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#1

11 Jahre (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 01.11.2006 23:17
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    11 Jahre


    Da ist ein Fenster in der Nacht,
    dort glimmt der Schein im ruhigen Warten.
    Und Eine ruht in stiller Pracht,
    und ruht und wacht und träumt vom Garten,

    der unter weissen Daunen liegt.
    Und während sie dort träumt und bittet,
    und träumt und hofft und wiegt,
    zieht vor dem Tor - stumm und gesittet -

    der Leichenzug vorbei und streift,
    mit kaltem Atem ihre Wange.
    Und die Erkenntnis wogt und reift:
    Sie wartet lang, schon viel zu lange.



    Audioversion


    © Margot S. Baumann


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#2

11 Jahre (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 02.11.2006 07:40
von Fabian Probst (gelöscht)
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mir gefällt die letzte Strophe am besten. Sehr schönes Ende.
Nicht so toll finde ich den Ausdruck "Pracht". KAnn mir das nicht so richtig vorstellen.

Das Wort "ruhig/e/n" ist für mich immer schwierig, weil ich nicht weiß, ob es nun ein Daktylus ist, der metrisch nicht passt oder ob man das als "ruiger" und damit als Trochäus betonen kann.

Ansonsten sind die Reime Klasse, die Sprache wie immer ausgefeilt und gelungen.

Gruß, Fabian

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#3

11 Jahre (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 02.11.2006 09:09
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Fabian

Ruhig ist ja so ein Zwitter im Gesprochenen. Je nach dem einsilbig oder zweisilbig. Ich benütze es ganz unverfroren, wie's mir gerade passt.
Und die Pracht ... eh ... verstehe Deinen Einwand. Wahnsinnig innovativ ist's sicher nicht, hat aber was mit der Jahreszeit zu tun (Weihnachten und so). Gut möglich aber, dass mir da noch etwas Eleganteres einfällt.

Der Text ist/war ein kleines Experiment, deshalb auch die Wiederholungen und die Zahl 11. Freut mich, dass Du es magst.

Gruss
Margot

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#4

11 Jahre (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 02.11.2006 09:47
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
hi Marg,
gefällt mir wieder auch die Pracht passt, ich sehe und rieche es förmlich wie das lyr. I. in seinem Bettchen zuerst ganz prächtig und mit der Wartezeit immer weniger prächtig seinen Garten verschwendet. Ja grosse Meisterin der Feder, mir gefällt es sehr.
Gruss
Knud

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#5

11 Jahre (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 02.11.2006 10:32
von Joame Plebis | 3.408 Beiträge | 3363 Punkte
Guten Tag, Margot!

Gleich als Du es geschrieben hattest, hatte ich es gelesen,
hätte auch beinahe meinen Eindruck dazu abgegeben.

Was sollte ich schon einer routinierten Poetin erzählen können
oder eines ihrer Werke gar interpretieren wollen.
Und wenn ich mir auch eine Blöße gebe - ja dann geht die Welt
auch nicht unter, selbst wenn - na und ?

So veröffentliche ich meine kleine enge Sichtweise:

Daß es von bedrückender Stimmung ist, muß wohl nicht noch
betont werden, die Metaphrase ist aber nicht ganz eindeutig.
Mein erster und ganz rascher Eindruck war, es handle sich um
eine Person, die den Tod erwartet.

Da ist ein Fenster ...
dort glimmt der Schein ...


(was wie ein kleiner Hüpfer anmutet)
ließ zuerst auf einen Gegensatz der Orte schließen,
vermutlich ist der gleiche Ort gemeint und das dort
(dort hinter dem Fenster) anzusehen.

Der Garten, der unter weissen Daunen liegt
scheint ziemlich eindeutig die schneebedeckte Landschaft
zu sein, wogegen nicht unbedingt damit im Zusammenhang
stehend und nicht ganz so eindeutig 'ruht in stiller Pracht'
erscheint, das sich eventuell auch als Pracht
hinter den Scheiben in den Räumlichkeiten erklären ließe.

