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#1

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 04.12.2008 15:44
von Alcedo • Mitglied | 2.414 Beiträge | 2351 Punkte
Dezember hammer, Dezember ...

e-Gut
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#2

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 13.12.2008 18:08
von Alcedo • Mitglied | 2.414 Beiträge | 2351 Punkte
ich nominiere folgende Kritik von Gedichtbandage:

Zitat:

Gedichtbandage schrieb am 13.12.2008 17:15 Uhr in diesem Faden:t67089667f003-Forum.html
Hallo Schreiberling,

auch ich versuchte mich da irgendwie reinzulesen, denn so etwas mache ich meistens gerne, manchmal wird der Spass allerdings nach kurzer Zeit ein wenig fade, vor allem wenn da immer das Gleiche erzählt wird, nach jedem Komma der selbe Name erscheint, auch der Text etwas widersinnig sich selbst erzählt, wieder und wieder, es tut mir ein bisschen leid, aber abstoßend ist auch dieser "Klopper" von Text, der da in einem einzigen Block steht-

"Zuerst war es nur ein schnelleres Gehen, doch dann beschleunigte Franz seine Schritte, bis seine Füße nicht mehr gleichzeitig den Boden berührten, langsam lief Franz zu Beginn, langsam aber kontinuierlich, Franz überanstrengte sich nicht beim Laufen, bewegte sich aber doch deutlich schneller, als wäre er bloß gegangen, bewegte sich auch deutlich schneller, als wäre er so schnell gegangen, wie er üblicherweise gegangen war, denn schon bevor Franz zu laufen anfing, war Franz meistens sehr schnell gegangen, nur manchmal war Franz langsam gegangen, allerdings niemals gemächlich, gemütlich, ganz ohne Hast, im Grunde war Franz nur dann langsam gegangen, wenn er sein Tempo an jemand anders hat anpassen müssen, an Freunde, Schulkameraden oder an ältere Menschen aus der Verwandtschaft, ab und zu war Franz auch stehen geblieben, nach außen hin hat Franz dann stets ruhig und gesittet gewirkt, aber innerlich war Franz von einer ihn fast zur Raserei treibenden Unruhe gepeinigt gewesen, denn Franz hätte doch müssen, können und sollen, aber diese innere Unruhe hat kaum einmal jemand bemerkt, denn wenn Franz gestanden war, dann war Franz gestanden wie alle anderen auch, und hat einmal jemand Franz seine innere Unruhe doch angemerkt, dann war Franz meistens nur als aufgeweckter Junge bezeichnet worden, hungrig danach, etwas weiterzubringen, etwas zu leisten, „recht so“, haben ihm die Älteren dann gerne erklärt, „recht so“, und an jenem Tag war Franz besonders lange gestanden, an jenem Tag, an dem Franz am Abend zu laufen anfing, und an dem sich Franz gegen Mittag von seinem Freund Anton hat verabschieden müssen,..."

- lies das doch mal, so als ob nicht Du es lesen würdest, aus einer anderen Perspektive, da sind nur Wiederholungen drin, unnötige Längen, manchmal geht das ganz gut, so als Stilmittel der Unterstreichung, jedoch zu oft sollte das nicht passieren, dann sind da noch viel zu viele Adjektive, Kleinigkeiten, welche wirklich bedenklich dazu treiben, sich schlicht und ergreifend abzuwenden, weil der Text so in aufkommender Belanglosigkeit verschwimmt.
Es liest sich nicht gut, der geneigten Leserschaft sollte man vielleicht im Sinne von Worttempo kurze knackige Sätze präsentieren, falls Du das erreichen wolltest, mit der fehlenden Punktierung, ist das jedoch gänzlich schief gelaufen.
Nach meinem persönlichen Empfinden!

Leider habe ich nicht mehr die Lust weiterzulesen, aus eben diesen Punkten heraus, keine Ahnung ob der Text sich noch entwickelt, jedoch der Anfang war schon schwer genug... schade...

Bestens,
Gedichtbandage


e-Gut
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#3

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 23.12.2008 20:37
von Alcedo • Mitglied | 2.414 Beiträge | 2351 Punkte
Mayas Kritik in diesem Faden: t67005624f007-Forum.html


Zitat:

Maya schrieb am 22.12.2008 15:12 Uhr:
Hallo Gedichtbandage,

schade finde ich, dass du uns "5Minuten"-Gequirltes präsentierst. Erwartest du da in Zukunft etwa noch, dass sich die Leute eingehender mit deinen Werken befassen? Es ist schade um die Zeit der Kommentatoren, die oft mehr als 5 Minuten in eine Kritik investieren.

Zum Text (ich schrieb den Kommentar noch, bevor ich eben deine Erwiderung zu Joame las, sonst hätte ich mir die Mühe gespart):

Ihr seid das fleischgeborene Wort.
Heraus posaunt aus selbstgerechtem Geist!
Freigelassene Maulaffen bieten sich feil
mit blankem Messer, fernab von Suizid und Mord.


Inhaltlich finde ich die S1 etwas verwirrend. Wer ist mit „Ihr“ gemeint? Alle selbstgerechten Geister? Die selbstgerechten Geister gebären sich als Wort, das aus Fleisch geboren? Bezieht sich das auf das Fleisch/Knorpel der Stimmlippen im Kehlkopf? Die Maulaffen, sofern ich das jetzt deiner Intention zufolge verstehe, beziehen sich wieder auf die unbedachten, herausposaunten (würde ich zusammenschreiben) Worte. Die Metapher gefällt mir ausgezeichnet. Die unangemessenen Worte bieten sich dann feil, präsentieren sich mit blankem Messer. Ein zwiespältiges Bild, denn einerseits begeben sie sich auf den Präsentierteller, haben aber andererseits mit blankem Messer (scharfer Zunge) vorgesorgt. Dieser Zusatz am Ende der Z4 wirkt unbeholfen und ist auch inhaltlich nicht vonnöten. Das Ausrufezeichen finde ich zu übertrieben für die Aussage, zu aufgesetzt. Sowieso würde ich Z1 und 2 nur durch ein Komma abgrenzen.

Die Silbenzahl ändert sich mit jedem Vers: 9, 10, 12,13, was sehr viel Unruhe in den Text bringt und ihn in meinen Ohren nicht klingen lässt. Zumindest die sich reimenden Verse sollten m.A.n. silbentechnisch angeglichen werden. Dann klingt die Sache, trotz des bereits von Joame angesprochenen holpernden Metrums, gleich viel harmonischer. Geist/feil ist ein sehr unsauberer Reim, aber da auch im Folgenden eher lässig gereimt wird (Feldes/es, euch/scheut), könnte man das als Stilmittel durchgehen lassen. Ob es gefällt, ist eine andere Frage.

