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#1

Erntedank

in Natur 07.10.2008 10:47
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Erntedank


Noch wölben Bäuche satt ins Land,
neigen volle Häupter sich einander zu,
meiden heftige Bewegung.

Man tuschelt und verschwört,
was der Kassandra zu entgegnen,
wie jenem Herbststurm zu begegnen sei,
der sich versammelt.

Schon färbt so mancher Kamerad sein Haar
und Andere sind ganz geknickt.
Noch sind sie isoliert, doch bald
bricht sich Gewalt vom Horizont
und zeigt die großen Köpfe nackt und bloß.

Wer nicht gefallen,
ist gleichwohl geworfen,
zurück auf Mutters Schoß.



Lektorat: Simone
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#2

Erntedank

in Natur 07.10.2008 13:04
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Mattes

erstmal der sprachliche Teil:
"was der Kassandra zu entgegnen"
klingt in meinen Ohren nicht besonders, hört sich einfach nach schlechtem Deutsch an.
dann der entgegnen – begegnen Reim. gefällt mir nicht bzw. haut mich die Stelle aus dem Lesefluß. nicht, dass es holpern würde, mich stört einfach rein subjektiv der Paarreim, weiß ich auch nicht genau warum.
die Zeilenschaltung in S3+4 würde ich anstatt dem Reim dem Inhalt anpassen:

Schon färbt so mancher Kamerad sein Haar
und Andere sind ganz geknickt.
Noch sind sie isoliert, doch bald
bricht sich Gewalt vom Horizont
und zeigt die großen Köpfe nackt und bloß.

Wer nicht gefallen,
ist gleichwohl geworfen,
zurück auf Mutters Schoß.


inhaltlich finde ich es super. erstmal der offensichtliche Herbst, wirklich ungewöhnlich, wie ich finde, verdichtet, mit einer weit auslegbaren Metaphorik. ich lese da eine ganz dicke Portion Gesellschaftskritik raus. die satten und trägen Wegschauer, die die offensichtlichen Anzeichen ignorieren, von braunem Gedankengut und bevorstehender Gewalteskalation.

gefällt mir insgesamt wirklich gut.
Gruß
Simone


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#3

Erntedank

in Natur 07.10.2008 13:51
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Hi,
für mich sind das freie Verse, das Gedicht bringt eine gewisse Frische mit und wirkt spontan - gelegentliche Reime, keine stringente Form. Für mich könnte diese mangelnde Stringenz schon ein gewisses inneres Chaos bedeuten, welchem der Herbststurm folgen wird.

Isoliert betrachtet gefallen mir S2 V2/V3, liest man es laut wird die Steigerung fühlbar. Wo es doch gerade eine Tümpel-Lesung gab, würde ich hier für eine kraftvolle, intensive Lesung plädieren, so, wie du auch deine heftige Auswahl an Fleisch-Gedichten vorgetragen hast.

zum Inhalt:

Ich sehe hier die Finanzkrise. Ich kann mich nur nicht entscheiden ob hier die Politiker ihr Fett wegkriegen oder die Manager. Da ich Mutters Schoß als den Schoß des Staates sehe, eher die Manager.

S1: Ein leichter Wind geht. Die reichen, satt begrünten Bäume (Banken) meiden die Bewegung um nicht aufzufallen und weiden sich an Ihrer Fülle, genießen den Wohlstand.

S2: Keine zeitliche Lücke zu S1, schon in Ihrer Zeit der Fülle wussten die Bäume also, dass der Herbststurm kommen würde. Während sie noch Ihre Strategie beraten, überrascht sie der Sturm mit Macht, mit einem mal färben sich die Blätter, knicken die Äste.

Das Färben der Haare könnte man als Schönen der Bilanzen sehen, die Färbung in Richtung rot als Ruck nach links, wobei die Blätter am Ende braun sind und die Manager vorher sicher keine Grünen waren, blöder Gedanke.

