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#1

Entenzeit

in Zwischenwelten 19.10.2006 16:48
von Roderich (gelöscht)
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Entenzeit


ja mir geht es gut
manchmal liege ich ein wenig länger
im bett
und manchmal stehe ich erst gar nicht auf
aber wenn man keine verpflichtungen mehr hat
kann man sich das erlauben

ja mir geht es wirklich gut
außer am sonntag
denn am sonntag gehe ich immer auf den friedhof
zu meiner verstorbenen frau
ich denke oft an sie
und am sonntag ganz besonders

anschließend spaziere ich immer
zu dem kleinen park neben dem friedhof
dann drehe ich eine runde
um den ententeich
und füttere diese mit mitgebrachtem brot
von der vorwoche

letztes jahr
habe ich einmal versucht
mich in den teich zu stürzen
da ich für einen moment gedacht hatte
ich sei eine ente
und wollte schwimmen gehen

die wiederbelebungsversuche des notarztes
waren erfolgreich
aber ich konnte lange zeit nicht sagen
ob ich mich darüber freuen sollte
oder nicht
ich glaube dass ich nicht mehr fühlen kann

aber eigentlich geht es mir gut
außer am sonntag
denn am sonntag gehe ich immer auf den friedhof
zu meiner verstorbenen frau
und erzähle ihr
dass ich eine ente bin






Entenzeit


- alternative Fassung -


Ja, mir geht es gut.
Manchmal liege ich ein wenig länger im Bett und manchmal stehe ich erst gar nicht auf, aber wenn man keine Verpflichtungen mehr hat, kann man sich das erlauben.

Ja, mir geht es wirklich gut.
Außer am Sonntag, denn am Sonntag gehe ich immer auf den Friedhof zu meiner verstorbenen Frau.
Ich denke oft an sie und am Sonntag ganz besonders.

Anschließend spaziere ich immer zu dem kleinen Park neben dem Friedhof. Dann drehe ich eine Runde um den Ententeich und füttere diese mit mitgebrachtem Brot von der Vorwoche.

Letztes Jahr habe ich einmal versucht, mich in den Teich zu stürzen, da ich für einen Moment gedacht hatte, ich sei eine Ente und wollte schwimmen gehen.

Die Wiederbelebungsversuche des Notarztes waren erfolgreich, aber ich konnte lange Zeit nicht sagen, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht.
Ich glaube, dass ich nicht mehr fühlen kann.

Aber eigentlich geht es mir gut.
Außer am Sonntag, denn am Sonntag gehe ich immer auf den Friedhof zu meiner verstorbenen Frau und erzähle ihr, dass ich eine Ente bin.


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#2

Entenzeit

in Zwischenwelten 19.10.2006 17:31
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Rod,

für mein Gefühl ist das eine schöne kleine Zwischenwelt, die Du hier erschaffen hast, nur kommt es für mich rüber wie ein Perserteppich, den zu zerschnitten und zu einem Flickenteppich wieder zusammengesetzt hast, weil Flickenteppiche irgendwie poetischer seien. Damit machst Du aber den guten Perser kapputt. Ich kann Dir nur empfehlen, diese Stolperfäden Deiner Zeilenschaltungen zu durchschneiden und das Stück als Fließtext atmen zu lassen.
Also:

Ja, mir geht es gut. Manchmal liege ich ein wenig länger im bett. Und manchmal stehe ich erst gar nicht auf. Aber wenn man keine verpflichtungen mehr hat, kann man sich das erlauben.

Ja, mir geht es wirklich gut. - Außer am sonntag. Denn am sonntag gehe ich immer auf den friedhof zu meiner verstorbenen frau. Ich denke oft an sie und am sonntag ganz besonders.

Anschließend spaziere ich immer zu dem kleinen park neben dem friedhof. Dann drehe ich eine runde um den ententeich und füttere diese mit mitgebrachtem brot von der vorwoche.

Letztes jahr habe ich einmal versucht, mich in den teich zu stürzen, da ich für einen moment gedacht hatte, ich sei eine ente, und wollte schwimmen gehen. Die wiederbelebungsversuche des notarztes waren erfolgreich, aber ich konnte lange zeit nicht sagen,
ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht.

Ich glaube, dass ich nicht mehr fühlen kann, aber eigentlich geht es mir gut. - Außer am sonntag, denn am sonntag gehe ich immer auf den friedhof zu meiner verstorbenen frau und erzähle ihr, dass ich eine ente bin.