Ihr eggt den Boden des weiten Feldes,
nur nicht den, auf eurem eigenen Land,
brandrodet, und Steingewordenes, fällt es,
bar jedem Sinn für andersartigen Verstand.


Nimmt man es genau, passt der bestimmte Artikel „des“ (weiten Feldes) in Z1 nicht ganz zur Aussage der Z2, denn Z1 suggeriert mir, dass es weit und breit überhaupt nur ein Feld/Land gibt. Weite Felder fände ich jedenfalls zutreffender. Wird normalerweise nicht erst gebrandrodet und dann geeggt? Das Steingewordene bekomme ich jetzt nicht untergebracht, soll es aus den Bränden resultieren? Also die letzten zwei Verse sind so umständlich formuliert, dass ich sie gar nicht erst kapiere. „Bar jeden Sinnes“ müsste es heißen, wenn ich nicht irre. Also ganz frei interpretiert prangert diese Strophe wohl an, dass die selbstgerechten Geister aus S1 mit ihren unüberlegten Worten über die Felder der Zeitgenossen herfallen, ohne ihr Handeln zu reflektieren, auf sich selbst zu beziehen oder fremde Meinungen anzuerkennen. Formal ähnelt die Strophe der S1, nur dass auf einmal kreuz- und nicht umarmend gereimt wird. Inhaltlich erkenne ich keinen Anlass dafür. Auf mich wirkt das alles noch ziemlich unausgegoren, zumal auch die männlichen und weiblichen Kadenzen ohne erkennbares Schema wechseln.

So biegt und zwängt ihr eine kleine Welt zurecht für euch,
die diese, eure, Wahrheit aufrecht hält und Fremdes scheut,
und wünscht auch nicht, was so allein erschafft, eines anderen Kraft


Zwängt? Das kenne ich in dem Zusammenhang nicht, mir fehlt da eindeutig der Bezug (man zwängt sich in ein Korsett, durch die Tür o.ä.). „Für euch“ wirkt – um es mit GW’s Worten zu sagen – hinten angepappt. Mir gefällt nicht die Doppelung von „recht“ (zurecht/aufrecht). Dagegen gefallen mir die plötzlich eingestreuten Binnenreime (Welt/hält, erschafft/Kraft). Nur wirken sie, wie das gesamte Gedicht, eher nach dem Zufallsprinzip in den Text gefunden zu haben. Inhaltlich zielt diese S3 auf die nicht über ihren Tellerrand hinausschauenden Kleingeister ab, glaube ich. Sie erkennen ihre eigene Wahrheit an, blenden fremde Sichtweisen aus, die ihr schön zurechtgelegtes Weltbild erschüttern könnten.

der eure Enge zum wackeln bringt, sich selbst so sicher und bestimmt -
die geordneten, schön aufgereihten Bilder verdreht - dass seine Wahrheit
die einzige ist, zu seiner Zeit, jeder Zeit und ist, was es ist -

für dich und mich und euch, auch so, verbohrter eingesperrter Mist!


Auch die letzte Strophe überzeugt mich weder sprachlich noch inhaltlich. Zwischen den personalen Bezügen wird nun derart wild hin- und hergewechselt, dass ich kein Land mehr sehe. Wo sich in S1, sogar noch in Z1 der S4 ein lyrI eindeutig von dem „Euch“ abgrenzte, verbündet man sich in der letzten Zeile zu einer Gesamtmasse und ich schaue wie ein Schwein ins Uhrwerk, weil ich nichts begriffen habe. Zieht das lyrI den moralischen Zeigefinger auf den letzten Drücker zurück, indem es sich zur Masse gehörig outet? Sorry, aber ich sehe da wirklich kein Land.

Grüße, Maya


e-Gut
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#4

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 02.01.2009 09:21
von Alcedo • Mitglied | 2.414 Beiträge | 2351 Punkte
Vorschläge werden noch bis zum 9. Januar 2009, 10 Uhr, angenommen.

e-Gut
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#5

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 04.01.2009 01:13
von Gedichtbandage • Mitglied | 525 Beiträge | 525 Punkte
Auch von mir ein paar Vorschläge,
bei deren Lesen man sich ganz entspannt zurücklehnen kann,
zappelnde Finger einfach ausblendet und damit stillgelegt wird was da immer sonst fragt,
man sich den bereits dort befindlichen Senf einfach selbst ersparen kann, wegen der Trefflichkeit... -
natürlich der subjektiven...


[quote]Brotnic2um schrieb am 14.12.2008 14:43
t67092463f016-Forum.html

Hallo GW,

als Codeknacker tauge ich nicht sehr viel. Formal kann ich Dir nur das Feedback geben, dass es an einen umgedrehtes Sonett wegen der Strophenstruktur erinnert.

Edit: das sind ja Quintette und keine Quartette. Sorry

Umgedreht, auf den Rücken gedreht, verquer war für mich der beste Zugang.
Strophe eins vermenschlicht ein Haus und umgedreht. Aber bleiben wir mal beim Bild des Hauses. Das Haus liegt wie ein Mensch auf der Erde. Es ruht. Das Dach des Hauses ist das rote Fell und die weißen Beckenrinden das weiße Mauerwerk. Auf einen Menschen bezogen könnte ich auf einen, eine Rothaarige tippen.

Strophe zwei bliebt im Bild. Auch mich erinnern Wohnungen immer an Aquarien, Gerade nachts, wenn einzelne Fenster noch erleuchtet sind. In den Wohnungen des Hauses, spielt sich das Leben ab und es entsteht auch neues Leben (brütend).
Das Unterleben – ein Schlüsselwort gewiss – fällt mir aber schwer unterzubringen. Überleben? Das allein ist nicht gemeint. Beim „Unter“ denke ich um im Bild des Hauses zu bleiben an Untermieter und wenn ich das Haus wieder „umdrehe“ und als Metapher für einen Menschen denke, komme ich auf eine schwangere Frau mit roten Haaren? Ob das angeht? Ich mache trotzdem weiter. Also Unterleben ist ein Mix aus Untermieter und Menschenleben.

