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#1

Weltaneignung

in Philosophisches und Grübeleien 30.04.2014 17:40
von atti | 34 Beiträge | 34 Punkte

Weltaneignung

Ein flacher Tisch, umringt von schwarzen Sesseln
und dem roten Sofa, dessen Fesseln
vorne auf den grünen Teppich zielen.
Ein Schrank aus Eiche auf den Birkendielen.

Ein Mann mit weißen Haaren sitzt versunken
vor dem Glas, aus dem er just getrunken,
eine Frau verharrt in ihrer Geste
und ein Mädchen liest, ist mir die Nächste.

So geht es, wenn du einen Raum betrittst.
Mit der Sekunde wird ein jedes Ding
sogleich zum Deinen, erhält ein jedes Ding

sogleich von deinem Meinen seinen Sinn
und jeder Mensch genauso seinen Sinn,
in den du ihn mit deinem Denken drückst.

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#2

RE: Weltaneignung

in Philosophisches und Grübeleien 01.05.2014 12:20
von Elektra | 250 Beiträge | 250 Punkte

Lieber Atti,

so ganz überzeugt mich dein Sonett nicht. Du nennst es "Weltaneignung", schreibst aber von einem wahrscheinlich nicht sehr großen Raum. Der allerdings für eine Ameise durchaus eine Welt sein kann. Zumindest scheint mir der Titel etwas überhöht.

Im ersten Terzett kommst du zu der Einsicht, dass, wenn einer den Raum betritt, da immer dasselbe Mobiliar vorhanden sein und die Familie beisammensitzen muss - jedenfalls so absolut muss ich den Vers "So geht es, wenn du einen Traum betrittst" interpretieren.

Im zweiten Terzett schreibst du: "sogleich von deinem Meinen einen Sinn" - was meint denn der Dichter, außer dass er da einen Raum betritt mit Tisch, Sesseln, Sofa und grünem Teppich sowie einem Schrank aus Eiche "auf den Birkendielen", inmitten eine Familie aus Vater, Mutter, Kind platziert? Wo ist die Meinung?

Was du machen wolltest, leuchtet mir ja ein. Gelungen allerdings scheint mir der Text eher nicht. Da hast du dich, wie ich annehme, mehr auf die Form als auf den Inhalt konzentriert - der alte Fehler der Sonettschreiber. Ein wirklich gekonntes Sonettt zu schreiben, dazu braucht man schon einige Übung, es reicht nicht, einen Reim zu finden. Eine Erkenntnis, die schon Goethe nervte.

Liebe Grüße, Elektra


woerterwelt.jimdo.com
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#3

RE: Weltaneignung

in Philosophisches und Grübeleien 01.05.2014 13:23
von mcberry • Administrator | 2.888 Beiträge | 2738 Punkte

Hallo Atti,

den unaufhörlichen Abgleichvorgängen unserer kleinen grauen Zellen, erinnerungs- oder kombinationsorientiert,
du hast ihnen ein Gedicht gewidmet. Was immer unsere Sinne wahrnehmen, schon wird es zu einem Bestandteil
unserer interpretierten Welt. Deine Zeilen verweisen auf die endlosen Sinnsuche, feiern das subjektive Moment.

Lebewesen sind gezwungen Bezüge zu definieren, ob gefährlich, eßbar oder was auch immer. Und augenblicklich
schränken wir jeden Gegenstand der Betrachtung auf unsere Erkenntnismöglichkeiten ein. - Die eigentliche Idee
hinter dem Bilderverbot des Islam: Du sollst dir kein Bild machen!

Mir gefällt die Diskrepanz zwischen dem philosophischen Hintergrund des lyrischen Impulses und der scheinbaren
Banalität ihrer Umsetzung über eine als Methapher aufgefaßte Zimmereinrichtung. Unsere innere Welt richten wir
ein und halten sie für gegeben. Übersehenes, Ungedachtes existiert subjektiv nicht. Gerne gelesen. HG - mcberry

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#4

RE: Weltaneignung

in Philosophisches und Grübeleien 14.07.2014 18:03
von atti | 34 Beiträge | 34 Punkte

Hallo zusammen,

ich danke euch für eure Reaktionen auf mein Gedicht. Zuerst wollte ich ausführlich auf Elektra antworten, fand dann jedoch, dass mcberry eigentlich schon eine Antwort auf viele der Punkte liefert, die Elektra kritisiert. Mir bleibt dahingehend nur zu ergänzen, dass ja auch der Blick in einen Raum eine Form von Weltaneignung bedeutet und dass die Idee durchaus (im Hinblick auf aktuelle Diskurse hinsichtlich eines "Neuen Realismus") war, in den mehr oder minder sachlichen Quartetten vorzuführen, dass selbst dies ein Meinen bedeutet, dass du, Elektra, ja sogar um die Interpretation Vater-Mutter-Kind ergänzt. Ob mir mein Vorhaben gelungen ist, kann ich selbst nicht abschließend bejahen. Dass mir die Form über den Inhalt gegangen sei, könnte ich - wäre ich weniger distanziert - aber schon fast als Beleidigung auffassen. Dass es "[nicht] reicht [...], einen Reim zu finden", ist mir nämlich durchaus klar und ich hoffe, darüber auch hinaus zu sein ...

Viele verspätete Grüße

atti

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