus pflegte, wurde durch in sämtlichen Räumen installierte Videokameras überwacht. Auch Falks und Leas Besuch wurde auf diese Weise automatisch aufgezeichnet. Zum Glück wusste Lea nichts davon, und Falk vermied es, dies ihr gegenüber zu erwähnen. Sonst hätte ´sie sich womöglich darüber Gedanken gemacht, ob es Absicht war, dass sie beim Durchqueren des Vorgartens zum Haus von der sich plötzlich einschaltenden Rasensprengeranlage vollkommen nass gespritzt wurde, so dass sie im Bad des Hauses unter dem wachen Auge der Videoüberwachungsanlage ihre Kleidung wechseln und ihr teures, elegantes Sommerkleid, das sie sich extra für diesen Anlass gekauft hatte, gegen die im Haus befindliche Ersatzgarnitur der Putzfrau eintauschen musste. Natürlich bedauerten Herr und Frau Friedrich den Vorfall zutiefst. Sie hätten vergessen, die sich um diese Tageszeit stets automatisch einschaltende Bewässerungsanlage des Gartens zu deaktivieren, auch wenn das im Hochsommer um drei Uhr nachmittags eher ungewöhnlich ist. Falk versuchte Lea damit zu trösten, dass sie in den Putzklamotten echt sexy aussehe, was er zwar ernst meinte, aber Lea wenig aufbaute. Er war natürlich ebenfalls nass geworden, doch hatten seine Eltern noch einen Anzug samt Hemd für ihn im Hause deponiert, so dass er sich trotz der Umziehaktion zum gemeinsamen Mittagessen genauso festlich kleiden konnte wie zuvor.
Seine Eltern waren so freundlich zu Lea, wie sie konnten. Sie stellten zwar eine Reihe unverfrorener Fragen über ihre berufliche Situation, ihr Elternhaus und eigene familiäre Pläne, doch sie erwähnten die ihnen im Nachhinein sehr ans Herz gewachsene Exfreundin von Falk, Ann-Katrin, nur zwei Mal als leuchtendes Vorbild, und es gab sehr gutes Essen. Da hatte Falk schon Schlimmeres erlebt. Lea nicht.

Sie waren beide froh, als ihr Besuch vorüber war. Dennoch müssten Leas Eltern bei einem solch mondänen Empfang erst einmal mithalten können. Das würde schwer werden. Leas Eltern waren nicht wohlhabend und obendrein geschieden.
Zuerst wurde der Besuch bei Leas Vater in Angriff genommen, da Lea dieses Ereignis schnell hinter sich haben wollte. Ein Treffen mit ihrer Mutter hatte Zeit. Von der bekam sie eh kein Geld mehr. Ihr Vater, Benno Kruse, war ihr jedoch peinlich. Er war ein ausgemergelt wirkender, frühpensionierter Lehrer, der Kette rauchte, ständig hustete wie eine Bergwerkssprengung und ab und an kurze geistige Aussetzer hatte. Teilweise mitten im Satz schien er für kurze Zeit ins Wachkoma zu fallen.
Als Herr Kruse den beiden die Tür zu seiner kleinen Sozialbauwohnung öffnete, wirkte er in seinem zerknitterten dunkel karierten Hemd und seiner zerknautschten Kordhose so, als sei er soeben das erste Mal seit 1976 aufgewacht und aus dem Bett gekrochen, doch drang durch den muffigen Geruch der Wohnung ein Duft von frischem Kaffee und selbstgebackenem Kuchen.
Er empfing seine Tochter überglücklich. „Hallo meine kleine Lea. Schön dich zu sehen!“, sagte er ruhig aber strahlend, umarmte sie so gut er konnte, während sie sich von ihm abwandte und erwiderte, „Falls du’s noch nicht mitbekommen haben solltest, ich bin nicht mehr klein, Daddy.“
Falk schüttelte er die Hand, hieß ihn willkommen und sagte dann zu beiden, „Ach, wenn ihr mal eigene Kinder habt, werdet ihr auch sehen, dass die Kinder immer Kinder für einen bleiben. Jetzt kommt aber erst mal herein.“
Herr Kruse hustete sein Husten, während er sie in die Wohnung hinein winkte. Die gesamte Wohnung schien mit rustikalem Holzimitat vertäfelt zu sein. Matte Steh- und Tischlampen tauchten das Wohnzimmer in hölzernes Licht. Auf dem dunkel lasierten Esstisch stand eine Kaffeekanne aus Porzellan auf einem ebensolchen Stövchen. Drei Gedecke unterschiedlicher Muster und Geschirrserien standen um eine rechteckige Kuchenplatte auf der ein noch warmer Marmorkuchen lag.
