http://www.E-LIEratum.de
#1

Drugks

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 03.01.2010 13:26
von Kjub • 497 Beiträge | 496 Punkte

Spägel

Spägel öffnete die Transportbox und kippte die Maus in das Terrarium. Tauchte die Fingerspitzen in eine Wasserschale, spritzte dem Tier ein paar Tropfen auf das Fell, murmelte: „Ich taufe dich Lucky Lady. Du hast Glück, dein jammervolles Käfigleben ist bald Vergangenheit. Du wirst frei sein.“
Sie schnupperte, die Schnurrhaare bebten, kleine schwarze Augen blickten umher. Nervös drehte sie sich einmal um ihre Achse, bevor sie den Glaskäfig argwöhnisch und unablässig schnüffelnd erforschte – die Luft schmeckte scharf nach Gefahr.
Zuerst zischelte die dünne rote Zunge aus der Dunkelheit unter einem langen Stein, es folgten Schädel, Hals und Körper, geschuppt und schlank. Lucky Lady sprintete los. Ohne Eile folgte ihr der Waran. Sie versuchte zu fliehen, lief ihm dabei genau vor die Schnauze, sodass er seine Zähne bequem in ihr Fell schlagen konnte.
Geschickt drehte der Waran den kleinen Körper, umfasste ihren Kopf mit seinen Kiefern, schleuderte den Körper immer wieder gegen das Glas. Blut spritzte aus dem After, Gedärm flog durch das Terrarium, zum Schluss brachen die leichten Säugerknochen. Der Waran warf die Maus hoch und fing sie wieder auf, wiederholte es, bis sie richtig lag. Dann würgte er sie herunter und stapfte in seine Höhle zurück, kaum weniger gewandt als er heraus gekommen war.
Spägel nickte zufrieden, „gute Show“, lobte er sein Haustier. Er öffnete das Fenster, entzündete eine Zigarette, blies den Rauch in den lauen Sommerabend. Als er aufgeraucht hatte, schnippte er die Kippe auf die Straße, setzte sich an den Tisch, portionierte Rauschgift und freute sich auf den nicht zu versteuernden Gewinn, den er einstreichen würde. Seine freischaffende Unternehmung lief gut, zu dem Tagesgeschäft kamen dieses mal noch einige größere Bestellungen: Er rechnete für diese Woche mit zweitausend Euro Reingewinn und obwohl es besser laufen könnte, beklagte er sich nicht. Spägel erledigte seine verantwortliche Aufgabe nach bestem Gewissen, Befindlichkeiten verbot er sich.
Die Welt ist aufgeteilt in Jäger und Gejagte, Starke und Schwache, wenig unterscheidet das Tier vom Menschen, dachte Spägel während er Stücke zuschnitt, Pulver in Briefchen füllte und Pillen abzählte. Aber ich bin ein Beispiel für das Menschenmögliche, denn ich bin stark und gesund und kümmere mich um schwache und kranke.
Da fiel ihm eine seiner Patienten ein, die über ganz fürchterliche Symptome geklagt hatte - er rief Rosa an und sagte, dass ihr Medizinmann gut gelaunt sei und sie demnächst vorbeikommen könne.

