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#1

Tränenzeiten

in Gesellschaft 01.08.2007 15:58
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte

Tränenzeiten


Nicht eine Träne will ich weinen
in dieser kellertiefen Nacht.
Kein einz’ger Laut soll mir entkommen,
zu klein ist deine schnöde Macht.

Verschließen will ich meine Seele
vor deinem bösgeliebten Geist.
Du kannst mich biegen, doch nicht brechen,
auch wenn mein reines Fleisch zerreißt.

Wohl, eines Tages will ich weinen,
ich werd in schwarzen Schuhen geh’n,
das Haupt erhoben, stolz die Blicke,
denn du wirst keine Träne seh’n.


neue Version

In langen, kellertiefen Nächten
will ich nicht eine Träne weinen,
sie sind zu Blut in mir geronnen.
Ich kann nicht deiner Hand entkommen,
wenn Frust und Wut und Gier sich einen,

in deinem bösgeliebten Geist.
So will ich meine Psyche retten,
leg jede Emotion in Ketten,
auch wenn mein wundes Fleisch zerreißt,
im Netz von repressiven Mächten.

Am Tage deines letzten Abgangs
werd ich ganz still, neben dir stehn.
Im falschen Klang des Lobgesangs,
will ich wohl einmal für dich weinen,
dann hoch erhobnen Hauptes gehn.



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#2

Tränenzeiten

in Gesellschaft 03.08.2007 10:36
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi ninn

Rubrik Gesellschaft … hm …frage mich warum. (?) Es handelt sich um eine Vergewaltigung (einer Jungfrau -> reines Fleisch), das ist schon mal klar, aber weshalb dann nicht im Düsteren? Vermutlich daher, weil es sich um Vater/Tochter handelt … ja, das macht Sinn. Ok, dann halt in (schlechter) Gesellschaft.

Ein ganz schreckliches Thema, das Wunden hinterlässt, die kaum mehr heilen, aber auch ein oft verdichtetes Thema, das schnell mal – je nach Medienmitteilung – durch die Foren geistert. Ich würde nicht sagen, dass es Dir hier nicht gelungen ist - die Hoffnung/der Trotz/das Jetzt-Gerade zum Schluss gefällt mir -, jedoch packt es mich nicht dort, wo’s weh tut; wo ich Mitleid und Abscheu empfinde. Schwer zu sagen, woran das liegt.

Die jeweiligen dritten Zeilen in den Strophen gefallen mir am besten, mit den anderen kann ich weniger anfangen, da ich sie schon zu oft – auch in anderen Konstellationen – gelesen habe.

‚Kellertief’ ist eine Doppelung (Keller sind ja meist tief, ausser meinem *g), was jedoch nicht unangenehm auffällt. Man hätte das aber auch mit ‚dunkel’ oder ‚kalt’ in Verbindung bringen können. Nichtsdestotrotz ein schöner Neologismus.

‚Schnöde’ geht aber dann aber gar nicht. Nein, das ist wirklich das falsche Wort für die elterliche Macht. Auch das ‚wohl’ in der 3. Strophe finde ich etwas …. nun ja … zu weich. Meiner Meinung nach bräuchte es da einfach ein ‚doch’ (ohne Komma) … ist aber Geschmackssache.

Soweit von mir und Gruss
Margot

Die Frau in Rot

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#3

Tränenzeiten

in Gesellschaft 03.08.2007 20:09
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hallo Margot

also inhaltlich hätte ich nichts hinzuzufügen, was schon mal wirklich schön ist.


Zitat:

die Hoffnung/der Trotz/das Jetzt-Gerade zum Schluss gefällt mir -, jedoch packt es mich nicht dort, wo’s weh tut; wo ich Mitleid und Abscheu empfinde. Schwer zu sagen, woran das liegt.

das liegt an mir. ich kriege es einfach nicht hin, irgendwas zu transportieren.
Formal finde ich meinen Kram ja manchmal gar nicht mal sooo schlecht (wenn ich bedenke, dass ich vor einem halben Jahr noch nicht mal wusste was Metrik ist und ich mir immer noch nicht merken kann wie die verschiedenen X-Dinger heißen), aber das Wichtigste ist ja doch, das irgendwas beim Leser ankommt und nicht nur inhaltlich, sondern ein Gefühl und das bekomme ich in den seltensten Fällen hin. entweder es wird so gruselig schmalzig, dass es dir aus den Ohren trieft oder es ist total unverständlich.


Zitat:

‚Kellertief’ ist eine Doppelung (Keller sind ja meist tief, ausser meinem *g), was jedoch nicht unangenehm auffällt. Man hätte das aber auch mit ‚dunkel’ oder ‚kalt’ in Verbindung bringen können. Nichtsdestotrotz ein schöner Neologismus.

*lach* das Wort musste ich schon einige Male mit meinem Leben verteidigen und weigere mich schon aus reinem Trotz es zu entfernen. ist übrigens kein Neologismus, (dachte ich zuerst auch) das Wort gibt es tatsächlich.


Zitat:

‚Schnöde’ geht aber dann aber gar nicht. Nein, das ist wirklich das falsche Wort für die elterliche Macht.

ja, mir fällt dazu zwar einiges ein, aber nichts was ins Versmaß passt. muß ich noch mal überlegen. ein Vorschlag?


