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#1

Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2010 00:22
von Kjub • 498 Beiträge | 499 Punkte

Dabei die Hände unter dem Kopf verschränken und durch das Fenster in die Nacht blicken. Hinter den Eisenstäben fallen Schneeflocken, auch auf die kurze Katzenstraße, aus der bunte Glasscherben hervorstechen. Wahrscheinlich wegen der Einbrecher. Denen von den Kiezbewohnern anscheinend zugetraut wird, aus dem Boden und gleich in die Wohnungen brechen zu können. Dann schon die Rückwand des Hauses mit dem abblätternden Putz. Aus der liegenden Position sind Fenster von drei Wohnungen zu sehen.
Das erste Fenster wird im dritten Stock geöffnet. Ein Mann zündet eine Zigarette an und stützt sich auf den Fenstersims.
Aus dem zweiten Fenster wird ein Elefantenkalb geschoben, das Weihnachtsgeschenk der kleinen Prinzessin. Es hatte lange gedauert, dieses Tier aufzutreiben, aber jetzt will die Kleine unbedingt eine Maus. Doch in dem Punkt blieben die Eltern stur. Eins geht nur. Das Kalb breitet seine großen Elefantenohren aus, um den Fall abzubremsen. Trotzdem verstaucht es sich den linken Vorderfuß und humpelt beleidigt davon.
Durch das letzte Fenster im Erdgeschoss schiebt sich eine geschlossene haarige Faust. Sie passt kaum hindurch, so groß ist sie. In der sich öffnenden Hand sind viele bunte Helium-Ballons. Die fliegen nach oben, vorbei an dem geschlossenen zweiten Fenster und weiter. Der Raucher staunt ihnen in den Nachthimmel hinterher.
Die Haarhand aus dem ersten klettert zielgerichtet die Hauswand hinauf, ihre dicken Finger bewegen sich geschickt wie Spinnenbeine. Der dazugehörige, überraschend schmale Arm scheint kein Ende zu nehmen. Vom Raucher ungesehen stiehlt sich die Spinnenhand in den Raum im dritten Stock. Nach wenigen Momenten ruft eine Stimme: „Strike!“
Der Arm schießt mit der Geschwindigkeit eines fallenden Ankertaus aus der Wohnung, in der Hand eine knallgelbe Bananenstaude.

zuletzt bearbeitet 16.02.2010 23:25 | nach oben

#2

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2010 14:08
von Alcedo • Mitglied | 2.571 Beiträge | 2467 Punkte

Zitat von Kjub
Dabei die Hände unter dem Kopf verschränken und durch das Fenster in die Nacht blicken. Hinter den Eisenstäben fallen Schneeflocken, auch auf die kurze Katzenstraße, aus der bunte Glasscherben hervorstechen. Wahrscheinlich wegen der Einbrecher. Denen von den Kiezbewohnern anscheinend zugetraut wird, aus dem Boden und gleich in die Wohnungen brechen zu können. Dann schon die Rückwand des Hauses mit dem abblätternden Putz. Aus der liegenden Position sind Fenster von drei Wohnungen zu sehen.
Das erste Fenster geht auf, im dritten Stock. Ein Mann taucht auf, zündet eine Zigarette an und stützt sich auf den Fenstersims.
Aus dem zweiten Fenster wird ein Elefantenkalb geschoben, das Weihnachtsgeschenk der kleinen Prinzessin. Es hatte lange gedauert, dieses Tier aufzutreiben, aber jetzt will die Kleine unbedingt eine Maus. Aber in dem Punkt blieben die Eltern stur. Eins geht nur. Das Kalb breitet seine großen Elefantenohren aus, um den Fall abzubremsen. Trotzdem verstaucht es sich den linken Vorderfuß und humpelt beleidigt davon.
Durch das letzte Fenster im Erdgeschoss schiebt sich eine geschlossene haarige Faust. Sie passt kaum hindurch, so groß ist sie. In der sich öffnenden Hand sind viele bunte Helium-Ballons. Die fliegen natürlich weg, nach oben, vorbei an dem geschlossenen zweiten Fenster. Am Raucher vorbei, der ihnen in den trüben Nachthimmel hinterher staunt.
Die Haarhand aus dem ersten klettert zielgerichtet die Hauswand hinauf, ihre dicken Finger bewegen sich geschickt wie Spinnenbeine. Der dazugehörige, überraschend schmale Arm scheint kein Ende zu nehmen. Vom Raucher ungesehen stiehlt sich die Spinnenhand in den Raum im dritten Stock. Nach wenigen Momenten hört man aus dem ersten Stock: „Strike!“ Der Arm schießt mit der Geschwindigkeit eines fallenden Ankertaus aus der Wohnung, in der Hand eine knallgelbe Bananenstaude.

