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#1

Tannengrab

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.01.2008 10:24
von corvinus (gelöscht)
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Tannengrab

‘Die Tage werden wieder länger!’, hat Mutti gesagt und Fresien gekauft. Die Süßbuntblumen, die mit ihrem Duft die Weihnachtsgeister aus den Zimmern vertreiben. Engel, Glocken, die Krippe und Strohstern schlafen schon wieder auf dem Dachboden. Die Tanne im Garten, wo sie auf Ostern wartet.

Frau Hoffmann und Frau Uhlenhaut haben auch Fresien gekauft. Und die anderen in der Siedlung ebenso. Und überall liegen sie hinten auf der Feuerstelle; vor der Pforte und harren der Osternacht oder der Müllabfuhr - die toten Weihnachtsbäume.

Ich sehe Schneeschmutz in ihren Zweigen, letztes Lamettahaar, traurig winken. Und gehe unsere Straße entlang, schaue zu, wie die Nachbarskinder sie durch den Rinnstein treiben. An einem kleinen Baum hängt eine zerbrochene Kugel, die mich anschaut wie ein beinahtot Vogelkind, aus Nest gefallen.

Ich nehme sie in die Hand, drücke ganz fest zu, bis, bis sie Blut in meine Faust malt. Und ich streichle sanft Rot über die noch gar nicht kahlen Zweige, beschließe Brüderschaft mit der Tanne, den anderen Toten. Und es fängt an zu schneien...

Zuerst ziehe ich unseren in meinen Verschlag aus Bretterholz. Und klettere über Zäune, winde mich durch Hecken, mache Besuche: Spannhuths, Rodermunds, Wittenborns. Und es schneit. Hoffmanns, Uhlenhauts. Und ich schminke mir Tod ins Gesicht.

Und es schneit. Weißröckchen tanzen im Laternenlicht. Und ich feiere Weihnachten. Ziehe mit dem Schlitten los, die Straßen entlang und zurück. Und entlang und zurück. Bis kein Zweig mehr hineinpasst, in mein Haus.

Und ich singe bei jedem Hammerschlag, bei jedem weiteren Brett, mit dem ich die Tür verschließe, die Tür von meinem Tannengrab. Und ich lasse mich in den Schnee fallen. Und ich lasse mich träumen. Es schneit.
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#2

Tannengrab

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.01.2008 10:54
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte
Hallo Corvinus,

das kenne ich doch das gute Stück. Stimmt es also doch, dass das Literatur Cafe dicht gemacht hat? Dieses Teil habe ich seinerzeit und auch jetzt wieder gerne gelesen, weil ich im Erzähler einen Massenmörder erkennen wollte, der eine Blutspur hinter sich herzieht und der Menschen wie Tannen abtransportiert, weil er den weihnachtlichen Massenmord an seinen grünen Brüdern nicht länger erträgt. Eine Lesart, die ich auch heute noch höchst vergnüglich finde. Mir gefällt es, auch wenn diese Interpretation vielleicht zu weit hergeholt ist.
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#3

Tannengrab

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.01.2008 11:05
von corvinus (gelöscht)
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Gratulation, Brot, zu Deinem Erinnerungsvermögen ;-). Ja, das LC hat wohl sein Forum geschlossen, so dass ich mir erlaubt habe, hier ein bisserl Schnee von gestern schneien zu lassen, da er ja zur aktuellen 'Baum-raus-Stimmung' passt.
Und auch mit Deiner Lesart liegst Du gar nicht ganz so weit daneben. Das 'Tannengrab' gehört wie der 'Elsternschnee' zu einer Reihe von kleinen Textlein, die ich in der Art von Tagebuchnotizen eines etwas eigentümlichen Jungen, Jünglings anlege (bzw. anzulegen versuche, die in ihrer Gesamtheit ursprünglich als 'Metatext' in einen Krimi integriert werden sollten. Da das 'Großprojekt' derweilen auf Eis liegt, bastele ich unabhängig davon weiter.
Dank fürs 'Gern-gelesen'!
Fresiengrüße
c.
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