Bork

Es klopfte. Bork las weiter, seine Augen flogen von Zeile zu Zeile, jetzt nicht!, dachte er flüchtig. Es klopfte wieder, Tock-Tock. Wer könnte das sein, fragte er sich. Der ungebetene Besuch schlug energischer gegen die Tür.
„Ich weiß dass du da bist“, rief eine Frauenstimme, „mach auf, bitte!“
Die schon wieder!, dachte Bork ärgerlich, sie hat das Licht gesehen - die gibt keine Ruhe. Er legte das Buch beiseite, ging zur Tür und öffnete. Sogleich trat sie in den Flur, umfasste sein Gesicht mit kalten Händen, zog es heran und küsste ihn. „Lass es uns tun.“
Ihre dunklen Augen glühten wie Kohlen aus dem blassen Gesicht. Schwarz ihr drahtiges Haar, dunkel die Kleidung: kurzer Rock, T-Shirt, Lederjacke. Nur das bunte Tuch störte den Einheitslook, scheußliches Tuch, dachte Bork. In ihrem Gesicht waren zwei Flussbetten aus Asche, zerlaufener Kajal, sie musste geweint haben.
Rosa küsste ihn wieder. Ihr heißer Atem vermischte sich mit seinem, ihre Zunge gierte nach seiner, er spielte mit, biss in ihre Lippe, presste sie gegen die Wand. Tief in den Lenden wuchs der Hunger, verdrängte alles andere, drängte, wollte in sie hineinwachsen. Ihre Beine umklammerten seine Taille, sie schmiegte sich eng an, leckte und knabberte das Ohr. Bork trug sie zum Bett, warf Rosa auf die Matratze, das Holz knirschte, nur die Bücher unter den Streben verhinderten, dass das alte Futongestell brach. Sie lachte und rollte vom Bett, ging zu dem billigen alten CD-Player, „warte“, sagte sie und drückte auf Play. Harte Klänge hämmerten durch den Raum. Sie zog ihn zu Boden, zerrte seine Hose von der Hüfte, führte sein gieriges Fleisch an ihrem Slip vorbei.
Lächelnd bewegte sie das Becken, legte den Kopf in den Nacken, stöhnte. Seine Hände griffen nach ihrer Hüfte, weiße Schemen auf schwarzem Stoff. Er spürte ihre Muskeln sich im Rhythmus spannen und entspannen.
Beim Orgasmus heulte sie, das kannte er, Attitüde, dachte er. Als die Erregung nachließ, störte der harte Boden, er schubste sie runter, holte das Buch, legte sich ins Bett und las. Sie folgte ihm, kauerte sich wie ein Embryo zusammen, bald schlief sie ein. Ein Arm in seine Richtung ausgestreckt, die Hand war wenige Zentimeter von ihm entfernt, offen lag die zerstochene Armbeuge, der Verlauf der Venen war durch frische Punktierungen und verhärtetes Gewebe für immer nachgezeichnet. Rosa ächzte, trat bisweilen aus, wälzte sich von einer Seite auf die andere. Flüchtig runzelte B. die Stirn, hatte sie gerade von Spägel gesprochen? Vielleicht sollte ich sie wecken, Rosa scheint einen bösen Traum zu haben. Doch bestimmt würde sie sprechen wollen, ich will nicht wissen was sie sagt, will ihre Stimme nicht hören.

O.

Ach Sommer, seltsame Jahreszeit, Sonne glänzt auf den Feldern, der Park der kleinen Stadt dünstet gereifte Natur, man badet oder gärtnert und soweit ich es beurteilen kann, machen die Menschen einen vergnügten Eindruck.
O. wünschte, er wollte auch irgendetwas, versucht hatte er es, O. wollte ja wollen, aber etwas in ihm fragte stets wofür und erstickte jedes Bemühen wie eine muffige schwere Decke. So leer war das Leben, so lang die verbleibende Zeit. Er hatte versucht zu hassen, etwas oder jemanden für seine innere Leere verantwortlich zu machen, mit dem vagen Plan, sich vielleicht in den Geisteszustand eines Amokläufers steigern zu können. Doch selbst auf die Frage wogegen fand er keine Antwort.
„Du bist eine traurige Gestalt“, hatte Rosa zu ihm gesagt und hinterhergeschoben: „Ein bisschen lächerlich vielleicht.“
Mit ihr war die traurig-lächerliche Existenz erträglich gewesen, sie riechen und betrachten zu können hatte sie erträglich gemacht. Mit ihr zu schweigen war besser als allein zu schweigen, aber Rosa hatte das anscheinend nicht gereicht.