------

So gefällt mir der Text wesentlich besser, bis auf den letzten Satz "...und erzähle ihr, dass ich eine ente bin." Und was? Wie? Wozu? Warum? Da fehlt mir was.
Ist er ein unterdrückter Transsexueller und wünscht sich daher, er wäre ein weibliches Tier?
Oder verwandelt er sich aufgrund eines Mangels an menschlichen Kontakten in eines der einzigen Lebenwesen, mit denen er Kontakt pflegt, den Enten?
Oder ist er gar wirklich eine Ente gefangen im Körper eines Mannes?
Ein kleines Fähnchen im Schlusssatz fehlt mir da.

Ansonsten gerne gelesen.

Ich musste übrigens bei Entenzeit an diesen Spruch meines Vetters über Wirtschaftsingenieure denken, der selber einer ist: die seien wie Enten, denn die können zwar fliegen, laufen und schwimmen, aber nichts davon richtig gut.

Grüße,
GerateWohl

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#3

Entenzeit

in Zwischenwelten 19.10.2006 21:04
von Joame Plebis | 3.402 Beiträge | 3363 Punkte
Vergiß nicht, er hat sich ja schon in den Teich gestürzt und wurde vom Notarzt wiederbelebt.
Diese Begebenheit und nicht nur die vorausgegangene tiefe Depression alleine wegen des Verlustes seiner lieben Frau, können Möglichkeit genug für sein Verhalten sein. Daß sich das Denken bei ihm anders vollzieht als man es bei Normmenschen erwartete.

Abgestumpft und leer ist sein Leben, sinnlos. Marionettenhaft erledigt er das Alltägliche, würde selbst Schmerzen kaum wahrnehmen.
Wie automatisiert sucht er den einzigen Bezugspunkt auf, den er hat: das Grab seiner Frau - und spricht dort mit ihr.

So stelle ich mir die Situation vor. Traurig und aussichtslos. (Nur ist er absolut kein Einzelfall.)

Auch ich würde die Form einer Kurzerzählung für besser halten.

Freundlichen Gruß!
Joame

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#4

Entenzeit

in Zwischenwelten 19.10.2006 22:19
von Roderich (gelöscht)
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Hallo ihr zwei,

vielen herzlichen Dank für eure konstruktiven Anmerkungen zu meinem Text. Noch kurz zur Entstehungsgeschichte: Gedacht war das ursprünglich tatsächlich als kurze Erzählung, also reine Prosa. Doch dann erinnerte ich mich an das neueste Buch von Christoph Ransmayr, der einen Roman in Versen geschrieben hat, wobei das Ganze dann doch Prosa geblieben ist. Ein sehr interessantes Experiment, das ich für diesen Text adaptiert habe, da mir der Inhalt selbst ziemlich verdichtet vorkommt. War mal ein Versuch meinerseits, aus geordneten Bahnen auszubrechen.

Auch ist die Kleinschreibung darin begründet, dass der Protagonist, der Erzähler schon ziemlich neben sich steht und ich diese Verwirrung und Ziellosigkeit auch in der Sprache ausdrücken wollte.

Die Ente am Schluss steht für den Realitätsverlust, den der Erzähler durchgemacht hat - er erinnert sich an dieses Ereignis am Teich und projeziert dieses in sein aktuelles Dasein hinein. Eine Vermischung von Realität und Fiktion.

GerateWohl, mir gefällt deine Version auch sehr gut, obwohl ich in diesem Fall eher auf die reine Kleinschreibung verzichten würde. Ich muss mir das noch durch den Kopf gehen lassen - aber für mich stellen die Zeilenumbrüche auch ein wenig den geistigen Zustand des Erzählers dar und das passt mir da ganz gut. Aber wie gesagt: Werde mir euren Einwand natürlich zu Herzen nehmen und mal darüber schlafen. Darüber nachdenken lohnt sich jedenfalls.

@ Joame: Vielen Dank für deine Interpretation, die sehr zielsicher genau das trifft, was ich aussagen wollte.

Viele Grüße euch beiden

Thomas

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#5

Entenzeit

in Zwischenwelten 19.10.2006 23:34
von Joame Plebis | 3.402 Beiträge | 3363 Punkte
Ich habe auch an Reimform gedacht,
doch der Aufwand, das mußt Du wissen,
ob er dafür steht. Machbar ist es.

Gruß
Joame

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#6

Entenzeit

in Zwischenwelten 19.10.2006 23:36
von Roderich (gelöscht)
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Hallo Joame,

den prosaischen Charakter möchte ich eigentlich schon beibehalten und insofern erledigt sich das mit den Reimen von selbst.

Ich werde morgen vielleicht eine Alternativversion, die an die Version von GerateWohl angelehnt ist, reinstellen. So kann sich jeder selbst sein Rosinchen rauspicken.

Viele Grüße

Thomas

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