„Kommt, setzt euch“, sagte Herr Kruse, „Ich habe extra etwas gebacken.“ Sie setzten sich, und Lea machte sich daran, langsam ihre Unbehaglichkeit auf alle Anwesenden zu übertragen. Zunächst gab sie bekannt, dass sie beide den ganzen über schon viel Kaffee getrunken und Schokolade gegessen hätten und jetzt unmöglich noch so etwas zu sich nehmen könnten. Herr Kruse war dadurch etwas betrübt und brachte ihnen eine Karaffe Leitungswasser, da er sonst nichts Trink- und Essbares im Hause hatte, wie er entschuldigend mitteilen musste, woraufhin Lea demonstrativ mit den Augen rollte. Als Herr Kruse sich daraufhin eine Zigarette ansteckte, fuhr sie ihn an, dass das unmöglich sei, zu qualmen, während nichtrauchende Gäste zu Besuch seien. Er erwiderte darauf, dass sie doch wisse, dass er immer rauche. Das sei nichts Neues, und es sei die letzte Freude, die ihm geblieben sei, seit ihre Mutter ihn verlassen habe. Lea bemerkte darauf sarkastisch, das sei ja wirklich ein großes Kompliment für sie, denn sie sei ja schließlich auch noch da.
So oft komme sie ihn dann doch auch nicht besuchen, dass sie zu einem allgegenwärtigen Quell der Freude für ihn würde, gab er zurück, deshalb freue er sich aber umso mehr, dass sie beide nun da seien.
Lea schmollte und ihr Vater fragte Falk, ob er denn schon einmal verheiratet gewesen sei. Falk lachte überheblich über die aus seiner Sicht naive Frage und verneinte.
Leas Vater ignorierte seinen arroganten Tonfall und erwiderte, „Recht so. Das sollte man auch nicht zu früh tun. Ramona, Leas Mutter, und ich haben definitiv zu früh geheiratet. Man muss erst wissen, was man überhaupt will vom Leben, von einem Partner im Speziellen und was man bereit ist für diesen zu tun. Mit 25 weiß man das noch nicht. Wie alt sind Sie, Falk, wenn ich fragen darf?“
Falk war noch am überlegen, ob er die Frage blöd oder in Ordnung fand, antwortete aber wahrheitsgemäß, „29.“
„Ein gutes Alter. Sind Sie berufstätig?“
Diese Frage fand Falk nun definitiv blöd, aber auch auf diese ging er direkt ein, „Nein, bin ich nicht.“
„Aha“, nahm Leas Vater die Information ohne die Miene zu verziehen zur Kenntnis, „Ich möchte Sie nicht in Verlegenheit bringen, aber erlauben Sie, dass ich mich erkundige warum?“
Lea ging dazwischen. „Ach, Daddy, lass ihn doch in Ruhe.“
Er wandte sich ihr zu, „Ich tue ihm doch gar nichts. Ich frage nur aus reinem Interesse.“
Falk sortierte sich ein wenig, dann sagte er: „Ich hab halt noch nicht das richtige gefunden. Ich orientiere mich noch.“
Leas Vater nickte und sagte dann: „Na gut. Dann sind Sie also noch nicht an dem Punkt, an dem Sie wissen, was sie wollen.“
„Ach, woher wollen Sie denn das wissen?“, fragte Falk jetzt etwas verärgert.
„Na, Sie haben doch eben selbst gesagt, Sie orientieren sich noch. Ist ja auch in Ordnung. Sie sind noch jung.“ Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und fügte dann schmunzelnd hinzu, „Aber machen Sie meine Tochter ja nicht unglücklich.“
„Können wir jetzt bitte das Thema wechseln?“, warf Lea genervt ein. Falk grinste jetzt. Der Alte war ihm irgendwie sympathisch.
In dem Moment bekam Herr Kruse einen so heftigen Hustenanfall, dass Falk beunruhigt und Lea peinlich berührt wurde. Als die Attacke vorüber war, entschuldigte Leas Vater sich bei ihnen, zündete sich eine neue Zigarette an und blickte sie abwechselnd an: „Ihr seid ein schönes Paar. Das ist gut. Sexualität ist sehr wichtig.“
Lea haute jetzt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Jetzt reicht’s aber. Das geht dich überhaupt nichts an!“
Ihr Vater hob beschwichtigend die Hand, „Schon gut. Du hast Recht. Ich will ja auch nur sagen, dass das nicht zu unterschätzen ist. Bei deiner Mutter und mir war immer ein Problem, meine Liebe. Das tötet die Beziehung.“
„Ich glaube, wir sollten jetzt gehen“, schnaufte Lea und stand auf.
