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#1

Mondleer

in Düsteres und Trübsinniges 06.12.2007 14:03
von roux (gelöscht)
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Mondleer



Ich würde heute gerne mit dir reden.
Wie misse ich dein trautes Angesicht
und irgendwie ist gar nichts so, wie immer.

Wenn du nicht da bist, fehlt dem Licht
der rundum gelbe, warmvertraute Schimmer.
Nur die Laterne weint in goldnen Fäden,

die sie wie Schmuck ins Dunkel gießt.
Wie seltsam kostbar sich ihr Schein
auf altbekanntem Bordstein bricht.

Es mutet traurig an, wenn dieses Gold
zu Boden prallt und in den Rinnstein fließt.
Wie Tand, verschenkt und wertlos, ungewollt,

versickert jener Glanz auf graden Wegen.
Die Stadt wäscht sich mit schwarzem Regen,
dann zeigt sie sich in fadem Alltagsglimmer.




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#2

Mondleer

in Düsteres und Trübsinniges 06.12.2007 17:26
von Maya (gelöscht)
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Hallöchen!

Viel zu mäkeln habe ich nicht, mein Herz, es fehlt ein Komma in S2, Z1 nach "bist", welches du ums Verrecken nicht setzen willst, weil es dich da stören würde. Klar, ich soll dich nicht fragen, warum. WARUM EIGENTLICH?

Auffallend ist die Doppelung des Wortstammes "traut" (S1, Z3 trautes Angesicht / S2, Z2 warmvertraute ), wobei ich warm vertaute auch getrennt schreiben würde.

Deinem Reimschema auf die Spur zu kommen, ist eine kleine Wissenschaft für sich und daher umso reizvoller. Meine Nachforschungen ergaben: abc-cab-efc -geg-hha, wobei zwei Dinge auffällig sind: Zum einen der unsaubere Reim reden/Fäden, der sich unauffällig dazwischengeschummelt hat und den ich auch nur benenne, damit du nicht völlig überschnappst, denn er stört mich ja gar nicht sowie zum anderen der "Schein" in S3, der so ganz allein im Regen steht. Dass da nur Zufall reinspielte, glaube ich nicht, dazu später mehr.

Inhaltlich scheint es sich zuvorderst um ein Sehnsuchtsgedicht zu handeln, wir haben ein lyrI, welches den Mond (Titel: Mondleer), also im Grunde das Du, vermisst, gerne mit ihm reden würde. S2 führt diese Sehnsuchtsmelodie fort, die Wärme fehlt, weil der Andere nicht da ist, das Licht scheint zwar, doch anders, kälter. Jedenfalls empfindet es das lyrI so und ich mag das. Die weinende Laterne ist mein Lieblingsbild in diesem Gedicht, klasse! Die goldenen Fäden weinen zu Boden und fließen wie wertloser Tand in den Rinnstein. Dass das Gold so nachhaltig verrinnt, steht wohl nicht nur für Sehnsuchtsmomente, sondern vielmehr für die Trauer nach dem Ende einer Beziehung. Das ist die erste Sinnebene, die zweite ist um ein Vielfaches spannender, jedenfalls, wenn meine Interpretation sich mit deiner Intention deckt, denn darüber sprachen wir ja noch nicht.

Vor allem die letzten drei Strophen geben mir nämlich Anhaltspunkte für eine zusätzliche Sichtweise. Diesem Schein in S3 kommt m. E. eine Schlüsselrolle im Gedicht zu, er bricht auf altbekanntem Bordstein, den ich als Konventionen, feste, gesellschaftliche Strukturen und Zwänge deute. Eine Liebe, das Gold, wird verloren gegeben und wie Tand unter Wert verscherbelt. Das, was da war, wurde fallengelassen, für nachhaltige Veränderungen reichte die Liebe nicht aus – oder man hatte Angst davor, dass sie ausreichen könnte und gab lieber gleich auf, statt neue Wege zu gehen.

Dass der einstige Glanz auf „geraden Wegen“ versickert, versinnbildlicht für mich das schnöde, aber sichere Weiterlatschen auf altbekanntem Pfade. Man kommt nicht vom Weg ab, obwohl es dort oft die hübschesten Dinge zu bewundern gibt, sondern stirbt sein Leben mehr als dass man es lebt und zeigt sich brav in fadem Alltagsglimmer. Interessant wirkt auf mich noch die Stadt, die für mich das Du verkörpert, das sich mit schwarzem Regen reinwäscht. Es wäscht sich mit schmutzigen Lügen rein (schwarzer Regen), um nach wie vor brav im faden Alltag zu glänzen, so wie wir alle, net wahr? Ja, und so schließt sich denn auch wieder der Kreis zum Schein, zur Scheinheiligkeit.

Freundlichst,
Ihr Engel

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#3

Mondleer

in Düsteres und Trübsinniges 06.12.2007 20:33
von roux (gelöscht)
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Zunächst einmal:

Toller Kommentar, das muss einfach mal erwähnt werden.
Danke, Maya.

Zum Komma: Du weißt, dass ich weiß, dass da eins hingehört, aber es liest sich so falschpausig, dass ich mich nicht überwinden kann, ich werde noch mit mir ringen, ob ich mich dazu bringen kann, das Richtige zu tun.

Das "warmvertraut" muss allerdings bleiben, ganz gleich, was Word sagt.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich eben kurzentschlossen noch einmal das von dir vollkommen richtig aufgeführte Reimschema verändert habe, weil mir die erste Zeile nicht mehr gefiel.

Hier noch mal die ursprüngliche Version:

Am Abend warte ich auf dich, wie immer.
Ich würde heute gerne mit dir reden.
Wie misse ich dein trautes Angesicht.