Strophe drei und Strophe vier – die Quartette –machen mir am meisten zu schaffen. Jetzt verblassen oder erblassen die Säulen? Die Wirbelsäule, das Rückgrat bringe ich mit diesen Säulen in Verbindung. Aber warum sollten sie verblassen? Was passiert da? Wird das Haus geräumt? Auf jeden Fall wird die liegende Position aus S1 aufgegeben bis wir uns anders halten . Da haben wir auf einmal ein wir. Wer ist das? Die Menschheit? Die Eltern? Da komme ich – wie du merkst – in böse Schwulitäten. Die neue Haltung die übersetzte ich mir aber nicht mit dem aufrechten Gang, nein, eher mit dem animalischeren auf allen Vieren. Aber nur weil im Fortgang des Gedichtes, die Szenerie des Hauses, der Stadt verlassen wird und wir auf einmal im Wald sind. Wobei ich die Zeile mit den Scheiben – über den Scheiben ausgelassen habe. Bei den Scheiben bin ich ratlos. Bandscheiben? DIe Fensterscheiben des Hause? Über den Scheiben? Das Haus wird verlassen und alles ist neu und frisch, so frisch, dass es noch in feuchten Tüchern ist.

In der letzten Strophe scheidet nicht nur das LyrI aus, auch ich sehe den Wald nicht mehr. Zwar glaube ich auch durch die auf den Kopf gestellte Form, dass hier eine Evolution rückwärts verläuft, aber das ist wahrscheinlich bei weitem nicht genug. Hier steht alles auf dem Kopf und so scheidet das LyrI aus und der Tag beginnt. Warum aber per Abzählreim? Wehenrhythmus, etwa? Etwas neues ist Entstanden, das alte fliegt raus? Ich lass Dich jetzt mit diesem Wust meiner Gedanke alleine, denn ich weiß es nicht zu ordnen. Aber vielleicht ist das der Trick hier, das etwas entsteht und alles über den Haufen wirft.

Hoffentlich kannst Du damit was anfangen. Mich hat die Kniffligkeit erst abgeschreckt und so langsam daran Spaß gefunden Wege in den Text zu finden.

Gruß Eckhard

Edit: Die Wege zum Text werden dunkler und düsterer je öfter ich es lese.
[/quote]


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Du versuchst deine Leser zum Denken zu zwingen.<< - E. E. Cummings zu Ezra Pound
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#6

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 04.01.2009 01:13
von Gedichtbandage • Mitglied | 525 Beiträge | 525 Punkte


Zitat:

Priemel schrieb am 18.12.2008 13:22
t70604039f006-Forum.html

Formal keine Einwände und schöne Bilder, die sich jedoch nicht fügen, als wäre der Sinn dem Wortklang geopfert. Ich mag ein Pasticcio, wenn seine Elemente sich vertragen, jedoch

- was und wo sind die Nebelbilder der Buße?
- der Sog der Freiheit?
- verbluten unter der Last?
- vom Sand zum "morschen Steg"?

Vielleicht sollte ich keine Visualisierung des Verlaufs versuchen und die mir isoliert scheinenden Bilder eben als solche gustieren?

Primel



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#7

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 04.01.2009 01:14
von Gedichtbandage • Mitglied | 525 Beiträge | 525 Punkte


Zitat:

GerateWohl schrieb am 15.12.2008 09:35
t67072267f004-Forum.html

Hallo perry,

das Meeresufer als Ausdruck von Sehnsucht und Fernweh. Das passt.
Das lyrische Ich ist also ein Drachen, dessen Schnur von einem Du, das nur einmal kurz explizit erwähnt wird in der ersten Strophe. Die schnur hängt relativ lose, das Ich schlingert im Wind. Da kommt die Möwe und erzählt von den jungfräulichen Herzmuscheln auf den Paradiesinseln. Das klingt für mich danach, dass die Möwe dem Ich von einer Paradiesinsel voller Jungfrauen erzählt, die nur darauf warten von dem Ich entjungfert zu werden, worauf das Ich sich von Mamas Nabelschnur losreißt um mit vorfreudig flatterndem Schwanz dorthin aufzubrechen. Ein bisschen Wehmut ist beim Abschied natürlich dabei, denn Mama weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr.

Ob der Westen nun einfach der Abend des Lebens oder wirklich der Westen sein soll, der hier von der Möwe vielleicht einem Osteuropäer als Wohlstandsparadies verheißen wird, weiß ich nicht. Ich tippe eher auf ersteres aufgrund der Rubrik des Gedichts.

Jedenfalls mag bei mir bei diesem Nabelschnur-Jungfrauen-Ding kein romantisches Gefühl aufkommen. Aber ich bin gewiss auch nicht die Ziuelgruppe für sowas.

Stilistisch würde ich tendenziell die Adjektive und auf jeden fall die Partizipien "schlingernd" und "kurvend" vermeiden. Das macht das ganze schnell aufgeblasen und affektiert bei diesen knappen einfachen Sätzen.

Diese Terzinenform gefällt mir in der Regel ganz gut. Das ist aber eine knappe Form, der knappe prägnante Sätze besser stehen.

Soweit von mir.

Viele Grüße,
GerateWohl




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#8

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 04.01.2009 01:19
von Gedichtbandage • Mitglied | 525 Beiträge | 525 Punkte
Alcedo schrieb am 21.12.2008 11:57
t67062161f011-Forum.html


Zitat:

hallo K.

Winterbilder sind was schönes. und hier spielst du wieder gekonnt mit der Erwartungshaltung des Lesers. es handelt sich nicht um das übliche Panorama. du schaffst es Orangenbäume und Lilien einzubauen, als Geschenk, als Bereicherung, ohne dass der Winter flöten ginge. jedenfalls ging es mir so. weißt du, ich schätze mittlerweile deine Lyrik so sehr, da sie immer Überraschungsmomente bereithält. ein neues Gedicht von dir unter Natur will wie ein Ritual gefeiert werden: ich zögere den Text nach der Überschrift ein wenig hinaus um alles auszublenden was mich umgibt, um nur noch zu lesen. ich möchte anmerken, dass es mir in diesem Zustand schwer fällt kritisch zu bleiben. ich möchte es gar nicht. dafür habe ich nachher noch Zeit. zuerst möchte ich konsumieren: Buchstaben, Stimmungen, Text. wie meistens bei deiner Lyrik, präsentiert sich mir der Textkörper in einem Block, als untrennbares Gefüge, aber nicht sehr lang. das steigert die Vorfreude. v-f. kann man es Staben nennen? Staben aus dem eff, eff?