Doktor Spägel hat LSD-25, hieß es in der kleinen Stadt. Nicht die verschnittenen Pillen, die in diesem beschissenen Sommer an jeder Ecke angeboten wurden. Echtes LSD, in einem Flakon. Auf dem Emblem waren chemische Formeln abgebildet, niemand wusste was sie bedeuten, alle waren beeindruckt. Spägel hatte den Buschfunk gefüttert, der trommelte, von Zunge zu Zunge ging die Nachricht, bald erreichte sie O. Das Bewusstsein zu erweitern schien ihm einen Versuch wert, vielleicht würde sich innerhalb neuer Grenzen etwas brauchbares finden lassen.
Ein heißer Tag, kein Mensch auf den Straßen, nur ein Hund trottete durch die Altstadt. In den Läden hockten Verkäufer hinter Vitrinen wie Statisten der Trumanshow. Durch diese Straßen gingen Schuhe, obendrauf O., der schlich zum Spägel und gab ihm einen Hunderter. Schweigend beobachtete er, wie Dr. Spägel zehn bunte Papierschnipsel auf den Tisch legte, und jeden einzelnen mit einem Tropfen aus dem Flakon beträufelte. „Nimm erst mal nen halben“, riet er. „Keine halben Sachen, Doc“, antwortete O., verpackte neun Pappen in Alufolie, überlegte, ob er sich den überzähligen unter das Augenlid schieben sollte. Nahm ihn doch in den Mund, grüßte und schlenderte die Stufen hinab, zurück in den schweigenden Ort. Seine Zunge umspielte das Papier, formte es zu einer Kugel, schob es im Mund hin und her, bald vergaß er es.

under construction

O. hörte ein mächtiges, fernes Geräusch, das schnell lauter wurde und seine Zellen vibrieren ließ. Er spürte es näherkommen, fühlte es wie eine unsichtbare Hand, die ihn anschob, Gedanken vertrieb, Luft aus den Lungen drückte.
Dann war der Zug vorüber und es herrschte Stille. Die Ruhe im Auge des Sturms, der Moment, bevor eine riesige Welle bricht. Ein Geräuschvakuum, in das die zersprengten Gedanken zurück flossen.
Alles war wieder da - nichts an seinem Platz. O. schaute auf die Handflächen. Fremd wirkten sie, er drehte sie, Tage später sah er die Handrücken. Unendlich weit waren sie entfernt. Er wollte sein Gesicht betasten und bewegte die Hände darauf zu, brach den Versuch auf der Hälfte des Weges ab, zu lang dauerte es. Die Sonne, sie beobachtete ihn, ihr Blick brannte, O. wollte weg. Überlegte seinen nächsten Schritt, tat ihn und einen weiteren.
Vor einer Straße blieb er stehen. Blickte nach links und rechts, blickte nach rinks und lechts, blickte nach rints und lechks. Wonach hielt er Ausschau? O. erinnerte sich nicht, kicherte, wagte einen Schritt auf das Pflaster, wich wieder zurück. Die Straße war leer. Kein Mensch, kein Auto, kein Hund. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite aber standen welche bei einem Auto. Sie schauten zu ihm herüber, flüsterten sie? O. schlingerte über das Kopfsteinpflaster auf sie zu.