„Ich wollte euch wirklich nicht vertreiben.“ entschuldigte sich ihr Vater.
„Wir müssen sowieso weiter“, sagte Falk, „Wir haben noch Besorgungen zu machen.“
„Ach na wenn das so ist, dann will ich Sie nicht aufhalten.“ Ihr Gastgeber erhob sich, um sie hinaus zu begleiten, und sagte in der Tür zu Falk, „Ich bin wahrscheinlich ein wenig zu oft allein. Falls meine Bemerkungen ungehörig waren, bitte ich dies zu entschuldigen.“
„Schon gut“, meinte Falk aufrichtig, „Es hat mich gefreut, sie kennen zu lernen.“
„Ganz meinerseits“, erwiderte Herr Kruse, gab Falk die Hand und umarmte Lea mit den Worten, es würde ihn freuen, sie mal beide wieder zu sehen.
Dann gingen sie fort und begannen sich auf dem Heimweg von Minute zu Minute mehr zu streiten. Lea regte sich zunächst über ihren Vater auf und wie unmöglich er sich benommen hätte. Falk meinte, sie hätte ihm einen Haufen Scheiße über ihren Vater erzählt, von wegen geistige Aussetzer und so, und dass er den voll in Ordnung fände. Lea hielt dagegen, dass er das nach der kurzen Begegnung überhaupt nicht beurteilen könne, und dass er, der König im Scheißereden, sich sowieso nicht beschweren dürfte und so weiter und so fort.

Am Wochenende taten sie das, was sie immer taten, wenn die Stimmung auf dem Tiefpunkt war. Sie fuhren mit dem Motorrad in den Wald zum Camping und hatten dort jede Menge Sex miteinander. Danach rauften sie sich entspannt zusammen, vertrugen sich, lästerten endlich gemeinsam über die beiden Besuche und wurden sich einig, dass sie beide beknackte Eltern hätten. Nun war Lea auch in der Lage, sich ein wenig geschmeichelt zu fühlen, als Falk noch mal erwähnte, dass er ihren Vater aber ganz in Ordnung fände, für so einen alten Knacker jedenfalls.
Ein halbes Jahr später bekam Lea einen Anruf von ihrer Mutter. Die sagte ihr, dass ihr Vater im Krankenhaus liege. Es sei ernst. Er sei operiert worden, nachdem kurzfristig Krebs diagnostiziert worden war. Man habe ihm den Kehlkopf entfernen müssen und die Operation sei nicht gut verlaufen. Mann wisse nicht, ob er die Woche überlebt, und Lea möchte ihn doch bitte besuchen gehen.
„Kommst du mit, Mama?“, fragte Lea.
„Ach Kindchen. Dein Vater und ich sind fertig miteinander. Du bist unsere einzige gebliebene Verbindung. Und ich habe nicht vor, in Form einer Krankheit eine zweite aufzubauen.“
„Mensch, und was soll ich dann da?“, maulte Lea.
„Er ist dein Vater, und du bist das einzige, was er noch hat. Tu ihm mal den Gefallen. Schließlich unterstützt er dich.“
Da war es wieder, das eingekaufte Verfügungsrecht. Also würde sie hin gehen müssen. Wieder war es Winter, und Lea machte sich mit Falk in der U-Bahn auf den Weg in das Universitätsklinikum. Wieder ein voller Wagon und sämtliche Sitzplätze belegt, so dass sie diesmal stehen mussten. Da erkannte Lea auf einer Sitzbank in der Mitte des Wagons den geschniegelten Herrn wieder, der sie vor einem Jahr wegen der Schwangeren angemacht hatte und dem von Falk daraufhin die Leviten gelesen worden waren. Diesmal hatte der Kerl sich einen Sitzplatz ergattert und schabte mit einem kleinen Plastikstab auf einem Taschencomputer herum. Direkt vor ihm stand zwar keine Schwangere, aber eine kleine ca. 80-jährige Frau, die sich mühsam an der Haltestange festhielt. Er musste sie bemerkt haben, schaute sie aber nicht an. Falk raunte zu Lea: „Der ist wohl auf Schwangere spezialisiert.“
„Ja, von der Alten will er wohl nichts“, antwortete Lea und beide lachten gehässig. Falk legte den Arm um Leas Schulter und sagte: „Ja, so ist das halt. Alles nur gequirlte Scheiße.“
„Was meinst du damit?“, wollte Lea wissen.