Ver-, fest, Frost, Fenster. festgefroren blickt mir die Alliteration der ersten Zeile entgegen und bildet kristalline Kanten an der Verglasung eines Wintergartens. ein überaus gelungener Einstieg will ich meinen, wird doch das altbekannte romantische Fenstermotiv, auf die moderne Rundumsicht eines heutigen Wintergartens übertragen. und blickt einem von draussen der personifizierte Frost entgegen, so schauen von drinnen verwelkte Lilien zurück. Lilien? Lilien im Winter? ich hatte sie sofort vor Augen: weiße und blaue und weiße. Hochzeiten, Iris und Tod. und mir wird augenblicklich klar, es sind nicht Blumen, schon gar nicht künstliche, will heißen Kunststoff. sie sind ja verwelkt. nein, hier blickt mir ein metaphorisches Augenpaar von drinnen nach draussen in den Frost. verwelkt und traurig lassen aufs Alter schliessen. für mich sitzt nun eine alte Frau im Wintergarten mit traurigem Ausblick auf einen eingefrorenen Bachlauf.

die Mitte des Textblockes stellt über vier Zeilen eine Retrospektive dar: das Laute, Lebendige noch vor Tagen, bis hin zum vielleicht weiter zurück liegenden Sonnenlenz, der sich in Brückenbäuchen spiegelte. an Stelle solcher Reminiszenzen befindet sich aber für mich nur die schockgefrostete Bachoberfläche des Winters.

doch was nun folgt ist ein äußerst gelungener Schwenk der Perspektive. mit beginn der letzten vier Zeilen ("Ein Blick noch") wird subtil ein lyrisches Ich eingewoben, welches eindeutig erst in der letzten Zeile erkennbar wird. aber es erscheint nicht hinter Glas und eingeschlossen, sondern als Wanderermotiv, um bei der Romantik zu bleiben, als jener Teil der Landschaft, der die Statik aufhebt, durch ein vitales Weitergehen, über den eigenen Weg. wichtig hier auch die Spuren der Katze, der Wildheit, die sich am Futterhaus bediente. und ein vielleicht gemeinsamer Blick, von drinnen wie von draussen auf den blutigen Schnee. und befand ich mich also, als Leser, fast bis zur letzten Zeile innerhalb des Wintergartens, zusammen mit den metaphorischen Lilien, befinde ich mich zuletzt nun doch draussen, optimistisch unterwegs.

die Assoziationen die sich mir ergeben sind vielfältig. Mutter und Tochter, Mutter und Sohn wären die am naheliegendsten. Jugend versus Alter, unabhängig familiärer Banden, wäre gleichfalls ein schönes Winterbild. aber auch festgefahrene Lebenssituationen lassen sich unterbringen. Starre versus Bewegung. stagnierende Depression versus raumgreifendem Optimismus. und nicht zuletzt alles innerhalb offen sichtlichen Jahreszeit, im schlichten weit auslegbaren Bild.
selber habe ich nun ja keinen Wintergarten. unsere Oleander, Geranien und Artischocken überwintern in der Garage, die nur vom täglich abkühlenden Motor meines Fahrzeugs gewärmt wird. dem Zitronenbaum ist es da zu kalt. er sticht mich jedes Jahr wenn ich ihn in den Keller schleppe. ich möchte nicht, dass es ihm wie dem Ficus ergeht, der vor vier Jahren bei einem Kälteeinbruch seine Blätter abwarf und verstarb. ich habe aber eine sehr altmodische Garage, mit zwei relativ großen Fenstern und mit teilweise verglasten Flügeltüren. so war dann meine Garage, mein Wintergarten beim Lesen. und da kein Bach daneben langläuft, schaute ich aus meinen Fenstern auf die frostigen Himbeeren, deren abgefallenen Blätter, die eingeschlagenen Reben und auf die Schneereste auf den umgegrabenen Schollen. sind das nicht auch gefrorene Wellen? wird mir auch ein Enkel von draußen zuschauen, wenn ich seine alte Karre repariere? Teufel - nein!, der soll gefälligst selbst Hand anlegen... . was ich sagen möchte: er funktioniert, dein Text. ...



Diese Kritik passt hier leider nicht ganz rein, also bitte den Rest im Faden lesen!

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#9

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 04.01.2009 01:34
von Gedichtbandage • Mitglied | 525 Beiträge | 525 Punkte
Katerchen schrieb am 28.12.2008 11:52
t68345382f003-Forum.html


Zitat:

Hallo Alcedo,

auch ich habe Deine kleine Geschichte sehr gerne gelesen;
sie vermittelt mir eine Liebe, der die Flügel fehlen,
also eine einmalig gute Freundschaft, die bisweilen
nachfragt, wie es denn geht, und sogar die Antwort
abwarten kann.

Ich habe Dir nachfolgend einige kleine Anmerkungen zu
Deinem Text mitgebracht, die Du beherzigen magst oder
nicht, sie fielen mir beim ersten Lesen auf, was allerdings
mein Lesevergnügen nur geringfügig störte.

- die Mehrfachverwendung Distanz / Entfernung
Distanz ist übrigens ein unschönes Fremdwort in der ansonsten
"rauchig" liebevollen Erzählstimmung.

- Möglicherweise hatte ich mich getäuscht aus der Entfernung.
Möglicherweise täuschte mich die Entfernung.

- den jemand mal aufgerichtet hatte braucht es nicht

- mit zwei gezielten Sprüngen braucht es nicht

- welches soeben herunterfiel braucht es nicht

- Das andere war wohl schon länger da unten gelegen.
Das andere lag wohl schon länger ...

- So brüsk er mich ....
Dieser Satz ist eine kleine Zumutung, wenn ich das
so schreiben darf. So unvermittelt er mich eingenommen
hatte, veränderte sich auch der Ausdruck in seinen Augen;
sie begannen sich zu schließen.

- Intimsphäre will so gar nicht in die vorbeschriebene Erzählstimmung passen.

- Schäfer mit seiner Herde regelmässig beweidete
dessen Herde regelmäßig beweidete o. statt beweidete - besuchte

- Das Junge schien sich nicht wohl zu fühlen im Gras.
Das Junge, so schien es, fühlte sich im Gras nicht wohl.

usw. usw.

Du siehst, es sind nur Kleinigkeiten, die (mir) bislang aufgefallen sind.
Ansonsten, wie bereits geschrieben, eine wunderschöne Geschichte.


Liebe Grüße
Katerchen

.