Erst knicken die Bäume isoliert, doch Kassandra hatte Recht und plötzlich fallen einige Bäume (Banken) unter der Last des Sturms in den Schoß des Staates, der Rest wird geworfen, ob nun von der Politik, des Managern, oder ob hier gar eine Revolution der Verstaatlichung aller Banken bzw. strenger politischer Kontrolle prophezeit wird, bleibt offen.

Auch könnnte man es so sehen, dass zu Beginn der Krise einige Banken sich haben fallenlassen, um sich mit freundlicher Hilfe des Staates von zweitklassigen Krediten zu trennen. die anderen werden dann vom Domino-Effekt in den Schoß des Staates geworfen.

Die großen Köpfe sind auch wörtlich zu nehmen/ironisch zu sehen.

Ich denke in Hinblick auf die Blätter auch an das Geld. Der Herbst kommt mit Macht und die Scheine welken, die faulen Finanzderivate und Kredite sowie die Zertifikate die diese Kredite über fünf Ecken verstecken werden abgeschrieben und das Geld verpufft, der Baum verliert seinen Bausch aus Geld und steht am Ende so nackt und hässlich da wie er es unter seinem attraktiven Kleid aus Geld schon immer war.

EDIT: Da passt auch der Titel. Wir als Steuerzahler können jetzt wunderbar Erntedank feiern, bei dem verwüsteten Chaos, dass uns die Gier der Banker und am Ende unsere eigene Gier nach immer noch höheren Zinsen eingebrockt hat (Selbst während der Finanzkrise, während Brennpunkte zu dieser Krise in der ARD laufen, machen die Banken noch kurz vorher Werbung für Superdupersparzinsen aufs Tagesgeld über 5 %.)

Gleichzeitig können die Banker Erntedank feiern, da Ihnen der Staat für Lau Risiken abnimmt und sie strategisch so wichtig sind, dass sie ihn an den Eiern haben und mit diesen wie auch den Milliarden schaukeln können.

Bei dieser Interpretationsweise fehlt mir die Kritik am Schoß der Mutter. Außerdem passt auch die Metaphorik nicht ganz bzw. ist nicht raffiniert genug herausgearbeitet, aber das liegt auch wohl daran, dass ich nicht der Intention des Autors folge.

Wäre es ein Gedicht über Rechtsradikale könnte ich mit Mutters Schoß am Ende nichts anfangen, gleichwohl ist die Metaphorik des Weges vom vollen Haar zur Glatze reizvoll. Aber warum sollten die Braunen sie sich vorher färben? Und was wäre denn der Sturm? Da finde ich meine Interpretation in Richtung Finanzkrise passender.

Gruß.



E-LITEratum: reimt Laute - traut Meile - Mut elitaer - eitel Armut - Traum leite - Eile tut Arm - Reimtet lau - Laut Metier - Maul eitert - Team Urteil

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#4

Erntedank

in Natur 07.10.2008 14:59
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Hallo Simone,

vielen Dank für deine wertvolle Rückmeldung. Ich hatte die völlig zu recht kritisierte Stelle eine Zeit lang so im Gedicht:

...was der Kassandra zu entgegnen,
wie jenem Herbststurm zu begegnen sei,...

Warum ich nun meinte, dass es ohne besser sei, weiß ich nicht mehr. Der Reim wird dir dadurch nicht besser gefallen, aber das Deutsch ist repariert. Ich werde das also wieder ändern.

Was die Zeilenschaltung angeht, bin ich sofort bei dir, auch hier arbeitete ich formal, was in so freien Versen ohnehin blödsinnig war und ist. Danke für das klare Benennen.

Inhaltlich hatte ich die Glatzen keinen Moment im Kopf, den Herbst aber sehr wohl. Ich freue mich sehr, dass du es nicht nur für ungewöhnlich hältst, sondern sogar gut. Wenn auch die Glatzen nicht intendiert waren, so musste ich doch einen Spagat leisten zwischen dem Herbst und der zweiten Sinnebene. Das kann derb zu Lasten beider und dann mächtig in die Hose gehen. Das ist es hier offenbar nicht. Schwein gehabt. Aber durch die unscharfen Konturen, passen dann natürlich auch andere Schablonen darauf, was ja kein Nachteil sein muss.


