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#1

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 16.01.2006 18:12
von Roderich (gelöscht)
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[b]Der Denker[/b]


Er sitzt nun schon seit geraumer Zeit auf der glatten, schmalen Bank, die Knie stark angewinkelt, den Oberkörper nach vorne gebeugt. Der linke Arm ruht auf seinem linken Oberschenkel, mit dem rechten Ellbogen stützt er sich auf dem anderen Oberschenkel auf, sein Kopf ruht in seiner rechten Hand. Er ist tief in Gedanken versunken.
Die Studenten hasten an ihm vorbei, heftig atmend und gestikulierend, stets die wichtigsten Fragen der Buchhaltung, Finanzierung, Markenstrategie, Musik und Mode erörternd. Manche bemerken ihn, andere wiederum nicht. Manche kennen ihn sogar, laufen an ihm vorbei, winken, lachen, ehe sie wieder in einem der dunklen Gänge verschwinden. Er nimmt davon keine Notiz, verharrt in seiner grüblerischen Pose.
Und es wird Abend. Die Gänge leeren sich, das Lachen und Winken erstirbt auf der ehrwürdigen Fakultät und immer noch sitzt er hier auf der schmalen Bank.
Der Hausmeister kommt, dreht die Lichter in den Gängen ab. Er sieht den stets in der gleichen Pose verharrenden Grübler, geht zu ihm und spricht ihn an. Nachdem keine Reaktion erfolgt, tippt er ihm sanft auf die Schulter. Doch der Denker ist zu tief in seinen Gedanken versunken, nimmt seine Umgebung scheinbar nicht wahr. So stößt ihm der Hausmeister fester auf die Schulter.
Der Denker kippt auf die Seite, rutscht von der glatten, schmalen Bank und zerspringt in Tausend Stücke.

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#2

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.01.2006 08:42
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Hey Roderich,
das find ich klasse! Gefällt mir sehr gut. Sogar und obwohl ich mit einem 'Toten' gerechnet habe. Denn dass er 'in tausend Stücke zerspringt', das gibt dem Ganzen noch mal 'Elan', etwas Anderes, dass er nur tot umkippte, hätte was sehr Moralisches und auch Behäbiges. So aber - topp!
Einzig 'Markenstrategie' - gibt's das auch? Ich kenn' bloß Marktstrategie.
Egal - ich finde die kleine Geschichte äußerst gelungen und kann mir einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis, sogar (manches Mal) mich selbst, ein gutes Stück in dieser Person wiederfinden.
Viele Grüße
Kratzbürste

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#3

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.01.2006 08:56
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Nein, mich kann das nicht begeistern, weil es einerseits schlicht beschreibt, andererseits eben nicht überraschen kann, höchstens vielleicht die, die den hier nicht kennen:



Nichts für ungut, Rod aber hierbei funkt es nicht zwischen uns.

DG
Mattes

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#4

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.01.2006 09:01
von Krabü2 | 797 Beiträge | 797 Punkte
Ach so?! - War das wirklich Deine 'Vorlage'? Das ließe natürlich alles wieder in einem anderen Licht erscheinen. Naja, bin auch noch nicht so ganz wach, merk' ich, hab ich es doch nur aus einer Perspektive betrachtet..., aber aus einer, die mir dann doch immer noch gefällt.
KB

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#5

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.01.2006 09:20
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte
Hallo Rodi

Ich bin hier auch nicht so begeistert. Das Ende finde ich nicht besonders gelungen. Doch ist dein Stil zu Schreiben wirklich gut. Ich weiß auch nicht...
Die Figur so darzustellen macht doch wenig Sinn. Denn das soll sie ja darstellen. Ich finde hier keinen tieferen Sinn.

Nichts für ungut.

LG Gem

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#6

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.01.2006 11:30
von Roderich (gelöscht)
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Hallo ihr drei,

na, da geht es ja rund. Vier Kommentare innerhalb von 38 Minuten! Sapperlot!

@ Kratzbürste: Danke für deine netten Worte. Gleich einmal zur Frage der Perspektive: Die ist hier bewusst offen gehalten. Ich sehe mein Stück eher als Parabel. Dass der Denker von Rodin als Vorlage für die Pose meiner Figur diente, ist klar und auch beabsichtigt. Es geht hier aber keineswegs um Rodins Skulptur. Die Skulptur selbst ist eher als Metapher eingebaut, ein wenig verschachelt, wie ich zugeben muss.

Was die Markenstrategie betrifft, so gibt es die sehr wohl. Gerade mit meiner Diplomarbeit tauche ich sehr stark in diesen Bereich ein.

@ Mattes: Wenn ab und zu einmal die Funken zwischen uns sprühen, bin ich ganz zufrieden. Ich bin ein genügsamer Mensch.

Die schlichte Beschreibung ist hier ganz bewusst eingesetzt, auch, um das parabelartige dieses Textes zu unterstreichen. Überraschen soll der Text eigentlich auch nicht wirklich (zumindest nicht vordergründig), sondern eher anregen. Schade, wenn mir das nicht gelungen ist, aber that's life.