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#10

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 09.01.2009 14:56
von Alcedo • Mitglied | 2.414 Beiträge | 2351 Punkte
alle nominierten Kritiken für Dezember 2008:


K1 /
Zitat:

Gedichtbandage schrieb am 13.12.2008 17:15 Uhr in diesem Faden: t67089667f003-Forum.html

Hallo Schreiberling,

auch ich versuchte mich da irgendwie reinzulesen, denn so etwas mache ich meistens gerne, manchmal wird der Spass allerdings nach kurzer Zeit ein wenig fade, vor allem wenn da immer das Gleiche erzählt wird, nach jedem Komma der selbe Name erscheint, auch der Text etwas widersinnig sich selbst erzählt, wieder und wieder, es tut mir ein bisschen leid, aber abstoßend ist auch dieser "Klopper" von Text, der da in einem einzigen Block steht-

"Zuerst war es nur ein schnelleres Gehen, doch dann beschleunigte Franz seine Schritte, bis seine Füße nicht mehr gleichzeitig den Boden berührten, langsam lief Franz zu Beginn, langsam aber kontinuierlich, Franz überanstrengte sich nicht beim Laufen, bewegte sich aber doch deutlich schneller, als wäre er bloß gegangen, bewegte sich auch deutlich schneller, als wäre er so schnell gegangen, wie er üblicherweise gegangen war, denn schon bevor Franz zu laufen anfing, war Franz meistens sehr schnell gegangen, nur manchmal war Franz langsam gegangen, allerdings niemals gemächlich, gemütlich, ganz ohne Hast, im Grunde war Franz nur dann langsam gegangen, wenn er sein Tempo an jemand anders hat anpassen müssen, an Freunde, Schulkameraden oder an ältere Menschen aus der Verwandtschaft, ab und zu war Franz auch stehen geblieben, nach außen hin hat Franz dann stets ruhig und gesittet gewirkt, aber innerlich war Franz von einer ihn fast zur Raserei treibenden Unruhe gepeinigt gewesen, denn Franz hätte doch müssen, können und sollen, aber diese innere Unruhe hat kaum einmal jemand bemerkt, denn wenn Franz gestanden war, dann war Franz gestanden wie alle anderen auch, und hat einmal jemand Franz seine innere Unruhe doch angemerkt, dann war Franz meistens nur als aufgeweckter Junge bezeichnet worden, hungrig danach, etwas weiterzubringen, etwas zu leisten, „recht so“, haben ihm die Älteren dann gerne erklärt, „recht so“, und an jenem Tag war Franz besonders lange gestanden, an jenem Tag, an dem Franz am Abend zu laufen anfing, und an dem sich Franz gegen Mittag von seinem Freund Anton hat verabschieden müssen,..."

- lies das doch mal, so als ob nicht Du es lesen würdest, aus einer anderen Perspektive, da sind nur Wiederholungen drin, unnötige Längen, manchmal geht das ganz gut, so als Stilmittel der Unterstreichung, jedoch zu oft sollte das nicht passieren, dann sind da noch viel zu viele Adjektive, Kleinigkeiten, welche wirklich bedenklich dazu treiben, sich schlicht und ergreifend abzuwenden, weil der Text so in aufkommender Belanglosigkeit verschwimmt.
Es liest sich nicht gut, der geneigten Leserschaft sollte man vielleicht im Sinne von Worttempo kurze knackige Sätze präsentieren, falls Du das erreichen wolltest, mit der fehlenden Punktierung, ist das jedoch gänzlich schief gelaufen.
Nach meinem persönlichen Empfinden!

Leider habe ich nicht mehr die Lust weiterzulesen, aus eben diesen Punkten heraus, keine Ahnung ob der Text sich noch entwickelt, jedoch der Anfang war schon schwer genug... schade...

Bestens,
Gedichtbandage



K2 /
Zitat:

Maya schrieb am 22.12.2008 15:12 Uhr in diesem Faden: t67005624f007-Forum.html

Hallo Gedichtbandage,

schade finde ich, dass du uns "5Minuten"-Gequirltes präsentierst. Erwartest du da in Zukunft etwa noch, dass sich die Leute eingehender mit deinen Werken befassen? Es ist schade um die Zeit der Kommentatoren, die oft mehr als 5 Minuten in eine Kritik investieren.

Zum Text (ich schrieb den Kommentar noch, bevor ich eben deine Erwiderung zu Joame las, sonst hätte ich mir die Mühe gespart):

Ihr seid das fleischgeborene Wort.
Heraus posaunt aus selbstgerechtem Geist!
Freigelassene Maulaffen bieten sich feil
mit blankem Messer, fernab von Suizid und Mord.


Inhaltlich finde ich die S1 etwas verwirrend. Wer ist mit „Ihr“ gemeint? Alle selbstgerechten Geister? Die selbstgerechten Geister gebären sich als Wort, das aus Fleisch geboren? Bezieht sich das auf das Fleisch/Knorpel der Stimmlippen im Kehlkopf? Die Maulaffen, sofern ich das jetzt deiner Intention zufolge verstehe, beziehen sich wieder auf die unbedachten, herausposaunten (würde ich zusammenschreiben) Worte. Die Metapher gefällt mir ausgezeichnet. Die unangemessenen Worte bieten sich dann feil, präsentieren sich mit blankem Messer. Ein zwiespältiges Bild, denn einerseits begeben sie sich auf den Präsentierteller, haben aber andererseits mit blankem Messer (scharfer Zunge) vorgesorgt. Dieser Zusatz am Ende der Z4 wirkt unbeholfen und ist auch inhaltlich nicht vonnöten. Das Ausrufezeichen finde ich zu übertrieben für die Aussage, zu aufgesetzt. Sowieso würde ich Z1 und 2 nur durch ein Komma abgrenzen.

Die Silbenzahl ändert sich mit jedem Vers: 9, 10, 12,13, was sehr viel Unruhe in den Text bringt und ihn in meinen Ohren nicht klingen lässt. Zumindest die sich reimenden Verse sollten m.A.n. silbentechnisch angeglichen werden. Dann klingt die Sache, trotz des bereits von Joame angesprochenen holpernden Metrums, gleich viel harmonischer. Geist/feil ist ein sehr unsauberer Reim, aber da auch im Folgenden eher lässig gereimt wird (Feldes/es, euch/scheut), könnte man das als Stilmittel durchgehen lassen. Ob es gefällt, ist eine andere Frage.

Ihr eggt den Boden des weiten Feldes,
nur nicht den, auf eurem eigenen Land,
brandrodet, und Steingewordenes, fällt es,
bar jedem Sinn für andersartigen Verstand.


