#1

Ein Tag im September

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 27.12.2007 22:05
von Pseudonym (gelöscht)
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Ein Tag im September



"Warum?“ fragte der Junge mit brüchiger Stimme. Doch entweder hatte der Mann ihn nicht gehört, oder er ignorierte die Frage, denn er las unbeeindruckt weiter in seiner Tageszeitung. Der Junge nahm seine Gabel auf und wollte offenbar weiter essen. Dann hielt er inne, legte sein Besteck neben seinen Teller und blickte den Mann, oder besser gesagt die Zeitung des Mannes, an, und wiederholte seine Frage etwas lauter: „Warum?“ Es dauerte einige Sekunden, der Mann faltete die Zeitung zusammen, holte aus und schlug dem Jungen die flache Hand mit solcher Wucht ins Gesicht, dass dieser samt seines Stuhles zur Seite geschleudert wurde und er direkt neben meinen Füßen auf dem leicht verschmutzten Fliesenboden liegen blieb.

Ich wollte aufspringen, aber ein Blick auf die massigen Arme des Mannes genügte und ich blieb, mit meiner Serviette in der Hand, sitzen. Ich sah meine Frau an, sie hatte ihr Besteck zur Seite gelegt, sagte aber kein Wort. Auch die Gespräche der anderen Restaurantgäste waren verstummt. Niemand rührte sich von seinem Platz. Nur aus der Küche drang gedämpftes Lachen und Geschirr Geklapper.

Der Mann las bereits wieder in seiner Zeitung, als der Junge langsam aufstand. Er stellte seinen Stuhl zurück an den Tisch und setzte sich hin. Der Junge wischte sich, mit dem Handrücken, das Blut von der Lippe. Zuneigung erfüllte mich – und etwas wie Hochachtung –, für diesen vielleicht zwölfjährigen, hageren Menschen, aber auch Traurigkeit. Er weinte nicht. Mit der Gewissheit eines Kindes, das schon zu viele Tränen vergossen hat, die nicht getrocknet wurden, war er wohl zu dem Schluss gelangt, dass Weinen unnütz war: Eine Verschwendung von Zeit, Emotionen und Körperflüssigkeiten.

Die anderen Gäste widmeten ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Essen, unterhielten sich leise, oder schwiegen weiter. Mir war der Appetit vergangen und auch meine Frau stocherte nunmehr lustlos in ihrem Salat. Ich betrachtete sie genauer und bemerkte eine kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen, die mir bis jetzt noch nie aufgefallen war. Da sah ich aus den Augenwinkeln wie der Junge sich bewegte. Er straffte seine Schultern. Ich blickte zu ihm hinüber und glaubte Trotz in seinen Augen zu erkennen, als er mit fester, deutlicher Stimme seine Frage noch einmal stellte: „Warum?“ Um uns breitete sich Totenstille aus, selbst das Kleinkind am Tisch in der Ecke hörte auf zu quengeln.

Der Mann schlug diesmal mit der Faust zu. Ich hörte ein Splittern, kann aber bis heute nicht sagen, ob es vom Kiefer des Jungen oder vom Holz seines Stuhles herrührte, der rückwärts an die Garderobe geschleudert wurde. Aber ein Geräusch war unverkennbar: das Brechen des Schädelknochens, als der Kopf des Jungen hart an die Eisenstäbe und anschließend auf die Fliesen schlug.

Ich überlegte nicht, ich handelte. Ich warf einen Hundert-Euro-Schein auf den Tisch, packte meine Frau grob am Arm und zog sie mit mir auf die Straße vor dem Restaurant. Ich sog die kühle Luft in meine Lungen. Es roch immer noch nach Regen. Ich blickte meine Frau an und sah, wie ihre Lippen ein Wort formten. Ich wusste welches es sein würde, noch bevor sie es aussprach: „Warum?“ Da spürte ich eine ungekannte Wut in mir aufsteigen. Meine Zehen wurden taub. Meine Hoden zogen sich zusammen und wurden zu kleinen, kalten Kieselsteinen. Meine Hände ballten sich wie von selbst zu Fäusten. Meine Fingernägel gruben sich tief in das Fleisch meiner Handflächen und als ich hinunter blickte, sah ich meine Knöchel weiß hervor treten.

Ich blickte wieder in die Augen meiner Frau und las - unausgesprochen - dieses Wort, doch auch noch etwas anderes, und ich wusste, dass sie es auch in meinen Augen lesen konnte: Ich war dieser Mann und er war ich.

Ich weiß nicht wie viel Zeit verstrich und wir uns so gegenüberstanden, es mögen Minuten oder nur Sekundenbruchteile gewesen sein. Ein roter Sportwagen fuhr dicht am Gehsteig durch eine Pfütze und bespritze uns mit schmutzigem Wasser. Das Geräusch von Sirenen kam auf uns zu und meine Hände lösten sich aus ihrem Krampf. Ich fasste meine Frau am Arm, vorsichtig, doch bestimmt. Wir gingen zum Bahnhof und nahmen ein Taxi zurück zu unserem Hotel. Wir packten und reisten drei Stunden später ab.

Wir sprachen in den folgenden siebenundzwanzig Ehejahren nicht ein einziges Mal über diesen Tag im September.
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#2

Ein Tag im September

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 03.01.2008 13:11
von Margot • Mitglied | 3.054 Beiträge | 3055 Punkte
Hallo Pseudo

Gut geschrieben. Nicht zu viel und nicht zu wenig Emotionen, gerade soviel, dass man den Vulkan dahinter spüren kann, ohne mit dem Gesicht darauf gestossen zu werden. Vor allem der Vergleich mit den Kieselsteinen gefällt mir. Den muss ich mir unbedingt für meine 'Gefühlsstudien' merken.