Unterbewusstsein ohne Maulkorb

Spägels Blick streifte O. nur, dann diskutierte er mit den zwei Russen weiter - der Preis war klar, aber die wollten das Zeug prüfen. Die Verständigung war schwierig, Spägel sprach in kurzen Hauptsätzen und selbst die musste er manchmal wiederholen. Er zeigte eine Probe vom Stoff, doch sie wollten alles sehen. Bork schüttelte den Kopf, „wir haben nicht mehr hier“, sagte er, „gebt uns das Geld und wir holen das Dope.“
Nach kurzem Gespräch stimmten sie zu, der größere gab Spägel zehn gelbe Zweihunderteuroscheine und sagte, dass einer von beiden als Pfand da bleiben müsse. Spägel würde das Zeug holen, Bork wartete, so war es abgemacht. Ein Russe öffnete den alten Lada und forderte Bork auf, sich hineinzusetzen.
Die beiden lehnten gegen das Auto, tranken abwechselnd aus einem Flachmann, rauchten schwarzen Tabak und redeten.
Bork fragte seine Mailbox ab. Drei Nachrichten, alle von Rosa. Zuerst fragte sie, wo Spägel sei, sie brauche was; in der zweiten – eine halbe Stunde später – fluchte sie, dass Bork sein Handy ausgeschaltet habe und verlangte sofortigen Rückruf; die letzte Nachricht war neun Minuten alt, da entschuldigte sie sich für die zweite Nachricht und bat um Rückruf, ihr Zustand verschlechtere sich, jammerte sie und berichtete von Durchfall und Schüttelfrost. Angewidert verzog Bork das Gesicht und steckte das Telefon in die Tasche.
Der Lada heizte sich schnell auf, bald machte ihm die Temperatur zu schaffen, er schloss die Augen und dämmerte vor sich hin. Wie oft in letzter Zeit dachte er daran, aus der kleinen Stadt wegzugehen. Ein Signal schreckte ihn auf, er sah den abfahrenden Zug und im Vordergrund O., der unbeholfen auf sie zu stakste.
Auch die Russen hatten ihn bemerkt und beäugten ihn, erst misstrauisch, bald jedoch, als sein Zustand offensichtlich wurde, amüsiert. Ein enthemmtes Grinsen, das auf beängstigende Weise falsch aussah, zerteilte O.’s Gesicht. Vorsichtig, wie auf vereisten Planken gehend, setzte er einen Fuß vor den anderen, kicherte bisweilen, berührte endlich das Auto mit den Fingerspitzen und schreckte vor der Temperatur des aufgeheizten Metalls zurück. Er sah Bork und winkte ihm weit ausholend zu, windmühlenartig bewegten sich die Arme, Bork schüttelte den Kopf und machte eine nachlässige Geste, wie wenn jemand ein Insekt verjagt. O. reagierte darauf nicht, grinste und winkte.
Fragend sahen seine Wärter in das Auto, Bork bedeutete ihnen, dass sie den Typen wegjagen sollten, der sei nicht ganz richtig im Kopf.
Die ließen sich nicht lange bitten und herrschten O. an, dass er verschwinden solle. Der reagierte nicht auf ihre Vertreibungsversuche, machte nicht mal den Eindruck zu verstehen, was sie von ihm wollten. Auch nicht, als sie ihn auf den Bürgersteig schubsten. Kurz schien ihn der erste Faustschlag zu irritieren, mit naivem, verwundertem Gesichtsausdruck wendete sich er dem Absender zu, als O. wieder zu grinsen begann, schlug der ein zweites Mal und O. ging zu Boden.
Als wäre das Zubodengehen ein geheimes Signal, gerieten die Schläger außer sich und traten nach Körper und Kopf, immer und wieder. Ihr Opfer schrie auf, ein seltsam hohes Geräusch, wie ein Nagetier in Todesangst. Der Schrei ging Bork ins Mark, er fingerte das Handy aus der Tasche und meldete der Polizei einen Überfall; Spägel wollte er warnen, der nahm nicht ab; zuletzt richtete er die Handykamera auf die Bürgersteigszene. Filmte wie O. getreten wurde, als wäre er ein Fußball - Körper und Kopf, Kopf und Körper und noch mal von vorne. Als er wenige Minuten später die Sirene hörte, bewegte O. sich nicht mehr, sein Kopf ertrank in roter Suppe. Ein Glück, dachte Bork, die Bullen.

Spägel und Rosa

Spägel spürte es in der Hosentasche direkt neben Rosas Kopf vibrieren. Scheiß drauf, jetzt nicht, fluchte er innerlich, griff mit beiden Händen in ihre Haare, keuchte und hielt sie fest, bis es ihm kam. Sie würgte, lief zur Toilette und spuckte Sperma und Speichel ins Waschbecken. Er packte ein was Rosa im Mund gehabt hatte, zog den Reißverschluss hoch und stand auf.
„Was ist mit meinem Zeug?“, fragte Rosa schnell.
„Jetzt nicht“, beschied er ihr kurz.
„Wie – jetzt nicht - glaubst du ich habe dich zum Spaß abgelutscht?“
„Komm abends wieder, ich hab nichts hier“, antwortete Spägel, lächelte sie kalt an, ging zur Tür und hielt sie auf, „verschwinde, ich hab zu tun.“
Tränen der Wut stiegen ihr in die Augen, sie stürzte sich auf ihn, ihre Arme schlugen unkoordiniert nach seinem Gesicht. Spägel überraschte das nicht, er kannte die Ausbrüche verzweifelter Junkies - Rosa war kein Gegner für ihn, schon gar nicht wenn sie entzügig war. Er zog sie durch die Tür ins Treppenhaus, schlug ihr fest ins Gesicht und stieß sie in eine Ecke, wo Rosa zusammensank wie eine Fickpuppe, der man die Luft abließ. Spägel ging wieder in die Wohnung, steckte das Kilo Haschisch in eine Umhängetasche und schloss hinter sich ab. „Komm“, sagte er, griff unter ihre Achseln und schleifte sie mit sich.
Auf dem Weg nach unten kam ihnen eine Nachbarin entgegen, die blickte schnell zur Seite, als sie ihr entgegenkamen. „Frauen sind so schrecklich emotional“, höhnte Spägel. Draußen drückte er Rosa gegen die Wand. „Haste dich beruhigt?“, fragte er. Sie antwortete nicht, schluchzend sah sie zu Boden. Er küsste sie auf die Stirn. „Komm heute abend vorbei, dann habe ich etwas schönes für dich“, versprach Spägel.

