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#1

Klabund (1890-1928)

in Rumpelkammer 17.05.2007 21:48
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Ich baumle mit de Beene

Meine Mutter liegt im Bette,
denn sie kriegt das dritte Kind;
meine Schwester geht zur Mette,
weil wir so katholisch sind.
Manchmal troppt mir eine Träne
und im Herzen pupperts schwer;
und ich baumle mit de Beene,
mit de Beene vor mich her.

Neulich kommt ein Herr gegangen
mit 'nem violetten Schal,
und er hat sich eingehangen,
und es ging nach Jeschkenthal!
Sonntag war's. Er grinste: "Kleene,
wa, dein Port'menée is leer?"
Und ich baumle mit de Beene,
mit de Beene vor mich her.

Vater sitzt zum 'zigsten Male
wegen "Hm" in Plötzensee,
und sein Schatz, der schimpft sich Male,
und der Mutter tut's so weh!
Ja, so gut wie der hat's keener,
Fressen kriegt er und noch mehr,
und er baumelt mit de Beene,
mit de Beene vor sich her.

Manchmal in den Vollmondnächten
is mir gar so wunderlich:
Ob sie meinen Emil brächten,
weil er auf dem Striche strich!
Früh um dreie krähten Hähne,
und ein Galgen ragt und er...
und er baumelt mit de Beene,
mit de Beene vor sich her.


Klabund (1890-1928)

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#2

Klabund (1890-1928)

in Rumpelkammer 18.05.2007 12:08
von Erebus (gelöscht)
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Geleit


Ich geb dir bis zum Ostertor
das schmerzliche Geleite.
Du reitest in den Frühlingsflor.
Ich schreite, schreite, schreite.

Dort windet sich der Weg am Berg.
Du singst, indes ich schweige.
Du bist nur du, ich bin mein Werk.
Ich steige, steige, steige.

Dein Sinn ist leicht, wie Wolken sind.
Du fliegst durch tausend Reiche.
Dein Pferd ist schneller als der Wind.
Ich schleiche, schleiche, schleiche.

Leb wohl! Auf Wiedersehn - vielleicht:
Beim ew'gen Lautenstimmer.
Du hast die Herberg bald erreicht,
Ich - nimmer, nimmer, nimmer.


Klabund (1890-1928)
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#3

Klabund (1890-1928)

in Rumpelkammer 08.11.2007 14:42
von kein Name angegeben • ( Gast )
O Gib

O gib mir Deine Hände,
der Frühling brennt im Hag
verschwende Dich, verschwende
diesen Tag.

Ich liege Dir im Schoße
und suche Deinen Blick
er wirft gedämpft den Himmel
der Himmel Dich zurück.

O glutend über Borden
verrinnt ihr ohne Ruh:
Du bist Himmel geworden,
der Himmel wurde Du.

Klabund

Sehr, sehr erfreulich auch Klabundliebhaber hier zu treffen. Leider ein so wenig beachteter vortrefflicher Mensch und Dichter.
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#4

Klabund (1890-1928)

in Rumpelkammer 08.11.2007 17:14
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Sommerbetrachtung


Hier saß ich oft. An diesem grünen Strauch.
Die Rosen blühen heute röter noch.
Die Fuchsien halten ihre Farbe auch.
Es bellt am Zaun der kahle Köter noch.

Die Espe zittert, weil es ihr Beruf.
Den roten Pilz betreut der Regenwurm.
Ein Einhorn scharrt versonnen mit dem Huf.
Die Sonne steht als Frau auf einem Turm.

Der Sommer herbstelt. Im geharkten Kies
Geht an der Krücke ein geborstner Greis.
Ein Kind spielt Mutter. Und es lächelt leis,
Als ich ihm eine offne Grube wies.

Bei jedem Schritte trifft man auf ein Grab
Von Leuten, die noch längst am Leben sind.
O liebstes Herz, dem meinen Leib ich gab:
Wie wohlig weht durch mein Skelett der Wind!

Die Frau in Rot

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