hallo Kjub

das fallende Ankertau ist Klasse! die ganze Szenerie erhält dabei eine lebendige Ruhebucht, den ersehnten angelaufenen Hafen: die endgültig zugefallenen Augen des Protagonisten. schön auch wie das Augenpaar in der Überschrift mit einem Reizanteil überstimmt wird. die Fenster sind knapp, aber klar in der Mehrheit.

mit dem ersten Wort, war offensichtlich ja schon das sich Hinbetten, das Sich-zur-Ruhe-begeben gemeint.
die realen Gedankengänge und Eindrücke, driften ab dem "Fenstersims" in andere Gefilde ab, in die hypnagoge Gezeitenzone zwischen Wachen und Schlaf.

bei dem Elefantenkalb dachte ich mir, der Protagonist hat früher sicher den Disney-Dumbo geglotzt. und mit der haarigen faustgrossen Spinne, hat wohl die Bewältigung eines schweren Einkauftraumas durch das Unterbewusstsein eingesetzt: im Supermarkt zwischen all den angehäuften Bananenstauden muss er wohl mal in eine versehentlich mitimportierte, haarige, exotische Vogelspinne gegriffen haben. bei der Vorstellung hab ich laut lachen müssen.

du siehst, er hat mir gefallen, der Text.
einzig das akustische, also dieses "Strike" habe ich nicht ganz verstanden. zumal ich auch nicht glaube dass sich in jenem Zustand, kurz vorm wegdämmern, eine Geräuschquelle so genau lokalisieren lässt. das wäre mein einziger Kritikpunkt.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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#3

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2010 23:45
von Kjub • 498 Beiträge | 499 Punkte

hi Alcedo, stark wie du mit einem blick in einem blick zwei augen siehst, und dadurch die sinne von den reizen nur noch knapp überstimmen lässt. eine interessante symbolik in anbetracht der zunehmenden anforderungen, die bspw. und vor allem medien an den einzelnen stellen.
noch besser aber gefällt mir dein ansatz mit der

Zitat
hypnagogen Gezeitenzone

der lässt sich wirklich gut zur deutung heranziehen.
der disney-dumbo und das supermarkttrauma sind klasse assoziiert!
ich habe auch anhand deiner kritik etwas geändert. 1.) die stimme wird jetzt nicht mehr verortet. 2.) mit der 'heraufziehenden traumphase' gebe ich dem versteckten protagonisten etwas mehr fläche und arbeite deinen gedanken der einschlafhalluzination aus.
weiterhin merzte ich zwei wortwiederholungen aus und änderte einen etwas vertrackten satzbau.
danke für die rückmeldung!
grüße
Kjub

zuletzt bearbeitet 14.02.2010 02:58 | nach oben

#4

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 14.02.2010 11:41
von Alcedo • Mitglied | 2.571 Beiträge | 2467 Punkte

gern geschehen, Kjub.

die jetzt fehlende Verortung der Geräuschquelle empfinde ich als Gewinn.

Zitat von Kjub
Nach wenigen Momenten bricht ein: „Strike!“, in die heraufziehende Traumphase.


"Traumphase" ist ein Fachbegriff, den ich hier im Text nicht gebrauchen würde.
stattdessen würde ich vielleicht versuchen die Lautstärke des Geräusches zu beschreiben. mehr bedarf es, meiner Ansicht nach, nicht.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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#5

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 14.02.2010 20:06
von Kjub • 498 Beiträge | 499 Punkte

hm, Alcedo, ich bin grad nicht sicher, ob ich nochmal ändern soll. 'Traumphase' halte ich für allgemeinverständlich und die idee, den prot damit indirekt noch einmal auftauchen zu lassen, gefällt mir. meine unschlüssigkeit kann auch daran liegen, dass ich eben keine überzeugende möglichkeit fand die lautstärke zu beschreiben. vielleicht hast du noch einen konkreten vorschlag, ansonsten lass ich es erstmal so.
grüße
Kjub

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#6

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 15.02.2010 10:01
von Alcedo • Mitglied | 2.571 Beiträge | 2467 Punkte

hallo Kjub

ja, allgemeinverständlich ist das Wort sicher. aber ich fragte mich, ob du "Traum" explizit erwähnen musst, wo es die ganze Zeit so schön umschrieben wird, verstehst du?

ich denke, das indirekte Auftauchen passiert sowieso durch den akustischen Reiz.