(Weiter hergeholt, kam mir nur kurz die Idee, so ähnlich
könnte man auch eine Beschreibung für das Warten einer
Blume gestalten, die im Winter auf den Frühling wartet.
Doch diese Möglichkeit trifft hier ja nicht zu.)

Ein striktes Klammern an Worte, eine Auslegung dieser,
1:1 als Bares, ist stets problematisch,
muß ja berücksichtigt werden, die Ausdrucksmöglichkeiten,
die dem Schreiber zur Verfügung stehen, der ja,
wie äußerst häufig zu sehen, Metaphern verwendet,
dem oft schnöden oder überdrüssigen Wort zu entrinnen versucht.

Der Titel > 11 Jahre < ist auch mit einzubeziehen.
Somit weist alles auf die erste Auslegung hin.

Weiters ließen einige Ausdrücke nicht rasch darüberlesen,
sondern überlegen, so z.B.:
- stumm und gesittet -, - die Erkenntnis wogt und reift -,
die in diesem Bild zumindest gefühlsmäßig einzuordnen sind.
Am Schluß weist das - viel zu lange - auf ein endlos
langes Warten hin.

Das kann auch nur eine flüchtige Betrachtung bleiben;
kurz jede Passage zu durchdenken und zu analysieren
(wie auch träumt und bittet) ergäbe zwar mehr Text,
würde mich hier aber genauso 'nackt' dastehen lassen.
Denn jede Überlegung während des Lesens, die
automatisch und unbewußt abläuft, kann gar nicht erläutert werden.

xXxXxXxX
xXxXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXxXx

xXxXxXxX
xXxXxXxXx
xXxXxX
xXxXxXxXx (xXxXXXxXx)

xXxXxXxX
xXxXxXxXx
xXxXxXxX
xXxXxXxXx

Über den Eindruck und die Wirkung schrieb ich bisher wenig,
vorrangig ist für mich das intensiv Bedrückende, dessen Intensität
ich wohl mir und meiner Phantasie zuschreiben muß.

Herzlichen Gruß
Joame


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#6

11 Jahre (inkl. Ton)

in Düsteres und Trübsinniges 02.11.2006 10:56
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Die Herren!

@ Knud
Vielen Dank für das Lob.

@ Joame
Das ‚da’ und ‚dort’ habe ich in der Absicht geschrieben, dass eine aussenstehende Person (der Erzähler) auf das Licht zugeht. Quasi zoomt sie auf das erleuchtete Fenster zu.
Der Garten wiederum – es ist ja Winter – hat zwei Bedeutungen. Zum einen natürlich als realer Platz und zum anderen als die Erinnerung, die brach liegt. Wie man richtig vermutet, wartet die Frau. Worauf, das überlasse ich dem Leser. Es kann der Tod sein, es kann aber auch, ganz einfach, ein Mann sein. Im Grunde muss man nicht hinter jedem Wort eine Zweideutigkeit vermuten. Es ist aber natürlich ein Kompliment für den Schreiber, wenn man es trotzdem tut.
Für Interpretationen muss sich niemand entschuldigen, da sie gar nicht falsch sein können. Jeder empfindet anders und schöpft aus seinen Erfahrungen die Bilder, die ihm passend erscheinen.

Dass der Text bedrückend ist, das freut mich, so hatte ich es geplant. Ich war mir aber nicht ganz sicher, ob die vielen ‚unds’ nicht doch zu langweilig werden. Es sind deren elf und meine Absicht war, dieses Warten damit zu verdeutlichen. Sie folgen sich, wie die endlosen Jahre und es gibt so gar kein Entrinnen. Das Gedicht entstand aus einem wirren Traum heraus, dessen Stimmung ich einzufangen versuchte.

Recht herzlichen Dank für Deinen/Euren Kommentar.

Beste Grüsse
Margot


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