@ Gem: Schön, dass dir zumindest mein Schreibstil zusagt. Damit bin ich schon ein glücklicher Mensch.

Was den Inhalt betrifft, so geht es eben nicht um die Darstellung der Skulptur. Ich habe gehofft, das wird auch deutlich, da andere Studenten die Person (er)kennen, der Hausmeister ihn auch anspricht. Es geht also weniger um eine Skulptur als um einen Menschen - der selbst nur als Metapher dient.

Falls ihr wollt, kann ich ja euch meine eigenen Gedanken mitteilen, sodass dann entweder ein Aha-Effekt auftritt, oder noch etwas mehr zum Unverständnis beigetragen wird. So klar im Kopf bin ich heute leider noch nicht.

Wen meine Ausführungen nicht interessieren, der kann nun weg klicken. Für alle anderen:

Zunächst der Ort: Eine Fakultät für Betriebswirtschaft. In dieser Fakultät sitzt ein Mensch in Gedanken versunken. Er sinniert, philosophiert also. Denkt über Gott und die Welt nach. Um ihn herum reges Treiben, wobei der Inhalt der Gespräche oftmals banal erscheint (Mode, Musik). So bildet der Denker hier einen Kontrast zu der hastenden, eilenden, sich oberflächlich unterhaltenden Meute.

In der Fakultät einer Uni sollte eigentlich kritisches Denken geschult werden, eigene Reflexion - eben das Denken. Insofern müsste der Denker hier gut ins Bild passen, wenn man von der eigentlichen Intention einer Uni ausgeht. Tut er aber nicht. Im Gegenteil - er wirkt deplaziert und wie ein Fremdkörper.

Dass er am Ende zersplittert, stellt den Verfall der Bildung und geistigen Schulung dar. Der Denker hat auf der Uni der heutigen Zeit keinen Platz mehr. Ist vielleicht ein bisschen zynisch geworden, aber so beabsichtigt.

Dass ich Rodins Skulptur posenmäßig gewissermaßen als Vorlage genommen habe, hat für mich folgenden Hintergrund: Rodins Denker steht für die hohe Kunst schlechthin. Eine weltberühmte, in ihrem Rang unangefochtene Skulptur, das Resultat eines Geniestreiches. Genau diese hohe Kunst verkümmert aber - auch in der sogenannten geistigen Elite (wie ich diese Bezeichnung hasse - aber dennoch umschreibt sie sehr gut, was ich meine). Selbst Menschen, die die Zeit und vor allem auch das Bildungsniveau haben, um sich an derartigen Dingen zu erfreuen (bezüglich Bildungsniveau verweise ich an Pierre Bourdieu, der sinngemäß gesagt hat, dass man erst durch Bildung den Schlüssel für die Interpretation und den ästethischen Genuss von Kunst in die Hand bekommt), beschäftigen sich nicht mehr mit diesen schönen Dingen, eben mit der Kunst. Deshalb zerfällt der Denker am Ende.

So steht die Zersplitterung des Denkers für den Verfall von Bildung und Kunstverständnis auf den Unis.

Alles klar nun oder komplette Verwirrung? Ich denke nicht, dass euch der Text nun besser gefällt, aber vielleicht könnt ihr zumindest erkennen, dass ich nicht sinnlos drauf los geschrieben habe. Das wäre mir schon viel Wert.

Viele Grüße

Thomas

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#7

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.01.2006 12:51
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte

Zitat:

Roderich schrieb am 17.01.2006 11:30 Uhr:
na, da geht es ja rund. Vier Kommentare innerhalb von 38 Minuten! Sapperlot!


Klickjunkie

Was ich nicht verstanden habe, bzw. was für mich nicht ersichtlich war ist, dass es sich bei der beschriebenen Figur um einen echten Menschen handelt. Ich dachte, dass es tatsächlich eine Büste ist, die eben am Ende zersplittert.

LG Gem

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#8

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.01.2006 14:44
von Motte | 137 Beiträge | 137 Punkte

Hallo Rod,
Auch ein kurzes Kommentar von mir. Als ich den Text zuerst las, hatte ich ebenfalls sofort Rodins Denker vor Augen.. War eigentlich schon die erste Assoziation mit dem Titel. Deshalb wirkte der Text wie eine Beschreibung der Skulptur und es kam auch für mich nicht raus, dass es sich hier auch um eine wirkliche Person handeln könnte. Ich fragte mich bloß, was mit dem Hausmeister nicht in Ordnung ist, weil er ihn anspricht..
Um den Zusammenhang zwischen (Kunst-) Bildung und eben dem Verfall dieser darzustellen, hast du dennoch einen guten Gegenstand gewählt, was mir aber auch erst durch deine Erklärung klar wurde. Das ist eigentlich so eine Art Allegorie.. Vielleicht nicht durchgehend.. Aber im Ansatz. Und das hieße: Entweder man versteht die zweite Bedeutungsebene.. oder nicht.

Lg, Motte

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#9

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 18.01.2006 10:08
von Roderich (gelöscht)
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Hallo,

@ Motte: Danke auch dir für deinen Kommentar.