Vorschläge:
Vom Raucher ungesehen stiehlt sich die Spinnenhand in den Raum im dritten Stock. Nach wenigen Momenten hört man einen lauten Ausruf / eine helle Frauenstimme / eine dunkle Männerstimme: „Strike!“ Der Arm schießt mit der Geschwindigkeit eines fallenden Ankertaus aus der Wohnung, in der Hand eine knallgelbe Bananenstaude.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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#7

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.02.2010 09:06
von Katerchen | 170 Beiträge | 170 Punkte

.

Hallo, Kjub.

Einige kleine Anregungen auf die Schnelle.


"Dabei die Hände unter dem Kopf verschränken und durch das Fenster in die Nacht blicken.

"durch das Fenster" -> ersatzlos streichen

"Hinter den Eisenstäben fallen Schneeflocken, auch auf die kurze Katzenstraße,
aus der bunte Glasscherben hervorstechen."

Ein recht umständlicher Satz, der allerdings zeigt, daß die Nacht nicht eben trüb ist?

"Aus der liegenden Position sind Fenster von drei Wohnungen zu sehen."

-> Im ersten Satz wird die Perspektive auch nur angedeutet, das reicht. Eine
spezielle Führung benötige ich nicht. Ich möchte die Kameraführung nicht
im Text beschrieben lesen.

"Eins geht nur." -> ersatzlos streichen

"so groß ist sie." -> ersatzlos streichen

"Die fliegen natürlich

weg, -> ersatzlos streichen

nach oben,"

vorbei an dem geschlossenen zweiten Fenster.
Am Raucher vorbei, der ihnen in den

trüben -> ersatzlos streichen -> Wenn's (noch) schneit, ist die Nacht hell?

Nachthimmel hinterher staunt."

Vom Raucher ungesehen (,) stiehlt sich die Spinnenhand in den Raum im dritten Stock.
Nach wenigen Momenten bricht ein: „Strike!“, in die heraufziehende Traumphase.

-> ich würde hier in Richtung: bricht ein: "Strike" den Arm ..., welcher mit der Geschwindigkeit ... usw. andenken?

Der Arm schießt mit der Geschwindigkeit eines fallenden Ankertaus aus der Wohnung,
in der Hand eine knallgelbe Bananenstaude.


Ansonsten gerne gelesen.

LG
Katerchen




.


->perhaps there is nothing in this universe but I self<-

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#8

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.02.2010 23:24
von Kjub • 498 Beiträge | 499 Punkte

hi Alcedo, ich habe nochmal versucht, mich der geschichte mithilfe deiner vorschläge anzunähern. erstmal stelle ich fest, dass ich drei elemente ausmache: 1. die indirekte beschreibung eines protagonisten, der liegend durch ein fenster blickt und 2. die beschriebene szenerie sieht/ fantasiert. 3. eine reflektion des erzählers. (beiwerk)
die "heraufziehende traumphase" bricht übertrieben deutlich durch den "poetischen" charakter der geschichte, du hast mich überzeugt. ich bleibe nah bei deinem vorschlag und lasse das "strike" unverortet, allerdings schlicht von einer "stimme" sagen. danke fürs nachhaken.

hallo Katerchen,

Zitat
"durch das Fenster" -> ersatzlos streichen


ne, das lasse ich genau wie die liegende position. ich verstehe deine einwände, aber wenn ich die beiden punkte änderte, wäre der charakter der geschichte, an der wir arbeiten, schon wieder ein völlig anderer. Alcedos idee mit der traumphase halte ich für eine für einen sehr gelungenen interpretationsansatz, aber für den muss der hinweis, das jemand liegt, bestehen bleiben.

Zitat
Ein recht umständlicher Satz, der allerdings zeigt, daß die Nacht nicht eben trüb ist?


trüb gestrichen.

