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#1

Neuronales Rauschen

in Philosophisches und Grübeleien 12.05.2006 13:37
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Neuronales Rauschen



"Das Reich der Freiheit ist auch das Reich der Täuschungen."

(Hermann Hesse)



Wir tun nicht, was wir wollen,
sondern wollen, was wir tun -
gebotne Denkkontrollen,
doch das Handeln ist immun.

Die klar bestimmten Ziele
sind gezielt vorherbestimmt,
und die Gedankenspiele
schon auf Resultat getrimmt.

Ich tue, was ich tue,
weil es so nur gehen kann,
dien statt der Seelenruhe
dem Synapsenrahmenplan.

Ach, wo ist nur dies neuronale Rauschen,
Wille, Zufall, Chaos, Reissackfallera?
Lasst uns die Schemata doch wieder tauschen
mit des alten Geistes Scheinnarkotika!


zu den Kritiken der Juroren

(c) Don Carvalho

- April 2006

P.S.: Inspiriert wurde ich übrigens unter anderem durch ein <a target="_blank" href="http://www.fr-aktuell.de/_inc/_globals/p...n/das_gespraech">Streitgespräch</a> zwischen dem Hirnforscher Wolf Singer und dem Philosophen Julian Nida-Rümelin, das mir beim Lesen viel Vergnügen bereitet hat.

zuletzt bearbeitet 12.04.2009 10:34 | nach oben

#2

Neuronales Rauschen

in Philosophisches und Grübeleien 12.05.2006 13:55
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hey, da steckt ja viel Don drin, hab ich den Eindruck. :-)

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#3

Neuronales Rauschen

in Philosophisches und Grübeleien 12.05.2006 14:09
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Im Reissack ?

Don

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#4

Neuronales Rauschen

in Philosophisches und Grübeleien 12.05.2006 14:52
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallo, mein Pate!

Ein ähnliches Gespräch bzw. Interview im Spiegel hatte mich auch einmal inspiriert, das kann ich gut nachvollziehen. Spannend ist die Frage allemal, allerdings habe ich auch so meine Zweifel.

Man kann wohl nicht anders, als dein Gedicht metrisch sauber zu nennen, obwohl mir der Auftaktwechsel zuweilen arg zu schaffen machte. Nach einigem Re-Zitieren ging es dann aber doch flüssig zu. Wahrscheinlich bekommt das dem Werk, wäre es zu eingängig, würde man vielleicht kein zweites Mal schauen, was schade wäre.

Auch der Wechsel in der letzten Strophe ist inhaltlich sehr wohl begründet und klar, doch finden sich hier nach meinem Geschmack auch mutwillige Verlängerungen. Kurz und krumm: Dein Gedicht widersetzt sich mir bzw. meinem Rhythmusgefühl ein wenig, was es sperrig macht. Ich habe noch nicht darüber befinden können, ob das der Sache eher nützt, als schadet.

Die ersten drei Strophen sind knackig kurz und scharf gehalten. Das unterstreicht, wie ich finde, das Dogmatische der Hirnforscher, die allzu rigoros alles auf Strom/Nicht-Strom reduzieren. Sehr schön gelungen sind die traversenartigen ersten beiden Zeilen der ersten beiden Strophen. Die zweite Zeile ist dabei lediglich das Spiegelbild, in Strophe 1 ist die Umkehr noch ganz simpel, in Strophe Zwei bereits deutlich anspruchsvoller. Strophe Drei fällt dahingehend deutlich ab, deren zweite Zeile ist schwach, dafür ist die Auflösung dieser Strophe stärker, stärker auch, als in den vorangegangenen Strophen.

Mit Strophe Vier habe ich noch ganz und gar nicht meinen Frieden gemacht. Nicht „nur“ das „Ach“ und das „Fallera“ lassen mich „doch wieder“ die Don’schen Füllsel fürchten, auch die conclusio ist mir nicht ganz klar, was allerdings an mir liegen dürfte. Hinsichtlich der Schemata bin ich mir unsicher, was die Narkotika angeht, liege ich selbst im Koma.

Ansonsten ein gelungenes Werk, ein interessantes und anspruchsvolles Thema, ein thematischer Volltreffer sowieso und ein wunderbarer Aufhänger zum Selberdenken. Mithin nahezu perfekt, auch und gerade wegen der relativen Sperrigkeit (ich habe mich gerade entschieden). Respekt.

DG
Mattes

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#5

Neuronales Rauschen

in Philosophisches und Grübeleien 12.05.2006 16:31
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Wehe es verdreht einer die Augen...

Ich bleibe immer noch fest bei meiner Wettbewerbsinterpretation.

mit des alten Geistes Scheinnarkotika!

Wenn man den Wortwitz der in dieser Strophe steckt auf das Gedicht überträgt, kann es nicht ganz erst gemeint sein...
Der alte Geist ist für mich Branntwein, das erklärt auch die Narkotika...
Auch Formulierungen wie "dien dem Synapsenrahmenplan" und "Reissackfallera" wirken auf mich eher bierernst.

Tut mir Leid aber ich sehe hier noch immer ein humoristisches Gedicht!
Das soll aber nichts schlechtes heissen, ich denke auch jetzt noch die Note war angemessen.

Du kannst natürlich auf das Interview Bezug nehmen, das heisst aber nicht, dass deine Intention beim Leser so ankommen muss.