„Was weiß ich“, Falk zuckte mit den Achseln, da er nicht auf eine Nachfrage eingerichtet war, „Aufstehen für trächtige Tanten, Ommas übe die Straße helfen…“
„…Väter im Krankenhaus besuchen.“
„Was meinst du damit?“
Sie kuschelte sich in seinen Arm. „Ich hab keine Lust meinen Alten zu besuchen.“
Falk überlegte. „Hat deine Mutter gesagt, auf welcher Station er liegt?“
„Ja, Station acht.“
„Klingt voll nach ’ner Scheißstation“, sagte Falk und beide lachten erneut und stiegen nicht am Klinikum aus, sondern an der übernächsten Station, wo ein neuer Media Markt eröffnet hatte.

Das nächste Jahr plätscherte größtenteils vor sich hin, doch enthielt es einschneidende Erlebnisse. Im Juni zerhäckselte sich Falks Vater die rechte Hand beim Säubern der neuen Küchenmaschine seiner Geliebten und es gab ein großes Trara. Frau Friedrich nahm das äußerlich gelassen hin, die Verletzung wie die Affäre. Herr Friedrich strich Falk im September bis auf Weiteres die finanzielle Unterstützung, weil der ihn während seiner Heilung nicht einmal im Krankenhaus oder zu Hause besucht hatte. Daraufhin musste Falk den geplanten 6-wöchigen Neuseeland-Urlaub mit Lea absagen, was diese ihm sehr übel nahm. Es brach erneut eine Auseinandersetzung über Falks Arbeits- und Orientierungslosigkeit aus. Sie meinte am Ende, sie brauche Zeit, warf ihn aus der Wohnung und fuhr ohne ihn auf die andere Seite des Globus.
Falk zog daher zu seinen Eltern, denen das gar nicht recht war, weil die häuslichen Spannungen aufgrund der letzten Erlebnisse wuchsen, ohne dass ihr Sohn ihnen auf der Pelle hockte. Falk hatte zudem nichts Besseres zu tun, als sich eines Tages in ihrer Abwesenheit zu besaufen und die vietnamesische Putzfrau zu vergewaltigen, die ihn daraufhin bei der Polizei anzeigte. Daraufhin übergaben seine Eltern das belastende Überwachungsvideo an die Staatsanwaltschaft. Falk kam in Untersuchungshaft und Lea trennte sich augenblicklich von ihm, sobald sie davon erfuhr. Frau Friedrich, seine Mutter nahm sich im November das Leben, weil sie es sich, laut Abschiedsbrief, nicht verzeihen konnte, ihren Sohn ans Messer geliefert zu haben.
Von Frau Friedrichs Tod erfuhr Lea über einen gemeinsamen Freund von ihr und Falk, mit dem sie sich jetzt öfters traf. Den Begegnungen mit diesem Freund, Ralf, wohnte eher ein exothermer Charakter inne, wie sie jetzt doch in ihrem Fachjargon bemerkte, und das sei vielversprechender als das lahme gegenseitige Langweilen mit Falk die letzten zwei Jahre.
Der wiederum begann den beiden Hassbriefe zu schreiben, in denen er sie einerseits bedrohte und sich andererseits darüber beklagte, wie sehr er sich von ihnen beiden im Stich gelassen fühle. Lea antwortete ihm nur einmal. Sie schickten ihm einen Brief mit den fünf Wörtern: „Ist doch alles gequirlte Scheiße.“
Zu Weihnachten überredete Leas Mutter sie, doch einmal ihren Vater zu besuchen. Er hatte bis jetzt zwar überlebt, lag wieder im Klinikum, weil sich neue Metastasen gebildet hatten. Eine weitere Operation sahen die Ärzte als zwecklos an, doch er stand kurz vor einer weiteren Chemotherapie.
Lea hatte ihren Vater seit dem gemeinsamen Besuch mit Falk nicht mehr gesehen und erwartete das Schlimmste, wenn sie ihm gegenübertreten würde. Wahrscheinlich sähe er noch schlechter und verlebter aus, wenn überhaupt noch lebendig. Es war der zweite Weihnachtsfeiertag. Sie hatte ein Geschenk unter dem Arm und einen Heidenbammel im Bauch als sie die Station betrat. Eine Pflegerin zeigte ihr den Weg und führte sie die Gänge entlang. Noch bevor sie bei dem Zimmer angekommen waren, hörte Lea das vertraute Husten und weinte ohne zu verstehen warum.

zuletzt bearbeitet 17.11.2009 12:20 | nach oben


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