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#1

Abschied

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.08.2010 16:44
von Rainek Radar | 360 Beiträge | 360 Punkte

Abschied 1
Abschied. In ganz großen Lettern. Mindestens drei Meter hoch. A-B-S-C-H-I-E-D. Taubenscheisse auf dem B und dem I. Taubenscheisse auch auf dem Metalldach, auf dem die Buchstaben thronen.
Der Lift funktioniert nicht. Seit Jahren nicht mehr, so wie die Kabine von innen ausgesehen hat. Ich bin die dreizehn Stockwerke zu Fuß hier herauf gekommen. Nur um die kleinen Schnipsel des Fotos in den Wind streuen zu können. Spektakulär. Um die Fetzchen dreizehn Stockwerke weit hinunter rieseln sehen zu können. Genüsslich.
Du hast gelacht auf dem Foto. Ehrlich. Kein Fotolächeln. Strahlend weiße Zähne und blitzende Augen. Kleine Falten und Grübchen im Gesicht. Ich habe das Foto seit drei Jahren nicht mehr angesehen. Vor heute. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Dein Lachen. Die Fältchen und Grübchen. Deine Augen.
Abschied. In großen Lettern auf dem Dach. Ich stehe neben dem S und vergrabe meine Hände in den Hosentaschen. Unter mir ein riesiges Foto von einer Silhouette am Palmenstrand. Zwei Silhouetten bessergesagt. Küssend.
Abschied.... Ich hebe nicht mehr ab, wenn du anrufst. Wenn du mit mir spielst. Ich gehe einfach nicht mehr ran. Ich will das nicht mehr. Ich will das schon lange nicht mehr. Das Foto war der letzte Rest. Ein Bild aus der Vergangenheit. Das Bild einer Gegenwart, die niemals sein sollte.
Ich setze mich auf den Flügel des Flugzeuglogos des Reisebüros. Ich lache laut. Es hört sich dämlich an.
Abschied. Irgendwo schäkerst du gerade mit einem anderen Typen. Sicherlich. Einem der genau so dumm ist wie ich. Wie ich war.
Auf Wiedersehen. Wenn wir uns zufällig auf der Straße sehen werde ich ein paar belanglose Worte sprechen. Und du wirst lachen. Genauso echt wie auf dem Foto, das ich gerade zerrissen habe. Aber ich werde nicht mehr darauf hereinfallen. Diese Zeiten sind vorbei.
Abschied


Abschied 2
In der Nacht träume ich dann von meinem Heimatstädtchen. Von der großen Café-Terrasse gegenüber dem Stadttor. Ich träume von einem dreigeteilten Fenster, direkt darüber, das von schweren, undurchsichtigen Vorhängen ausgefüllt wird. Weiß.
Ich träume davon, dich zu suchen auf der Terrasse, auf der wir uns, als wir noch jung waren, so oft gesehen haben. Gleichgültig. Wir haben uns damals nicht kennengelernt. Nicht näher jedenfalls. Mein bester Freund war einmal dein Geliebter, für einen Monat. Wir haben uns gegrüßt wenn wir uns gesehen haben auf der Terrasse des Cafés, nicht mehr.
In meinem Traum gleitet deine Silhouette hinter den schweren Vorhängen vorbei. Von einer Seite zur anderen und wieder zurück. Stetig. Ich kann sie sehen, obwohl die Sonne scheint.
Ich weiß, dass du gestorben bist, in diesem Traum. Ich kann deinen Geist im Fenster über der Terrasse sehen. Im Traum macht alles Sinn.
Irgendwann haben wir einmal einen Nachmittag gemeinsam verbracht. Damals warst du die Geliebte eines anderen, meiner Freunde. Ich weiß gar nicht mehr, warum wir den Nachmittag gemeinsam verbrachten. Ich denke mal, wir warteten auf meinen Freund. Der, mit dem du zu der Zeit gerade liiert warst. Ich dachte nicht an Liebe an diesem Nachmittag. Nicht im Entferntesten.
Wir haben uns gut verstanden. Klar wir haben ein bisschen geschäkert. Und einmal habe ich mich bei der Vorstellung erwischt, wie es wohl wäre, wenn du meine Freundin wärst. Kurz nur. Dann war alles wieder normal.
Wir haben herumgealbert und Cola getrunken. Damals wohnten wir schon in der Stadt. Nicht mehr in unserem Heimatort. Und wir saßen auch nicht auf der Caféterasse, von der ich träume. Jetzt gerade.
An diesem Abend damals, nachdem wir den Nachmittag miteinander verbracht haben, unschuldig, an diesem Abend habe ich auch von dir geträumt. Damals hat es angefangen. Das weiß ich ganz genau. Ich habe geträumt, du würdest mich küssen. Danach habe ich oft von dir geträumt. Bei Tag und bei Nacht. Fortwährend.
Heute träume ich, dass du tot bist. Ich sehe deinen Geist im Fenster hinter den schweren, weißen Vorhängen. Ich fühle mich elend. Schließlich habe ich dich geliebt. Seit dem Traum damals. Das ist alles nicht so leicht für mich.

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#2

RE: Abschied

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 20.08.2010 20:35
von Ame&Umi (gelöscht)
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Moin Rainek,

zwei schöne Geschichten hast du da. Die erste gefällt mir allerdings besser als die zweite, weil sich mir bei Letzterer der Schluss nicht ganz erschließt. Ist diese Frau nun wirklich tot? Ich kann nur vermuten, dass sie es ist, weil der Erzähler von vergangener Liebe spricht. Oder ist nur die Liebe zu dieser Frau in ihm gestorben? Da tappe ich etwas im Dunkeln.
Die Erste hat mich dafür vom Anfang bis zum Schluss vom Hocker gehauen. Nicht sehr lang, aber die Gefühle kommen wunderbar rüber. Besonders die Idee mit der Reklametafel fand ich sehr originell und gelungen.

Gerne gelesen,

LG Ame&Umi

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