Zitat

1."Eins geht nur." -> ersatzlos streichen
2."so groß ist sie." -> ersatzlos streichen


ne, also 1. gehört als einleitung zu dem wirklich lustigen, folgenden gag - auch wenn ich bis jetzt der einzige zu sein scheine, den der amüsiert
und 2. ist halt noch so ein dezenter hinweis darauf, dass irgend so ein haariger riesenaffe (sorry, meine intention) im ersten stock rumlungert.
lasse ich beides stehen.

Zitat
1."Die fliegen natürlich
weg, -> ersatzlos streichen
nach oben,"
2.vorbei an dem geschlossenen zweiten Fenster.
Am Raucher vorbei, der ihnen in den


das habe ich beides verändert, hoffentlich zum besseren.
danke für die rückmeldung!
grüße,
Kjub
ps: deinen letzten vorschlag verstehe ich nicht.

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#9

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.02.2010 00:23
von Katerchen | 170 Beiträge | 170 Punkte

.



Ich stellte nur Anregungen zur Verfügung, Kjub. Was genau du diesbezüglich
auskostest, bleibt ganz dir überlassen, die Hoffnung zum Besseren ebenso.
Rechtfertigungen benötigt dein Text nicht, ich konnte ihn genießen.

LG
Katerchen



ps

Zitat
ps: deinen letzten vorschlag verstehe ich nicht.



Zitat
Nach wenigen Momenten ruft eine Stimme: „Strike!“
Der Arm schießt mit der Geschwindigkeit eines fallenden
Ankertaus aus der Wohnung, in der Hand eine knallgelbe
Bananenstaude.



Nach wenigen Momenten -> ist eine extrem schlechte Formulierung

Nach wenigen Augenblicken bricht ein "Strike!" den Arm, welcher mit der
Geschwindigkeit eines fallenden Ankertaus aus der Wohnung schießt;
in der Hand eine knallgelbe Bananenstaude.











.


->perhaps there is nothing in this universe but I self<-

zuletzt bearbeitet 17.02.2010 09:58 | nach oben

#10

RE: Ein Blick, drei Fenster

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.02.2010 10:13
von Alcedo • Mitglied | 2.571 Beiträge | 2467 Punkte

ah, interessant!

Zitat von Kjub
erstmal stelle ich fest, dass ich drei elemente ausmache: 1. die indirekte beschreibung eines protagonisten, der liegend durch ein fenster blickt und 2. die beschriebene szenerie sieht/ fantasiert. 3. eine reflektion des erzählers. (beiwerk)



gute Arbeit, Kjub. mir scheint es jetzt rund und stimmig geworden zu sein.

was ich sehr interessant finde, dass du wohl ein drittes erzählerisches Element intendiert hast. also deinen Punkt 3. den hatte ich überhaupt nicht auf meiner Liste. aber Punkt 1 und 2 stimmen mit meinen ganz überein.
1. für mich beschreibt hier bis zum Wort "Fenstersims" ein auktorialer Erzähler. einer der alles weiß, der also auch zum Beispiel die Glasscherben der Katzenstrasse beschreibt, welche aus der liegenden Position ja womöglich gar nicht zu sehen sind.
2. ab dem Fenstersims taucht die Story für mich erzählerisch vollends in die Wahrnehmung des Protagonisten ein und geht das ganze Spektrum durch: vom wachen Ausblick, übers das allmähliche hinwegdämmern in der Phantasie und folgt sogar bis in den Traum.

wenn es eine dritte Perspektive gibt, dann für mich alleine die des Rauchers, der einen weiteren Protagonisten stellt, welcher in beiden Abschnitten vorkommt. zuerst als Mann, der eine Zigarette anzündet und dann als Raucher (im Traum! geschickt gemacht!) der nichts mitbekommt. er dient also hier für mich eindeutig zur Verdeutlichung der Phantasie oder des Traumes: niemand sieht was wir träumen. so auch dieser Raucher nicht.
ich glaube es sind genau solche erzählerischen Finessen, Spiele, gegenseitige Entsprechungen und kleine Paradoxien in den Perspektiven welche den Reiz einer guten Story ausmachen. ob diese jetzt bewusst oder unbewusst eingeflossen sind, bleibt natürlich irrelevant.
wichtig ist das was sie auslösen, das Gefühl beim und nach dem Lesen: die Story ist gut.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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