@ alle: Es sieht wohl so aus, als hätte ich hier nicht scharf genug gezeichnet, dass es sich hier um einen realen Menschen handelt. Dann wird das ganze Werkl natürlich ziemlich absurd. Mal sehen, was ich noch machen kann. Im Moment fehlt mir aber die Zeit und auch die Muse, um mich darum zu kümmern.

Es sei euch erst einmal herzlich gedankt für die Beschäftigung mit meinen Zeilen.

Viele Grüße

Thomas

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#10

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 30.01.2006 00:55
von sEweil | 654 Beiträge | 654 Punkte
Hallo Rod.

Ich muss mich authen: Ich sah deinen Denker als Menschen und was ich in die Geschichte hinein interpretierte war eher auf der Gefühlsebene zu finden.

Der Verfall der Unis spiegelte sich für mich ganz und gar nicht wider.

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#11

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 30.01.2006 09:41
von Roderich (gelöscht)
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Hallo sEweil,

danke für deine Rückmeldung. Na, dann heißt es für mich wohl: Mission gescheitert.

Abhaken, weitermachen.

Grüße

Thomas

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#12

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 30.01.2006 15:42
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Rod,

zwei Probleme habe ich mit der Geschichte.

1. Denken und sich Bilden sind zwei völlig verschiedene Dinge, die Du hier meines Erachtens ungeschickt vermischst. Der grübelnde Denker kann zwar zuvor gesammelte Informationen ordnen, vergleichen, Schlussfolgerungen ziehen, aber er bildet sich ja nicht. Bildung ist doch immer Gebunden an das Aufnehmen neuer Informationen, die er aber in sich gekehrt gar nicht mitbekommt.

2. Ich finde, der Hausmeister ist wirklich eine der denkbar ungünstigsten Personen für die Begegnung mit dem Denker hier an der Stelle. Er bildet keinen rechten Gegenpol. Dadurch versagt für mich hier die Symbolik. Leider.

Hoffe, Du kannst mit meiner kurzen, subjektiven Kritik was anfangen.

Grüße,
GW

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#13

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 30.01.2006 19:01
von Roderich (gelöscht)
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Hallo GW,

danke für deine Kritik, die sicherlich ihre Berechtigung hat.

Was die Vermischung von Denken und Bilden betrifft, so kommt meine Motivation ein wenig aus meiner obigen umfangreichen Erklärung raus. Die Verbindung von Kunstverständnis, Reflexion und Bildung, die sich im Denker wiederspiegelt. Natürlich ist Bildung gebunden an Aufnehmen neuer Informationen, aber auch an gedanklicher Reflexion dieses Wissens.

Der Hausmeister: Nun, der Entstand aus der Not heraus. Wer treibt sich sonst noch spät am Abend in der Uni herum? Er ist hier lediglich instrumentell verwendet, hat sonst keine weitere Bedeutung. Aber du hast schon Recht - das kommt hier nicht raus.

Danke dir für die Beschäftigung mit meinem kleinen Texterl. Ob es noch zu retten ist? Mal sehen. Wenn ich Zeit habe, überarbeite ich es vielleicht noch mal. Wenn ich wieder Zeit habe - mein Gott, wie oft habe ich diesen Satz in den letzten Wochen eigentlich gesagt?

Grüße

Thomas

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#14

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 01.02.2006 22:10
von Joame Plebis | 3.479 Beiträge | 3363 Punkte
Schönen Abend, Roderich!

Für mich ist der Verfall an der Uni klar (auch ohne Parabel).
Ich würde vorschlagen, nimm statt dem Hausmeister einfach eine Putzfrau, die versehentlich mit dem Besen anstößt. Was hältst Du davon?

Freundlichen Gruß!
Joame

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#15

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 01.02.2006 22:26
von Nonverbal • Mitglied | 407 Beiträge | 407 Punkte
hallo roderich,

Hmm um ehrlich zu sein ich bin auch nicht sonderlich begeistert, mich störte schon die beschreibung des denkers am anfang, linker arm dort, linkes bein da, rechter arm angewinkelt... ich hätte mir ein paar vergleiche gewünscht.. ein paar bilder...
das ende finde ich auch nicht gut, um ehrlich zu sein ich war sehr überrascht und ich wüsste auch nicht was es für einen sinn geben sollte.

Liebe Grüße
Franzi

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#16

Der Denker

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 02.02.2006 22:24
von Roderich (gelöscht)
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Hallo Franzi, hallo Joame,

vielen Dank für eure Kommentare. Es freut mich, wenn dir, Joame, der Verfall auf der Uni klar ist. Wir scheinen irgendwie in dieser Hinsicht unsere neuralen Windungen ähnlich verknotet zu haben. Danke für den Vorschlag. Ich werde darüber meditieren - in der klassischen Denkerpose.

Franzi, deine neuralen Knoten sehen scheinbar ein wenig anders aus als meine. Ist auch gut so. Was hätten wir davon, wenn alle mit den gleichen Hirnverknotungen herumlaufen würden? Wäre ja langweilig! Auf Bilder, wie du sagst, habe ich bewusst verzichtet, denn die Geschichte ist das Bild. Aber danke für deinen Vorschlag.

Viele Grüße euch beiden

Thomas

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