Ich fand übrigens auch, dass es durch den ständigen Wechsel des Metrums schwierig zu lesen war. Gerade wegen dieser von Mattes angesprochenen Sperrigkeit. Gut formuliert war es trotztdem.

Wer jetzt an "Rechtfertigen" denkt, ist auf dem falschen Dampfer

Grüßle,

Willi

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#6

Neuronales Rauschen

in Philosophisches und Grübeleien 16.05.2006 20:44
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Mattes, hallo Willi,

Euch habe ich nun wahrlich lange genug warten lassen, was mir Leid tut, aber ich habe es zeitlich einfach nicht gebacken bekommen ...

An die "Neuropsychiatrie" des Users muh-q wahn ( ) erinnere ich mich noch gut - es ist halt ein faszinierendes Thema. Vielleicht auch, weil das Bewusstsein das Einzige am Körper ist, was sich gegen diese Entmystifizierungen der Wissenschaft wehren kann. Das Wissen, das sich Muskeln im Bein zusammenziehen und entspannen und somit das Gehen ermöglichen, juckt das Bein wohl recht wenig. Das Wissen, dass das Gehirn auch nur denkt, was ihm gewisse neuronale Zustände vorgeben und es wiederum nur denkt, es würde die Entscheidungen aus freiem Willen fällen, scheint unserem Denk- und Bewusstseinsapparat schon ziemlich gegen den Strich zu gehen.

Das sollte sich in meinen Zeilen wiederspiegeln, die ich mal versuche zu erläutern, da sie ohne das besagte Interview wohl gar nicht und auch mit nur schwer zu verstehen sind. Den Schuh muss ich mir anziehen ...

Die ersten 3 Strophen sollen - wie Mattes erkannte - nüchtern die Position der Hirnforscher darstellen, die sich in die Denke des armen lyrischen Dichters hinabsenkt. Alles ist vorherbestimmt und alles Freisein nur Schein.

Die letzte Strophe formuliert dann die Sehnsucht nach dem, was früher freier Wille, aber auch zufälliges Handeln und chaotische Zustände waren. Zwar lässt zumindest, wenn zwei Folgezustände des Gehirnes gleich wahrscheinlich sind, der Hirnforscher Wolf Singer auch mal die Möglichkeit zu, dass auch ein thermisches Rauschen den einen oder anderen Folgezustand begünstigt.

Das lyrische Ich wünscht sich jedoch mehr als ein thermisches Rauschen bei Gleichstand, es will wieder grundsätzlich ein neuronales Rauschen. Die neuen Denkschemata der Hirnforscher sollen in den Schubläden der dummen Ideen verschwinden und die alten Denkmuster sollen wieder im Vordergrund stehen - selbst wenn sie nur Schein sind, betäuben sie doch dieses unbefriedigende Gefühl, das man bekommt, wenn einem der freie Wille zugunsten irgendwelcher neuronalen Kontraktionen aus der Hand genommen wird.

Ich gebe zu, dass das sicher nur schwer - wenn überhaupt - aus meinen Zeilen zu lesen ist. Aus dem Grunde habe ich auch von vornherein meine Inspirationsquelle offen gelegt, auch wenn mich schon interessiert hätte, wie weit man auch ohne dringen kann.

Allerdings sollen natürlich ohnehin auch andere Interpretationen zugelassen werden, insofern hat mich auch Willis Ansatz gefreut. Das humoristische kann ich zudem nachvollziehen, schließlich habe ich diese Zeilen unter dem Einfluss des Streitgespräches von Singer und Nida-Rümelin auch mit einem Augenzwinkern geschrieben. Ich hatte mich beim Lesen köstlich amüsiert über die beiden und fand es Klasse, das ein an sich so schwieriges Thema auch mit soviel Humor behandelt werden kann.

Das Reissackfallera war übrigens noch vor den Scheinnarkotika da - es kam mir in den Sinn, ich fand es gut und es wollte da nicht mehr weg^^. Der Gedanke dahinter (Chaostheorie, der umfallende Reissack in China etc.) ist natürlich auch wieder der Wunsch des unberechbar Zufälligen - genauso unberechenbar wie das Wort selbst . Auf jeden Fall hat mich das Reissackfallera in ziemliche Nöte gebracht und ich musste lange werkeln, bis ich darauf (a-Endung mit Betonung auf letzter und drittletzter Silbe) einen Reim fand. Und da das altmodische "ach" das tatsächlichen Sehnen nach eben altertümlichen Denkschemata ausdrückt, war das zur Abwechslung mal ebefalls bewusst gesetzt, so dass ich es tatsächlich mal wage, mich wegen der Donschen Füllsel für nicht schuldig zu erklären .

Das Gedicht ist sperrig (wie der Inhalt), das Metrum ist aber m.E. sauber, dennoch aber nicht immer eindeutig und hat deshalb offenbar zu einigen Verunsicherungen geführt. Ob es eine gute Idee war, lässt sich schwer beantworten, wobei es mich freut, dass sich zumindest Mattes am Ende noch mit der Sperrigkeit des Stücks anfreunden konnte.

Vielen Dank für Eure ausführlichen Kommentare. Ich freue mich, dass ihr diesen Zeilen insgesamt etwas abgewinnen konntet - sie haben es einem sicher nicht einfach gemacht .

Gruß,

Don

P.S.
Zitat:

Willi schrieb in seiner Jurykritik:
Strophe 5 fällt auch metrisch aus dem Rahmen.


Stimmt! Das Gedicht hat nämlich nur 4 !

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