Ein geplatzter Deal

Niemand war mehr da. Nur das vom Bürgersteig auf die Straße laufende Blut verriet, dass vor kurzem jemand hier war. Die Lache schillerte in der Sonne, Fliegen stoben auf, als Spägel vorbei ging, ihr schweres Summen erfüllte seinen Kopf. Er zwang sich, nicht auf den Fleck zu starren, ihn nur im Vorbeigehen wahrzunehmen wie jemand, der damit nichts zu tun hat. Nicht umdrehen, nicht die Umgebung absuchen, weitergehen, geh zur Telefonzelle, ruf Bork an. Du bist nur ein zufälliger Spaziergänger.
Zwei Straßen weiter, die Telefonzelle.
„Ja, wer ist da?“, fragte eine fremde Stimme.
„Ich will Bork sprechen“, ging Spägel nicht auf die Frage ein.
„Wer sind sie denn?“, insistierte der Fremde. Spägel legte auf und sondierte die Umgebung durch das schmutzige Glas. Niemand auf den Straßen, also fühlte er sich für den Moment sicher, was immer passiert war, direkt betraf es ihn nicht.
Wahrscheinlich hatte er eben mit einem Polizisten gesprochen, der auf sich verplappernde Idioten hoffte. Spägel ging an den Gleisen zurück, machte einen Abstecher ins leerstehende Bahnhofsgebäude und versteckte das Dope in einer Mauerhöhlung. Zuhause spülte er die für den Eigenkonsum bestimmten Drogen die Toilette runter, fütterte den Waran mit Grillen, öffnete sich ein Bier, machte Musik an und stellte sich ans Fenster. Wie friedlich die Stadt wirkt, wunderte er sich.

Nächster Tag

O. saß am Fluss, Kopf und Gesicht waren von Mullbinden eingehüllt, neben ihm stand eine Whiskeyflasche, aus der er in gleichmäßigen Abständen trank. Heute morgen hatte er gegen ärztlichen Rat das Krankenhaus verlassen.
Was von seinem Gedächtnis übrig geblieben war, wurde mit den Wassern des Flusses kurz aufgewirbelt, bevor es Flussabwärts trieb. Die letzte bewusste Erinnerung war Spägels Rat, nur einen halben Pappen zu nehmen. Über den nachfolgenden Ereignissen lagen Schleier – farbig und verzerrt: der Trip; dann die blutrote, schmerzensschwarze Episode; zuletzt das blendende Deckenweiß des Krankenhauses. Warum lüften? Er nahm noch einen Schluck.

Bork saß bei Spägel und zeigte ihm das Handyvideo. „Wenn der Film nicht wäre, würde ich es nicht glauben“, sagte er. Er war frei, gesungen hatte er nicht, wozu auch, er war bei nichts erwischt worden.
Die Russen hatten ebenfalls hartnäckig geschwiegen, Bork hatte nur die Fragen des vernehmenden Beamten über den Flur der Wache gehört: Warum sie O. angegriffen und ob sie Alibis für verschiedene in letzter Zeit verübte Raubüberfälle hätten. Was Borks Rolle in dem Spiel gewesen sei, warum er im Auto gesessen hätte. Die Befragten hatten geschwiegen, auch als der Beamte ihnen später gedroht hatte - vielleicht hatten sie ihn nicht mal verstanden.
Bork hatte auf seiner Pritsche gelächelt, die werden wir nicht so schnell wiedersehen, hatte er gedacht.
Ihn hatten sie nach einer Nacht in Untersuchungshaft freilassen müssen.
Jetzt teilten sie, jeder bekam einen Tausender. Spägel trank Bier und faselte von einer weißen Python, die er kaufen wolle, lud das Video hoch und verschickte es, Realfilmchen waren willkommene Abwechslung, nebenbei klickte er durch die Webseiten irgendwelcher Zoohandlungen.
Bork machte ein paar Bemerkungen, die passen könnten und entschloss sich still, endlich aus der Stadt zu verschwinden – morgen früh würde er den Zug nehmen. Vielleicht Richtung Hamburg oder Berlin, wer weiß.