Hallo Willi,

was soll ich mehr zum Gedicht sagen, was du nicht gesagt hättest? Kann ich nicht, ich hatte sogar weniger Gedanken dabei, weil mich zwar exakt umtrieb, was du beschreibst, ich dann aber mehr mit der Kompatibilität zu tun hatte, als mit totaler Stringenz in beiden Ebenen. Allerdings sind beide, der Baum im Winter und die Bank in der Baisse auf Mutters Schoß angewiesen. Ich wollte damit gleichzeitig unterstreichen, dass der Zusammenbruch eines kapitalistischen Systems ebenso zwangsläufig und "natürlich" ist, wie der Kreislauf der Jahreszeiten.

Vielen Dank Euch beiden!

Gruß
Mattes


P.S.: Willi, sogar die Nachwirkung der Lesung hast du erkannt!
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#5

Erntedank

in Natur 07.10.2008 15:36
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Da stimme ich mit dir überein, leider wird dieser natürliche Zusammenbruch mit aller Gewalt und unter größten Anstrengungen verhindert, dafür wird er beim nächsten mal umso schlimmer, wenn die Regierungen so verschuldet sind, dass sie nicht mehr mit Geld, das sie nicht haben, einspringen können und alles zusammenbricht.

Der Kapitalismus will nur den Frühling kennen, den Aufschwung, widerwillig schon den Sommer, die Stagnation, und gegen den Herbst wehrt er sich mit Händen und Füßen, Gift und Geifer. Der Winter wird übergangen und auf ihn folgt wieder Frühling. Bis die Eiszeit kommt.



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#6

Erntedank

in Natur 07.10.2008 16:35
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte

ich finde immer, etwas besseres kann einem Text gar nicht passieren, als dass man ihn auf verschiedene Arten lesen kann und er trotzdem als Ganze stimmig rüberkommt. mich persönlich interessiert es zwar, was der Schreiber intendiert hat, allein um zu sehen, wie er das umsetzt, aber beim reinen Lesen ist mir das eigentlich piep egal, solange der Text mir was sagt und das tut er.


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#7

Erntedank

in Natur 18.10.2008 12:10
von Renee | 73 Beiträge | 73 Punkte
Lieber Pog Mo Thon,

du hast dieses Gedicht in der Rubik Natur gepostet, und ich lese es deshalb als reines Naturgedicht. Man kann nur das lesen, was dasteht, nicht das, was gemeint ist, und alles andere ist sowieso persönliche Interpretation.

Es geht um den Herbst, die Bäume verfärben sich, und bald werden sie kahl sein. Das ist die Aussage des Gedichts. Insofern finde ich den Titel "Erntedank" ein wenig weit hergeholt, denn hier wird ja nichts geerntet, es sei denn, du würdest dich auf Obstbäume beziehen, wofür ich hier aber keinen Anhaltspunkt finde. Weshalb du hier aber die Kassandra ins Spiel bringen musst, erschließt mir nicht. Das Bild wirkt befremdlich bildungsbürgerlich. Denn ansonsten hat das Gedicht keinesfalls etwas Mythologisches. Selbstverständlich kann man das Gedicht auch in übertragener Bedeutung lesen, das kann man mit jedem zweiten Gedicht von so allgemeiner Thematik wie "Erntedank". Ich kann, ohne mich groß anstrengen zu müssen, genausogut eine Fehlgeburt in das Gedicht hineininterpretieren, in jedem Fall etwas, was negativ ist, zumindest nicht angenehm.

Zur Sprache: Sie ist fast rational zu nennen, bis auf wenige Metaphern (Bäuche, Häupter, Mutters Schoß). Lyrische Besonderheiten konnte ich nicht feststellen. Nicht, dass sie mir nicht zusagte, was ich aber vermisse, das ist die Möglichkeit des gefühlsmäßigen Zugangs zum Gedicht. Aber gerade die Lyrik lebt davon, eben nicht von der Rationalität. Insofern kann ich nicht behaupten, dass mir das Gedicht wirklich zugänglich ist, es stimmt zwar soweit alles, eine Bestandsaufnahme, aber es gelingt mir nicht, mir eine märchenhaft ahorngelbe Allee vorzustellen, wie ich sie vor einigen Tagen in Brandenburg erlebte. Dein Herbst hat nichts Malerisches, er tritt, ohne zu übertreiben, ein wenig martialisch mit baldigen Stürmen auf (verstärkt durch die "Kameraden"). Bis auf die letzte Strophe, die das Vorherige wettmacht: der Schoß der Mutter Natur. Mein Eindruck ist, entschuldige, dass ich jetzt persönlich werde, dass du noch nie eine wirkliche Herbstlandschaft gesehen und sie dir emotional erschlossen hast.