Nimmt man es genau, passt der bestimmte Artikel „des“ (weiten Feldes) in Z1 nicht ganz zur Aussage der Z2, denn Z1 suggeriert mir, dass es weit und breit überhaupt nur ein Feld/Land gibt. Weite Felder fände ich jedenfalls zutreffender. Wird normalerweise nicht erst gebrandrodet und dann geeggt? Das Steingewordene bekomme ich jetzt nicht untergebracht, soll es aus den Bränden resultieren? Also die letzten zwei Verse sind so umständlich formuliert, dass ich sie gar nicht erst kapiere. „Bar jeden Sinnes“ müsste es heißen, wenn ich nicht irre. Also ganz frei interpretiert prangert diese Strophe wohl an, dass die selbstgerechten Geister aus S1 mit ihren unüberlegten Worten über die Felder der Zeitgenossen herfallen, ohne ihr Handeln zu reflektieren, auf sich selbst zu beziehen oder fremde Meinungen anzuerkennen. Formal ähnelt die Strophe der S1, nur dass auf einmal kreuz- und nicht umarmend gereimt wird. Inhaltlich erkenne ich keinen Anlass dafür. Auf mich wirkt das alles noch ziemlich unausgegoren, zumal auch die männlichen und weiblichen Kadenzen ohne erkennbares Schema wechseln.

So biegt und zwängt ihr eine kleine Welt zurecht für euch,
die diese, eure, Wahrheit aufrecht hält und Fremdes scheut,
und wünscht auch nicht, was so allein erschafft, eines anderen Kraft


Zwängt? Das kenne ich in dem Zusammenhang nicht, mir fehlt da eindeutig der Bezug (man zwängt sich in ein Korsett, durch die Tür o.ä.). „Für euch“ wirkt – um es mit GW’s Worten zu sagen – hinten angepappt. Mir gefällt nicht die Doppelung von „recht“ (zurecht/aufrecht). Dagegen gefallen mir die plötzlich eingestreuten Binnenreime (Welt/hält, erschafft/Kraft). Nur wirken sie, wie das gesamte Gedicht, eher nach dem Zufallsprinzip in den Text gefunden zu haben. Inhaltlich zielt diese S3 auf die nicht über ihren Tellerrand hinausschauenden Kleingeister ab, glaube ich. Sie erkennen ihre eigene Wahrheit an, blenden fremde Sichtweisen aus, die ihr schön zurechtgelegtes Weltbild erschüttern könnten.

der eure Enge zum wackeln bringt, sich selbst so sicher und bestimmt -
die geordneten, schön aufgereihten Bilder verdreht - dass seine Wahrheit
die einzige ist, zu seiner Zeit, jeder Zeit und ist, was es ist -

für dich und mich und euch, auch so, verbohrter eingesperrter Mist!


Auch die letzte Strophe überzeugt mich weder sprachlich noch inhaltlich. Zwischen den personalen Bezügen wird nun derart wild hin- und hergewechselt, dass ich kein Land mehr sehe. Wo sich in S1, sogar noch in Z1 der S4 ein lyrI eindeutig von dem „Euch“ abgrenzte, verbündet man sich in der letzten Zeile zu einer Gesamtmasse und ich schaue wie ein Schwein ins Uhrwerk, weil ich nichts begriffen habe. Zieht das lyrI den moralischen Zeigefinger auf den letzten Drücker zurück, indem es sich zur Masse gehörig outet? Sorry, aber ich sehe da wirklich kein Land.

Grüße, Maya



K3 /
Zitat:

Brotnic2um schrieb am 14.12.2008 14:43 in diesem Faden: t67092463f016-Forum.html

Hallo GW,

als Codeknacker tauge ich nicht sehr viel. Formal kann ich Dir nur das Feedback geben, dass es an einen umgedrehtes Sonett wegen der Strophenstruktur erinnert.

Edit: das sind ja Quintette und keine Quartette. Sorry

Umgedreht, auf den Rücken gedreht, verquer war für mich der beste Zugang.

Strophe eins vermenschlicht ein Haus und umgedreht. Aber bleiben wir mal beim Bild des Hauses. Das Haus liegt wie ein Mensch auf der Erde. Es ruht. Das Dach des Hauses ist das rote Fell und die weißen Beckenrinden das weiße Mauerwerk. Auf einen Menschen bezogen könnte ich auf einen, eine Rothaarige tippen.

Strophe zwei bliebt im Bild. Auch mich erinnern Wohnungen immer an Aquarien, Gerade nachts, wenn einzelne Fenster noch erleuchtet sind. In den Wohnungen des Hauses, spielt sich das Leben ab und es entsteht auch neues Leben (brütend).
Das Unterleben – ein Schlüsselwort gewiss – fällt mir aber schwer unterzubringen. Überleben? Das allein ist nicht gemeint. Beim „Unter“ denke ich um im Bild des Hauses zu bleiben an Untermieter und wenn ich das Haus wieder „umdrehe“ und als Metapher für einen Menschen denke, komme ich auf eine schwangere Frau mit roten Haaren? Ob das angeht? Ich mache trotzdem weiter. Also Unterleben ist ein Mix aus Untermieter und Menschenleben.

Strophe drei und Strophe vier – die Quartette –machen mir am meisten zu schaffen. Jetzt verblassen oder erblassen die Säulen? Die Wirbelsäule, das Rückgrat bringe ich mit diesen Säulen in Verbindung. Aber warum sollten sie verblassen? Was passiert da? Wird das Haus geräumt? Auf jeden Fall wird die liegende Position aus S1 aufgegeben bis wir uns anders halten . Da haben wir auf einmal ein wir. Wer ist das? Die Menschheit? Die Eltern? Da komme ich – wie du merkst – in böse Schwulitäten. Die neue Haltung die übersetzte ich mir aber nicht mit dem aufrechten Gang, nein, eher mit dem animalischeren auf allen Vieren. Aber nur weil im Fortgang des Gedichtes, die Szenerie des Hauses, der Stadt verlassen wird und wir auf einmal im Wald sind. Wobei ich die Zeile mit den Scheiben – über den Scheiben ausgelassen habe. Bei den Scheiben bin ich ratlos. Bandscheiben? DIe Fensterscheiben des Hause? Über den Scheiben? Das Haus wird verlassen und alles ist neu und frisch, so frisch, dass es noch in feuchten Tüchern ist.

In der letzten Strophe scheidet nicht nur das LyrI aus, auch ich sehe den Wald nicht mehr. Zwar glaube ich auch durch die auf den Kopf gestellte Form, dass hier eine Evolution rückwärts verläuft, aber das ist wahrscheinlich bei weitem nicht genug. Hier steht alles auf dem Kopf und so scheidet das LyrI aus und der Tag beginnt. Warum aber per Abzählreim? Wehenrhythmus, etwa? Etwas neues ist Entstanden, das alte fliegt raus? Ich lass Dich jetzt mit diesem Wust meiner Gedanke alleine, denn ich weiß es nicht zu ordnen. Aber vielleicht ist das der Trick hier, das etwas entsteht und alles über den Haufen wirft.