„Solltest du nicht im Krankenhaus sein?“, fragte Rosa, als sie sich setzte.
O. schüttelte den Kopf, „nur wenn ich gesund werden wollte.“
Er hielt ihr den Whiskey hin, sie nahm einen kräftigen Schluck. Schweigend tranken sie, die Flasche leerte sich, unmerklich dämmerte der Tag in die blaue Stunde hinein.
„Ich werde Bork verlassen“, sagte sie unvermittelt.
O. sah sie an und wartete auf einen Satz, den er sagen konnte. Doch nichts fiel ihm ein - er griff nach der Flasche, doch die war ebenso leer.
Wortlos stand er auf, stützte sich kurz auf Rosas Schulter, dann ging er Flussaufwärts. „Wo willst du hin?“, fragte sie.
„Zum Zug“, murmelte O.
„Um diese Uhrzeit?“
Sie verstand seine Antwort nicht, vielleicht hatte er auch nichts gesagt.
„Warte, ich komme mit!“, rief Rosa und sprang auf.
O. winkte ab, „lass gut sein.“
Rosa überlegte einen Moment, dann zuckte sie die Schulter und ließ sich zurück ins hohe Gras fallen. Schüttete sich etwas Pulver auf den Handrücken, schnupfte es und breitete die Arme aus, als wollte sie den Himmel umarmen. Weich umspülte sie das Gräsermeer, der Fluss säuselte, die Nacht würde warm werden.

Der Zugführer machte eine Vollbremsung. Warum liegt eine Mumie auf dem Gleis?, dachte er, absurd!, dachte er und gab ein langanhaltendes Signal. Leere Augen reagierten, suchten Blickkontakt. Ein Mensch. Panisch starrte er dem schnell größer werdenden Kopf entgegen. Ausweichen wollte der Zugführer, das Steuer herumreißen, irgend etwas tun. Dann knallte es, O.’s Schädel platzte unter der stählernen Gewalt, die Maschine ruckelte ungnädig. Kurz vor dem Bahnhof hielt der Zug.

Jemand hätte sich nachts vor den Zug geworfen, raunte ihm die Bahnangestellte zu, als Bork das Ticket kaufte. Der Zugführer sei in psychiatrischer Behandlung, sein Ersatz im Urlaub. „Wir haben nicht genug Personal, ein Zug fällt aus“, informierte sie Bork. Als der ärgerlich die Stirn runzelte, beeilte sie sich, hinzuzufügen: „Der nächste fährt schon in einer Stunde.“

zuletzt bearbeitet 08.01.2010 21:29 | nach oben

#2

RE: Drugks

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 03.01.2010 16:24
von phil | 200 Beiträge | 200 Punkte

hallo Kjub, bin restlos bedient und begeistert. hätte noch weitergehen können...

an folgenden stellen bin ich gestolpert:

Mit ihr war die traurig-lächerliche Existenz erträglich gewesen, sie riechen und betrachten zu können hatte sie erträglich gemacht.
Mit ihr zu schweigen war besser als allein zu schweigen, aber Rosa hatte das anscheinend nicht gereicht.

natürlich meinst du die existenz. aber ich musste erst mal zurück um sie zu suchen...

Dann war der Zug vorüber und es herrschte Stille
kommt so plötzlich, der zug, lass den leser im unklaren, was das ist, könnte er später kapieren. O. kapiert es ja auch nicht.

schon gar nicht wenn sie entzügig war.
nie gehört! "auf entzug" würd mir besser gefallen (also auf neologs kannst du bei dem ding verzichten! oder müsste man das wort kennen?)