Zitat:

Auch das ‚wohl’ in der 3. Strophe finde ich etwas …. nun ja … zu weich. Meiner Meinung nach bräuchte es da einfach ein ‚doch’ (ohne Komma) … ist aber Geschmackssache.

ich weiß nicht, ob man das nachvollziehen kann, aber das wohl ist mir von der Aussage her stimmiger.
Wohl, eines Tages will ich weinen (ich will, aber kann ich es dann auch noch?)
Doch eines Tages will ich weinen (ich werde es mit Sicherheit tun!)

Besten Dank
LG ninn
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#4

Tränenzeiten

in Gesellschaft 04.08.2007 10:31
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi ninn

Da mach Dir mal keinen Kopf … über das Transportieren von Gefühlen und Stimmungen … ich bin ja nicht die letzte Instanz, was das betrifft. Und vermutlich bin ich durch die Jahre auch ein wenig abgestumpft – nicht das Thema betreffend, sondern Gedichte -, als dass ich gleich in Jubel ausbrechen würde, wenn ich etwas lese. Es braucht eben immer einen gewissen Kick, ein Schlucken, ein Ziehen, etwas Neues, um mich in ein ‚wow!’ ausbrechen zu lassen. Und selbst dann, ist das für andere zum Teil nicht nachvollziehbar … es kommt ja auch immer auf die Stimmung an. Aber, wie gesagt, ist das bloss (m)eine Meinung. Du wirst das schon hinkriegen … keine Angst … es gelingt ja auch nicht jedes Mal, selbst mir nicht! Hö, hö ..
Vorschlag … hm … fällt mir grad nichts ein. Zurzeit ist mein Hirn etwas leer. Evtl. einen Neologismus suchen, der diese – durch Geburt – gegebene Macht darstellt. Sorry, das ist keine grosse Hilfe.

Mit dem ‚wohl’ hast Du Recht. Dadurch kommt ein Zeit- und Eventualitätsfaktor dazu. Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand, der so etwas erlebt, nicht weinen würde… ob jetzt jetzt oder später … von daher. Aber es ist Dein „Baby“, gelle.

Grüsse
Margot

Die Frau in Rot

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#5

Tränenzeiten

in Gesellschaft 04.08.2007 12:07
von Simone • Mitglied | 1.674 Beiträge | 1674 Punkte
Hallo Margot


Zitat:

ich bin ja nicht die letzte Instanz

so war das auch nicht gemeint. du hast nur ziemlich genau das gesagt, wie ich es auch empfinde. so Furcht erregend bist du nun auch nicht, dass ich dir nicht widersprechen würde, wenn ich anderer Meinung wäre.


Zitat:

als dass ich gleich in Jubel ausbrechen würde, wenn ich etwas lese

wenn ich Lobeshymnen hören will, brauche ich nur wieder „heim“ zu gehen. also bitte keine Zurückhaltung, ich kann was aushalten.


Zitat:

Du wirst das schon hinkriegen

dein Gotteswort in meinem Ohr …


Zitat:

Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass jemand, der so etwas erlebt, nicht weinen würde

ich hab keine Ahnung. aber ich könnte mir vorstellen, dass wenn man eine so lange Zeit seine Gefühle unterdrückt, es sehr schwer fällt sie dann doch zuzulassen.

Danke
LG ninn

Nachtrag

ich hab versucht das "schnöde" irgendwie zu eliminieren und dabei ist das raus gekommen:

In langen kellertiefen Nächten
will ich nicht eine Träne weinen,
sie sind wie Blut in mir geronnen.
Ich kann nicht deiner Hand entkommen,
wenn Frust und Wut und Gier sich einen,

in deinem bösgeliebten Geist.
So will ich meine Psyche retten,
leg jede Emotion in Ketten,
auch wenn mein wundes Fleisch zerreißt,
im Netz von repressiven Mächten.

Am Tage deines letzten Abgangs
werd ich ganz still neben dir stehn.
Im falschen Klang des Lobgesangs,
werd ich wohl einmal für dich weinen;
dann hoch erhobnen Hauptes gehn.
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#6

Tränenzeiten

in Gesellschaft 04.08.2007 12:41
von bipontina (gelöscht)
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hallo, ninn: ich habe mir das kellertief so richtig eingeprägt, mir war es nämlich nicht geläufig. Die letzte Zeile ist mir Gefühl her wohlvertraut, denn mir ging es ebenso an einem Grab, über meinen Schatten konnnte ich nicht springen und dieser Schatten sagt mir schon ein Leben lang, daß man negative, bittere, schlimme Gefühle nicht der Öffentlichkeit preisgibt.
Ich tippe eher auf Ehemann/Ehefrau-Konflikt, Vergewaltigung und schnöde (auch materielle) Macht gibt es hier sooo oft.
"Erhobnen Haupts und stolz die Blicke" beschreibt tatsächlich mich, als ich im Gefängnis war und mir eher die Zunge abgebissen hätte, als meine Contenance zu verlieren, bei welcher Erniedrigung auch immer.

Lieben Gruß
bipontina
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