Wenn du nicht da bist fehlt dem Licht
der rundum gelbe, warmvertraute Schimmer.
Nur die Laterne weint in goldnen Fäden,

die sie wie Schmuck ins Dunkel gießt.
Wie seltsam kostbar sich ihr Schein
auf altbekanntem Bordstein bricht.

Es mutet traurig an, wenn dieses Gold
zu Boden prallt und in den Rinnstein fließt.
Wie Tand, verschenkt und wertlos, ungewollt,

versickert jener Glanz auf graden Wegen.
Die Stadt wäscht sich mit schwarzem Regen
und zeigt sich brav in fadem Alltagsglimmer.

Zu deiner Interpretation werde ich mich später äußern, um nichts vorwegzunehmen, falls hier noch jemand ...

Liebe Grüße,

Sabine
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#4

Mondleer

in Düsteres und Trübsinniges 07.12.2007 09:42
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo roux,

spontan gefällt mir Dein Gedicht.
Ein wehmütiges Sehnen nach dem Mond, der des Nachts nicht die vertrauten Straßen bescheint.
Ganz schön kitschig muss ich sagen, aber gekonnt. Die Straßen werden hier recht kunstvoll aber dennoch verschenkt und wertlos von den Laternen beschienen. Es ist halt irgendwie nicht das gleiche.
Unmittelbar denke ich daran, dass doch der Mond ebenso wie der Rindstein und die Straße von der Sonne beschienen wird und dieses auf die Erde reflektiert. In diesem ganzen Gesamtkonstrukt aus Reflexionen und Kreisläufen von Energie steht die Straßenlaterne hier wie die letzte Notbeleuchtung, die den letzten Halt bietet, wenn die Hauptanlage ausfällt.
Das lyr. Ich könnte das ganze ja auch anders sehen, denn an goldenen Fäden auf der Straße könnte man sich ja sicherlich auch erfreuen. Aber da ist dieser schwarze Regen, den ich jetzt mal als eine Art Depression interpretieren würde. Dieser macht es dem lyrischen Ich einfach unmöglich die Situation positiv zu sehen. So sehe ich den schwarzen Regen hier als den Knackpunkt und weniger den Mond. Licht ist da durch die Laterne. Bei aller Sehnsucht nach dem Mond kommt das entstehende Unglück und die Freudlosigkeit aber durch die Depression.
Also ganz schön depri, aber gut geschrieben.

Andere Sichtweise. Der Mond steht für einen geliebten Menschen und das Laternenlicht für alle anderen, die zwar auch da sind, vielleicht auch Licht und menschliche Wärme geben, aber den Geliebten nicht ersetzen können. Aber auch hier sehe ich wieder die Depression am Schluss.

Wie auch immer, kitschig, gut geschrieben. Die erste Strophe finde ich etwas schwach. Der schwarze Regen ist vielleicht etwas plakativ. Aber eigentlich ein gutes Ding. (Irgendwas muss man ja zu meckern haben )

Grüße,
GerateWohl

_____________________________________
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#5

Mondleer

in Düsteres und Trübsinniges 07.12.2007 16:19
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hi Sabine

in der ersten Strophe sehnt sich das LI nach einem geliebten Menschen, offenbar wartet es an dem Platz an dem sie sich immer trafen, doch das LD kommt nicht, also ist gar nichts wie immer. die Strophe gefällt mir noch am besten.
in der zweiten Strophe fährst du dann schon ziemlich schwere Geschütze auf. wenn du nicht da bist, ist alles doof und sogar die Laterne weint goldene Fäden.
in der dritten wird dann das Laternenlicht mit Schmuck verglichen. es ist kostbar und die Strophe wirkt auf mich recht positiv.
in der vierten prallt das Gold zu Boden (obwohl es das schon in der dritten tat) fließt in den Rinnstein und ist auf einmal gar nicht mehr Wertvoll.
in der letzten versickert es auf geraden Wegen. wenn etwas versickert ist das doch eher ein langsamer Prozess, den ich nicht unbedingt mit gerade in Verbindung bringen würde. und dann der schwarze Regen ist mir auch zu dick aufgetragen, seht her, selbst der Regen trägt Trauer, wäscht alles Weg und wieder Alltag.

alles in allem nicht mein Fall. ist mir zu dick aufgetragen. und vor allem finde ich fast vier Strophen zu lang, um zu beschreiben wie Laternenlicht recht theatralisch versickert.

nix für ungut
Gruß
Simone

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#6

Mondleer

in Düsteres und Trübsinniges 13.12.2007 19:58
von Erebus | 748 Beiträge | 748 Punkte
Hallo Sabine

ich las Dein Gedicht noch vor dem beeindruckenden mayatischen Kommentar. Mit meinem Empfinden ohne diese tiefgreifenden Erläuterungen will ich deshalb nicht hinter dem Berg halten.
Es enthält wunderbare Bilder, eine schöne Sprache, und es führte mich aus dem Kummer um das fehlende LD zielgenau und graden Wegs in die feuchten Strassen einer nächtlichen Stadt. Und blieb da.

Also, ich hätte diese starke Zweiteilung moniert, und tue es noch, obwohl ich ja den Lösung bringenden Kommentar las.
Mir kam es vor, als sei der Autor abgeschweift. Wenn auch in sprachlich schöne Gegenden, so schien das irgendwie sonderbar.

Dennoch mein Lob für die starken Bilder, die ich genieße. Allerdings fände ich in S1Z3 ein "doch" an Stelle des "und" passender. Und den schwarzen Regen, der ist für mich derart eindeutig mit atomarem Fallout belegt, das ich ihn als zu fett empfinde. Dann lieber den schwarzen Glanz oder etwas i.d.Richtung

Mein Lob überwiegt zu 98%
Gerne gelesen & Lieber Gruß
Ulrich
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