Jemand hätte sich nachts vor den Zug geworfen, raunte ihm die Bahnangestellte zu
das klingt so vertraulich, als steckte sie mit ihm unter einer decke. sie "erklärte", glaube ich.

wenn ich diese wenigen korrekturen empfehle, dann,weil sie wirklich die einzigen sind, die mir beim lesen aufgefallen sind.
spannung, flüssiger stil, einteilung in kapitel, ... ja das kann man (wirklich) lassen!

grüßle!phil

nach oben

#3

RE: Drugks

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 04.01.2010 13:10
von Kjub • 497 Beiträge | 496 Punkte

hi phil, freut mich, wenns lesen spaß machte.

Zitat
hätte noch weitergehen können...

das liest man gern!

kann sein, dass ich den zug streiche - ich behalte den vorschlag erstmal im hinterkopf.

entzügig gibts, ist das adjektiv zu entzug. ich würde aber nicht so weit gehen, zu behaupten, dass man es kennen müsste.

Zitat
Jemand hätte sich nachts vor den Zug geworfen, raunte ihm die Bahnangestellte zu
das klingt so vertraulich, als steckte sie mit ihm unter einer decke. sie "erklärte", glaube ich.


ja, kann ich nachvollziehen. erklärte klingt mir aber zu nüchtern. ich stelle mir eine schwatzhafte bahnangestellte vor, die sich über den schalter beugt und (nun ja, eben flüstert, raunt).

danke für die rückmeldung!
grüße
Kjub

nach oben

#4

RE: Drugks

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.01.2010 00:51
von hans beislschmidt | 104 Beiträge | 104 Punkte

hey kjub,

was is das? ein Drehbuch für Dark Passion 2? starke Schreibe, Respekt. Hätt ich auch gerne weitergelesen ....

Gruß vom Hans

p.s den Lada würd ich tauschen gegen BMW oder Benz.

nach oben

#5

RE: Drugks

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.01.2010 01:09
von Ralfchen (gelöscht)
avatar

ich kritisiere erst mal nicht im detail, ich sehe idee und details des plots und das strkturelle: als ganzes ein sehr feiner text. man möchte mehr davon lesen, was ich sehr selten sage.

nach oben

#6

RE: Drugks

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 08.01.2010 16:11
von Joame Plebis | 3.555 Beiträge | 3510 Punkte

Guten Tag, Kjub!

Es begann interessant, wurde dann flach und phrasenhaft. Ich glaubte plötzlich einen Schmöker vor mir zu haben, dann brach ich das Lesen ab und notierte auch nicht weiter die mir auffallenden Stellen. Im Rest, den ich überflog, fiel mir vom Niveau her einiges auf, zu dem ich mir Gedanken machte.
Hier die Auffälligkeiten, soweit ich genauer durchlas:
Tropfen auf das Fell, murmelte: „Ich --- er murmelte ?
Zuerst zischelte die dünne rote Zunge --- zischelte oder züngelte ?
immer wieder gegen das Glas, Blut spritzte aus dem ---Punkt nach Glas ?
würgte er sie runter --- hinunter ?
zurück, kaum weniger gewandt als er heraus kam--- als er herausgekommen war ?
Schnippte die Kippe auf die Straße--- Subjekt fehlt
kümmere mich um schwache und kranke. ---die Schwachen, die Kranken
Da fiel ihm eine seiner Patienten ein--- einer seiner
die über ganz fürchterliche Symptome geklagt hatte --- hatten Plural
In ihrem Gesicht waren zwei Flussbetten --- n? oder sind Beete gemeint?
Warum liegt eine Mumie auf dem Gleis?, dachte er, absurd!, dachte er und --- 2 x dachte er

Dann als die Brutalität ins Spiel kam und es ekeliger wurde gab ich auf.