Dass sich ein ganzes Lokal nicht – in irgendeiner Weise – zu einer Handlung hinreissen würde, wenn so etwas passiert, scheint mir nicht realistisch. Zumindest würde das Personal/der Chef einschreiten. Ich weiss nicht, aber ich kann’s mir einfach nicht vorstellen. Auf der Strasse, ja, aber in einem Restaurant? Zumindest ich würde einschreiten. Das geht bei mir ganz automatisch und hat mir auch schon mal einen Boxhieb eingebracht ... und da ging’s nicht mal um ein Kind, sondern um einen Hund. Na ja, egal ... ist ja auch nicht so wichtig.

Der Mann ist also auch ein Schläger ... habe ich das richtig interpretiert? ... und sieht quasi in einen Spiegel, bzw. wird ihm sein Tun jetzt erst richtig bewusst. Wenn ich damit richtig liege, könnte diese Reise eine Versöhnungsreise sein und das Erlebnis hat – weil sie nie wieder darüber sprachen – eine heilende Wirkung gehabt. Immerhin! Blödian der!

Zahlen würde ich immer ausschreiben, wenn es nicht anders geht, ansonsten habe ich nichts zu meckern.

Gruss
Margot


P.S. @ Alcedo: Ach, diesen Text meintest Du! Der ist aber nicht von Brot, auf keinen Fall, eher von einem trampeligen ...



Die Frau in Rot

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#3

Ein Tag im September

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 03.01.2008 22:28
von Alcedo • Mitglied | 2.708 Beiträge | 2838 Punkte
tja, ich tippe dauernd daneben: Brot nicht, Margot nicht, aber dann wer? ich sag jetzt mal: Erebus oder roux. irgendwann rat ich es noch - bald hab ich ja alle Mitglieder durch.

hallo doppelt verschachteltes Pseudonym

mir gefällt wie du schreibst. insbesondere die Beschreibung des Jungen, mitsamt seiner Sturheit. die Szenerie im Restaurant hielt ich nicht für unmöglich. Gewalt ist ja immer noch weit verbreitet. wenn nicht im In- dann im Ausland. das Packen und die Abreisen deuten auf eine Urlaubsregion. der Hundert-Euro-Schein (<- schreibt sich so, oder?) grenzt ein auf die Eurozone. ab sofort wären also auch Malta und Zypern möglich.

etwas gestutzt hab ich bei den kalten Kieselsteinen. ich bin jedenfalls noch nie auf die Idee gekommen, meine Hoden abzutasten wenn ich in Wut bin, und jemand anders kommt mir dann da auch nicht ran, aber, nichtsdestotrotz, der Vergleich hat Klasse.

die umständliche Beiseitelegung des Bestecks war mir gleich beim ersten Lesen aufgefallen: sowohl beim Jungen als auch bei der Frau. ich hielt es erst für eine tilgbare Wiederholung. aber nach d e m Finale ist für mich klar, so wie das Ich der Mann ist, so entspricht dem Jungen, die Frau und viceversa. also ist es eine Parabel über einen bestimmten Vorfall: ein Wutausbruch gefolgt von einer Zügelung. Punkt. und eine Parabel lässt sich bekanntlich nicht interpretieren, es sei denn man schreibt eine Interpretation in Form einer Parabel. ich versuchs mal: ist sie ihm fremd gegangen? sie ist ihm fremd gegangen. spricht man darüber? nach der Anzahl der Ehejahre zu urteilen, nein.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#4

Ein Tag im September

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 05.01.2008 13:11
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hallo Margot, Hallo Alcedo

Besten Dank euch beiden für die Kommentare. Ich beantworte das mal zusammen, wenn’s recht ist.

Sicher ist das wohl ungewöhnlich, dass niemand einschreitet, aber ich halte es nicht für ausgeschlossen.
wo sich das abspielt, oder warum die beiden da sind kann ich auch nicht sagen, aber ich denke das spielt auch keine große Rolle, könnte überall sein.

das mit den Kieselsteinen kann ich natürlich schlecht nachprüfen, aber wenn die Männer nix zu meckern haben, kann es wohl nicht ganz so weit hergeholt sein.

so jetzt kommt wieder der wirre Teil. ja, der Junge und der Mann sollten ein Spiegel des Ehepaares sein, die Unausgesprochenes und unterdrückte Gefühle der beiden zeigen. was das nun genau ist, weiß ich auch nicht und überlasse es der Fantasie des Lesers. allerdings bei dem umständlichen Besteckgeklapper traust du mir (leider) zu viel zu, das war Zufall, obwohl ich jetzt allerdings auch finde, dass es ziemlich gut passt.

freut mich, dass es so stimmig und ansprechend rüberkommt.
Vielen Dank und Gruß
Simone
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#5

Ein Tag im September

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 05.01.2008 15:11
von Alcedo • Mitglied | 2.708 Beiträge | 2838 Punkte
nein, das ist mir gar nicht recht: schon wieder daneben! außerdem dachte ich du wärst Anfänger. seit wann sind blutige Anfänger so gut? ich bin selber zwar schon fortgeschrittener Anfänger, werd mich aber zukünftig warm anziehn müssen im Tümpel, wenn das hier so weitergeht.

hallo Simone

an Zufälle beim Schreiben glaube ich nicht. das würde ich eher als Talent bezeichnen, wenn es Anfänger nicht so wirr machen würde. aber mach nur weiter so, lass den unbewussten Flow getrost aus der Feder fluten. das ist allemal der richtige Weg.

Gruß
Alcedo

e-Gut
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#6

Ein Tag im September

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 06.01.2008 06:24
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte

Zitat:

wenn es Anfänger nicht so wirr machen würde


ach, merkt man das?
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