Liebe Grüße, Renee
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#8

Erntedank

in Natur 18.10.2008 12:41
von Pog Mo Thon | 569 Beiträge | 569 Punkte
Lieber Renee,

ich gebe dir vollkommen recht. Das Gedicht ist in erste Linie ein Herbstgedicht und sollte bitte auch als solches verstanden werden. Ob es genossen wird, ist eine zweite Frage und die kann jeder nur für sich beantworten und wird mit dieser Antwort immer ins Schwarze treffen, das ist ja das Schöne daran.

Den Titel findest du hergeholt, ich nicht. Die Bäumchen können schließlich wirklich dankbar sein, denn wenn sie nicht aus dem Schoß (der Erde) der Mutter Natur gespiesen würden, sähen die meisten von denen auch nach dem Winter noch ziemlich alt aus. Ich weiß wirklich nicht, was daran weit hergeholt ist. Die Aussage des Gedichtes ist daher die Bedeutung des Wortes Erntedank und insofern ist es auf sehr viel übertragbar, keine Frage. Aber es müsste doch übertragen werden, denn ausschließlich alle Bilder in diesem Gedicht sind direkt der Natur entlehnt und du wirst es kaum glauben, aber es ist eine Art Erlebnisgedicht eines Spazierganges durch einen Herbstwald.

Und ich kann es nicht ändern, ich bin halt ein Bildungsbürger und sitze im Wald und habe da so meine Impressionen und Assoziationen. Du hast andere, Gott sei Dank, du denkst an märchenhafte ahorngelbe Alleen. Prima, schreib darüber, so wie jede zweite Wurst darüber schreibt, wenn sie an Herbst denkt. Ich selbst bin letztens durch Sachsen-Anhalt gefahren und musste glatt anhalten und eine solche Allee fotografieren, so ergriffen war ich davon. Die Schönheit des Anblickes bereitete mir geradezu körperlichen Schmerz, so tief habe ich das empfunden. Und so empfindet das eben auch wieder jede zweite Wurst. Und warum ist das so? Weil die verdammte Vergänglichkeit uns so irre ans Herz geht, weil das eben nur ein, zwei, drei Tage so wunderschön ist und ja auch nur DESHALB so wunderschön empfunden wird, du Ästhet!

Die Sprache ist also bis auf wenige Metaphern rational? Du zählst drei Metaphern (Bäuche, Häupter, Schoß). Dann gibt es noch zwei (Haar, Köpfe) und auch noch ein paar Allegorien (Bäume tuscheln und verschwören, der Sturm versammelt sich, Gewalt bricht vom Horizont). Mithin 5 Metaphern und drei Allegorien, nicht ganz schlecht für dreieinhalb Strophen. Aber abgesehen davon ist lyrisch da nicht viel los, schon klar. Alles furchtbar rational, kein gefühlsmäßiger Zugang möglich und insofern tote Lyrik. Tja, was soll ich dir sagen, die Eichhörnchen haben sich auch schon bei mir beschwert, dass ihnen das Malerische des Herbstes abgeht und als ich gestern durch eben diesen Wald fuhr, nahmen sich ein paar Rehe trotz der gerade stattfindenden Treibjagd die Zeit, mich auf den fehlenden gefühlsmäßigen Zugang hinzuweisen.

Weißt du, was mein Eindruck ist, lieber Renee? Ich habe den Eindruck, du bewegst dich ausschließlich in Kulturlandschaften. Nichts für ungut.

Gruß
Mattes


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