Gruß
Joame


zuletzt bearbeitet 08.01.2010 16:14 | nach oben

#7

RE: Drugks

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 08.01.2010 21:25
von Kjub • 497 Beiträge | 496 Punkte

ralfchen und hans - vielen dank. freut mich, wenn die schmutzige kleine geschichte bei euch gut ankam - dass ihr sogar weitergelesen hättet, ist natürlich das beste. hans, den lada werde ich dieses we gegen ein auto tauschen, das kindersicherung hat, um bork glaubhaft einzusperren (andernorts wurde zurecht darauf hingewiesen, wie unglaubhaft es ist, dass er im auto sitzt und die szene filmt, schließlich könnte er der nächste sein). aber woher solln die typen nen benzer oder bmw haben? doch höchstens gestohlen. ich befürchte zu dick aufzutragen, werde das noch mal überdenken.
grüße!

hi joame! hm, dein urteil respektiere ich, obwohl ich mir nähere erläuterungen wünsche: was genau ist "flach" und "phrasenhaft" bspw.
1.

Zitat
Tropfen auf das Fell, murmelte: „Ich --- er murmelte


da sollte der leser rückbezüglich verstehen können, dass "er" dort murmelte. störte bisher auch niemanden.

Zitat
Zuerst zischelte die dünne rote Zunge --- zischelte oder züngelte ?

ursprünglich wirklich züngelte, aber dass eine zunge züngelt ist ja wirklich phrasenhaft, leer. zischeln hingegen gibt noch was her.

Zitat
immer wieder gegen das Glas, Blut spritzte aus dem ---Punkt nach Glas ?

mach ich

Zitat
würgte er sie runter --- hinunter ?
zurück, kaum weniger gewandt als er heraus kam--- als er herausgekommen war ?

hast recht, der erzähler sollte keine umgangssprache verwenden (oder höchstens dort, wo er die gedanken der verschiedenen prots wiedergibt). abgeschlossene vergangenheit stimmt auch, danke.

Zitat
Schnippte die Kippe auf die Straße--- Subjekt fehlt


siehe 1.

Zitat
kümmere mich um schwache und kranke. ---die Schwachen, die Kranken


das empfinde ich nicht als bessere variante.

Zitat
Da fiel ihm eine seiner Patienten ein--- einer seiner


patientinnen wenn schon. das schreibe ich.

Zitat
die über ganz fürchterliche Symptome geklagt hatte --- hatten Plural


sie ist eine person, kein plural.

Zitat
In ihrem Gesicht waren zwei Flussbetten --- n? oder sind Beete gemeint?


ist das nicht die richtige mehrzahlform? bin grade unsicher.

Zitat
Warum liegt eine Mumie auf dem Gleis?, dachte er, absurd!, dachte er und --- 2 x dachte er


das ist beabsichtigt.

Zitat
Dann als die Brutalität ins Spiel kam und es ekeliger wurde gab ich auf.


freut mich, dass du dir trotzdem die zeit für einen kommentar genommen hast!
grüße
kjub

nach oben

#8

RE: Drugks

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 08.01.2010 22:54
von Joame Plebis | 3.555 Beiträge | 3510 Punkte

Schönen Abend, Kjub!
Fein, daß Du meine offene Meinung locker aufnimmst. Warum sollte ich Dich oder mich belügen und von einem edlen wunderbaren Werk schreiben. Dieser Wunsch müßte in einer Fußnote vermerkt sein. Du selbst hast vermutlich auch Erfahrungen gesammelt, wie leicht kränkbar Poeten sein können, darum bin ich auch vorsichtiger, schroff wirkt es gelegentlich vielleicht schon. Hier aber war ich selbstvernichtend ehrlich und gab zu, es nicht fertig gelesen zu haben. Womöglich mache ich das demnächst.
Bei den Rechtschreibungsanfragen scheint es Mißverständnisse gegeben zu haben, ich hätte klarer sagen sollen, daß Schwache und Kranke groß geschrieben gehören.
Im Satz ...fiel ihm einer seiner Patienten ein, gehört das r trotzdem, auch wenn es eine Sie war, denn der Patient - egal welchen Geschlechtes. Und dann noch ein paar Kleinigkeiten, mit denen ich Dich heute verschone. Freut mich, wenn wir uns verstehen!

Freundlichen Gruß
Joame


nach oben


Besucher
0 Mitglieder und 16 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Weinrebe
Forum Statistiken
Das Forum hat 8582 Themen und 64033 Beiträge.

Heute waren 0 Mitglieder Online:


Besucherrekord: 420 Benutzer (07.01.2011 19:53).