Hoffentlich kannst Du damit was anfangen. Mich hat die Kniffligkeit erst abgeschreckt und so langsam daran Spaß gefunden Wege in den Text zu finden.

Gruß Eckhard

Edit: Die Wege zum Text werden dunkler und düsterer je öfter ich es lese.



K4 /
Zitat:

Primel schrieb am 18.12.2008 13:22 in diesem Faden: t70604039f006-Forum.html

Formal keine Einwände und schöne Bilder, die sich jedoch nicht fügen, als wäre der Sinn dem Wortklang geopfert. Ich mag ein Pasticcio, wenn seine Elemente sich vertragen, jedoch

- was und wo sind die Nebelbilder der Buße?
- der Sog der Freiheit?
- verbluten unter der Last?
- vom Sand zum "morschen Steg"?

Vielleicht sollte ich keine Visualisierung des Verlaufs versuchen und die mir isoliert scheinenden Bilder eben als solche gustieren?

Primel



K5 /
Zitat:

GerateWohl schrieb am 15.12.2008 09:35 in diesem Faden: t67072267f004-Forum.html

Hallo perry,

das Meeresufer als Ausdruck von Sehnsucht und Fernweh. Das passt.
Das lyrische Ich ist also ein Drachen, dessen Schnur von einem Du, das nur einmal kurz explizit erwähnt wird in der ersten Strophe. Die schnur hängt relativ lose, das Ich schlingert im Wind. Da kommt die Möwe und erzählt von den jungfräulichen Herzmuscheln auf den Paradiesinseln. Das klingt für mich danach, dass die Möwe dem Ich von einer Paradiesinsel voller Jungfrauen erzählt, die nur darauf warten von dem Ich entjungfert zu werden, worauf das Ich sich von Mamas Nabelschnur losreißt um mit vorfreudig flatterndem Schwanz dorthin aufzubrechen. Ein bisschen Wehmut ist beim Abschied natürlich dabei, denn Mama weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr.

Ob der Westen nun einfach der Abend des Lebens oder wirklich der Westen sein soll, der hier von der Möwe vielleicht einem Osteuropäer als Wohlstandsparadies verheißen wird, weiß ich nicht. Ich tippe eher auf ersteres aufgrund der Rubrik des Gedichts.

Jedenfalls mag bei mir bei diesem Nabelschnur-Jungfrauen-Ding kein romantisches Gefühl aufkommen. Aber ich bin gewiss auch nicht die Ziuelgruppe für sowas.

Stilistisch würde ich tendenziell die Adjektive und auf jeden fall die Partizipien "schlingernd" und "kurvend" vermeiden. Das macht das ganze schnell aufgeblasen und affektiert bei diesen knappen einfachen Sätzen.

Diese Terzinenform gefällt mir in der Regel ganz gut. Das ist aber eine knappe Form, der knappe prägnante Sätze besser stehen.

Soweit von mir.

Viele Grüße,
GerateWohl



K6 /
Zitat:

Alcedo schrieb am 21.12.2008 11:57 in diesem Faden: t67062161f011-Forum.html

hallo K.

Winterbilder sind was schönes. und hier spielst du wieder gekonnt mit der Erwartungshaltung des Lesers. es handelt sich nicht um das übliche Panorama. du schaffst es Orangenbäume und Lilien einzubauen, als Geschenk, als Bereicherung, ohne dass der Winter flöten ginge. jedenfalls ging es mir so. weißt du, ich schätze mittlerweile deine Lyrik so sehr, da sie immer Überraschungsmomente bereithält. ein neues Gedicht von dir unter Natur will wie ein Ritual gefeiert werden: ich zögere den Text nach der Überschrift ein wenig hinaus um alles auszublenden was mich umgibt, um nur noch zu lesen. ich möchte anmerken, dass es mir in diesem Zustand schwer fällt kritisch zu bleiben. ich möchte es gar nicht. dafür habe ich nachher noch Zeit. zuerst möchte ich konsumieren: Buchstaben, Stimmungen, Text. wie meistens bei deiner Lyrik, präsentiert sich mir der Textkörper in einem Block, als untrennbares Gefüge, aber nicht sehr lang. das steigert die Vorfreude. v-f. kann man es Staben nennen? Staben aus dem eff, eff?

Ver-, fest, Frost, Fenster. festgefroren blickt mir die Alliteration der ersten Zeile entgegen und bildet kristalline Kanten an der Verglasung eines Wintergartens. ein überaus gelungener Einstieg will ich meinen, wird doch das altbekannte romantische Fenstermotiv, auf die moderne Rundumsicht eines heutigen Wintergartens übertragen. und blickt einem von draussen der personifizierte Frost entgegen, so schauen von drinnen verwelkte Lilien zurück. Lilien? Lilien im Winter? ich hatte sie sofort vor Augen: weiße und blaue und weiße. Hochzeiten, Iris und Tod. und mir wird augenblicklich klar, es sind nicht Blumen, schon gar nicht künstliche, will heißen Kunststoff. sie sind ja verwelkt. nein, hier blickt mir ein metaphorisches Augenpaar von drinnen nach draussen in den Frost. verwelkt und traurig lassen aufs Alter schliessen. für mich sitzt nun eine alte Frau im Wintergarten mit traurigem Ausblick auf einen eingefrorenen Bachlauf.

die Mitte des Textblockes stellt über vier Zeilen eine Retrospektive dar: das Laute, Lebendige noch vor Tagen, bis hin zum vielleicht weiter zurück liegenden Sonnenlenz, der sich in Brückenbäuchen spiegelte. an Stelle solcher Reminiszenzen befindet sich aber für mich nur die schockgefrostete Bachoberfläche des Winters.

doch was nun folgt ist ein äußerst gelungener Schwenk der Perspektive. mit beginn der letzten vier Zeilen ("Ein Blick noch") wird subtil ein lyrisches Ich eingewoben, welches eindeutig erst in der letzten Zeile erkennbar wird. aber es erscheint nicht hinter Glas und eingeschlossen, sondern als Wanderermotiv, um bei der Romantik zu bleiben, als jener Teil der Landschaft, der die Statik aufhebt, durch ein vitales Weitergehen, über den eigenen Weg. wichtig hier auch die Spuren der Katze, der Wildheit, die sich am Futterhaus bediente. und ein vielleicht gemeinsamer Blick, von drinnen wie von draussen auf den blutigen Schnee. und befand ich mich also, als Leser, fast bis zur letzten Zeile innerhalb des Wintergartens, zusammen mit den metaphorischen Lilien, befinde ich mich zuletzt nun doch draussen, optimistisch unterwegs.

die Assoziationen die sich mir ergeben sind vielfältig. Mutter und Tochter, Mutter und Sohn wären die am naheliegendsten. Jugend versus Alter, unabhängig familiärer Banden, wäre gleichfalls ein schönes Winterbild. aber auch festgefahrene Lebenssituationen lassen sich unterbringen. Starre versus Bewegung. stagnierende Depression versus raumgreifendem Optimismus. und nicht zuletzt alles innerhalb offen sichtlichen Jahreszeit, im schlichten weit auslegbaren Bild.
selber habe ich nun ja keinen Wintergarten. unsere Oleander, Geranien und Artischocken überwintern in der Garage, die nur vom täglich abkühlenden Motor meines Fahrzeugs gewärmt wird. dem Zitronenbaum ist es da zu kalt. er sticht mich jedes Jahr wenn ich ihn in den Keller schleppe. ich möchte nicht, dass es ihm wie dem Ficus ergeht, der vor vier Jahren bei einem Kälteeinbruch seine Blätter abwarf und verstarb. ich habe aber eine sehr altmodische Garage, mit zwei relativ großen Fenstern und mit teilweise verglasten Flügeltüren. so war dann meine Garage, mein Wintergarten beim Lesen. und da kein Bach daneben langläuft, schaute ich aus meinen Fenstern auf die frostigen Himbeeren, deren abgefallenen Blätter, die eingeschlagenen Reben und auf die Schneereste auf den umgegrabenen Schollen. sind das nicht auch gefrorene Wellen? wird mir auch ein Enkel von draußen zuschauen, wenn ich seine alte Karre repariere? Teufel - nein!, der soll gefälligst selbst Hand anlegen... . was ich sagen möchte: er funktioniert, dein Text. ich vergass es kurz, dass ich mich in einem Onlineforum befinde, ich vergass den Sonntag, den Advent, mich, so wie ich gestern Abend die Heckklappe vergessen hatte zu schließen, sodass der Nachbar kurz vor Mitternacht ans Fenster klopfte, ob ich denn noch was zum ausladen hätte. der Weihnachtsbaum stand doch längst in der Garage! ich hatte die Klappe nach dem Ausladen sperrangelweit offen gelassen. und das Auto in der Einfahrt. das ist mir noch nie passiert. werde ich alt? meine Frau schüttelt den Kopf. und ich denke mir, das kann Lyrik - wenn sie gut ist.

weniger gut fand ich den Beginn der sechsten Zeile (ich gebs aber zu, es beim ersten lesen ausgeblendet zu haben). "unendlich traurig" ist trivial verbraucht genug um unschön aus dem Textkörper zu klaffen. darf ich einen Vorschlag machen?:
Verwelkte Lilien schauen aus Amphoren,
in Runzeln traurig auf des Baches Stelle,


auch "vom Wintergarten", in der dritten Zeile, hätte ich lieber als "des Wintergartens" gelesen.

ansonsten störte mir nichts die Rezeption.
achso, doch: das Datum unter dem Text. dies braucht es nicht. bei der Zeitlosigkeit stört es nur.

Gruß
Alcedo




K7 /
Zitat:

Katerchen schrieb am 28.12.2008 11:52 in diesem Faden: t68345382f003-Forum.html

.

Hallo Alcedo,

auch ich habe Deine kleine Geschichte sehr gerne gelesen;
sie vermittelt mir eine Liebe, der die Flügel fehlen,
also eine einmalig gute Freundschaft, die bisweilen
nachfragt, wie es denn geht, und sogar die Antwort
abwarten kann.

Ich habe Dir nachfolgend einige kleine Anmerkungen zu
Deinem Text mitgebracht, die Du beherzigen magst oder
nicht, sie fielen mir beim ersten Lesen auf, was allerdings
mein Lesevergnügen nur geringfügig störte.

- die Mehrfachverwendung Distanz / Entfernung
Distanz ist übrigens ein unschönes Fremdwort in der ansonsten
"rauchig" liebevollen Erzählstimmung.

- Möglicherweise hatte ich mich getäuscht aus der Entfernung.
Möglicherweise täuschte mich die Entfernung.

- den jemand mal aufgerichtet hatte braucht es nicht

- mit zwei gezielten Sprüngen braucht es nicht

- welches soeben herunterfiel braucht es nicht

- Das andere war wohl schon länger da unten gelegen.
Das andere lag wohl schon länger ...

- So brüsk er mich ....
Dieser Satz ist eine kleine Zumutung, wenn ich das
so schreiben darf. So unvermittelt er mich eingenommen
hatte, veränderte sich auch der Ausdruck in seinen Augen;
sie begannen sich zu schließen.


- Intimsphäre will so gar nicht in die vorbeschriebene Erzählstimmung passen.

- Schäfer mit seiner Herde regelmässig beweidete
dessen Herde regelmäßig beweidete o. statt beweidete - besuchte

- Das Junge schien sich nicht wohl zu fühlen im Gras.
Das Junge, so schien es, fühlte sich im Gras nicht wohl.

usw. usw.

Du siehst, es sind nur Kleinigkeiten, die (mir) bislang aufgefallen sind.
Ansonsten, wie bereits geschrieben, eine wunderschöne Geschichte.


Liebe Grüße
Katerchen

.





e-Gut
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#11

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 09.01.2009 15:13
von Alcedo • Mitglied | 2.414 Beiträge | 2351 Punkte
Die Abstimmung für die Kritik des Monats Dezember 2008



Ergebnis:

K1 / Gedichtbandage: 0

K2 / Maya: 1

K3 / Brotnic2um: 2

K4 / Primel: 0

K5 / GerateWohl: 0

K6 / Alcedo: 0

K7 / Katerchen: 0



Abstimmung lief bis: 16.01.2009 - 19 Uhr!

Gruß
Alcedo



e-Gut
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#12

Kritik des Monats Dezember 2008

in Kritik des Monats - eure Vorschläge 16.01.2009 19:03
von Alcedo • Mitglied | 2.414 Beiträge | 2351 Punkte
Abstimmung geschlossen.

jetzt verstehe ich endlich welche Bedeutung die Zwei in deinem Pseudonym hat. Brotnic2um - der Doppelabräumer - jeweils mit 2 Stimmen!
meine Gratulation auch hier!

Gruß
Alcedo

e-Gut
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